Freitag, 29. April 2022

Philrunde Mai 2022              

Wir müssen uns damit abfinden:            

 die Conditio humana                  Christian Brehmer

Corona im Dienste der Evolution

Kaum haben sich die Corona Wolken etwas gelichtet, zieht eine neue dunkle Front herauf: der Angriff auf die Ukraine. Die zurückgewonnene „Normalität“ (haben wir gar nichts gelernt?) wird unterschwellig von einem mulmigen Gefühl getrübt, das sich mit einer Steigerung der Preise und dem Ausfall von Lieferketten konkretisiert. Aber vergessen wir nicht: Im Vergleich zu vielen anderen Ländern geht es uns gut – ein Grund zur Dankbarkeit trotz allem.

Die vergangenen beiden Corona-Jahre haben uns drastisch vor Augen geführt, dass wir uns mehr denn je mit der Ungewissheit und der Unberechenbarkeit des Lebens arrangieren müssen. Unsere Pläne und Erwartungen werden immer wieder durchkreuzt und Unerwartetes tut sich auf. Es gibt im menschlichen Geist (Verstand und Emotionen) keine Gewissheiten, damit müssen wir uns abfinden –  die Conditio humana. Gewissheiten müssen wir woanders suchen, zum Beispiel wenn wir unseren unsteten Geist  transzendieren …    

Mit der wärmeren Jahreszeit hat sich die Infektionslage etwas entspannt. Die Corona-Maßnahmen werden weitgehend zurückgenommen, aber von Entwarnung ist keine Rede. Es werden wohl immer wieder neue Varianten auftauchen und unerwartete Situationen entstehen. Bis die Menschheit ihre Lektionen gelernt hat? (Vergl. VISIONEN Okt/Nov 21: „Wir haben uns verirrt“) „Es kann so oder so oder auch ganz anders kommen“, konstatiert der Corona-Modellier Dirk Brokmann, Physiker an der Berliner Humboldt-Universtät.                                                                                                                                                                Mehr und mehr Menschen fassen sich an den Kopf und fragen nach dem Sinn des  ganzen Theaters: „Was soll denn das alles?“ Und weswegen?  „Was ist denn der Sinn hinter allem? Und des Daseins überhaupt?“ Sie fragen sich das, obwohl durch die gegenwärtig  komplexer gewordene Lebensbewältigung ihnen weniger Zeit zum Nachdenken bleibt. Oder vielleicht gerade deswegen? Dabei hat die Naturwissenschaft die Sinnfrage längst beantwortet. Doch wenige sind sich dessen bewusst; die meisten leben ohne inneren Kompass. 

Die Evolutionsforschung der letzten Jahrzehnte hat die Abstammungslehre von Charles Darwin in ihren Grundzügen bestätigt. „Nichts macht Sinn in der Biologie außer im Lichte der Evolution“, sagt Theodosius Dobzhansky einer der großen Evolutionsbiologen. Und worauf hat es die Evolution abgesehen? Von der Urzelle bis zum Menschen: Die Organismen werden im Verlauf der Stammesgeschichte immer komplexer, sie werden immer cleverer in ihrer Überlebensstrategie und bewusster im Erleben ihres Daseins. Das Leben in der Materie wird immer intensiver.

Begonnen hat das ganze Spiel, so die plausible Hypothese, vor etwa 14 Milliarden Jahren mit einem „Urknall“, einem großen Symmetriebruch  des ewigruhenden Vereinheitlichten Feldes, das  von der Quantenphysik als der abstrakte Urgrund unseres  Universums angesehen wird. Es folgt eine fantastische kosmische Evolution, die nach etwa 9,5 Milliarden Jahren zur Entstehung der Erde führt. Hier, auf unserem Planeten, finden sich die Vorbedingungen zur Entstehung des Lebens: eine Fülle an biogenen Elementen, die zur Synthese von DNA- und Protein-Makromolekülen führt. Aus ihrer Vereinigung ist wahrscheinlich das Leben, das Biomolekül, hervorgegangen –  der Hypothesen sind viele. Die meisten Forscher verschließen sich der Akzeptanz einer mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht nachweisbaren intelligenten Evolutionsdynamik, eines Willens zum Leben und eines Drangs nach Weiterentwicklung, nach Transzendenz –  kommen jedoch ohne ihre Annahme nicht aus.

Das Leben beginnt vermutlich im Wasser. In der „Ursuppe“ des Meeres gibt es alsbald eine Fülle von vielfältigen sich selbst organisierenden Biomolekülen. Sie vereinigen sich und fallen wieder auseinander, bedingt durch aggressive Sonnenstrahlen und elektrische Entladungen; sie suchen nach neuen Partnern, ein Hin und Her, ein Prozess über Jahrmillionen –  Aufbau und Zerfall. Aber irgendwann, irgendwo kommt es „durch Zufall“, oder sagen wir durch Resonanz, zu festen Beziehungen, zu stabilen Partnerschaften mit ganz neuen Qualitäten.

Kennen wir das nicht auch aus unserem eigenen Leben? Wir sehnen uns nach einem Partner, gehen diese oder jene Beziehung ein, bis wir „zufällig“ mit jemandem eine Resonanz erleben – uns verlieben – und unseren Lebenspartner (hoffentlich!) gefunden haben. Ähnlich verhält es sich mit der Evolution: Da ist nur diese Sehnsucht nach Erfüllung. Wie diese Erfüllung sich gestaltet, ist offen.

Das Prinzip der Selektion 

In der Ursuppe, so ist anzunehmen, beginnt auch ein Wettlauf ums Überleben. Die Urzellen waren für ihre Ernährung auf organische Nahrung angewiesen und haben sich wahrscheinlich gegenseitig gefressen. Nur die Fittesten haben überlebt: Hier kommt vermutlich zum ersten Mal das Prinzip der Auslese ins Spiel, der „Selektion“, das die Evolution vorantreibt. Wir finden es auf allen Stufen der Stammesgeschichte: bei den Fischen, Amphibien, Reptilien, Säugetieren und dem Menschen. Auf der sich anbahnenden kommenden Stufe der Evolution wird das Prinzip der natürlichen, unbewussten Selektion durch eine vom Menschen ausgehende bewusste Evolution ergänzt. (Siehe weiter unten.)   

Die natürliche Selektion ist beim Gegenwartsmenschen durch ein soziales Netz weitgehend abgefedert, aber auf kollektiver Ebene kann sie sich, beispielsweise im Arbeitsleben, mit aller Härte zeigen. Da gibt es Firmen und Konzerne, die andere ausstechen oder zur feindlichen Übernahme zwingen oder die durch Fusionen an Macht gewinnen. Noch sind wir weitgehend unfähig zur Kooperation und damit zur Koevolution.

Es sind zwei Urtriebe, welche die Evolution vorantreiben: ein wachsamer Überlebenstrieb und ein unbewusster Drang nach Wachstum und Selbsttranszendenz. Sie sind es, die schon die Urzellen bewegen – ein Leben als ständige Wachsamkeit und mit dem naturgegebenen Trieb über sich selbst hinauszuwachsen, zu evolvieren. So wird hier bereits auf dieser Ebene der Sinn des Lebens offenbar: die Evolution des Bewusstseins = mehr Intelligenz zum Überleben und mehr Intensität zum Erleben = mehr Daseinsfreude.

Im Wettlauf der Evolution

Die Evolutionsbiologen bedienen sich zur Veranschaulichung der niemals ruhenden Evolutionsdynamik einer Metapher aus dem beliebten Kinderbuch „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll (1865)  und seiner Weiterführung „Alice hinter den Spiegeln“. Hier entdeckt Alice im Traum hinter dem großen Spiegel auf dem Sims des Kamins eine ganze Parallelwelt. Das kleine Mädchen begegnet  u.a. der roten Königin, die es an der Hand nimmt und mit ihm aus Leibeskräften rennt:

Das Seltsamste dabei war, dass sich die Bäume und alles andere um sie her überhaupt nicht vom Fleck rührten: Wie schnell sie auch rannten, liefen sie doch anscheinend nie an etwas vorbei. (…) „In unserem Land“, sagte Alice, noch immer ein wenig atemlos, „kommt man im Allgemeinen woandershin, wenn man so schnell und lange läuft wie wir eben.“ „Behäbige Gegend!“, sagte die Königin. „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst. Und um woandershin zu kommen, muss man mindestens doppelt so schnell laufen!“ [i]                                                                                                                                                                                                        

Die Evolutionsbiologen sprechen von der „Roten Königin- Hypothese“, wenn es in einem Koevolutionsprozess um ein ständiges gegenseitiges Aufholmanöver geht: Das System muss sich kontinuierlich entwickeln, um mit konkurrierenden Systemen mitzuhalten. Dabei sind es nicht die Umweltbedingungen, die den „Roten-Königin-Effekt“ auslösen, sondern die Lebenskraft und der Überlebensdrang der beteiligten Organismen. Gleichzeitig kommt es, als Nebenerscheinung gewissermaßen, zu evolutionärem Fortschritt.  So kann es zum Beispiel zwischen einem Parasiten und seinem Wirt zu einem evolutionären Wettrüsten kommen, um „auf dem Laufenden“ zu bleiben.

Vielleicht trifft das auch zu beim Corona-Virus und seinem Wirt, dem Menschen. Da das körpereigene Abwehrsystem sich von Natur aus immer wieder anpasst, muss das Virus ständig mutieren, um es auszutricksen und um anzudocken. Vielleicht unterbindet damit ein Impfstoff, welcher das Abwehrsystem stärken soll, die Mobilisierung der von Natur aus gegebenen Abwehrkräfte. In die wechselseitige Anpassung, den Wettlauf zwischen Virus und Immunsystem, wird von außen ein Ungleichgewicht zugeführt.

Auch die Koevolution zwischen Mensch und Natur ist gestört. Wir suchen ständig nach mehr Wohlstand und Freizeit und beuten dabei die Natur aus – wir sägen am Ast auf dem wir sitzen. Zahlreiche Studien  haben zum Beispiel gezeigt, dass durch die Abholzung des Regenwaldes Wildtiere ihres Lebensraumes beraubt werden und auf ihrer Nahrungssuche mit Menschen in Kontakt kommen. Dabei werden auch Krankheiten übertragen: Zoonosen, von Tieren auf Menschen übertragene Krankheiten. Hierzu gehört aller Wahrscheinlichkeit auch Covid 19. Die Natur gibt Feedback.

Gefahr der Stagnation

In unserem Hunger nach Wohlstand und Freizeit beuten wir nicht nur die Natur aus, sondern versuchen auch ständig, unser Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Durch Einsatz von Maschinen und Robotern, durch Automatisierung und Digitalisierung kommt es –  abgesehen vom Einarbeitungsstress –  langfristig zur Arbeitserleichterung und zur Arbeitszeitverkürzung. Die gewonnene Freizeit wird vielfach mit Spaß und Konsum gefüllt; bei manchen Wohlstandsbürgern schleicht sich ein Hang zur Bequemlichkeit und zur Passivität ein. Manch einer fährt mit dem Auto zur Arbeit, obwohl er die Strecke problemlos mit dem Fahrrad  zurücklegen könnte und damit gleichzeitig auch seine Fitness und Abwehrkräfte „boostern“ würde.

Aber die Natur will Evolution. Und  in diesem Zusammenhang ist auch Corona zu sehen. Das Virus hat es geschafft, uns auf Trab zu bringen. Das Leben ist mit all den sich ständig ändernden Corona-Regularien komplizierter und unberechenbarer geworden und wird als eingeengt empfunden. Die Zahl der psychisch Erkrankten hat sich in den letzten beiden Jahren verdoppelt.

Besteht von Natur aus ein Wettlauf mit der Zeit, wie bei Alice und der roten Königin, so ist jetzt das Tempo noch schneller geworden. Die Bewältigung des Alltags verlangt von jeher Tausende von Handgriffen, die teils zur Routine werden. Jetzt kommt eine ständige Auseinandersetzung mit immer wieder neuen Innovationen und Regularien sowie eine fortschreitende Digitalisierung hinzu. Schließlich ist da noch das mulmige Gefühl oder sogar eine lähmende Angst vor einem übergreifenden Krieg aus der Ukraine. Sei wachsam, bleibe „auf dem Laufenden“ und – wichtig –  bleibe gleichzeitig etwas distanziert, oder du kommst unter die Räder.

Leben ist ein Wettlauf mit der Zeit; aber auch die  Materie hält uns auf Trab. Denn die Materie an sich unterliegt von Natur aus der Desintegration. In einem geschlossenen System zum Beispiel, d.h. ohne Zufuhr von Energie von außen, zerfällt sie und löst sie sich auf in ihren Grundzustand. Die Zustandsbefindlichkeit eines Systems, den Grad seiner Ordnung, bezeichnen die Physiker als Entropie. Sie kann zunehmen, gleichbleiben (Fließgleichgewicht) oder abnehmen. Auf den Menschen übertragen heißt das, wie bei Alice hinter den Spiegeln, wir müssen ständig aktiv sein, um unseren Status quo aufrecht zu erhalten; und um ihn zu verbessern, müssen wir uns  mehr anstrengen: So steht es nun mal mit der Conditio humana.

Innehalten

Aber nicht nur strampeln. Machst du auch mal eine Pause? Hältst du inne, lässt du mal die Seele baumeln und gibst der Kreativität und der Vernunft eine Chance? Wenn du ständig schneller laufen musst, wirst du bald erschöpft sein. Schau dich einmal um. Vielleicht gibt es noch effizientere Wege, die dir in der Entspannung einfallen, um mit weniger Anstrengung ans Ziel zu kommen.

                                                                                                                                                   Achtsamkeit, Reflexion, Bewusstsein sind das, was die Evolution von uns erwartet.  Sie erleichtern unsere Lebensbewältigung und geben unserem Wunsch nach Selbstverwirklichung mehr Freiraum. Vielleicht meldet sich dann bei mir, nachdem alle meine Grundbedürfnisse und Verpflichtungen erfüllt sind, mein lang gehegter Wunsch, ein Musikinstrument zu erlernen. Oder ich investiere Zeit, um mein Bewusstsein bewusst zu erweitern. Damit beschleunige ich  meine Evolution und bringe mehr Achtsamkeit, mehr Fluss und eine unterschwellige Freude in mein Leben.

Hat mich bislang die ständig sich ändernde Umwelt zur Anpassung  gezwungen und damit die Erweiterung meines Bewusstseins unbewusst vorangetrieben, so kooperiere ich jetzt mit der Evolution, indem ich mein Bewusstsein bewusst erweitere: ein Phasensprung in der langen Geschichte der Evolution!

Der Wege und Angebote sind viele: Yoga,  Meditation, Tai-Chi, Chi-Gong, Achtsamkeitstraining u.a.m. Entscheidend ist, dass ich mich auf einen mir gemäßen Weg einlasse und am Ball bleibe, d.h. nachhaltig praktiziere. Damit unterstütze ich das was das Leben ohnehin schon mit mir vorhat: die evolutionäre Erweiterung des Bewusstseins. Fortan brauche ich weniger Frust und Ärger, um mich durch Feedback und Reflexion wieder auf die richtige Spur zu bringen. Ich erfülle den Sinn des Lebens, und das Leben kommt mir entgegen! Eine Gesellschaft, die nicht den Sinn des Lebens kennt, lebt blind.[ii] 

Das ist der Weisheit letzter Schluss:                                                        Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,                                 

  der täglich sie erobern muss.                      (Goethe, Faust II) 

 

 

Verfasser:

Dr. Christian Brehmer, Evolutionsforscher, Philosoph und Autor, www.bewusstseins-evolution.de   E-Mail: brehmer.c@web.de                              

 Vom Urknall zur Erleuchtung. Die Evolution des Bewusstseins als Ausweg aus der Krise  (Verlag Via Nova, 2007)                                                                                       

 Woher? Wohin? Orientierung im Leben. Die Evolution des Bewusstseins als Ausweg aus der Krise  (Verlag Via Nova, 2018)         

                                                     

 

                                                                                                                          

 

 



[i]   Hoff, Peter, et al.: Evolution. Schroedel  Verlag, Hannover 1999, S. 109 

[ii]  Brehmer, Christian: Wir haben uns verirrt. Uns fehlt die entscheidende Dimension. In: Visionen 6/2021

 

 

 

Samstag, 26. März 2022

Philrunde April 2022


Vom Allesfresser zum Veganer? 

 
                                                                                              Klaus Burghardt
 
Keine andere Entscheidung des normalen Durchschnittsmenschen beeinflusst so viele Bereiche seiner (und unser aller) Lebensbedingungen wie die für eine bestimmte Ernährungsweise.

 

Diese gewagte? These möchte ich hier zur Diskussion stellen.

 

Es geht mir dabei nicht um eine systematische Darstellung, dies ist keine wissenschaftliche Abhandlung. Ich möchte vielmehr anhand meiner persönlichen Erfahrungen einige ernährungsbezogene Fragen aufwerfen und zum Ende hin ein, zwei meereskundliche Erkenntnisse anführen.

 

Der Titel dieses Aufsatzes fasst einen wesentlichen Teil meiner persönlichen Entwicklung in vier Worten zusammen - wobei das Fragezeichen darauf hinweist, dass ich den letzten Schritt meines Weges noch nicht getan habe.

 

Schweinefleisch zum Frühstück ...

 

Wie speiste ich früher? Zwei Koteletts am Tag waren keine Seltenheit. Zum Frühstück eine Gemüsesuppe mit Schweinebacke. Beim Paulaner an der Schlachte lecker Hackbraten mit Schwarzbiersoße, bei Costa gegrillte Lammfilets …

 

In den Achtzigern las ich einen Artikel „Krebs und Ernährung“ – mein erstes mehr oder weniger bewusstes Wahrnehmen eines möglichen Zusammenhangs von Ernährung und Gesundheit. (Mittlerweile ergibt eine Internetsuche Hinweise auf etliche Studien, die einen eindeutigen Zusammenhang von Fleischkonsum und Krebsrisiko konstatieren.) In den Neunzigern schafften wir uns unseren ersten Hund an, was mein Verhältnis zu Tieren sehr stark, meinen Fleischkonsum aber in keiner Weise beeinflusste.

 

Kognitive Dissonanz?

 

In dieser Zeit hatte ich ein Problem, dessen ich mir unterschwellig bewusst war: Meine Bewertungen und mein Verhalten waren in sich nicht schlüssig. Es erzürnte mich, dass in anderen Teilen der Welt Hunde geschlachtet und verzehrt wurden [wobei ich nicht ahnte, dass dies, während ich mich darüber ärgerte, (bis 1986!) auch in Deutschland erlaubt war.] und sprach mich vehement gegen den Walfang aus – wohl wissend, dass die Lebens- und Tötungsbedingungen für unsere Nutztiere schrecklich sind und ich durch meinen Verzehr derselben diese Bedingungen akzeptierte, legitimierte und zementierte. Es hat lange gedauert, bis ich mir selbst verbot, zumindest keine winzigen Tiere wie Muscheln oder Sardinen mehr zu essen, die mir leider ausgezeichnet mundeten, von denen ich aber eine große Menge verzehren musste, um meinen Appetit zu stillen. Für meinen Genuss (um nichts Wichtigeres ging es) wurden 10, 15, 20 Tiere gequält: Lebend in kochendes Wasser geworfen oder gar mehrere Minuten langsam geköchelt, bis in ihrer Todesqual die Kräfte nachließen und sie ihre Schale nicht mehr gegen die Hitze geschlossen halten konnten. Dabei hat für mich die Ausrede, diese Tiere hätten kein Schmerzempfinden, nie eine Rolle gespielt. Ich habe ihre Schmerzen genauso verdrängt, wie ich das mit der Tortur im Schlachthof tat. Und mich gleichzeitig für einen Tierfreund gehalten. Irgendetwas stimmte da nicht ...

 

Bio

 

Vor einigen Jahren stieg ich bei Fleisch und Fisch auf Bio um, wo immer dies möglich war. Beim Wocheneinkauf etwa. In Restaurants gab es meist kein Biofleisch, da musste dann das normale herhalten. Ich habe diese Phase in einem kleinen Gedicht1 behandelt. Anlass dafür war ein privates Gespräch am Rande unserer Hobby-Philosophenrunde: Chris und Christine hatten unabhängig voneinander erlebt, wie ein Kalb von seiner Mutter getrennt wurde und wie furchtbar beide Tiere darunter litten. Dieses Problem scheint es bis auf seltene Ausnahmen auch in der Bio-Tierhaltung noch zu geben.

 

Im Zusammenhang mit meinem Gedicht habe ich mir auch Videos aus Schlachthöfen angesehen … und trotzdem weiter, wenn auch in geringerem Umfang, Fleisch gegessen. Mir geht damit jegliches Recht ab, wem auch immer wegen seiner Ernährungsgewohnheiten moralische Vorwürfe machen zu wollen. Dies ist demnach in keiner Weise die Intention meines Textes.

 

Corona – ein Einschnitt

 

Mit Beginn der Coronapandemie stellten wir unsere Restaurantbesuche ein. Der damit einhergehende Verzicht auf konventionell erzeugtes Fleisch zog die Überlegung nach sich: Warum nicht auch auf Biofleisch verzichten? Und auf Wurst? Und auf Fisch? Irgendwie waren wir zu Vegetariern geworden. Gesundheitliche Probleme waren nach den uns vorliegenden Informationen – eine ausreichende Nährstoffversorgung, auf die auch Fleischesser achten müssen, vorausgesetzt - nicht zu erwarten, möglicherweise war eher das Gegenteil der Fall2. Als Quasiveganer nehmen wir nun, um einen Vitamin-B12-Mangel zu vermeiden, zweimal wöchentlich eine B12-Tablette ein. (Es gibt übrigens auch Kapseln und Tropfen.)

 

Hauptantrieb für diese Umstellung war das Leid, das Tieren angetan wird – auch (immerhin in geringerem Maße!) in Biobetrieben. (Für eine Definition des Begriffs Leid, für eine Diskussion der Ergebnisse der Schmerzforschung bei Tieren und weitere mit möglichem Leiden3 zusammenhängende Fragen ist hier leider kein Raum.) Als ich es mir nicht mehr gestattete, die Angst, das Blut und den Schmerz der zum Schlachthof verbrachten, dort oftmals nicht einmal vollständig betäubten Lebewesen namens Vieh zu verdrängen, da lachte mich die Salami im Wurstregal des Supermarkts immer noch an und rief: „Nimm mich!“ … Ich aber widerstand ihr fortan (zugegeben: nicht immer leichten Herzens) und schritt weiter zum Gemüseregal, wo ich lecker Paprika und Blumenkohl in den Einkaufswagen lud4.

 

Der Anstoß zur veganen Ernährung kam von meiner Frau. Wir taten auch hier nicht einen großen Schritt, sondern tasten uns an den Veganismus heran: Der tägliche (selbst mit Hilfe einer „Joghurette“ hergestellte) Kuhmilchjoghurt wird demnächst durch eine vegane Alternative ersetzt. Noch gönnen wir uns zwei vegetarische Tage im Monat. Da gibt es lecker Pizza und / oder (Bio-)Käse und / oder (Bio-)Eier. Etwas ganz Besonderes also. Bei Kleidung versuchen wir, konsequent zu sein, das ist noch nicht ganz einfach. Aber wir sind auf dem Weg ...

 

Essen und Ethik

 

Ich weiß genau, was der geneigte Leser (jeglichen Geschlechts) sich mittlerweile zu fragen beginnt: Was in aller Welt haben die Essgewohnheiten eines beliebigen Tünnes, und handle es sich dabei auch um unseren werten Klaus, auf unserer philosophisch orientierten Website zu suchen?

 

Nun, nehmen wir an, meine o.a. Prämisse, das Töten von Tieren bereite diesen Leid, treffe zu, und eine wichtige Aufgabe der philosophischen Disziplin Ethik sei es, (grob gesagt) zur Minderung von Leid in der Welt beizutragen. Dann kann man ein Tierleid reduzierendes Handeln m.E. durchaus als ethisch (und damit philosophisch) relevant einstufen.

 

OK, mag besagter Leser einwenden, Ethik ist allerdings von Menschen für Menschen erdacht worden, nicht für Tiere. Damit ignoriert er zum einen die Existenz der Tierethik5 als mittlerweile etablierten Teilbereich der Philosophie. Und er übersieht, dass die vegane Ernährung, mehr noch der Veganismus als Lebensweise, durchaus dazu angetan ist, neben tierischem auch menschliches Leid zu verringern.

 

Zur Verdeutlichung dieses Gedankens nur ein Beispiel:

 

„Um 17 Zentimeter ist der globale Meerespiegel im 20. Jahrhundert gestiegen und er steigt weiter – um bis zu einem Meter bis zum Ende des 21. Jahrhunderts. So lautet die Prognose des Weltklimarats der Vereinten Nationen (IPCC). Davon gehen allein 20 Prozent auf das Konto der Gletscherschmelze. (…) Mit den Gletschern schmelzen auch die weltweiten Trinkwasserreservoire, denn Gletscher sind wichtige Wasserspeicher: (…)“

https://www.greenpeace.de/klimaschutz/klimakrise/folgen-klimawandels

 

Die dramatische Entwicklung des Klimawandels und die damit einhergehenden Folgen für die belebte Natur brauche ich in diesem Blog vermutlich nicht zu schildern. Die Tierindustrie hat hieran einen enormen Anteil. Das Abholzen von Wäldern (Amazonas!) zum Zweck der Fleischproduktion gehört dazu. Ein steigender Meeresspiegel schränkt die Lebensräume von Menschen ein, führt zu Konflikten, Kriegen, Flucht und Vertreibung. Der Verzicht auf tierische Produkte kann ein wichtiger Beitrag dazu sein, eine solche Entwicklung zu verhindern oder abzuschwächen und damit – wie oben angesprochen - menschliches Leid zu verringern.

 

Weitere Beispiele erspare ich mir. Greenpeace, Peta und andere Quellen belegen (für meinen Geschmack überzeugend) den Zusammenhang von Tierproduktion, Klimawandel, Umweltschäden, Welthunger, … Am 11.3.22 fanden sich in der Onlineausgabe der Tageszeitung Neue Westfälische diese vier Schlagzeilen:

 

• Amazonas-Regenwald verliert an Fähigkeit, sich zu erholen
• Antarktisches Meereis dehnt sich immer weniger aus
• Historische Überschwemmungen in Australien
• Klimarat: Milliarden Menschen gefährdet

 

Sollte der von mir vorab konstatierte Zusammenhang bestehen, würde sich ein veganer Lebensstil oder auch nur die vegane Ernährung tatsächlich als ein möglicher Beitrag zur Minderung nicht nur von tierischem, sondern auch von menschlichem Leid erweisen.

 

Nun ist es wohl an der Zeit, dass ich noch einmal meine Eingangsthese aufgreife:

 

Keine andere Entscheidung des normalen Durchschnittsmenschen beeinflusst so viele Bereiche seiner (und unser aller) Lebensbedingungen wie die für eine bestimmte Ernährungsweise.

 

Über die Thesenform werde ich auch beim Versuch ihrer Begründung nicht hinauskommen – womit sich reichlich Anlass für kritische Kommentare bietet!

 

Ich versuchs mal. Die Entscheidung für oder gegen vegane Ernährung hat (mehr oder weniger direkte) Auswirkungen auf

  • die eigene Gesundheit

  • die Art des Lebens und Sterbens der von Zucht und Schlachtung betroffenen Tiere

  • Leben oder Tod von Tieren, die zwar nicht geschlachtet werden, aber in Folge von Abholzung und Brandrodung umkommen – seien dies nun kleinste Insekten oder große Säugetiere einschließlich Primaten

  • Leben oder Tod von Tieren, denen durch die Klimaerwärmung der Lebensraum genommen wird – z.B. Bruno, der Eisbär6

  • Leben oder Tod von Menschen, deren Lebensräume zerstört werden und denen Nahrungsmittel fehlen, weil man die entsprechenden Ressourcen für die Ernährung von Schlachttieren nutzt

  • (...)

 

Das Programm

 

Eine vegane, umweltschonende und ressourcensparende Lebensweise, vielleicht gar kombiniert mit einer Entscheidung für (möglichst regionale) Bioprodukte7 und fairen Handel, Eintreten für einen höheren Mindestlohn, damit diese eventuell teureren Erzeugnisse für möglichst viele Menschen erschwinglich sind, … Diesem Maximalprogramm wird sich nicht jeder verschreiben wollen. Aber auch kleine Schritte zählen. Ich bin gerade dabei, einen solchen zu tun. Geht jemand mit?

 

 

_____

 

1 http://philosophenrunde-melle.blogspot.com/2021/04/

     Auf meiner Website https://www.diverseverse.de/alltag-co/der-omnivore/ finden sich unter dem Gedicht in 39

   Kommentaren etliche sehr interessante Gesichtspunkte zu dem Thema.

 

2 siehe hierzu: http://philosophenrunde-melle.blogspot.com/2021/04/
                                     Glücklich und gesund: Vegane Ernährung hat viele Vorteile!

                     (Auf der Seite ein wenig nach unten blättern!)

3 Schon immer dachte ich, wie furchtbar der Fische Erstickungstod sein muss, die dem Menschen ins Netz

   oder auch an die Angel gehen. Stellte mir umgekehrt vor, als Mensch vor der Zubereitung durch einen

   Kannibalen zunächst unter Wasser getaucht und ersäuft zu werden …

 

4 Die Frage, ob, auf welche Weise und in welchem Maße auch Pflanzen leiden und ob dies mit tierlichem

   Leid gleichzusetzen wäre, kann ich mangels Wissen nicht behandeln. Sollte diese Vermutung zutreffen,

   würde eine vegane Ernährung dennoch zur Leidminderung beitragen, da die für die Fütterung der Nutztiere

   erforderliche Pflanzenmenge zumindest teilweise entfiele. Fleischkonsum führt zum Leiden von

   Pflanzen und Tieren, Veganismus „nur“ zum (nicht vermeidbaren) potenziellen Leiden von Pflanzen.

 

5 Z.B: http://philosophenrunde-melle.blogspot.com/2021/06/philrunde-2.html

   Tierethik - Einige Aspekte der Schopenhauerschen Mitleidsethik

 

6 https://www.diverseverse.de/alltag-co/klein-bruno-der-eisb%C3%A4r/

 

7 „Bioprodukte“ meint hier möglichst umweltverträgliche und tierfreundliche Herstellungsweisen. Eine

   Einschränkung der Massentierhaltung etwa nutzt den betroffenen Tieren, aber auch dem Menschen, weil

   z.B. die präventive Beigabe von Antibiotika (Resistenzen!) überflüssig und die Gefahr der Entstehung von

   Zoonosen reduziert würde. Mit jedem Menschen, der sich solche Waren finanziell leisten kann, erhöht sich

   das Potenzial zur Realisierung der in der Bioproduktion angelegten positiven Möglichkeiten.

 



Mittwoch, 23. Februar 2022

Philrunde 4.3. 2022:

Spiritualität im Alltag

Ein Blogbeitrag von Hans-Ueli Schlumpf an die Philosophenrunde

           Anmerkung des Blogverwalters: Dieser Beitrag wurde speziell für die Runde verfasst..

           Der Autor ist Gründer und Leiter des "Competency Center for Integral Evolution and

           Leadership", Basel: www.cciel.ch

            

Bevor man sich über ein Thema austauschen kann, lohnt es sich zudefinieren, wovon man spricht. Unter dem Begriff Spiritualität kann man ganz Unterschiedliches verstehen. Traditionellerweise wird Spiritualität eng mit Religion verbunden. Je nach Definition können diese beiden Begriffe sehr eng miteinander verknüpft sein. Im Handumdrehen kann man sie aber auch so verstehen– oder leben –, dass sie durchaus Berechtigung haben, als zwei ganz unterschiedliche Konzepte interpretiert zu werden. Was könnte also «Spiritualität im Alltag» bedeuten? Etwa ein tägliches Gebet vor dem Schlafengehen oder regelmässige Kirchengänge? Die Integration spiritueller Übungen, wie z. B. Yoga oder Meditation, in den Tagesablauf? Kontakt zu geistigen Welten, die sich dem alltäglichen Wahrnehmungsvermögen entziehen? Hellseherische Fähigkeiten oder esoterische Weltanschauungen? Rauschähnliche Bewusstseinserweiterung? Ganz allgemein einen tieferen Kontakt zu sich selbst und zum Leben? Vielleicht ganz pragmatisch: Eine aufgeschlossene Lebenshaltung mit beiden Füssen auf dem Boden? Eine bewusste, selbstverantwortete Lebensgestaltung mit offenen Sinnen im Hier und Jetzt?Vielleicht von allem ein bisschen oder noch einmal ganz was anderes?

Es scheint ein Phänomen unserer Zeit zu sein, dass wir zunehmend aufgefordert sind, erst einmal Begrifflichkeiten zu klären, wenn wir miteinander über etwas reden. Die Welt ist zu vielfältig (geworden), als dass man (immer noch) von der Selbstverständlichkeit ausgehen könnte, dass man auf Anhieb das Gleiche meint. Der Alltag wirdüberflutet von – mehr oder weniger kohärenten, oftwidersprüchlichen – Informationen, die über die unterschiedlichsten Medien auf Menschen einprasseln. Die ganze Vielfalt von Anbietern(High-Tech-Giganten, Onlineshops,Ladengeschäfte, Institutionen, Expert:innen, Influencer etc.)buhlen um die Wette (gegen die davonlaufende Zeit und die nicht schlafende Konkurrenz) und die Gunst von Kunden – Menschen, die auf der Suche sind nach Aufmerksamkeit, Komfort, Spektakel, Glücksgefühle, Sicherheit und Erfolg, und das alles lieber heute als erst morgen:Instant-Gratificationist das Bedürfnis der Stunde. Wohlklingende Schlagwörter (Globalisierung, Diversität, Digitalisierung, Agilität, Disruption, Purpose, New Work, Innovation, Change, Transformation etc.) prägen die Szenerie; Versuche, das Geschehen, Phänomene, Trends, Herausforderungen oderBewältigungsstrategien zu beschreiben.Die vermeintliche gemeinsame Gesprächsbasis entpuppt sich nicht selten als Illusion, sobald sich Menschen miteinander an einen Tisch setzen. Man glaubt, man rede vom Selben, aber jede:r versteht etwas anderes – sofern man in der schnelllebigen Zeit überhaupt die Zeit aufbringt und sich die Mühe macht, etwas zu verstehen. Marktschreierische Versprechen verführen zu – vermeintlichen, kurzlebigen – Glückserlebnissen. Surfen, Shoppen, Gamen, Streamen, DownloadenoderChatten sind die Kernkompetenzen in einer digitalen Welt. Vielversprechende Konzepte,Methoden und Tools wecken Erwartungen in der Arbeitswelt, wie Führung und Zusammenarbeit vermeintlich spielendgelingenoder Ziele agiler erreicht werden. Und schon am nächsten Tag landen alle wieder auf dem Boden der Realität – wenn nicht, dann kann irgendwann ein Burnout dafür sorgen. Je nach Definition durchaus eine spirituelle Erfahrung.

Spiritualität kann ein effektiver Weg sein, wenn nicht gar zum Königsweg werden, um sich in unserer herausfordernden Zeit auf das Wesentliche zu besinnen und sowohlalltägliche Aufgaben wahrzunehmen als auchgut für unsere Bedürfnisse und Gesundheit zu sorgen, dabei vielleicht auch einem tieferen Sinn des Lebens etwas auf die Spur zu kommen.Grosse spirituelle Meisterbezeichnen Spiritualität als achtsames Präsentsein in jedem Augenblick bei jeder Art von Tätigkeit, so lehrt es z. B. die Zen-Tradition. Dies kann in einfachen Worten zum Ausdruck kommen: Wenn du gehst, dann gehst du. Wenn du sitzt, dann sitzt du. Wenn du isst, dann isst du. Wenn du arbeitest, dann arbeitest du. Eine überlieferte Geschichte aus dem Zen-Buddhismus erzählt von einer Unterweisung eines Meisters an seinen Schüler, der behauptete, das mache er doch alles schon. «Nein!», sagte der Meister, «Wenn du sitzt, dann stehst du schon. Wenn du stehst, dann gehst du schon. Wenn du gehst, bist du schon am Ziel.» Der Meister deutet darauf hin, dass wir mit unseren Gedanken und unseren Handlungen oft nicht am gleichen Ort – im Volksmund: nicht bei der Sache – sind. Auch die Feststellung "Wenn du an deinem Arbeitsplatz bist und an den Sandstrand denkst, dann bist du weder hier noch dort – wo bist du denn?" drückt aus, was der Zen-Meister seinem Schüler sagt. In einer schnelllebigen Multimediawelt sind wir diesem Risiko zunehmend ausgesetzt. Wenn das zu einervorherrschenden– um nicht zu sagen unsbeherrschenden – Alltagsdynamik wird, in der wir durch das Leben gehen, von der wir geradezugetrieben sind, in der wir auch andere antreiben, um gemeinsam – von äusseren Anreizen und inneren Nöten angeheizt – durch den Tag zu hetzen, dann kann man nur noch beten, dass es gut kommt. Solches Beten hat – das können wir vorwegnehmen – mit Spiritualitätnicht viel zu tun.

Wenn etwas hip klingt und dazu dienen kann, ein positives Selbstbild aufzubauen,neigen wir sehr rasch dazu, für uns zu beanspruchen, dass wir diesbereits tun oder sind – wie der Schüler das von sich vorschnell behauptet, ohne zu begreifen, was der Meister wirklich meint. In dem Masse, wie wirmit unseren Gedanken bei etwas anderem sind als bei dem, was wir gerade tun, wer wir wirklich sind, was um uns herum und in der Welt tatsächlich geschieht, sind wir nicht wirklich präsent. So ist es schwierig, empathisch auf Menschen einzugehen oderangemessen auf Situationen zu reagieren. Echte Präsenz istweit mehr als physische Anwesenheit.

Wie können wir diese hohe Kunst des Präsentseins erfahren? Bei allen äusserlichen Unterschieden in ihrenÜbungen und ihrer Semantik, ist es wohl das, was viele spirituelle Traditionen, die über Jahrhunderte entwickelt und kultiviert wurden, gemeinsam verfolgen: Die ultimative Erfahrung des Hier und Jetzt, eine erweiterte Wahrnehmung der Existenz, ein höheres Bewusstsein, Fähigkeiten, die eine ganzheitlichere, erfüllendere Lebenserfahrung fördern – ein gutes Leben schlechthin.

Dabei geht es nicht um die Frage, ob die eine oder andere Tradition oder Übung die bessere, schlechtere, richtige oder falsche ist. Es geht vor allem darum, eine Lehre und Praxissowie eine:n Lehrer:in zu finden, die einem zusagt, ja mehr noch, in die man zu vertrauen bereit ist, um einzutauchen und regelmässig zu praktizieren. Der Zen, zum Beispiel,lädt dazu ein, die Qualitäten, die man im Zendo (Meditationsraum),übt (Öffnung der Sinne, Klärung der Gedanken, Nicht Anhaften, Integration aller Lebenskräfte, wertschätzende Haltung gegenüber allem Leben u. ä.), im Alltag bei jeder Art von Aktivität zu kultivieren – ob bei der Arbeit oder bei Freizeitaktivitäten, ob beim Essen oder beim Abwaschen, ob vor dem Computer oder an der Werkbank, ob auf dem Spaziergang oder in der zwischenmenschlichen Kommunikation.

Im Gegensatz zu – allzu – menschlichen Sehnsüchtenund entsprechenden Angeboten, die diese gerne bedienen, geht es bei einer spirituellen Praxis nicht darum, dass man sie mal erlebt hat oder sie für eine bestimmte Zeit praktiziert, um ein Ziel zu erreichen, einen Abschluss zu erlangen oder etwas Bestimmtes zu sein – um sich dann wieder anderen Dingen zuzuwenden. Das Sein ist das Ziel schlechthin, um das Leben aus dem Moment heraus gesund, kreativ und würdig zu gestalten. Dass das kultiviert werden muss, scheint auf den ersten Blick fast banal. Aber der Zugang zu unseren inneren Ressourcen, die Schärfung unserer Wahrnehmungsfähigkeit, die Entwicklung unserer Intuition, der Aufbau von Vertrauen in das Leben, in uns selbst und andere, die Überzeugung, jederzeit am richtigen Ort zu sein und genau den Herausforderungen und Menschen zu begegnen, die uns helfen, unsere Einzigartigkeit zu entfalten und gleichzeitig einen Beitrag an die Gesellschaft zu leisten, dieses Potenzial ist zwar in uns angelegt, muss aber erschlossen werden. Achtsamkeitspraktiken können uns dabei helfen.Die Angebote in unserer geschäftigen, sensationslustigen und konsumorientierten Welt sind verführerisch. Sich nicht zu sehr davon ablenken zu lassen, sondern den eigenen Weg zu gehen, mussgeübt werden. Wenn wir etwas erreichen wollen, kann es hilfreich sein, Vorbilder zu haben, an denen man sich orientieren kann.Ein allfälliger Wunsch, Idolen nachzujagen, um irgendwann so zu werden wie sie, birgt das Risiko, am eigenen Leben vorbeizuleben. Den feinen Unterschied erkennen zu können, könnte man durchaus als spirituelle Fähigkeit bezeichnen.

Bei mir Zuhause steht auf dem Kalenderblatt des laufenden Monats: "Liebe dich selbst so sehr, dass du nicht den Wunsch verspürst, ein anderer zu sein". Ich interpretiere das als eine zutiefst spirituelle Empfehlung, die sich auch noch ausweiten liesse: Liebe den Ort, an dem du bist, so sehr, dass du nicht den Wunsch verspürst, woanders zu sein. Liebe das, was dutust (oder tun solltest), so sehr, dass du nicht den Wunsch verspürst, etwas anderes zu tun. Liebe die Menschen, mit denen du es zu tun hast, so sehr, dass du nicht den Wunsch verspürst, sie wären anders. Liebe dein Leben, wie es ist, so sehr, dass du nicht den Wunsch verspürst, ein anderes zu haben.

Das heisst nicht, sich passiv mit allem abzufinden, wie es ist. Es bedeutet vielmehr, die Wirklichkeit so anzunehmen, wie sie ist. Sich weder an die Vergangenheit zu klammern noch Zukunftsträumen nachzuhängen, sondern in jedem Augenblick in jeder Situation das zu tun, was getan werden kann oder muss, um anstehende Aufgaben zu erfüllen, fruchtbareBeziehungen zu pflegen und die Geschicke in gute Bahnen zu lenken. Vielleicht kann Spiritualität auch in ganz einfachen Erkenntnissen zum Ausdruck kommen, wie: Das Leben ist nicht perfekt, dennoch kann es sich perfekt anfühlen. Es gibt viel zu tun, zu erkunden, zu lernen, zu verbessern, zu verschönern. Jeder Sonnenaufgang ein kleines Wunder. Jeder Tag voller Überraschungen. Jede Aufgabe einkreativer Akt. Jede Begegnung eine kosmische Inszenierung. Jeder Herzschlag ein kleines Lebenszeichen. Jeder Atemzug einAustausch mit dem Universum. So könnte es ewig weitergehen!

Hans-Ueli Schlumpf, im Februar 2022

 

Spiritualität Bedeutung: Horizontale und vertikale Verbundenheit                                  einfach ganz leben

Das Erlebnis von Verbundenheit als Kernmerkmal von Spiritualität wurde von Ulrich Ott genauer untersucht. »Horizontale« Verbundenheit bezieht sich auf die soziale Mitwelt, auf die Natur und den Kosmos. »Vertikale« Verbundenheit bezieht sich auf ein höheres Wesen, das häufig als »Gott« bezeichnet wird. Es kann sich aber auch auf das eigene Selbst beziehen. Spirituelle Erfahrungen können auch passieren, während wir Sex haben. Das macht die Liebe auch so liebenswert: Die Verschmelzung mit dem Menschen, dem wir unser Herz geschenkt haben. 

Du siehst, Spiritualität ist also viel menschlicher, als du bislang angenommen hast. Um mehr von diesen Erfahrungen zu erleben, empfiehlt es sich, eine Meditationspraxis anzufangen. Erfahrungen der Verbundenheit im Alltag sind eher Glückssache und vergleichbar mit einem 6er im Lotto. Wer eine regelmäßige Meditationspraxis ausübt, hat hingegen die Chance, Spiritualität im Alltag zu erleben.

Die 5 Dimensionen spiritueller Erfahrungen

Welche Arten von spirituellen Erlebnissen gibt es und was bringt Spiritualität überhaupt? Spirituelle Erfahrungen können sich in ihrer Tiefe und Dauer unterscheiden. So kann ein Moment der innigen Einheit mit einem Menschen, den du liebst, ein wunderbarer Vorgeschmack von dem sein, was Menschen erfahren, die über einen langen Zeitraum meditieren. 

Der Psychotherapeut und Meditationsforscher Harald Piron hat in mehreren Studien untersucht, was Meditierende erleben. Er hat festgestellt, dass sich ihr Bewusstsein von Spiritualität in unterschiedlichen Dimensionen von Tiefe anordnen lässt. Je tiefer die Dimension, desto losgelöster ist das Gefühl von der Identifikation mit dem Ich und von Raum und Zeit. 

  • Hindernisse: innere Unruhe, Schläfrigkeit, Langeweile, Motivations- und Konzentrationsschwierigkeiten
     
  • Entspannung: Wohlbefinden, ruhige Atmung, wachsende Geduld und innere Ruhe
     
  • Konzentration: achtsames Beobachten innerer Vorgänge ohne Anhaften, Erfahrung einer inneren Mitte oder eines Energiefeldes, Einsichten und Erkenntnisse, Gleichmut und innerer Frieden
     
  • Essenzielle Qualitäten: Klarheit, Liebe, Hingabe, Verbundenheit, Demut, Gnade, Dankbarkeit und Freude
     
  • Nicht-Dualität: kognitive Aktivitäten kommen vollständig zur Ruhe, Leerheit und Grenzenlosigkeit, Einssein mit allem, Transzendenz von Subjekt und Objekt

    Diese fünf Dimensionen machen deutlich, dass es sich lohnt, eine spirituelle Praxis zu beginnen. Hast du die Hindernisse einmal überwunden, wird es so richtig schön und interessant. Leider gibt es einen Wermutstropfen. Der heißt: dranbleiben. Es braucht regelmäßige Praxis, bis sich die verschiedenen Dimensionen in der Tiefe erfahren lassen. Aber es lohnt sich. 

 

Spiritualität lernen: Verschiedene Meditationstechniken

Um diese verschiedenen Arten von Spiritualität zu erfahren, braucht es eine Praxis, die zu dir passt. Es verhält sich hier fast so wie mit dem Kauf eines Autos: Auto ist nicht gleich Auto. Und Meditation ist nicht gleich Meditation. Hier findest du verschiedene Techniken, die dir einen Eindruck vermitteln, wie unterschiedlich Meditation sein kann. 

  • Meditationen mit Bewegung: Yoga, meditative Bewegungssequenzen, Gehmeditation
     
  • Körperzentrierte Meditation: BodyScan, Konzentration auf Chakren
     
  • Achtsames Beobachten: Sitzen oder Liegen in Stille, Beobachten der Gefühle und Gedanken
     
  • Kontemplation: Beschäftigung mit einer existenziellen Frage wie: „Wer bin ich?“ oder einem Paradoxon wie: „Wie klingt das Klatschen einer Hand?“
     
  • Visuelle Konzentration: Konzentration auf ein äußeres Objekt, wie zum Beispiel die Flamme einer Kerze oder eine innere Visualisierung
     
  • Affektzentrierte Meditation: Kultivieren von Mitgefühl, liebender Güte und anderen positiven Qualitäten
     
  • Mantra-Meditation: Wiederholen von Mantras

Vielleicht hilft dir auch dieser Selbsttest: Welche Meditationsart passt zu mir?