Mittwoch, 20. Februar 2019

Nachschau 1. 2.2019:  "Mitte unseres Sein"      Christian Brehmer

Unsere Runde rotierte diesmal im Sitzungsraum der ev. Paulusgemeinde in Melle -  Dank unseren Gastgebern. Ein würdevolles Ambiente für Hobby-Philosophen auf der Suche nach Wahrheit!
Und vielleicht sind wir der gefühlten Wahrheit am nächsten, wenn wir in unserer Mitte sind. Doch was ist unsere Mitte? Das war die auslösende Frage, zu der sich jeder zu Beginn der Runde äußerte. Die Antworten waren so vielfältig wie die Teilnehmer - wir waren ein gutes Dutzend an der ovalen Tischrunde! Jede/r erlebt seine Mitte auf ganz individuelle Art; allen gemeinsam ist eine gewisse Stimmigkeit mit sich selbst. Wir sind unserer Sache sicher.
    Doch das ist gerade die Gefahr: die Illusion der Gewissheit. Darauf verwies ein Teilnehmer. Was wurde nicht alles für Chaos in unserer Welt geschaffen von Menschen, die sich ihrer Sache gewiss waren. Denken wir nur an die jüngste Verangenheit der deutschen Geschichte.
   Doch unser Referent, OStR. a.D. Waltram Landman, zeigte uns einen Ausweg. Jenseits all der vielen "Gewissheiten" gibt es "einen Sprung in die Erfahrbarkeit" der Gewissheit an sich. Zur Beschreibung der Erfahrung wird jedoch der Geist harangezogen, und so bleibt die Beschreibung notwendigerweise (aus Kategorialgründen) unangemessen. Der Erfahrung wohnt jedoch ein gewisses Glücksgefühl inne, und die Erkenntsnis bewährt sich im Alltag.   
Jede/r kann solche Erfahrungen machen; es sind allein unsere Verspannungen, die im Wege stehen, so  der Referent.  -   Übrigens ist das auch ein Problem in unserer Philrunde. In der Hitze unseres Gespräches blockieren wir oft den kreativen Fluss und fühlen uns unwohl. Wir sollten uns öfter zurücknehen in die Reflexion!!!
     "Tritt einen Schritt zurück aus dem Getriebe,
       und ein jedes Ding,
       und sei es auch gering,
       erschließt sich dann dem Blick der Liebe!"
 

Kommentar von Joachim Mohr:

Handeln aus der inneren Mitte!
Ohne jetzt näher die "innere Mitte" definieren oder Ihren Ursprungsort
finden zu wollen; wer in sich selbst ruht handelt kann bewusst handeln
und Vorbild gebend sein. In unserer Gesellschaft, die mehr und mehr von
digitalen Medien infiltriert und abgelenkt wird ist es wichtig, das
jeder bewusste Mensch (sich seines Menschseins bewusst) für andere
Verantwortung mit übernimmt.
Wo Wertelosigkeit von ganz oben herab quer durch alle
Bevölkerungsschichten vermittelt wird ist es kein Wunder, dass
Mentalitäten wie Trumps "America first" von der Masse mit "Me too"
beantwortet wird.
Jeder von uns ist aufgefordert, Werte vorzuleben, immer und überall ganz
gleich mit welchem Aussicht auf Erfolg. Erst wenn das "Humanity first"
das polarisierende Geschrei übertönt, das letztlich nur dazu dient, den
enormen Reichtum einiger weniger noch zu mehren, besteht die Aussicht
zum nötigen Wandel. Und macht uns wieder zum menschlichen Wesen. Je mehr
wir zu unserer inneren Mitte kommen, desto mehr Kraft werden wir dazu
haben

Kommentar von Jürgen Stass:
 

Die "Mitte" unseres Seins physisch verorten zu wollen, kann nur zu
komischen Vorstellungen führen. So ist auch die "Mitte" nur ein Bild
für unsere subjektive Innenansicht, die uns mehr oder weniger bewusste
eigene Identität. Der Ton liegt auf Subjektivität. Also ist sie auch
Fehleinschätzungen unterworfen, wobei die Selbstüberschätzung
wahrscheinlich die größte Rolle spielt. Denn der Mensch ist das einzige
Lebewesen, das in der Lage ist, sich selbst etwas vorzumachen. Das
Potential der Selbsttäuschung dürfte stärker sein als die Fähigkeit,
die eigenen Begrenzungen zu "transzendieren", also über sich
hinauszuwachsen. Bildung und Aufklärung haben Jahrhunderte gebraucht
und somit auch die Ausbildung von Kritikfähigkeit und Selbstkritik.
Die Überschreitung unserer "condition humaine" im Sinne eines
Fortschreitens der Evolution zu erwarten ist entweder naiv oder zeitlich
viel zu kurz gedacht.


Vorschau 1. März: Ansichten zur Sinnfrage    Jürgen Staas

"Was ist der Sinn des Lebens?" - Wie oft haben wir diese Frage nicht
schon gehört oder gelesen. Wie "sinn"-voll ist sie eigentlich? Darüber
soll hier einmal nachgedacht werden. Anlass dazu bot der Artikel eines
Wissenschaftsjournalisten in "Die Zeit" zum Jahreswechsel unter dem
Titel: Die Kraft der großen Sache. Das Wort stammt von Nelson Mandela.
Der Artikel bietet viele Anregungen und Fragestellungen. Es werden
Philosophen (Existentialisten), aber auch einfachere Menschen wie
Sportler oder Soldaten zu Wort kommen. Auch anthropologische Fragen
bzw. psychische Aspekte werden dabei eine Rolle spielen. sts

Wie sinnvoll ist die Suche nach dem Sinn?

Anschließend an das Thema Identifikation regte ein "Zeit"-Artikel zur
Jahreswende unter dem Titel "Die Kraft der großen Sache" (Nelson
Mandela) über die Suche nach dem Sinn zu diesem Referat an. Geschrieben
vom Wissenschaftsjournalisten Ulrich Schnabel ("Die Vermessung des
Glaubens"), bietet der Artikel ein breites Spektrum an Gedanken zu
diesem Thema und reizt zu weiteren Ausblicken an. - Einleitende
Feststellung: Die Sinnfrage ist logisch rational nicht zu begründen,
sondern sie wird individuell erlebt. Dazu fallen mir Parallelen ein:
Albert Schweitzer meinte, "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von
Leben, das leben will. "- Das Leben also hat seinen Sinn in sich
selbst. Gesundes, vitales Leben erfreut sich seiner selbst und fragt
nicht nach dem Sinn. Freud: "Wer nach dem Sinn des Lebens fragt, ist
krank." Dagegen Viktor Frankl (Logotherapeut, KZ-Überlebender): "Wer
nicht nach dem Sinn des Lebens fragt, wird krank." - Die
Existentialisten (Camus, Sartre, auch Saint-Ex) meinen, der Mensch sei
selbst für seine eigene Sinnfindung verantwortlich. - Auch Shakespeares
Hamletmonolog mag hier erwähnt werden. - Schnabels Artikel bietet
einiges an Recherchen. Es herrscht viel Indifferenz. Unter jungen Leuten
sind rund 50% ratlos. Ein Drittel entdecken keinen tieferen Sinn. 11%
stecken sogar in einer Sinnkrise, haben Suizidgedanken, erleben sich in
einem existentiellen Vakuum. Dem gegenüber wird positiv der Gedanke der
"Generativität" entwickelt, der der Kreativität nahekommt, also etwas
möglichst Bleibendes schaffen, Kinder erziehen, Wissen vermitteln,
komponieren, sich engagieren, Natur schützen, etc. Man sieht schon,
der Sinn ist nicht absolut oder abstrakt zu fassen, sondern ist
vielfältig konkret zu realisieren. Der Autor erwähnt z.B. den Torwart
Oliver Kahn, der sich für sein Team einsetzt. Soldaten in ihrer
Kameradschaft, die ihnen wichtiger ist als die Gefahr, in der sie sich
u.U. befinden. Die Bedeutung der Gruppenidentität überhaupt. Besonders
negativ wird das Gefühl empfunden, sich überflüssig zu finden. Die
Betrauung mit einer sinnvollen Aufgabe selbst in Gefahr
(Krankenwagenfahren im Krieg) kann therapeutisch wirken. - Unbedingt
zitieren möchte ich noch den Philosophen Odo Marquard: "Zur Diätetik
der Sinnerwartung". Er zitiert Hegel mit einem sehr plastischen und
einprägsamen Beispiel: Da will jemand Obst. man bietet ihm Äpfel an.
Nein, er will Obst. Oder Birnen? Nein, er will Obst. Die Reihe lässt
sich beliebig fortsetzen. Das Bild macht sofort deulich, wie unsinnig
die abstrakte Fragestellung ist. Sie verhindert gerade, dass das erlangt
wird, was da gewünscht wird. Der Philosoph, der sich der "skeptischen
Generation" (H. Schelsky) zugehörig fühlt, spricht von der Trotzphase
der modernen Sinnlosigkeitserfahrung bzw. dem Kummerspeck des
Sinndefizits der Anspruchsgesellschaft. Auch er verweist als Lösung auf
die bescheideneren Konkretisierungen, die es ja zur Genüge gibt. sts
 

Dienstag, 22. Januar 2019

Nachschau 4.1.2019: Suche nach Identität                    Christian Brehmer 

Unsere Philrunde war am 4.1. weitgehend männlich besetzt, und der Dialog nach
den beiden Kurzreferaten gleitete leider in eine Diskussion. Wir wünschen uns
mehr weibliche Teilnehmer für das nächste Mal!!!
Allerdings gab es im zweiten Referat eine auflockernede Hinführung zur
Identitätserfahrung im Bereich des Solarplexus. Und das Chanten einer vedischen
Hymne als Einschub in die Diskussion brachte die Möglichkeit - bei Öffnung - sich 
verzaubern zu lassen! Ja, da gibt es noch weit mehr als den Verstand auf der 
Wahrheitssuche! Das hatte schon Faust feststellen müssen!
Unsere Einführungsreferate waren diesmal aufgeteilt zwischen dem auf objektiven
Gegebenheiten ausgerichteten Referat zur Identitätsproblematik von Jürgen Staas
und dem auf subjektiven Gegebenheiten ausgerichteten Referat von Christian Brehmer.
Hier trat dann eine kontraproduktive Kontroverse ein. Zum einen wurde kritisiert, dass
bei den Referaten die Zeit überzogen wurde, zum anderen ergab sich eine unnötige
Polarisierung zwischen dem objektiven Ansatz auf der Suche nach Identität und der 
subjektiven Suche. Im Prinzip ergänzen sich Ansätze:
           "Müsset im Naturbetrachen immer eins wie alles achten;
             Nichts ist drinnen, nichts ist außen.
             Denn was innen, das ist außen."    Goethe 
Unsere Philrunde steht für einen ganzheitlichen Ansatz. Dazu bedarf es  der Bereitschaft,
auch im subjektiven Bereich nachhaltig zu forschen. (S. weiter unten den Kommentar von
Jessica Schwark.)

Kommentar zum Thema Identität                      Joachim Mohr

Wer sich nicht in sich selbst findet, der sucht sich im äußeren.
Populismus und Effekthascherei sind in diesen Tagen sehr erfolgreich.
Das ist für jeden die passende Formel dabei um Identitäten finden und
bilden zu können. Und während die Menschheit (nicht die Welt, wie immer
fälschlich behauptet wird!) vor dem größten Problem Ihrer Geschichte
steht, nämlich ihrem Fortbestand AUF dieser Welt, schickt das
Finanz/Industriekonglomerat seine besten Kämpfer wie den Ritter Media
Markt aus, um mit Slogans wie "Hauptsache Ihr habt Spass!" die Menschen
in einer Welt festzuhalten, die diesen neuen Mächten genehm ist. Nicht
nachdenken, immer schön ablenken - schön ist es auf der Welt zu sein
oder wie es im alten Rom hieß, Panem et Circensis. Jetzt Chips an der
Kasse lösen und auf der Achterbahnfahrt in den Abgrund die besten Plätze
sichern. Aber Achtung - Die nächste Fahrt geht rückwärts!

Kommentar zum Thema Identität                                             Jessica Schwark

 Angst, Anonymität und Langeweile als Auslöser der persönlichen und politischen Identitätskrisen unserer Gegenwart;   Sicherheit, Inspiration und Selbstbewusstsein als Mittel dagegen.  Ein guter Grund,  zu unserer Runde zu kommen.  Reflektieren wir die Frage: Wie bekommen wir Zugang zu unserer inneren Identität,  abseits der Ereignisse im Aussen?



Vorschau 1.2.2019:  Handeln aus der Mitte unseres Seins -  
                                                                                                 
Herausforderungen im Jahr 2019                Waltram Maximilian Landman
(Wir treffen uns diesmal im Gemeindehaus der Pauluskirche, Saarlandstr. 39, Melle)  

Was ist die Mitte unseres Seins ? Was in vielfältigen Beschreibungen seit Aristoteles
annäherbar ist, offenbart sich erst in der vollzogenen Erfahrung, besser noch im vollzogenen Erleben, als eine alle Begrenzungen überschreitende und damit Unterschiede transzendierende Essenz unseres Seins. Als substanzielle Identität, als höheres Selbst ist dieses in diesem Kreis wohl schon häufiger Thema gewesen.
Wenn auf verschiedenen Foren das Jahr 2019 als das Jahr des Handelns verkündet wird,
so geht es nun verstärkt um nichts weniger als die Anwendung der psychohygienischen Selbst-Erfahrung für das Gemeinwohl nutzbar zu machen, und das nicht einmal als Pflicht, sondern als weitergreifend bereichernde Selbsterfahrung. Was von der Erlebnisqualität eigentlich auf Erweiterung bis in kosmische Dimensionen angelegt ist, spielt sich doch leider meist nur auf der Individualebene ab. Je mehr wir Spannungen und Ungereimtheiten in und mit uns selber aufzulösen vermögen, desto erfolgreicher können wir im sozialen Umfeld harmonisierend wirken, nach dem Gesetz wie im Kleinen so im Großen.
Die dramatisch aus dem Ruder gelaufenen Entwicklungen in unserem engeren und weiteren Umfeld der Welt verlangen nach integrierten, im Sein gefestigten Persönlichkeiten. Wir sind aufgerufen über uns hinaus zu wachsen, ganz i.S. der Evolution des Bewusstseins, wie es Chris Brehmer in seinem Buch darlegt oder wie es Ken Wilber, der „Einstein der Bewusstseinsforschung“, in seinem Buch „Halbzeit der Evolution“ vertritt.
Integrierte Persönlichkeiten, durch Vernetzung verstärkt, schaffen allemal ein ausgleichendes, Spannung auflösendes Fluidum, so wie der Regenmacher in einer chinesischen Erzählung, und es ist an der Zeit, dass nachhaltig positive, natur- und sozialverträgliche Alternativen in allen Lebensbereichen mutig in die Welt getragen werden. (Was hierbei für natur- und sozialverträglich steht, kann natürlich diskutiert werden.) 
Dazu gehört auch, dass Spaltungstrends und -techniken, wie sie politisch gewollt durch einseitig systemkonforme unausgewogene Berichterstattung der Mainstreammedien befördert werden (vergl. letzte Philrunde),  beobachtet und erkannt werden, um sie überwinden zu helfen. Polarisierungen, wie sie in den letzten wenigen Jahren und Monaten in der Bevölkerung drastisch zugenommen haben, gilt es auf Herzensebene zu befrieden und durch Hervorhebung des Verbindenden und Gemeinsamen zu überwinden.      wml






Freitag, 21. Dezember 2018


 Nachschau 7.12.2018: Buddhismus         Christian Brehmer
Einleitend wurden wir gemeinsam in die Metta-Meditation geführt, die klassische buddhistische Versenkung zur Entfaltung mitfühlender Güte. Und wer das ständige Gedankenkarussell hat zum Abklingen bringen und sich hat öffnen können, hat in seinem Herzen Wärme und Empathie gespürt. 
Und darum geht es im Leben, weniger um die Zugehörigkeit zu einer Religion. "Ethik ist wichtiger
als Religion", sagt der Dalai Lama, prominenter Vertreter des tibetischen Buddhismus. 
       Es kam die Frage auf, ob Buddhismus eine Weisheitslehre, eine Philosophie oder Religion ist.   Darauf entstand zwar ein lebhafter Dialog, doch eigentlich war die Frage schon entschärft, denn was zählt, ist mitfühlende Güte im Leben, egal in welche Schublade der Buddhismus eingeordnet wird.
      Der Referent hatte zu Beginn allen anwesenden Hobbyphilosophen ein umfassendes Paper über die Kernaussagen des Buddhismus ausgehändigt (s. Vorschau). Es war unmöglich,  alle Kernaussgen an einem Abend zu vorzutragen und dann anschließend darüber zu sprechen. So beschränkten wir uns auf die Grundannahmen. Und die haben es in sich!
Die Aussage "Es gibt kein Ich oder Selbst" wird oft missveratenden, denn die Erfahrung des Nirwana ist zwar das Transzendieren ("Verlöschen") vom Ich oder Selbst (Denken, Fühlen, Wollen), aber gleichzeitig die Erfahrung der Stille,  die von einem individuellen Nervensystem getragene Transzendenz, das höhere Selbst. In einem Anruf später, wurde in diesem Zusammenhang noch einmal nachgehakt: Wenn es kein Ich gäbe, würde die Persönlichkeit nach dem Tode verlöschen. Wie steht es dann mit der Reinkarnationslehre des Buddhismus? (Sie wurde  im Christentm auf dem Konzil von Nicea verworfen.)   
    Ein weiteres Missverständnis liegt in der Annahme, dem Buddhismus ginge es vorrangig um die "Erleuchtung", das Eingehen in das "Nirwama". Der Referent stellte jedoch heraus, dass es dem Individuum allein nicht vollends gut gehen kann, es sei denn seinen Mitmenschen geht es auch gut. Alle sind wir miteinander verbunden. Erleuchtung beinhaltet Verantwortung für die Umwelt.
     Es war ein spannender Abend. Keiner hatte so recht Lust nachhause zu gehen. Da war noch so manches ungklärt. Aber so wird es wohl immer sein....



Kommentar zum Thema „Buddhismus“                        Joachim Mohr

Mir ist es gleich ob Buddhismus Religion, Weltanschauung, Heilslehre oder Modeerscheinung ist. Wichtige Kernaussagen aus dem Buddhismus wie auch aus dem Christlichen Glauben haben mein „Menschsein“ geprägt. Ich behandele mein Gegenüber als Menschen im menschlichsten Sinne und hoffe, dass mein Gegenüber mich genauso behandelt. Braucht dieser Mensch Hilfe, dann helfe ich wo ich kann und hoffe, dass er es genauso tut.
Erst wenn aus einer solchen Lehre eine institutionalisierte Religion mit beeinflussendem und manipulierendem Charakter wird, wende ich mich ab. Denn solches wird unserem wahren Menschsein in keinster Weise gerecht.

Zum Beitrag  „Wissenschaft und Glauben“

Wissenschaft und Glaube schließen sich für mich in keinster Weise aus, im Gegenteil, sie bedingen einander. Fundierte Wissenschaft fängt mit dem Glauben an und braucht ihn, ansonsten wäre kein Wissenschaftler in der Lage, eine Theorie in eine „Tatsache“, also eine, mit fundierten Beweisen belegbare Arbeit umzuwandeln. Einstein hat das nicht nur bewiesen sondern gelebt.


Anmerkungen zum Thema Buddhismus          Jürgen Staas          

Zu Beginn wurde das Credo des Buddhisten dargestellt: seine Zuflucht zu Buddha, zur Lehre vom Dharma (einer universellen Gesetzmäßigkeit) und zur Sangha (einer individuellen bis umfassenden Gemeinschaft, Achtsamkeit, Empathie angesichts des menschlichen Leidens). - Nichts ist von Dauer, alles unterliegt ständiger Veränderung (cf. gr. panta rhei = alles ist im Fluss), heute wohl eine Binsenweisheit. - Leben ist Leiden aus Unwissenheit und Begierde. Diese Sichtweise erscheint modern, wissenschaftlich objektiv, begründet sie sich doch in der Kategorie von Ursache und Wirkung. Der Begriff der Schuld (christlich-jüdisch Sünde) ist dem Buddhismus fremd. Daher ist der atheistische Buddhismus eher eine Ethik oder Weisheitslehre als eine Religion. Dazu passt, dass es kein Ich oder Selbst gebe, was ebenfalls recht modern und wissenschaftlich-monistisch klingt. Andererseits hat diese Denkweise trotzdem dualistische Züge. Denken diene als Werkzeug? Wessen Werkzeug? Ist er da wieder, der kleine Homunkulus, der dem Rest des menschlichen Organismus einschließlich Gehirn übergeordnet ist und die menschliche Freiheit begründet? Wo wäre der denn zu verorten? Und wie passt das zum Kausalitätsprinzip? - Die Rede ist auch von Irrtumsfreiheit. Wie ist die denn zu realisieren angesichts der menschlichen Fehlbarkeit? Der „edle achtfache Pfad“ ähnelt in Vielem den 10 Geboten der jüdischen Gesetzesreligion. Alles läuft auf eine Selbsterlösung durch Tugendhaftigkeit hinaus (cf. Goethe: Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen). Da scheint mir die christliche Auffassung doch realistischer. - Und letztlich die Vorstellung vom Nirwana, in dem das Leiden „verweht“ ? Gleichzeitig kennt der Buddhismus die Idee der Wiedergeburt. Wie passen die wiederum zusammen? - Mein Urteil: Wie alle Religionen, Konfessionen und Ideologien hat auch der Buddhismus seine Widersprüche; er ist wie sie Mythos, Erzählung, Narrativ, „story-telling“ (Harrari), also letztlich Produkt der menschlichen Imagination. Gleichwohl kann er wie jeder Mythos einem Gläubigen Halt und Orientierung bieten, denn der Mythos hat seine Wahrheit nicht in der beweisbaren Faktizität, sondern in seiner Wirksamkeit (K. Armstrong). Aus gewissen modernen Zügen (s.o.) erklärt sich so wohl auch die modische Popularität in manchen intellektuellen westlichen Kreisen, wie z. B. bei Hollywood-Stars .
sts

Vorschau 4.1.2019:   Probleme  mit der „Identität“   Jürgen Staas

Zunächst werden semantische Fragen zu dem ziemlich breiten Wortfeld zu klären sein.  Im Wesentlichen geht es dann um die Identifikation von Personen mit einer Sache (Ideologie, Religion, Nationalität, Partei).  Viele kritische Geister haben sich schon mit diesem Thema befasst: Psychologen, Soziologen, Verhaltensforscher  (Arthur Koestler, Konrad Lorenz, etc.). Neuester Anlass war ein „Spiegel“-Aufsatz von Francis Fukuyama „Gegen Identitätspolitik“ vom 13.10.18. Dieser Autor war es ja gewesen, der nach der Wende und dem Zusammenbruch der SU das „Ende der Geschichte“ prophezeit hatte und die endgültige und universelle Verbreitung der Demokratie und des Kapitalismus.  Nun sieht er sich zur Korrektur genötigt  angesichts der rechtspopulistischen und neuen autoritären Entwicklungen in einer ganzen Reihe von Staaten. Er untersucht in seinem Aufsatz die vielfältigen Ursachen. -  Schließlich wäre die „identitäre Bewegung“  zu nennen z.B. Frankreichs „bloc identitaire“ oder Ostdeutschlands Pegida.        
sts        

 Die Bedeutung der „Identität“

Der Begriff der Identität kann mehrere Bedeutungen haben:
-die vollkommene Gleichheit oder Übereinstimmung, Wesenseinheit (engl. identical twins)
-die innere Einheit einer Person, Übereinstimmung mit sich selbst
-die festzustellende Echtheit anhand eines Ausweises oder Dokumentes
  • das emotionale Sich-Gleichsetzen mit einer anderen Person, Gruppe, Doktrin, Ideologie, Religion
Das Bedürfnis nach Identität ist offenbar ein starkes Motiv. Das Gegenteil ist die Anonymität. Man möchte „somebody“ sein und nicht „anybody“ (Robert Ardrey, Adam und sein Revier). Dabei spielt das Territorium eine wichtige Rolle und die damit verbundene Stimulierung. - Frühkindliche Prägungen und Koditionierungen erzeugen die Bereitschaft, sich Autoritäten unterzuordnen und sich Gruppen zu unterwerfen. „Islam“ = Unterwerfung, „Soumission“ (Houellebecq). Auch Konrad Lorenz hat sich mit dem Phänomen beschäftigt. Kritisch sieht er die Begeisterungsfähigkeit des Menschen. „Mitsingen heißt, dem Teufel den kleinen Finger reichen.“ Sokrates: „Siegen macht dumm.“ Das Problem berührt auch die Wahrheitsfrage. Die Ästhetisierung, die Lüge, das „sacrificium intellectus“ sind u.U. wirkmächtiger als die Wahrheit und dienen als kollektives Bindemittel, und das umso mehr, je größer die Gruppe und je länger der Zeitraum. Von Tertullian stammt das bekannte Wort: „credo quia adsurdum“. - Anlass zum Thema war ein Aufsatz von Fr. Fukuyama im Spiegel No 42 /18.08.18 „Gegen Identitätspolitik“. Nach der Wende hatte er „das Ende der Geschichte“ gesehen. Jetzt, 30 Jahre später, sieht er sich genötigt, sich zu korrigieren. Zu beobachten ist jetzt die Rückkehr zu autoritären Strukturen und primitiven populistischen Denkweisen, kurz, ein Aufstieg der Identitätspolitik. Die Linke sieht die Ursachen in der Benachteiligung gewisser Minderheiten, die Rechte betont den Patriotismus und nationale Identitäten. Psychologisch gemeinsam ist allen die Wut der vermeintlichen Erniedrigungen, das Verlangen nach Würde, die Kritik an der Globalisierung mit der Tendenz zur Anonymisierung, zum Identitätsverlust. Natürlich gehört dazu die Suche nach Schuldigen und Sündenböcken und die Erfindung von Verschwörungstheorien. Ausländer, Einwanderer, „Eliten“, „Lügenpresse“ . Der Begriff des „Thymos“ kommt ins Spiel: Isothymie und Megalothymie. Isothymie, das Streben nach Gleichheit und Demokratie scheint dabei weniger attraktiv als das Streben nach Megalothymie, nach Macht, Überlegenheit, Autorität. - Zu erwähnen sind ergänzend die „identitären“ Bewegungen in manchen Ländern wie z.B. Frankreich mit seinem „bloc identitaire“ oder neofaschistische Tendenzen in Italien. - Interessant ist in diesem Zusammenhang der Gedanke nach Sinnsuche (Die Kraft der großen Sache, Die Zeit). Gruppenidentität wie z.B. Kameradschaft gerade in Situationen der Gefahr wie im Krieg kann paradoxerweise therapeutische Wirkungen haben. sts

 Suche nach Identität               Christian Brehmer                                       
Wenn man gegenwärtig dem Weltgeschehen folgt, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die zivilisatorische Entwicklung der Menschheit ins Stocken geraten ist. Manche sprechen sogar von einem Abwärtstrend. Umweltzerstörung, Terrorismus, Flucht und Migration, Handelskriege,  Kluft zwischen Arm und Reich ziehen uns herab. Hatte man bislang den Eindruck, dass sich die demokratische Staatsform mehr und mehr durchsetzen würden, so verzeichnet der Transformationsindex der Bertelsmann-Stiftung Rückschritte bei Gewaltenteilung, Pressefreiheit und freien Wahlen in zahlreichen Ländern. In einigen Staaten, die als gefestigte Demokratien gelten, stellt man starke rechtspopulistische Tendenzen fest: in den USA die Trump-Administration, in England der Brexit, in Frankreich der Front National und in Deutschland die AfD. Polen, Ungarn, Türkei,  Brasilien und etliche andere Länder werden bereits populistisch-autoritär geführt.
Devolution statt Evolution? Oder sind es nur homöopathische Gesetzmäßigkeiten, die zur Strategie der Evolution gehören?
Vielfach wird der rechtsgerichtete Trend als eine Identitätskrise interpretiert. Der säkulare Modernisierungsprozess und die grassierende Kommerzialisierung zerstören traditionelle Grundlagen von Gemeinschaft und kollektiver Identität. Viele Menschen fühlen sich durch die Digitalisierung und dem damit verbundenen Strukturwandel  in Landwirtschaft,  Handwerk und industriellen Arbeitsformen überfordert und entfremdet. Hinzukommt eine vermeintliche Überfremdung durch Zuwanderer, Flüchtlinge und Migranten. Besonders unter der älteren Generation wächst die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“. Die Bundesregierung reagierte darauf der mit Einrichtung eines Heimatministeriums, wohl auch aufgrund der Erstarkung der AfD. Aber bislang hat sich nichts geändert. Was tun gegen den schleichenden Substanzverlust?
Es sind nicht nur einige rechtsgerichtete Bürger, die  unbewusst einen Mangel an Substanz (lat. = das Darunter-Stehende) spüren und ihn versuchen zu kompensieren. Der Mensch ist von Natur aus ein Mangelwesen, nie ganz zufrieden, ein Ewig-Suchender –  Ausdruck des in ihm wirkenden evolutionären Impulses, der uns suchen und forschen lässt. Forschen noch vorwiegend im Äußeren: Die Naturwissenschaft zum Beispiel zerlegt die Materie akribisch in ihre Bestandteile und muss feststellen, dass sich letztlich alles verflüchtigt und nichts anderes übrigbleibt als ein Quantenvakuum, das nichts mit Masse und Energie zu tun hat,  ein reines mit sich selbst interagierendes Informationsfeld, das man auch –  hypothetisch –  als ein reines, selbstreferentielles Bewusstseinsfeld bezeichnen kann. Sollte das etwa die Substanz sein?
Die angewandte Naturwissenschaft,  die Technik, erschließt uns (den Privilegierten) zwar Komfort und Wohlstand, trägt aber nichts zu unserer Suche nach Identität bei. Für viele Menschen beginnt hier die Suche im Inneren.
Auch durch Stressbelastung und durch psychosomatische Symptome   kommt es häufig zur Suche im Inneren. Mehr als zwanzig Prozent der Bevölkerung praktiziert bereits eine Entspannungstechnik.  Manchmal kommt es dann über die Entspannungsreaktion hinaus zu einer Erfahrung der gedanklichen Stille, eines reinen Bewusstseinsvakuums, das möglicherweise „differenziert identisch“ ist mit dem Quantenvakuum. Es ist die Erfahrung des transzendentalen Selbst, der substanziellen Identität. Diese Identität und allein diese, vermittelt innere Heimat und Orientierung. Ohne diese Erfahrung ist der Mensch ein Schiff ohne Anker, ausgeliefert den launischen Wellen von Autokraten und Populisten und ausgeliefert den Fake News, den Massenmedien und der Werbung. Es ist die Erfahrung eines Feldes der inneren Stille und Intelligenz, das Abstand und Unterscheidungsvermögen beinhaltet und eine Orientierung  im Chaos der Politik. 
Rumi:  Jenseits aller Vorstellungen über richtig und falsch ist ein Feld.                           Ich treffe Dich dort.
Insofern dieses Feld vom Individuum erlebt wird, ist es zugleich, so sagten wir, die Erfahrung des transzendentalen Selbst, der substanziellen Identität. Die Erfahrung jedoch ist das eine, die Integration des transzendentalen Selbst in den Alltag ist das andere. Dazu bedarf es einer regelmäßigen Übungspraxis wie zum Beispiel der Meditation. Denn Identität will nicht nur erfahren, sondern auch gelebt werden: das Integrale Bewusstsein. Hier treffen sich Rechte und Linke,  treffen sich Rote, Grüne, Schwarze und Gelbe.
Literatur:  Brehmer, Christian: „Woher? Wohin? Orientierung im Leben. Die Evolution des Bewusstseins als Ausweg aus der Krise“, Verlag Via Nova 2018  www.bewusstseins-evolution.de                                                                                                 Fukuyama, Francis: „Gegen Identitätspolitik“. Der Spiegel , Nr.  42 / 13.10. 2018