Philrunde Mai 2022
Wir müssen
uns damit abfinden:
die Conditio humana Christian Brehmer
Corona im Dienste der Evolution
Kaum haben sich die Corona Wolken etwas
gelichtet, zieht eine neue dunkle Front herauf: der Angriff auf die Ukraine.
Die zurückgewonnene „Normalität“ (haben wir gar nichts gelernt?) wird
unterschwellig von einem mulmigen Gefühl getrübt, das sich mit einer Steigerung
der Preise und dem Ausfall von Lieferketten konkretisiert. Aber vergessen wir
nicht: Im Vergleich zu vielen anderen Ländern geht es uns gut – ein Grund zur
Dankbarkeit trotz allem.
Die vergangenen beiden Corona-Jahre
haben uns drastisch vor Augen geführt, dass wir uns mehr denn je mit der
Ungewissheit und der Unberechenbarkeit des Lebens arrangieren müssen. Unsere
Pläne und Erwartungen werden immer wieder durchkreuzt und Unerwartetes tut sich
auf. Es gibt im menschlichen Geist (Verstand und Emotionen) keine Gewissheiten,
damit müssen wir uns abfinden – die Conditio
humana. Gewissheiten müssen wir woanders suchen, zum Beispiel wenn wir unseren
unsteten Geist transzendieren …
Mit der wärmeren Jahreszeit hat sich die
Infektionslage etwas entspannt. Die Corona-Maßnahmen werden weitgehend
zurückgenommen, aber von Entwarnung ist keine Rede. Es werden wohl immer wieder
neue Varianten auftauchen und unerwartete Situationen entstehen. Bis die
Menschheit ihre Lektionen gelernt hat? (Vergl. VISIONEN Okt/Nov 21: „Wir haben uns verirrt“) „Es kann so oder so
oder auch ganz anders kommen“, konstatiert der Corona-Modellier Dirk Brokmann,
Physiker an der Berliner Humboldt-Universtät.
Mehr und mehr Menschen fassen sich an
den Kopf und fragen nach dem Sinn des ganzen Theaters: „Was soll denn das alles?“
Und weswegen? „Was ist denn der Sinn
hinter allem? Und des Daseins überhaupt?“ Sie fragen sich das, obwohl durch die
gegenwärtig komplexer gewordene
Lebensbewältigung ihnen weniger Zeit zum Nachdenken bleibt. Oder vielleicht
gerade deswegen? Dabei hat die Naturwissenschaft die Sinnfrage längst
beantwortet. Doch wenige sind sich dessen bewusst; die meisten leben ohne
inneren Kompass.
Die Evolutionsforschung der letzten
Jahrzehnte hat die Abstammungslehre von Charles Darwin in ihren Grundzügen
bestätigt. „Nichts macht Sinn in der Biologie außer im Lichte der Evolution“,
sagt Theodosius Dobzhansky einer der großen Evolutionsbiologen. Und worauf hat
es die Evolution abgesehen? Von der Urzelle bis zum Menschen: Die Organismen
werden im Verlauf der Stammesgeschichte immer komplexer, sie werden immer
cleverer in ihrer Überlebensstrategie und bewusster im Erleben ihres Daseins.
Das Leben in der Materie wird immer intensiver.
Begonnen hat das ganze Spiel, so die
plausible Hypothese, vor etwa 14 Milliarden Jahren mit einem „Urknall“, einem
großen Symmetriebruch des ewigruhenden
Vereinheitlichten Feldes, das von der
Quantenphysik als der abstrakte Urgrund unseres
Universums angesehen wird. Es folgt eine fantastische kosmische
Evolution, die nach etwa 9,5 Milliarden Jahren zur Entstehung der Erde führt.
Hier, auf unserem Planeten, finden sich die Vorbedingungen zur Entstehung des
Lebens: eine Fülle an biogenen Elementen, die zur Synthese von DNA- und
Protein-Makromolekülen führt. Aus ihrer Vereinigung ist wahrscheinlich das
Leben, das Biomolekül, hervorgegangen –
der Hypothesen sind viele. Die meisten Forscher verschließen sich der
Akzeptanz einer mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht nachweisbaren
intelligenten Evolutionsdynamik, eines Willens zum Leben und eines Drangs nach
Weiterentwicklung, nach Transzendenz –
kommen jedoch ohne ihre Annahme nicht aus.
Das Leben beginnt vermutlich im Wasser.
In der „Ursuppe“ des Meeres gibt es alsbald eine Fülle von vielfältigen sich
selbst organisierenden Biomolekülen. Sie vereinigen sich und fallen wieder
auseinander, bedingt durch aggressive Sonnenstrahlen und elektrische
Entladungen; sie suchen nach neuen Partnern, ein Hin und Her, ein Prozess über
Jahrmillionen – Aufbau und Zerfall. Aber
irgendwann, irgendwo kommt es „durch Zufall“, oder sagen wir durch Resonanz, zu
festen Beziehungen, zu stabilen Partnerschaften mit ganz neuen Qualitäten.
Kennen wir das nicht auch aus unserem
eigenen Leben? Wir sehnen uns nach einem Partner, gehen diese oder jene
Beziehung ein, bis wir „zufällig“ mit jemandem eine Resonanz erleben – uns
verlieben – und unseren Lebenspartner (hoffentlich!) gefunden haben. Ähnlich
verhält es sich mit der Evolution: Da ist nur diese Sehnsucht nach Erfüllung.
Wie diese Erfüllung sich gestaltet, ist offen.
Das Prinzip der Selektion
In der Ursuppe, so ist anzunehmen,
beginnt auch ein Wettlauf ums Überleben. Die Urzellen waren für ihre Ernährung
auf organische Nahrung angewiesen und haben sich wahrscheinlich gegenseitig
gefressen. Nur die Fittesten haben überlebt: Hier kommt vermutlich zum ersten
Mal das Prinzip der Auslese ins Spiel, der „Selektion“, das die Evolution
vorantreibt. Wir finden es auf allen Stufen der Stammesgeschichte: bei den Fischen,
Amphibien, Reptilien, Säugetieren und dem Menschen. Auf der sich anbahnenden kommenden
Stufe der Evolution wird das Prinzip der natürlichen, unbewussten Selektion
durch eine vom Menschen ausgehende bewusste
Evolution ergänzt. (Siehe weiter unten.)
Die natürliche Selektion ist beim
Gegenwartsmenschen durch ein soziales Netz weitgehend abgefedert, aber auf
kollektiver Ebene kann sie sich, beispielsweise im Arbeitsleben, mit aller
Härte zeigen. Da gibt es Firmen und Konzerne, die andere ausstechen oder zur
feindlichen Übernahme zwingen oder die durch Fusionen an Macht gewinnen. Noch
sind wir weitgehend unfähig zur Kooperation und damit zur Koevolution.
Es sind zwei Urtriebe, welche die
Evolution vorantreiben: ein wachsamer Überlebenstrieb und ein unbewusster Drang
nach Wachstum und Selbsttranszendenz. Sie sind es, die schon die Urzellen
bewegen – ein Leben als ständige Wachsamkeit und mit dem naturgegebenen Trieb
über sich selbst hinauszuwachsen, zu evolvieren. So wird hier bereits auf
dieser Ebene der Sinn des Lebens offenbar: die Evolution des Bewusstseins =
mehr Intelligenz zum Überleben und mehr Intensität zum Erleben = mehr
Daseinsfreude.
Im Wettlauf der Evolution
Die Evolutionsbiologen bedienen sich zur
Veranschaulichung der niemals ruhenden Evolutionsdynamik einer Metapher aus dem
beliebten Kinderbuch „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll (1865) und seiner Weiterführung „Alice hinter den
Spiegeln“. Hier entdeckt Alice im Traum hinter dem großen Spiegel auf dem Sims
des Kamins eine ganze Parallelwelt. Das kleine Mädchen begegnet u.a. der roten Königin, die es an der Hand
nimmt und mit ihm aus Leibeskräften rennt:
Das Seltsamste dabei war, dass sich die Bäume und
alles andere um sie her überhaupt nicht vom Fleck rührten: Wie schnell sie auch
rannten, liefen sie doch anscheinend nie an etwas vorbei. (…) „In unserem
Land“, sagte Alice, noch immer ein wenig atemlos, „kommt man im Allgemeinen
woandershin, wenn man so schnell und lange läuft wie wir eben.“ „Behäbige
Gegend!“, sagte die Königin. „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du
kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst. Und um woandershin zu kommen,
muss man mindestens doppelt so schnell laufen!“ [i]
Die Evolutionsbiologen sprechen von der
„Roten Königin- Hypothese“, wenn es in einem Koevolutionsprozess um ein
ständiges gegenseitiges Aufholmanöver geht: Das System muss sich kontinuierlich
entwickeln, um mit konkurrierenden Systemen mitzuhalten. Dabei sind es nicht
die Umweltbedingungen, die den „Roten-Königin-Effekt“ auslösen, sondern die
Lebenskraft und der Überlebensdrang der beteiligten Organismen. Gleichzeitig
kommt es, als Nebenerscheinung gewissermaßen, zu evolutionärem
Fortschritt. So kann es zum Beispiel
zwischen einem Parasiten und seinem Wirt zu einem evolutionären Wettrüsten
kommen, um „auf dem Laufenden“ zu bleiben.
Vielleicht trifft das auch zu beim
Corona-Virus und seinem Wirt, dem Menschen. Da das körpereigene Abwehrsystem
sich von Natur aus immer wieder anpasst, muss das Virus ständig mutieren, um es
auszutricksen und um anzudocken. Vielleicht unterbindet damit ein Impfstoff,
welcher das Abwehrsystem stärken soll, die Mobilisierung der von Natur aus
gegebenen Abwehrkräfte. In die wechselseitige Anpassung, den Wettlauf zwischen
Virus und Immunsystem, wird von außen ein Ungleichgewicht zugeführt.
Auch die Koevolution zwischen Mensch und
Natur ist gestört. Wir suchen ständig nach mehr Wohlstand und Freizeit und
beuten dabei die Natur aus – wir sägen am Ast auf dem wir sitzen. Zahlreiche
Studien haben zum Beispiel gezeigt, dass
durch die Abholzung des Regenwaldes Wildtiere ihres Lebensraumes beraubt werden
und auf ihrer Nahrungssuche mit Menschen in Kontakt kommen. Dabei werden auch
Krankheiten übertragen: Zoonosen, von Tieren auf Menschen übertragene
Krankheiten. Hierzu gehört aller Wahrscheinlichkeit auch Covid 19. Die Natur gibt Feedback.
Gefahr der Stagnation
In unserem Hunger nach Wohlstand und
Freizeit beuten wir nicht nur die Natur aus, sondern versuchen auch ständig,
unser Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Durch Einsatz von Maschinen
und Robotern, durch Automatisierung und Digitalisierung kommt es – abgesehen vom Einarbeitungsstress – langfristig zur Arbeitserleichterung und zur
Arbeitszeitverkürzung. Die gewonnene Freizeit wird vielfach mit Spaß und Konsum
gefüllt; bei manchen Wohlstandsbürgern schleicht sich ein Hang zur
Bequemlichkeit und zur Passivität ein. Manch einer fährt mit dem Auto zur
Arbeit, obwohl er die Strecke problemlos mit dem Fahrrad zurücklegen könnte und damit gleichzeitig
auch seine Fitness und Abwehrkräfte „boostern“ würde.
Aber
die Natur will Evolution. Und in diesem
Zusammenhang ist auch Corona zu sehen. Das Virus hat es geschafft, uns auf Trab
zu bringen. Das Leben ist mit all den sich ständig ändernden Corona-Regularien
komplizierter und unberechenbarer geworden und wird als eingeengt empfunden. Die
Zahl der psychisch Erkrankten hat sich in den letzten beiden Jahren verdoppelt.
Besteht von Natur aus ein Wettlauf mit
der Zeit, wie bei Alice und der roten Königin, so ist jetzt das Tempo noch
schneller geworden. Die Bewältigung des Alltags verlangt von jeher Tausende von
Handgriffen, die teils zur Routine werden. Jetzt kommt eine ständige Auseinandersetzung
mit immer wieder neuen Innovationen und Regularien sowie eine fortschreitende
Digitalisierung hinzu. Schließlich ist da noch das mulmige Gefühl oder sogar eine
lähmende Angst vor einem übergreifenden Krieg aus der Ukraine. Sei wachsam,
bleibe „auf dem Laufenden“ und – wichtig –
bleibe gleichzeitig etwas distanziert, oder du kommst unter die Räder.
Leben ist ein Wettlauf mit der Zeit; aber
auch die Materie hält uns auf Trab. Denn
die Materie an sich unterliegt von Natur aus der Desintegration. In einem
geschlossenen System zum Beispiel, d.h. ohne Zufuhr von Energie von außen, zerfällt
sie und löst sie sich auf in ihren Grundzustand. Die Zustandsbefindlichkeit
eines Systems, den Grad seiner Ordnung, bezeichnen die Physiker als Entropie. Sie
kann zunehmen, gleichbleiben (Fließgleichgewicht) oder abnehmen. Auf den
Menschen übertragen heißt das, wie bei Alice hinter den Spiegeln, wir müssen
ständig aktiv sein, um unseren Status quo aufrecht zu erhalten; und um ihn zu
verbessern, müssen wir uns mehr
anstrengen: So steht es nun mal mit der Conditio humana.
Innehalten
Aber nicht nur strampeln. Machst du auch
mal eine Pause? Hältst du inne, lässt du mal die Seele baumeln und gibst der
Kreativität und der Vernunft eine Chance? Wenn du ständig schneller laufen
musst, wirst du bald erschöpft sein. Schau dich einmal um. Vielleicht gibt es
noch effizientere Wege, die dir in der Entspannung einfallen, um mit weniger
Anstrengung ans Ziel zu kommen.
Achtsamkeit, Reflexion, Bewusstsein sind
das, was die Evolution von uns erwartet.
Sie erleichtern unsere Lebensbewältigung und geben unserem Wunsch nach
Selbstverwirklichung mehr Freiraum. Vielleicht meldet sich dann bei mir,
nachdem alle meine Grundbedürfnisse und Verpflichtungen erfüllt sind, mein lang
gehegter Wunsch, ein Musikinstrument zu erlernen. Oder ich investiere Zeit, um
mein Bewusstsein bewusst zu erweitern. Damit beschleunige ich meine Evolution und bringe mehr Achtsamkeit,
mehr Fluss und eine unterschwellige Freude in mein Leben.
Hat mich bislang die ständig sich
ändernde Umwelt zur Anpassung gezwungen
und damit die Erweiterung meines Bewusstseins unbewusst vorangetrieben, so kooperiere ich jetzt mit der
Evolution, indem ich mein Bewusstsein bewusst
erweitere: ein Phasensprung in der
langen Geschichte der Evolution!
Der Wege und Angebote sind viele:
Yoga, Meditation, Tai-Chi, Chi-Gong,
Achtsamkeitstraining u.a.m. Entscheidend ist, dass ich mich auf einen mir
gemäßen Weg einlasse und am Ball bleibe, d.h. nachhaltig praktiziere. Damit
unterstütze ich das was das Leben ohnehin schon mit mir vorhat: die
evolutionäre Erweiterung des Bewusstseins. Fortan brauche ich weniger Frust und
Ärger, um mich durch Feedback und Reflexion wieder auf die richtige Spur zu
bringen. Ich erfülle den Sinn des Lebens,
und das Leben kommt mir entgegen! Eine Gesellschaft, die nicht den Sinn des
Lebens kennt, lebt blind.[ii]
Das ist der Weisheit letzter Schluss: Nur der
verdient sich Freiheit wie das Leben,
der täglich
sie erobern muss. (Goethe,
Faust II)
Verfasser:
Dr. Christian
Brehmer, Evolutionsforscher, Philosoph und Autor, www.bewusstseins-evolution.de E-Mail: brehmer.c@web.de
Vom
Urknall zur Erleuchtung. Die Evolution des Bewusstseins als Ausweg aus der
Krise (Verlag Via Nova, 2007)
Woher? Wohin? Orientierung im Leben. Die Evolution des Bewusstseins als
Ausweg aus der Krise (Verlag Via
Nova, 2018)
[i] Hoff, Peter, et al.: Evolution. Schroedel Verlag,
Hannover 1999, S. 109
[ii] Brehmer, Christian: Wir haben uns verirrt. Uns fehlt die entscheidende Dimension. In: Visionen 6/2021