Donnerstag, 26. Januar 2023

 Ethik Heute

Achtsamkeitstraining hat längst den Mainstream erreicht

Interview mit Peter Bostelmann

Peter Bostelmann ist Chief Mindfulness Officer des Software-Konzerns SAP. 2013 führte er nach dem Vorbild von Google erstmals ein zweitägiges Achtsamkeitstraining bei SAP ein. Mittlerweile haben Tausende Mitarbeiter mitgemacht. Michaela Doepke wollte wissen, wie das Programm wirkt und ob es auch zur Leistungssteigerung eingesetzt wird.


SAP ist ein Vorreiter bei der Einführung von Achtsamkeit im Unternehmen. In dem Konzern haben mehr als 14.500 Mitarbeiter das Achtsamkeitsprogramm an über 60 Standorten sowie virtuell durchlaufen, 8000 stehen auf der Warteliste. 70 interne Trainer erhielten bisher eine sechsmonatige Ausbildung mit Zertifizierung. Seit 2017 unterrichten sie auf Anfrage auch externe Kunden wie die Siemens AG oder die Deutsche Telecom. Sie unterstützen diese, eine eigene Achtsamkeitspraxis in ihren Unternehmen zu etablieren. Derzeit arbeiten mehr als 110.000 festangestellte Mitarbeitende aus 160 Nationen weltweit bei SAP.

 

Das Interview führte Michaela Doepke

Herr Bostelmann, Sie arbeiten seit über 20 Jahren als Wirtschaftsingenieur bei SAP und sind ein Mann von harten Daten und Fakten. Wie kam es dazu, dass Sie „weiche Werte“ wie Achtsamkeit und Meditation bei SAP einführen wollten?

Bostelmann: Stimmt, ich bin ein Wirtschaftsingenieur und ein Mensch der harten Daten und Fakten, aber gleichzeitig bin ich auch empathisch und herzlich. Die Achtsamkeit habe ich vor rund 15 Jahren entdeckt, war davor skeptisch, habe dann aber deren große Kraft in meiner persönlichen Praxis entdeckt. Vor rund zehn Jahren habe ich begonnen, Achtsamkeit zu SAP zu bringen. Das ist dann irgendwann sehr erfolgreich geworden.

Was war für Sie der zündende Moment, dass die Achtsamkeit in Ihr Leben gekommen ist?

Bostelmann ist Chief Mindfulness Officer bei SAP, Foto: privat

Bostelmann: Die Achtsamkeit ist über meine damalige Lebensgefährtin in mein Leben gekommen. Damals war ich einem klassisch männlichen Rollenklischee verhaftet. Ich habe Triathlon gemacht und ihr gesagt: „Du kannst deine Achtsamkeit und dein Yoga machen und ich mache mein Triathlon. Das ist gut für mich, Stress abzubauen.“

Ich habe aber eigentlich keine Ahnung gehabt, worum es ging, und habe es durch meine Partnerin damals kennen gelernt. Dann ist meine Neugierde gewachsen, und ich habe irgendwann begonnen, eine eigene Praxis zu etablieren. Erst in kleinen Schritten. Seit 2008 gehe ich einmal im Jahr auf ein 10 Tage-Vipassana-Schweigeretreat und habe eine tägliche Praxis. Und das ist für mich ein ganz kraftvolles Geschenk.

Dass man im Silicon Valley meditiert, überraschte keinen, aber in Deutschland?

Wie haben Sie die Führungskräfte von SAP davon überzeugt, dass Achtsamkeit und Leistung zusammenpassen und ein Programm hilfreich wäre?

Bostelmann: Das war ein langer Weg. Wir haben das sowohl Bottom-up gemacht als auch Top-down. Es hat eine Weile gebraucht, die richtige Menge an interessierten Skeptikern zusammen zu bringen, die es ausprobieren wollten. Vor neun Jahren haben wir begonnen, das SIY-Programm „Search Inside Yourself“ bei SAP zu pilotieren.

SIY war bei Google sehr erfolgreich, diese Popularität hat geholfen. Dann haben wir 2013 das allererste SIY-Training in Palo Alto gemacht, im Silicon Valley, wo wir ohnehin viele Dinge bei SAP pilotieren. Das wurde sehr positiv angenommen. Wir wollten es auch in Deutschland probieren. Zweifler meinten: Dass ihr im Silicon Valley meditiert, das überrascht jetzt noch keinen, auch in Unternehmen. Aber wie ist das denn in Deutschland?

Zu meiner Überraschung war bei SAP in Deutschland die Resonanz sogar positiver als in den USA. Als die Warteliste damals 1500 Mitarbeiter hatte, hat unsere Chief-Learning-Officer um einen Termin mit mir gebeten und gefragt: „Was machst du da, um so eine Warteliste zu bekommen? Das spricht für das Programm. Ich unterstütze dich.“ Das war ein großer Schritt.

SAP sollte mit gesunden, zufriedenen Mitarbeitern arbeiten und nicht zu viel Druck aufbauen

Manchmal wird Achtsamkeit missbraucht und Mitarbeitenden suggeriert, ihr Stress sei selbstverschuldet und sich so aus der Verantwortung gezogen. Was tut SAP bei den Rahmenbedingungen, wenn der Stresspegel zu hoch wird, z.B. weil Personal eingespart wird, und mit Achtsamkeit nicht mehr abgefedert werden kann?

Bostelmann: Ich bin mit meinem Team im „Future of Work“, einer Gruppe bei SAP, die sich mit Unternehmenskultur, Mitarbeiter-Gesundheit und Wellbeing befasst. Es gibt eine Vielzahl von Angeboten, die unseren Mitarbeitern Hilfe im Umgang mit Stress anbieten.

Wir haben Programme für „Health in Leadership“, damit unsere Führungskräfte für gesundheitliche Fragen sensibilisiert werden. Es gibt eine „Mental Health Pledge“, das heißt, Mitarbeitende vom Vorstand und Führungskräfte versichern, wie wichtig dem Unternehmen mentale Gesundheit ist. Und ich stehe dahinter, dass SAP mit gesunden und zufriedenen Mitarbeitern arbeitet und nicht zu viel Druck aufgebaut wird. Ferner haben wir ein Ombudsoffice mit mehreren Mitarbeitern, die helfen, Konflikte zu klären.

Für zwei Tage bezahltes Achtsamkeitstraining erhalten wir, rein monetär betrachtet, doppelt so viel zurück

Welches Feedback zur Achtsamkeit gab es von Ihren Teilnehmenden bisher? Gibt es auch eine Evaluation über die Wirkungen und die Nachhaltigkeit des Programms bei SAP?

Bostelmann: Natürlich, SAP als Business-Software-Unternehmen ist ein Daten-getriebenes Unternehmen. Am Anfang haben wir selbst Evaluierungen gemacht. Dann haben wir über die Jahre bei 14.000 Teilnehmenden viele qualitative Feedbacks eingeholt. Die Mitarbeitenden sagen, da bekomme ich ein Geschenk. Das Unternehmen gibt mir etwas an die Hand, das mir hilft, mehr in meine Kraft zu kommen.

Zwischen 2015 und 2019 hat unser Data-Science Team 7.000 Mitarbeitende mit einer relevanten Kontrollgruppe verglichen und eine Datenanalyse durchgeführt. Was u. a. herauskam, war, dass das Mitarbeiterengagement signifikant höher ist als das Engagement der Menschen, die nicht durch das Programm gegangen sind. Und wir konnten sehen, dass die krankheitsbedingten Fehlzeiten zurückgingen.

Großveranstaltung bei SAP: Peter Bostelmann leitet eine Meditation an, Foto: SAP

Das sind Kennzahlen, die für ein Wissensunternehmen wichtig sind. Wenn wir diese monetär bewerten, dann lässt sich schlussfolgern, dass der Return on Investment des Programms – also das Kapital, das wir aufwenden, um die Mitarbeitenden zwei Tage ein bezahltes Training machen zu lassen − mehr als doppelt so hoch ist.

Damit kann ich sagen, dass wir seit 2016 nicht nur das populärste Programm bei SAP haben, was die Warteliste und die Rückmeldungen und die Feedbacks angeht, sondern auch, dass wir zum finanziellen Erfolg des Unternehmens beitragen.

Ein Kritikpunkt ist immer wieder, dass Achtsamkeitstrainings von Unternehmen zur Leistungssteigerung oder Selbstoptimierung angeboten werden, um noch mehr aus den Mitarbeitenden rauszuholen. Was sagen Sie dazu?

Bostelmann: Eine wichtige Frage. Die ganze Debatte läuft in den USA unter dem Begriff „Mac Mindfulness“, geprägt von Ron Purser, der hier nebenan in San Francisco sitzt, und dies immer wieder kritisch betrachtet. Aber ich glaube, das ist ein Standpunkt, bei dem die Menschen als unmündige Wesen betrachtet werden. Bei SAP wird keiner gezwungen. Wir sehen es als ein Angebot, dass ich meine Stärken, meine Schwächen besser erkenne, Grenzen setze.

Natürlich hat das Unternehmen ein Interesse, dass die Mitarbeitenden kraftvoll sind, dass sie gut in der Lage sind, mit den Herausforderungen umzugehen. Aber SAP hat auch ein Interesse zu sagen: Du musst erkennen, wann du Stopp sagst.

Und wir haben einen großen Teil von Mitarbeitenden, die sagen, Achtsamkeit interessiert mich nicht, und das ist auch in Ordnung. Und damit ist es eine lebendige und ehrliche Kultur. Wobei mein Team und ich uns natürlich wünschen, dass wir viele Menschen erreichen.

Das ganze Interview auf youtube schauen

Samstag, 31. Dezember 2022

Wir haben uns verirrt – uns fehlt die entscheidende Dimension

Als Menschen auf dieser Erde wurden wir ins Dasein geworfen, und wir müssen unser Leben irgendwie managen, um „über die Runden zu kommen“. Einigen fällt das leicht, vielen fällt das schwer. Besonders, wenn wir an die zwei Drittel der Menschheit in der sogenannten Dritten Welt denken. Oft ist für sie  das Leben nur ein einziger Kampf ums Überleben. Eine Schande für die wohlhabenden Länder, deren Wohlstand zum großen Teil auf der Ausbeutung der armen Länder beruht; eine Schande auch für die schreiende Kluft zwischen Arm und Reich, selbst in Deutschland. 

Zu Coronazeiten allerdings müssen auch in den reichen Industrienationen  viele Mittelständler und Kleinbetriebe ums Überleben kämpfen, jedoch meist nur finanziell. Für viele  ist  ein soziales Netz gespannt, das für ein angenehmes Überleben sorgt. Allerdings ist da der Schmerz, das über Jahre Aufgebaute ruhenlassen zu müssen. Die Enttäuschung ist groß, und schnell mündet sie in eine Depression. Jedoch müssen nur wenige hungern - das Leiden ist eher psychisch. Die Pandemie hat den ganzen Globus mit einer Malaise überzogen, und wer bemerkt noch das schelmische Kichern des kleinen Mädchens über die Maske seiner Mutter: „Mama, nimmst du die beim Essen ab“?

Hieß es schon immer: Das Leben ist ein Kampf, so kommt zu Coronazeiten  noch die Angst vor dem Ungewissen hinzu und vielleicht die Angst, sich anzustecken, ggf. trotz Impfung. Es lauert hinter aller Aktivität und Zerstreuung eine dem Menschen unbewusste Urangst, bedingt durch die Trennung von seinem Ursprung. Hinzu kommt das häufig verdrängte Wissen um die eigene Sterblichkeit. Trotz Aufklärung, Wissenschaft, Kranken- und Lebensversicherung verbleibt da etwas Unsichtbares und Unkontrollierbares. Uns wird unsere „conditio humana“ auf der gegenwärtigen Evolutionsstufe – einer Durchgangsstufe – bewusst. Und das ist gut so.

Auch bereits vor der Pandemie war für viele das Leben ein  Kampf: Joberhalt, Gesundheitsprobleme, Umweltverschmutzung, Klimawandel, Digitalisierung, zwischenmenschliche Auseinandersetzungen und, und, und – die Liste ließe sich für jeden individuell erweitern. Unser Leben und unser Planet sind in einer Schieflage. „Wir haben uns verirrt“, konstatiert der renommierte Hirnforscher Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther. Ob die Naturvölker vor dem Kontakt mit den europäischen Entwicklungsbringern schon so viel Leid kannten? Ist doch das Leben an sich Freude, ein grundlegendes Wohlgefühl, für das man nichts tun muss. Das bestätigen alle, die ihr Bewusstsein erweitern und die sich von ihren inneren Fesseln zum Leben befreien.

Der in Deutschland lebende spirituelle Lehrer John David aus England hat ein Buch verfasst „Grundlos glücklich. Die Freiheit des Seins“ und dazu einen gleichnamigen Film gedreht. Auch Barbara Vödisch hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Grundlos glücklich. Die Quelle des wahren Glücks liegt in dir“. Da heißt es in der Einleitung:

„Nichts brauchst du,                                                                                                                     nichts fehlt dir, um glücklich zu sein.                                                           Wahres  Glück ist nicht getrennt von dir,                                                                      ist nicht abhängig von glücklichen Ereignissen,                                                                            von beruflichem Erfolg, Anerkennung,                                                              Geld oder anderen Menschen.                                                                                         Es ist dein natürliches Sein.

Für die meisten Menschen ist „das natürliche Sein“ jedoch alles andere als glücklich. Als Kinder strahlten wir es noch aus und kicherten manchmal über das Verhalten der Erwachsenen: „Was? Opa wünscht sich ein Smartphone? Da lachen ja die Apps!“ Wir haben eine Kultur erschaffen, die uns von uns selbst entfremdet. Wir suchen unser Glück im Äußeren, in Ablenkungen oder in Wohlstand, in Besitz und Anerkennung und müssen dafür kämpfen in einer Welt der Ellbogenmentalität. So schaffen wir Verspannungen in unserem Nervensystem und fühlen uns nicht wohl in unserer Haut. Vergeblich suchen wir Ausschau nach etwas Verbindlichem, an dem wir uns  orientieren können. Ohne inneren Anker sind wir den Wellen der Ereignisse ausgeliefert, versinken wir in der Informationsflut.  Wer bin ich eigentlich, und was ist der Sinn meines Daseins?

Spätestens wenn es uns dreckig geht, wenn wir kurz vor dem Burnout stehen und nicht in Aktionismus, in Ablenkungen, Alkohol oder Drogen flüchten, tauchen diese Fragen auf. Sie halten uns in der Schwebe, und manchem wird bewusst, dass er nicht lebt, sondern funktioniert. Wir werden gelebt und leben oft am eigentlichen Leben vorbei. Das kann doch nicht alles sein! Irgendetwas fehlt! Aber wenn wir diesen Schwebezustand, dieses innere Fragen aushalten, unverkrampft für eine Weile aushalten, ohne Ablenkungen, kann eine befreiende Dimension aufschimmern, etwas, nach dem wir schon immer gesucht haben.

D a s s  was sucht, ist das Gesuchte“,

                sagt Franziskus von Assisi. Was er wohl damit gemeint hat? 

Geht es etwa um die dem Suchen innewohnende Dynamik und weniger um das, was ich suche? Wenn ich alle Inhalte in meinem Bewusstsein zurücklasse, bleibt nur noch das reine Bewusstsein, und – das ist die Entdeckung – dann tut sich eine neue Dimension auf. Sie war schon immer da, nur überlagert von den vielen Gedanken und Emotionen. Ich ent – decke zunächst schemenhaft und dann mit Geduld und Beharrlichkeit immer klarer die Substanz meiner Persönlichkeit, mein eigentliches Selbst, meine Seele. Sie war schon immer da; jetzt habe ich sie kurz erfahren. Sie ist mir entgegengekommen. War der Begriff „Seele" bislang eine in unserer Gesellschaft gängige Begriffshülse - jetzt ist sie mit Erfahrung gefüllt.

Heureka! Ich hab‘s gefunden! Ein freudiger Ausruf, wie er von Archimedes in der Badewanne überliefert ist. In der Entspannung kam die befreiende Intuition. Sagt       man doch, er sei vor Freude aus der Wanne gesprungen und nackend durch Athen gelaufen: „Heureka! Heureka!“ Der antike Mathematiker und Physiker  entdeckte zwar nicht seine Seele, aber ihm ging auf, dass das Volumen seines Körpers genau der Menge des verdrängten Wassers entsprach: das hydrostatische Gesetz.

Fortan gehe ich der Erfahrung meiner Seele nach. Sie führt zu einer regelmäßigen Selbsterfahrungspraxis, die mich jenseits von Gedanken und Emotionen zu meiner Substanz, zu meiner Seele befreit. Sei es nun Yoga, Meditation oder Achtsamkeitstraining, der Wege sind viele. Ich finde meine mir gemäße Methode,  denn ich bin motiviert. Regelmäßig praktiziert, löse ich mich mehr und mehr von allen Gedanken und lasse alles Inhaltliche zurück, bis ich das reine Bewusstsein erfahre, meine Seele. Ich erfahre sie als eine stille innere Freude. Grundlos. Sie war, so sagten wir, schon immer da, mein zu sich selbst befreites inneres Sein, nur überlagert von schwatzhaften Gedanken, zwanghaften Vorstellungen,  schillernden Emotionen und rotierenden Problemen. 

Freilich geht mir diese innere Freude im Alltag immer wieder verloren. Aber ganz unverhofft, mitten in der Aktivität taucht sie spontan wieder auf, eine befreiende Bewusstwerdung meiner selbst, eine Orientierung von innen. Ich unterstütze diesen Prozess, und im Laufe der Zeit setzt sich  ein sanftes Hintergrund-Bewusstsein, eine stille Präsenz im Alltag immer mehr durch. Ich erkenne es als mein wahres Wesen, als meine Heimat, als meine Seele, nach der ich schon immer gesucht habe.               

                     „Die Seele ist eine wissende Substanz“,

sagte Rumi, der persische Philosoph und Mystiker, einer der großen Weisheitslehrer der Menschheit.

Wir alle wissen, das, wenn wir entspannt sind, uns nicht nur gespeichertes Wissen mühelos zugänglich ist, sondern sich auch Intuitionen einstellen können (Beispiel Archimedes).  Wir haben ein Problem, grübeln, lassen  locker, und die Lösung „fällt uns ein“ Woher kommt sie? Sie kommt aus der Seele, aus der wissenden Substanz. Und wenn sie uns mehr und mehr zugänglich ist durch regelmäßige Ausübung einer Entspannungs- und Selbsterfahrungspraxis, schöpfen wir zunehmend aus der Intuition, der den Verstand ergänzenden Erkenntnisquelle. Sie ist in jedem Menschen angelegt, und wenn Selbsterfahrungstechniken in unserer Gesellschaft angekommen sind, tun wir das bewusst, was seit Millionen von Jahren in Millionen von Organismen unbewusst geschehen ist: die Intensivierung des Bewusstseins. Wir werden weniger Fehler machen und von unserem selbstzerstörerischen Verhalten absehen. Die fehlende Dimension - sie wird unser Leben und unseren Planeten wieder ins Lot bringen.

Dabei kann Corona unser Entwicklungshelfer sein: ein Schuss vor den Bug des vom Menschen fehlgesteuerten Dampfers unserer Gesellschaft. Viele haben das erkannt und wollen nach der Herdenimmunität nicht mehr zurück in das alte Fahrwasser der zwanghaften Steigerung von Produktion, von Konsum und Spaß. Alle machen sich zwar stark für Klimaschutz, aber viele sehen nicht die tiefere Ursache unseres ausbeuterischen Verhaltens der Natur gegenüber. Wir sind schlichtweg  Mangelwesen auf der gegenwärtigen Durchgangsstufe der Evolution. Der Mangel lässt sich nicht allein durch Aktionismus und durch Spaß und Konsum ausgleichen  uns fehlt die entscheidende Dimension, die Dimension der Seele.

Dagegen kann man etwas tun.

 

Autor: Dr. Christian Brehmer, Evolutionsforscher, Bakumer Str. 31a, 49324 Melle                                       E-mail: brehmer.c@web.de ,  Website: www.bewusstseins-evolution.de

Literatur:  C.  Brehmer: „Vom  Urknall zu Erleuchtung. Die Evolution des Bewusstseins als Ausweg aus der Krise“, Verlag Via Nova                                                                                                                               ibd.: „Woher? Wohin? Orientierung im Leben. Die Evolution des Bewusstseins  als Ausweg aus der Krise“, Verlag Via Nova

Weiterleitungen und Kommentare willkommen.

 

 

Mittwoch, 24. August 2022

 

Protokoll der Anregung zum Gespräch                 Waltram Landman    
anlässlich der Philrunde vom 05.08.22 in Melle-Buer, Huntetalstr.12
 
Thema: "Bereitschaft, sich neuen Erfahrungen und Einsichten zu öffnen
             und bekannte kritisch zu durchleuchten versus Verhangensein
             in Gewohnheitsmustern und Akzeptanz gegebener Vorstellungen.
             Wie lassen sich die sich daraus ergebenden Verhaltensweisen
             neurobiologisch erklären und was kennzeichnet einen Philosophen ?"
 
Ausgehend von den unterschiedlichen Aktivitätsmodalitäten des Hirnstamms
und der Großhirnrinde, dem Neokortex, unseres Gehirns - der Hirnstamm Sitz
der Emotionen und der Neokortex Sitz des analytisch folgerichtigen Denkens -
ist auch seit den letzten Jahrzehnten bekannt, dass und wie sich diese unterschiedlichen
Aktivitätsmodi gegenseitig beeinflussen. Die mit den Sinneseindrücken und den
Prägungsmustern einhergehenden Emotionen von Sympathie bis Antipathie
steuern unseren logisch-analytisch funktionierenden Aparat des Neokortex,
und umgekehrt triggern auch die hier entstehenden Gedanken/ Argumente emotionale
Befindlichkeiten.
Also wie emotional belastet ist das, was wir wahrnehmen, mit dem schon zuvor
Erlebten und wieweit werden unsere Gedanken von emotionalen Ladungen gesteuert ?
Dass dies so ist, ist inzwischen hinreichend bekannt, nur bis zu welchem Grade uns
diese Abhängigkeiten gefangen halten, scheint eine Herausforderung für introspektive
Methoden der Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis zu sein.
Wie den Suggestivkräften von Prägungs- und Gewohnheitsmustern entkommen ?
Wie sich den massenhypnotischen Zwängen einer Wirklichkeitsvorstellung entziehen,
wenn diese über gleichgeschaltete Medienberichterstattung morphogenetisch verstärkt
wird ?
Da ist die Philosophie gefragt, nur sie kann den Bann der Fremdbestimmung brechen !
Die Liebe zur Weisheit verlangt ja gerade die radikale Hinterfragung bzw. Offenlegung
des Bedingungsgefüges für das, was als Realität gilt.
René Descartes mit seinem "dubito ergo sum" (= "Ich zweifle, also bin ich") ist ja
beispielhaft dafür, was letztlich als einzig verlässliche Bezugsbasis bleibt, wenn
vermeintliche Realitäten sich als Trugbilder erweisen.
Welch enormen Beitrag zur Realitätsbestimmung hat so auch vor hundert Jahren die
Atomphysik und Quantenfeldtheorie geliefert, die unser materialistisches Weltbild
komplett revolutionierte !
Ohne hier auch transzendentalphilosophische Ansätze und Positionen vorstellen zu
müssen, möge hier das Augenmerk auf das Grundsätzliche der Transzendenz gerichtet
sein. So erweist sie sich als Befreiung von Identifikationen mit vermeintlich gültigen
Bezugspunkten durch die Erfahrung des Transzendierens als besonders hilfreich !
Transzendenz in seiner konsequentesten Form erlaubt ja in besonderem Maße eine
Befreiung von Anhaftungen jeglicher Art und damit eine Erfahrung reinen Seins !
Mit einer solchen Erfahrung bereichert tauchen wir wieder auf und haben die Chance
neutraler Beobachtungen und Beurteilungen, Unstimmigkeiten aufzuspüren und
Trugbilder zu erkennen, ...welch großartige mentale Immunisierung gegenüber 
Scheinwahrheiten und massenhypnotisch wirkenden Fremdbestimmungen, ...und
damit Erziehung zur autonomen Persönlichkeit !
Neurobiologisch geht das einher mit einer offeneren Verschaltung aller Zentren im
neuronalen Netzwerk unseres Gehirns UND unseres vegetativen Nervensystems.
 

Freitag, 24. Juni 2022

 Philrunde, 1.Juli, 2022

Wie kommen wir der Selbsttäuschung auf die Schliche?  Ethik Heute

Pretty Vectors/ Shutterstock
Pretty Vectors/ Shutterstock

Über unsere blinden Flecken

Wir Menschen sind gut darin, uns selbst zu täuschen und zu belügen, so die Philosophin Ines Eckermann. Selbstüberschätzung, etwa des eigenen Charakters, ist noch harmlos. Schlimmer ist der Selbstbetrug, bei dem unser Verstand eine Wahrnehmung abseits der Realität kreiert. Abhilfe schaffen die Selbstreflexion und ein offenes Ohr für die Meinung anderer.

 

„Man ist nie scharfsinniger, als wenn es darauf ankommt, sich selbst zu täuschen und seine Gewissensbisse zu unterdrücken.“ François Fénelon

 

Die Beine der allermeisten Lügen sind so kurz, dass man mit ihnen nicht weit kommt. Und so geht der Lüge früher oder später die Puste aus. Ganz anders sieht das aus, wenn wir uns selbst belügen und betrügen. Schließlich können wir vor uns selbst nicht davonlaufen – und müssen es auch gar nicht. Denn wer die Kunst des Selbstbetrugs beherrscht, verschleiert die Wahrheit so gut vor sich selbst, dass er sich ohne weiteres nicht beim Lügen ertappen wird.

Die Einsteigervariante der Selbsttäuschung ist die Selbstüberschätzung. Dass wir uns vor allem dann überschätzen, wenn wir keine Ahnung haben, nennt sich in der Psychologie Dunning-Kruger-Effekt. Beispielsweise glaubten 42 Prozent der Software-Ingenieuren in einer Befragung, zu den besten fünf Prozent der Software-Entwickler zu gehören. (1)

Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt also unsere Selbstüberschätzung und zugleich das Unterschätzen unserer Konkurrenz. Dieser Effekt wird seit Ende der 1990er Jahre immer wieder bestätigt. Neuere Studien zeigen, dass unsere Selbstüberschätzung kaum Grenzen zu kennen scheint: in fast allen Bereichen unserer Persönlichkeit und unserer Fähigkeiten. Wir halten uns für überdurchschnittlich gute Arbeitskräfte, für besonders intelligent und großherzig oder zumindest für etwas attraktiver als manche Mitmenschen.

Der Grund dafür ist simpel. Wir wollen nicht nur anderen gefallen, sondern auch uns selbst. Und wenn wir noch nicht so sind, wie wir gerne wären, dann drehen wir an unserer Wahrnehmung. Schließlich geht es viel schneller, unser Spanisch einfach für verhandlungssicher zu halten, als regelmäßig Vokabeln zu pauken.

Warum wir alle die besten sind

Hinzu kommt, dass wir zugleich oft keine gute Meinung von unseren Mitmenschen zu haben scheinen: So halten sich viele Befragte laut einer Studie für nachhaltiger und umweltbewusster als die Menschen in ihrem Umfeld. (2)

Da wir jedoch schon rein rechnerisch nicht alle über den Durchschnitt liegen können, wird klar: Bei uns selbst drücken wir gern mal ein Auge zu, während wir bei anderen ganz genau hinsehen. Damit verstärken wir die blinden Flecken, hinter denen sich unser wahres Ich versteckt.

„Die Lüge ist der eigentliche faule Fleck in der menschlichen Natur“, stellte schon Immanuel Kant fest. Dass wir Meister der Selbsttäuschung zu sein scheinen, widerspricht Kants Wunsch, öfter mal auf die Vernunft zu hören.

Kants aufklärerisches Plädoyer, dass wir uns doch bitte unseres eigenen Verstands bedienen sollen, ruft also nicht nur zum Selbstdenken auf, wenn es um Regeln und Täuschungen geht: Sapere aude – habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen. Und hör endlich auf, dich selbst zu belügen.

Wir müssen uns also eingestehen: Wir täuschen uns. Und wenn wir das nicht tun, dann schauen wir zumindest nur sehr schlampig auf unsere eigenen Unzulänglichkeiten. Auch der Glaube, wir seien rationale und uns unserer Selbst bewusste Wesen, ist in weiten Teilen wohl nicht viel mehr als eine Selbsttäuschung.

Doch wie ein zu gut verstecktes Osterei fängt auch die beste Lüge irgendwann an, sich bemerkbar zu machen. Um der Quelle des faulen Flecks auf die Spur zu kommen, müssen wir uns durch ein Dickicht aus kognitiven Verzerrungen, sogenannten Biases, schlagen.

Damit bezeichnet die Psychologie eine ganze Reihe von Mechanismen, mit denen unsere Wahrnehmung unsere Erlebnisse falsch oder verzerrt auswertet. Richard Rorty hielt solche Fälle von versehentlicher, psychologischer Verzerrung für moralisch unbedenklich und sogar für heilsam für unser Wohlbefinden. Diese innere Verdrehung der Tatsachen kann unser ohnehin geschöntes Selbstbild weiter aufpolieren.

Selbsttäuschung und Selbstbetrug

Dabei gibt es verschiedene Grade der verzerrten Wahrnehmung, die Selbsttäuschung und den Selbstbetrug. Bei einer Selbsttäuschung liegen wir versehentlich falsch und lassen uns mit etwas Nachdruck durch die Außenwelt eines Besseren belehren lassen.

Beim Selbstbetrug tritt der Verstand auf den Plan, und dieser erweist sich als deutlich verschlagener: Selbstbetrug ist der Wille und die Fähigkeit, den Kontakt zur Realität ganz oder in Teilen aufzugeben. Ein schlichtes Beispiel für einen willentlichen Selbstbetrug ist das Mantra, dass alles gut wird. Denn dafür gibt es in der Regel ebenso wenig rationale Belege wie für Verschwörungserzählungen.

Ob wir glauben, dass das Universum uns wohlgesonnen ist und uns irgendwann das Leben schenken wird, das wir uns wünschen, gehört ebenso ins Reich der Selbsttäuschung wie der Glaube an Echsenmenschen oder Microchips im Corona-Impfstoff. Beim Selbstbetrug entscheiden uns wider jede Vernunft und ohne handfeste Beweise dafür, etwas zu glauben, was wir nicht belegen können.

„Belügen Sie sich nicht selbst“

Wir verbeißen uns hartnäckig in unsere falschen Knochen. So hielt sich manch einer in einer Studie sogar nach einer vermasselten Führerscheinprüfung noch für einen exzellenten Autofahrer. (3)

Wir haben ein bestimmtes Idealbild von uns, dem wir gerne immer ähnlicher werden möchten. Und gelegentlich nimmt unsere Selbstwahrnehmung offenbar die Abkürzung über den Selbstbetrug. Dann errichten wir ein Idealbild von uns und verraten uns selbst nicht, dass wir uns gegen eine geschönte Variante unserer selbst ersetzt haben.

Und schon 1699 schrieb François Fénelon: „Man ist nie scharfsinniger, als wenn es darauf ankommt, sich selbst zu täuschen und seine Gewissensbisse zu unterdrücken.“ Während die Lügen unserer Mitmenschen meist eher kurze Beine zu haben scheinen, rennen wir auf unseren eigenen Stummelbeinchen ganze Lügenmarathons. Entsprechend ruft der Selbstbetrug meist auch den Selbstzweifel auf den Plan.

„Belügen Sie sich vor allem nicht selbst. Ein Mensch, der sich selbst belügt und seiner eigenen Lüge zuhört, kommt an einen Punkt, an dem er weder in sich selbst noch in seiner Umgebung eine Wahrheit erkennen kann“, mahnte Fjodor Dostojewski. Wenn wir nicht mal uns selbst trauen können, wem können wir dann überhaupt trauen? Der Selbstbetrug würde René Descartes schnell an den Rand seiner argumentativen Kräfte treiben.

Offen sein für die Fremdwahrnehmung

Judith Buttler fürchtet, dass der Selbstbetrug unser Gewissen korrumpiere. Schließlich müssen wir durchgehend ignorieren, dass wir die Wahrheit in den dunklen Keller unseres Bewusstseins gesperrt haben. Doch wer sich einmal auf den Selbstbetrug eingelassen hat, kommt da nur mit sehr viel Selbstreflexion und Kritikfähigkeit wieder von weg.

Hilfreich ist jedenfalls ein offenes Ohr für die Fremdwahrnehmung und die Meinung von Außenstehenden. Zwar bekommen unsere Mitmenschen nur einen kleinen Ausschnitt unserer Persönlichkeit mit und bewerten dieses auf der Basis ihrer eigenen Paradigmen. Dennoch kann uns der Blick von außen manchmal die Augen öffnen.

Wenn wir uns beispielsweise für sehr ausgeglichen halten, unsere Kollegen allerdings hinter vorgehaltener Hand über unsere cholerischen Anfälle tuscheln, könnte das ein Hinweis auf einen möglichen Selbstbetrug sein. Und einige blinde Flecken wird wohl auch der reflektierteste Menschen nicht loswerden.

Dass wir ab und zu daneben liegen, können wir wohl nicht vermeiden. Dagegen scheint es uns selbst gegenüber nur fair zu sein, dass wir uns gelegentlich selbst ganz genau unter die Lupe nehmen und in Frage stellen. Wie sehr passt unser selbstgebasteltes Bild von uns zur Realität? Wirken wir auf andere so, wie wir gerne wirken möchten? Oder sind wir auf unseren kurzen Beinen längst vor der Realität geflohen?

Quellenhinweise:

(1) Zur Studie Dunning-Kruger-Effekt

(2) Studie Nachhaltigkeit

(3) Studie TÜV Nord

Foto: privat

Ines Maria Eckermann machte einen Bachelor in Spanisch und einen Doktor in Philosophie. Nebenbei heuerte sie als freie Mitarbeiterin bei verschiedenen Medien an. Seither ist sie dem Glück auf der Spur und engagiert

Mittwoch, 25. Mai 2022

 Philrunde Juni 2022

Raum für Stille schaffen im Gespräch     Ethik heute 

W-Weiser/ Photocase
W-Weiser/ Photocase

Freitag, 29. April 2022

Philrunde Mai 2022              

Wir müssen uns damit abfinden:            

 die Conditio humana                  Christian Brehmer

Corona im Dienste der Evolution

Kaum haben sich die Corona Wolken etwas gelichtet, zieht eine neue dunkle Front herauf: der Angriff auf die Ukraine. Die zurückgewonnene „Normalität“ (haben wir gar nichts gelernt?) wird unterschwellig von einem mulmigen Gefühl getrübt, das sich mit einer Steigerung der Preise und dem Ausfall von Lieferketten konkretisiert. Aber vergessen wir nicht: Im Vergleich zu vielen anderen Ländern geht es uns gut – ein Grund zur Dankbarkeit trotz allem.

Die vergangenen beiden Corona-Jahre haben uns drastisch vor Augen geführt, dass wir uns mehr denn je mit der Ungewissheit und der Unberechenbarkeit des Lebens arrangieren müssen. Unsere Pläne und Erwartungen werden immer wieder durchkreuzt und Unerwartetes tut sich auf. Es gibt im menschlichen Geist (Verstand und Emotionen) keine Gewissheiten, damit müssen wir uns abfinden –  die Conditio humana. Gewissheiten müssen wir woanders suchen, zum Beispiel wenn wir unseren unsteten Geist  transzendieren …    

Mit der wärmeren Jahreszeit hat sich die Infektionslage etwas entspannt. Die Corona-Maßnahmen werden weitgehend zurückgenommen, aber von Entwarnung ist keine Rede. Es werden wohl immer wieder neue Varianten auftauchen und unerwartete Situationen entstehen. Bis die Menschheit ihre Lektionen gelernt hat? (Vergl. VISIONEN Okt/Nov 21: „Wir haben uns verirrt“) „Es kann so oder so oder auch ganz anders kommen“, konstatiert der Corona-Modellier Dirk Brokmann, Physiker an der Berliner Humboldt-Universtät.                                                                                                                                                                Mehr und mehr Menschen fassen sich an den Kopf und fragen nach dem Sinn des  ganzen Theaters: „Was soll denn das alles?“ Und weswegen?  „Was ist denn der Sinn hinter allem? Und des Daseins überhaupt?“ Sie fragen sich das, obwohl durch die gegenwärtig  komplexer gewordene Lebensbewältigung ihnen weniger Zeit zum Nachdenken bleibt. Oder vielleicht gerade deswegen? Dabei hat die Naturwissenschaft die Sinnfrage längst beantwortet. Doch wenige sind sich dessen bewusst; die meisten leben ohne inneren Kompass. 

Die Evolutionsforschung der letzten Jahrzehnte hat die Abstammungslehre von Charles Darwin in ihren Grundzügen bestätigt. „Nichts macht Sinn in der Biologie außer im Lichte der Evolution“, sagt Theodosius Dobzhansky einer der großen Evolutionsbiologen. Und worauf hat es die Evolution abgesehen? Von der Urzelle bis zum Menschen: Die Organismen werden im Verlauf der Stammesgeschichte immer komplexer, sie werden immer cleverer in ihrer Überlebensstrategie und bewusster im Erleben ihres Daseins. Das Leben in der Materie wird immer intensiver.

Begonnen hat das ganze Spiel, so die plausible Hypothese, vor etwa 14 Milliarden Jahren mit einem „Urknall“, einem großen Symmetriebruch  des ewigruhenden Vereinheitlichten Feldes, das  von der Quantenphysik als der abstrakte Urgrund unseres  Universums angesehen wird. Es folgt eine fantastische kosmische Evolution, die nach etwa 9,5 Milliarden Jahren zur Entstehung der Erde führt. Hier, auf unserem Planeten, finden sich die Vorbedingungen zur Entstehung des Lebens: eine Fülle an biogenen Elementen, die zur Synthese von DNA- und Protein-Makromolekülen führt. Aus ihrer Vereinigung ist wahrscheinlich das Leben, das Biomolekül, hervorgegangen –  der Hypothesen sind viele. Die meisten Forscher verschließen sich der Akzeptanz einer mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht nachweisbaren intelligenten Evolutionsdynamik, eines Willens zum Leben und eines Drangs nach Weiterentwicklung, nach Transzendenz –  kommen jedoch ohne ihre Annahme nicht aus.

Das Leben beginnt vermutlich im Wasser. In der „Ursuppe“ des Meeres gibt es alsbald eine Fülle von vielfältigen sich selbst organisierenden Biomolekülen. Sie vereinigen sich und fallen wieder auseinander, bedingt durch aggressive Sonnenstrahlen und elektrische Entladungen; sie suchen nach neuen Partnern, ein Hin und Her, ein Prozess über Jahrmillionen –  Aufbau und Zerfall. Aber irgendwann, irgendwo kommt es „durch Zufall“, oder sagen wir durch Resonanz, zu festen Beziehungen, zu stabilen Partnerschaften mit ganz neuen Qualitäten.

Kennen wir das nicht auch aus unserem eigenen Leben? Wir sehnen uns nach einem Partner, gehen diese oder jene Beziehung ein, bis wir „zufällig“ mit jemandem eine Resonanz erleben – uns verlieben – und unseren Lebenspartner (hoffentlich!) gefunden haben. Ähnlich verhält es sich mit der Evolution: Da ist nur diese Sehnsucht nach Erfüllung. Wie diese Erfüllung sich gestaltet, ist offen.

Das Prinzip der Selektion 

In der Ursuppe, so ist anzunehmen, beginnt auch ein Wettlauf ums Überleben. Die Urzellen waren für ihre Ernährung auf organische Nahrung angewiesen und haben sich wahrscheinlich gegenseitig gefressen. Nur die Fittesten haben überlebt: Hier kommt vermutlich zum ersten Mal das Prinzip der Auslese ins Spiel, der „Selektion“, das die Evolution vorantreibt. Wir finden es auf allen Stufen der Stammesgeschichte: bei den Fischen, Amphibien, Reptilien, Säugetieren und dem Menschen. Auf der sich anbahnenden kommenden Stufe der Evolution wird das Prinzip der natürlichen, unbewussten Selektion durch eine vom Menschen ausgehende bewusste Evolution ergänzt. (Siehe weiter unten.)   

Die natürliche Selektion ist beim Gegenwartsmenschen durch ein soziales Netz weitgehend abgefedert, aber auf kollektiver Ebene kann sie sich, beispielsweise im Arbeitsleben, mit aller Härte zeigen. Da gibt es Firmen und Konzerne, die andere ausstechen oder zur feindlichen Übernahme zwingen oder die durch Fusionen an Macht gewinnen. Noch sind wir weitgehend unfähig zur Kooperation und damit zur Koevolution.

Es sind zwei Urtriebe, welche die Evolution vorantreiben: ein wachsamer Überlebenstrieb und ein unbewusster Drang nach Wachstum und Selbsttranszendenz. Sie sind es, die schon die Urzellen bewegen – ein Leben als ständige Wachsamkeit und mit dem naturgegebenen Trieb über sich selbst hinauszuwachsen, zu evolvieren. So wird hier bereits auf dieser Ebene der Sinn des Lebens offenbar: die Evolution des Bewusstseins = mehr Intelligenz zum Überleben und mehr Intensität zum Erleben = mehr Daseinsfreude.

Im Wettlauf der Evolution

Die Evolutionsbiologen bedienen sich zur Veranschaulichung der niemals ruhenden Evolutionsdynamik einer Metapher aus dem beliebten Kinderbuch „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll (1865)  und seiner Weiterführung „Alice hinter den Spiegeln“. Hier entdeckt Alice im Traum hinter dem großen Spiegel auf dem Sims des Kamins eine ganze Parallelwelt. Das kleine Mädchen begegnet  u.a. der roten Königin, die es an der Hand nimmt und mit ihm aus Leibeskräften rennt:

Das Seltsamste dabei war, dass sich die Bäume und alles andere um sie her überhaupt nicht vom Fleck rührten: Wie schnell sie auch rannten, liefen sie doch anscheinend nie an etwas vorbei. (…) „In unserem Land“, sagte Alice, noch immer ein wenig atemlos, „kommt man im Allgemeinen woandershin, wenn man so schnell und lange läuft wie wir eben.“ „Behäbige Gegend!“, sagte die Königin. „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst. Und um woandershin zu kommen, muss man mindestens doppelt so schnell laufen!“ [i]                                                                                                                                                                                                        

Die Evolutionsbiologen sprechen von der „Roten Königin- Hypothese“, wenn es in einem Koevolutionsprozess um ein ständiges gegenseitiges Aufholmanöver geht: Das System muss sich kontinuierlich entwickeln, um mit konkurrierenden Systemen mitzuhalten. Dabei sind es nicht die Umweltbedingungen, die den „Roten-Königin-Effekt“ auslösen, sondern die Lebenskraft und der Überlebensdrang der beteiligten Organismen. Gleichzeitig kommt es, als Nebenerscheinung gewissermaßen, zu evolutionärem Fortschritt.  So kann es zum Beispiel zwischen einem Parasiten und seinem Wirt zu einem evolutionären Wettrüsten kommen, um „auf dem Laufenden“ zu bleiben.

Vielleicht trifft das auch zu beim Corona-Virus und seinem Wirt, dem Menschen. Da das körpereigene Abwehrsystem sich von Natur aus immer wieder anpasst, muss das Virus ständig mutieren, um es auszutricksen und um anzudocken. Vielleicht unterbindet damit ein Impfstoff, welcher das Abwehrsystem stärken soll, die Mobilisierung der von Natur aus gegebenen Abwehrkräfte. In die wechselseitige Anpassung, den Wettlauf zwischen Virus und Immunsystem, wird von außen ein Ungleichgewicht zugeführt.

Auch die Koevolution zwischen Mensch und Natur ist gestört. Wir suchen ständig nach mehr Wohlstand und Freizeit und beuten dabei die Natur aus – wir sägen am Ast auf dem wir sitzen. Zahlreiche Studien  haben zum Beispiel gezeigt, dass durch die Abholzung des Regenwaldes Wildtiere ihres Lebensraumes beraubt werden und auf ihrer Nahrungssuche mit Menschen in Kontakt kommen. Dabei werden auch Krankheiten übertragen: Zoonosen, von Tieren auf Menschen übertragene Krankheiten. Hierzu gehört aller Wahrscheinlichkeit auch Covid 19. Die Natur gibt Feedback.

Gefahr der Stagnation

In unserem Hunger nach Wohlstand und Freizeit beuten wir nicht nur die Natur aus, sondern versuchen auch ständig, unser Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Durch Einsatz von Maschinen und Robotern, durch Automatisierung und Digitalisierung kommt es –  abgesehen vom Einarbeitungsstress –  langfristig zur Arbeitserleichterung und zur Arbeitszeitverkürzung. Die gewonnene Freizeit wird vielfach mit Spaß und Konsum gefüllt; bei manchen Wohlstandsbürgern schleicht sich ein Hang zur Bequemlichkeit und zur Passivität ein. Manch einer fährt mit dem Auto zur Arbeit, obwohl er die Strecke problemlos mit dem Fahrrad  zurücklegen könnte und damit gleichzeitig auch seine Fitness und Abwehrkräfte „boostern“ würde.

Aber die Natur will Evolution. Und  in diesem Zusammenhang ist auch Corona zu sehen. Das Virus hat es geschafft, uns auf Trab zu bringen. Das Leben ist mit all den sich ständig ändernden Corona-Regularien komplizierter und unberechenbarer geworden und wird als eingeengt empfunden. Die Zahl der psychisch Erkrankten hat sich in den letzten beiden Jahren verdoppelt.

Besteht von Natur aus ein Wettlauf mit der Zeit, wie bei Alice und der roten Königin, so ist jetzt das Tempo noch schneller geworden. Die Bewältigung des Alltags verlangt von jeher Tausende von Handgriffen, die teils zur Routine werden. Jetzt kommt eine ständige Auseinandersetzung mit immer wieder neuen Innovationen und Regularien sowie eine fortschreitende Digitalisierung hinzu. Schließlich ist da noch das mulmige Gefühl oder sogar eine lähmende Angst vor einem übergreifenden Krieg aus der Ukraine. Sei wachsam, bleibe „auf dem Laufenden“ und – wichtig –  bleibe gleichzeitig etwas distanziert, oder du kommst unter die Räder.

Leben ist ein Wettlauf mit der Zeit; aber auch die  Materie hält uns auf Trab. Denn die Materie an sich unterliegt von Natur aus der Desintegration. In einem geschlossenen System zum Beispiel, d.h. ohne Zufuhr von Energie von außen, zerfällt sie und löst sie sich auf in ihren Grundzustand. Die Zustandsbefindlichkeit eines Systems, den Grad seiner Ordnung, bezeichnen die Physiker als Entropie. Sie kann zunehmen, gleichbleiben (Fließgleichgewicht) oder abnehmen. Auf den Menschen übertragen heißt das, wie bei Alice hinter den Spiegeln, wir müssen ständig aktiv sein, um unseren Status quo aufrecht zu erhalten; und um ihn zu verbessern, müssen wir uns  mehr anstrengen: So steht es nun mal mit der Conditio humana.

Innehalten

Aber nicht nur strampeln. Machst du auch mal eine Pause? Hältst du inne, lässt du mal die Seele baumeln und gibst der Kreativität und der Vernunft eine Chance? Wenn du ständig schneller laufen musst, wirst du bald erschöpft sein. Schau dich einmal um. Vielleicht gibt es noch effizientere Wege, die dir in der Entspannung einfallen, um mit weniger Anstrengung ans Ziel zu kommen.

                                                                                                                                                   Achtsamkeit, Reflexion, Bewusstsein sind das, was die Evolution von uns erwartet.  Sie erleichtern unsere Lebensbewältigung und geben unserem Wunsch nach Selbstverwirklichung mehr Freiraum. Vielleicht meldet sich dann bei mir, nachdem alle meine Grundbedürfnisse und Verpflichtungen erfüllt sind, mein lang gehegter Wunsch, ein Musikinstrument zu erlernen. Oder ich investiere Zeit, um mein Bewusstsein bewusst zu erweitern. Damit beschleunige ich  meine Evolution und bringe mehr Achtsamkeit, mehr Fluss und eine unterschwellige Freude in mein Leben.

Hat mich bislang die ständig sich ändernde Umwelt zur Anpassung  gezwungen und damit die Erweiterung meines Bewusstseins unbewusst vorangetrieben, so kooperiere ich jetzt mit der Evolution, indem ich mein Bewusstsein bewusst erweitere: ein Phasensprung in der langen Geschichte der Evolution!

Der Wege und Angebote sind viele: Yoga,  Meditation, Tai-Chi, Chi-Gong, Achtsamkeitstraining u.a.m. Entscheidend ist, dass ich mich auf einen mir gemäßen Weg einlasse und am Ball bleibe, d.h. nachhaltig praktiziere. Damit unterstütze ich das was das Leben ohnehin schon mit mir vorhat: die evolutionäre Erweiterung des Bewusstseins. Fortan brauche ich weniger Frust und Ärger, um mich durch Feedback und Reflexion wieder auf die richtige Spur zu bringen. Ich erfülle den Sinn des Lebens, und das Leben kommt mir entgegen! Eine Gesellschaft, die nicht den Sinn des Lebens kennt, lebt blind.[ii] 

Das ist der Weisheit letzter Schluss:                                                        Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,                                 

  der täglich sie erobern muss.                      (Goethe, Faust II) 

 

 

Verfasser:

Dr. Christian Brehmer, Evolutionsforscher, Philosoph und Autor, www.bewusstseins-evolution.de   E-Mail: brehmer.c@web.de                              

 Vom Urknall zur Erleuchtung. Die Evolution des Bewusstseins als Ausweg aus der Krise  (Verlag Via Nova, 2007)                                                                                       

 Woher? Wohin? Orientierung im Leben. Die Evolution des Bewusstseins als Ausweg aus der Krise  (Verlag Via Nova, 2018)         

                                                     

 

                                                                                                                          

 

 



[i]   Hoff, Peter, et al.: Evolution. Schroedel  Verlag, Hannover 1999, S. 109 

[ii]  Brehmer, Christian: Wir haben uns verirrt. Uns fehlt die entscheidende Dimension. In: Visionen 6/2021