Samstag, 26. März 2022

Philrunde April 2022


Vom Allesfresser zum Veganer? 

 
                                                                                              Klaus Burghardt
 
Keine andere Entscheidung des normalen Durchschnittsmenschen beeinflusst so viele Bereiche seiner (und unser aller) Lebensbedingungen wie die für eine bestimmte Ernährungsweise.

 

Diese gewagte? These möchte ich hier zur Diskussion stellen.

 

Es geht mir dabei nicht um eine systematische Darstellung, dies ist keine wissenschaftliche Abhandlung. Ich möchte vielmehr anhand meiner persönlichen Erfahrungen einige ernährungsbezogene Fragen aufwerfen und zum Ende hin ein, zwei meereskundliche Erkenntnisse anführen.

 

Der Titel dieses Aufsatzes fasst einen wesentlichen Teil meiner persönlichen Entwicklung in vier Worten zusammen - wobei das Fragezeichen darauf hinweist, dass ich den letzten Schritt meines Weges noch nicht getan habe.

 

Schweinefleisch zum Frühstück ...

 

Wie speiste ich früher? Zwei Koteletts am Tag waren keine Seltenheit. Zum Frühstück eine Gemüsesuppe mit Schweinebacke. Beim Paulaner an der Schlachte lecker Hackbraten mit Schwarzbiersoße, bei Costa gegrillte Lammfilets …

 

In den Achtzigern las ich einen Artikel „Krebs und Ernährung“ – mein erstes mehr oder weniger bewusstes Wahrnehmen eines möglichen Zusammenhangs von Ernährung und Gesundheit. (Mittlerweile ergibt eine Internetsuche Hinweise auf etliche Studien, die einen eindeutigen Zusammenhang von Fleischkonsum und Krebsrisiko konstatieren.) In den Neunzigern schafften wir uns unseren ersten Hund an, was mein Verhältnis zu Tieren sehr stark, meinen Fleischkonsum aber in keiner Weise beeinflusste.

 

Kognitive Dissonanz?

 

In dieser Zeit hatte ich ein Problem, dessen ich mir unterschwellig bewusst war: Meine Bewertungen und mein Verhalten waren in sich nicht schlüssig. Es erzürnte mich, dass in anderen Teilen der Welt Hunde geschlachtet und verzehrt wurden [wobei ich nicht ahnte, dass dies, während ich mich darüber ärgerte, (bis 1986!) auch in Deutschland erlaubt war.] und sprach mich vehement gegen den Walfang aus – wohl wissend, dass die Lebens- und Tötungsbedingungen für unsere Nutztiere schrecklich sind und ich durch meinen Verzehr derselben diese Bedingungen akzeptierte, legitimierte und zementierte. Es hat lange gedauert, bis ich mir selbst verbot, zumindest keine winzigen Tiere wie Muscheln oder Sardinen mehr zu essen, die mir leider ausgezeichnet mundeten, von denen ich aber eine große Menge verzehren musste, um meinen Appetit zu stillen. Für meinen Genuss (um nichts Wichtigeres ging es) wurden 10, 15, 20 Tiere gequält: Lebend in kochendes Wasser geworfen oder gar mehrere Minuten langsam geköchelt, bis in ihrer Todesqual die Kräfte nachließen und sie ihre Schale nicht mehr gegen die Hitze geschlossen halten konnten. Dabei hat für mich die Ausrede, diese Tiere hätten kein Schmerzempfinden, nie eine Rolle gespielt. Ich habe ihre Schmerzen genauso verdrängt, wie ich das mit der Tortur im Schlachthof tat. Und mich gleichzeitig für einen Tierfreund gehalten. Irgendetwas stimmte da nicht ...

 

Bio

 

Vor einigen Jahren stieg ich bei Fleisch und Fisch auf Bio um, wo immer dies möglich war. Beim Wocheneinkauf etwa. In Restaurants gab es meist kein Biofleisch, da musste dann das normale herhalten. Ich habe diese Phase in einem kleinen Gedicht1 behandelt. Anlass dafür war ein privates Gespräch am Rande unserer Hobby-Philosophenrunde: Chris und Christine hatten unabhängig voneinander erlebt, wie ein Kalb von seiner Mutter getrennt wurde und wie furchtbar beide Tiere darunter litten. Dieses Problem scheint es bis auf seltene Ausnahmen auch in der Bio-Tierhaltung noch zu geben.

 

Im Zusammenhang mit meinem Gedicht habe ich mir auch Videos aus Schlachthöfen angesehen … und trotzdem weiter, wenn auch in geringerem Umfang, Fleisch gegessen. Mir geht damit jegliches Recht ab, wem auch immer wegen seiner Ernährungsgewohnheiten moralische Vorwürfe machen zu wollen. Dies ist demnach in keiner Weise die Intention meines Textes.

 

Corona – ein Einschnitt

 

Mit Beginn der Coronapandemie stellten wir unsere Restaurantbesuche ein. Der damit einhergehende Verzicht auf konventionell erzeugtes Fleisch zog die Überlegung nach sich: Warum nicht auch auf Biofleisch verzichten? Und auf Wurst? Und auf Fisch? Irgendwie waren wir zu Vegetariern geworden. Gesundheitliche Probleme waren nach den uns vorliegenden Informationen – eine ausreichende Nährstoffversorgung, auf die auch Fleischesser achten müssen, vorausgesetzt - nicht zu erwarten, möglicherweise war eher das Gegenteil der Fall2. Als Quasiveganer nehmen wir nun, um einen Vitamin-B12-Mangel zu vermeiden, zweimal wöchentlich eine B12-Tablette ein. (Es gibt übrigens auch Kapseln und Tropfen.)

 

Hauptantrieb für diese Umstellung war das Leid, das Tieren angetan wird – auch (immerhin in geringerem Maße!) in Biobetrieben. (Für eine Definition des Begriffs Leid, für eine Diskussion der Ergebnisse der Schmerzforschung bei Tieren und weitere mit möglichem Leiden3 zusammenhängende Fragen ist hier leider kein Raum.) Als ich es mir nicht mehr gestattete, die Angst, das Blut und den Schmerz der zum Schlachthof verbrachten, dort oftmals nicht einmal vollständig betäubten Lebewesen namens Vieh zu verdrängen, da lachte mich die Salami im Wurstregal des Supermarkts immer noch an und rief: „Nimm mich!“ … Ich aber widerstand ihr fortan (zugegeben: nicht immer leichten Herzens) und schritt weiter zum Gemüseregal, wo ich lecker Paprika und Blumenkohl in den Einkaufswagen lud4.

 

Der Anstoß zur veganen Ernährung kam von meiner Frau. Wir taten auch hier nicht einen großen Schritt, sondern tasten uns an den Veganismus heran: Der tägliche (selbst mit Hilfe einer „Joghurette“ hergestellte) Kuhmilchjoghurt wird demnächst durch eine vegane Alternative ersetzt. Noch gönnen wir uns zwei vegetarische Tage im Monat. Da gibt es lecker Pizza und / oder (Bio-)Käse und / oder (Bio-)Eier. Etwas ganz Besonderes also. Bei Kleidung versuchen wir, konsequent zu sein, das ist noch nicht ganz einfach. Aber wir sind auf dem Weg ...

 

Essen und Ethik

 

Ich weiß genau, was der geneigte Leser (jeglichen Geschlechts) sich mittlerweile zu fragen beginnt: Was in aller Welt haben die Essgewohnheiten eines beliebigen Tünnes, und handle es sich dabei auch um unseren werten Klaus, auf unserer philosophisch orientierten Website zu suchen?

 

Nun, nehmen wir an, meine o.a. Prämisse, das Töten von Tieren bereite diesen Leid, treffe zu, und eine wichtige Aufgabe der philosophischen Disziplin Ethik sei es, (grob gesagt) zur Minderung von Leid in der Welt beizutragen. Dann kann man ein Tierleid reduzierendes Handeln m.E. durchaus als ethisch (und damit philosophisch) relevant einstufen.

 

OK, mag besagter Leser einwenden, Ethik ist allerdings von Menschen für Menschen erdacht worden, nicht für Tiere. Damit ignoriert er zum einen die Existenz der Tierethik5 als mittlerweile etablierten Teilbereich der Philosophie. Und er übersieht, dass die vegane Ernährung, mehr noch der Veganismus als Lebensweise, durchaus dazu angetan ist, neben tierischem auch menschliches Leid zu verringern.

 

Zur Verdeutlichung dieses Gedankens nur ein Beispiel:

 

„Um 17 Zentimeter ist der globale Meerespiegel im 20. Jahrhundert gestiegen und er steigt weiter – um bis zu einem Meter bis zum Ende des 21. Jahrhunderts. So lautet die Prognose des Weltklimarats der Vereinten Nationen (IPCC). Davon gehen allein 20 Prozent auf das Konto der Gletscherschmelze. (…) Mit den Gletschern schmelzen auch die weltweiten Trinkwasserreservoire, denn Gletscher sind wichtige Wasserspeicher: (…)“

https://www.greenpeace.de/klimaschutz/klimakrise/folgen-klimawandels

 

Die dramatische Entwicklung des Klimawandels und die damit einhergehenden Folgen für die belebte Natur brauche ich in diesem Blog vermutlich nicht zu schildern. Die Tierindustrie hat hieran einen enormen Anteil. Das Abholzen von Wäldern (Amazonas!) zum Zweck der Fleischproduktion gehört dazu. Ein steigender Meeresspiegel schränkt die Lebensräume von Menschen ein, führt zu Konflikten, Kriegen, Flucht und Vertreibung. Der Verzicht auf tierische Produkte kann ein wichtiger Beitrag dazu sein, eine solche Entwicklung zu verhindern oder abzuschwächen und damit – wie oben angesprochen - menschliches Leid zu verringern.

 

Weitere Beispiele erspare ich mir. Greenpeace, Peta und andere Quellen belegen (für meinen Geschmack überzeugend) den Zusammenhang von Tierproduktion, Klimawandel, Umweltschäden, Welthunger, … Am 11.3.22 fanden sich in der Onlineausgabe der Tageszeitung Neue Westfälische diese vier Schlagzeilen:

 

• Amazonas-Regenwald verliert an Fähigkeit, sich zu erholen
• Antarktisches Meereis dehnt sich immer weniger aus
• Historische Überschwemmungen in Australien
• Klimarat: Milliarden Menschen gefährdet

 

Sollte der von mir vorab konstatierte Zusammenhang bestehen, würde sich ein veganer Lebensstil oder auch nur die vegane Ernährung tatsächlich als ein möglicher Beitrag zur Minderung nicht nur von tierischem, sondern auch von menschlichem Leid erweisen.

 

Nun ist es wohl an der Zeit, dass ich noch einmal meine Eingangsthese aufgreife:

 

Keine andere Entscheidung des normalen Durchschnittsmenschen beeinflusst so viele Bereiche seiner (und unser aller) Lebensbedingungen wie die für eine bestimmte Ernährungsweise.

 

Über die Thesenform werde ich auch beim Versuch ihrer Begründung nicht hinauskommen – womit sich reichlich Anlass für kritische Kommentare bietet!

 

Ich versuchs mal. Die Entscheidung für oder gegen vegane Ernährung hat (mehr oder weniger direkte) Auswirkungen auf

  • die eigene Gesundheit

  • die Art des Lebens und Sterbens der von Zucht und Schlachtung betroffenen Tiere

  • Leben oder Tod von Tieren, die zwar nicht geschlachtet werden, aber in Folge von Abholzung und Brandrodung umkommen – seien dies nun kleinste Insekten oder große Säugetiere einschließlich Primaten

  • Leben oder Tod von Tieren, denen durch die Klimaerwärmung der Lebensraum genommen wird – z.B. Bruno, der Eisbär6

  • Leben oder Tod von Menschen, deren Lebensräume zerstört werden und denen Nahrungsmittel fehlen, weil man die entsprechenden Ressourcen für die Ernährung von Schlachttieren nutzt

  • (...)

 

Das Programm

 

Eine vegane, umweltschonende und ressourcensparende Lebensweise, vielleicht gar kombiniert mit einer Entscheidung für (möglichst regionale) Bioprodukte7 und fairen Handel, Eintreten für einen höheren Mindestlohn, damit diese eventuell teureren Erzeugnisse für möglichst viele Menschen erschwinglich sind, … Diesem Maximalprogramm wird sich nicht jeder verschreiben wollen. Aber auch kleine Schritte zählen. Ich bin gerade dabei, einen solchen zu tun. Geht jemand mit?

 

 

_____

 

1 http://philosophenrunde-melle.blogspot.com/2021/04/

     Auf meiner Website https://www.diverseverse.de/alltag-co/der-omnivore/ finden sich unter dem Gedicht in 39

   Kommentaren etliche sehr interessante Gesichtspunkte zu dem Thema.

 

2 siehe hierzu: http://philosophenrunde-melle.blogspot.com/2021/04/
                                     Glücklich und gesund: Vegane Ernährung hat viele Vorteile!

                     (Auf der Seite ein wenig nach unten blättern!)

3 Schon immer dachte ich, wie furchtbar der Fische Erstickungstod sein muss, die dem Menschen ins Netz

   oder auch an die Angel gehen. Stellte mir umgekehrt vor, als Mensch vor der Zubereitung durch einen

   Kannibalen zunächst unter Wasser getaucht und ersäuft zu werden …

 

4 Die Frage, ob, auf welche Weise und in welchem Maße auch Pflanzen leiden und ob dies mit tierlichem

   Leid gleichzusetzen wäre, kann ich mangels Wissen nicht behandeln. Sollte diese Vermutung zutreffen,

   würde eine vegane Ernährung dennoch zur Leidminderung beitragen, da die für die Fütterung der Nutztiere

   erforderliche Pflanzenmenge zumindest teilweise entfiele. Fleischkonsum führt zum Leiden von

   Pflanzen und Tieren, Veganismus „nur“ zum (nicht vermeidbaren) potenziellen Leiden von Pflanzen.

 

5 Z.B: http://philosophenrunde-melle.blogspot.com/2021/06/philrunde-2.html

   Tierethik - Einige Aspekte der Schopenhauerschen Mitleidsethik

 

6 https://www.diverseverse.de/alltag-co/klein-bruno-der-eisb%C3%A4r/

 

7 „Bioprodukte“ meint hier möglichst umweltverträgliche und tierfreundliche Herstellungsweisen. Eine

   Einschränkung der Massentierhaltung etwa nutzt den betroffenen Tieren, aber auch dem Menschen, weil

   z.B. die präventive Beigabe von Antibiotika (Resistenzen!) überflüssig und die Gefahr der Entstehung von

   Zoonosen reduziert würde. Mit jedem Menschen, der sich solche Waren finanziell leisten kann, erhöht sich

   das Potenzial zur Realisierung der in der Bioproduktion angelegten positiven Möglichkeiten.

 



Mittwoch, 23. Februar 2022

Philrunde 4.3. 2022:

Spiritualität im Alltag

Ein Blogbeitrag von Hans-Ueli Schlumpf an die Philosophenrunde

           Anmerkung des Blogverwalters: Dieser Beitrag wurde speziell für die Runde verfasst..

           Der Autor ist Gründer und Leiter des "Competency Center for Integral Evolution and

           Leadership", Basel: www.cciel.ch

            

Bevor man sich über ein Thema austauschen kann, lohnt es sich zudefinieren, wovon man spricht. Unter dem Begriff Spiritualität kann man ganz Unterschiedliches verstehen. Traditionellerweise wird Spiritualität eng mit Religion verbunden. Je nach Definition können diese beiden Begriffe sehr eng miteinander verknüpft sein. Im Handumdrehen kann man sie aber auch so verstehen– oder leben –, dass sie durchaus Berechtigung haben, als zwei ganz unterschiedliche Konzepte interpretiert zu werden. Was könnte also «Spiritualität im Alltag» bedeuten? Etwa ein tägliches Gebet vor dem Schlafengehen oder regelmässige Kirchengänge? Die Integration spiritueller Übungen, wie z. B. Yoga oder Meditation, in den Tagesablauf? Kontakt zu geistigen Welten, die sich dem alltäglichen Wahrnehmungsvermögen entziehen? Hellseherische Fähigkeiten oder esoterische Weltanschauungen? Rauschähnliche Bewusstseinserweiterung? Ganz allgemein einen tieferen Kontakt zu sich selbst und zum Leben? Vielleicht ganz pragmatisch: Eine aufgeschlossene Lebenshaltung mit beiden Füssen auf dem Boden? Eine bewusste, selbstverantwortete Lebensgestaltung mit offenen Sinnen im Hier und Jetzt?Vielleicht von allem ein bisschen oder noch einmal ganz was anderes?

Es scheint ein Phänomen unserer Zeit zu sein, dass wir zunehmend aufgefordert sind, erst einmal Begrifflichkeiten zu klären, wenn wir miteinander über etwas reden. Die Welt ist zu vielfältig (geworden), als dass man (immer noch) von der Selbstverständlichkeit ausgehen könnte, dass man auf Anhieb das Gleiche meint. Der Alltag wirdüberflutet von – mehr oder weniger kohärenten, oftwidersprüchlichen – Informationen, die über die unterschiedlichsten Medien auf Menschen einprasseln. Die ganze Vielfalt von Anbietern(High-Tech-Giganten, Onlineshops,Ladengeschäfte, Institutionen, Expert:innen, Influencer etc.)buhlen um die Wette (gegen die davonlaufende Zeit und die nicht schlafende Konkurrenz) und die Gunst von Kunden – Menschen, die auf der Suche sind nach Aufmerksamkeit, Komfort, Spektakel, Glücksgefühle, Sicherheit und Erfolg, und das alles lieber heute als erst morgen:Instant-Gratificationist das Bedürfnis der Stunde. Wohlklingende Schlagwörter (Globalisierung, Diversität, Digitalisierung, Agilität, Disruption, Purpose, New Work, Innovation, Change, Transformation etc.) prägen die Szenerie; Versuche, das Geschehen, Phänomene, Trends, Herausforderungen oderBewältigungsstrategien zu beschreiben.Die vermeintliche gemeinsame Gesprächsbasis entpuppt sich nicht selten als Illusion, sobald sich Menschen miteinander an einen Tisch setzen. Man glaubt, man rede vom Selben, aber jede:r versteht etwas anderes – sofern man in der schnelllebigen Zeit überhaupt die Zeit aufbringt und sich die Mühe macht, etwas zu verstehen. Marktschreierische Versprechen verführen zu – vermeintlichen, kurzlebigen – Glückserlebnissen. Surfen, Shoppen, Gamen, Streamen, DownloadenoderChatten sind die Kernkompetenzen in einer digitalen Welt. Vielversprechende Konzepte,Methoden und Tools wecken Erwartungen in der Arbeitswelt, wie Führung und Zusammenarbeit vermeintlich spielendgelingenoder Ziele agiler erreicht werden. Und schon am nächsten Tag landen alle wieder auf dem Boden der Realität – wenn nicht, dann kann irgendwann ein Burnout dafür sorgen. Je nach Definition durchaus eine spirituelle Erfahrung.

Spiritualität kann ein effektiver Weg sein, wenn nicht gar zum Königsweg werden, um sich in unserer herausfordernden Zeit auf das Wesentliche zu besinnen und sowohlalltägliche Aufgaben wahrzunehmen als auchgut für unsere Bedürfnisse und Gesundheit zu sorgen, dabei vielleicht auch einem tieferen Sinn des Lebens etwas auf die Spur zu kommen.Grosse spirituelle Meisterbezeichnen Spiritualität als achtsames Präsentsein in jedem Augenblick bei jeder Art von Tätigkeit, so lehrt es z. B. die Zen-Tradition. Dies kann in einfachen Worten zum Ausdruck kommen: Wenn du gehst, dann gehst du. Wenn du sitzt, dann sitzt du. Wenn du isst, dann isst du. Wenn du arbeitest, dann arbeitest du. Eine überlieferte Geschichte aus dem Zen-Buddhismus erzählt von einer Unterweisung eines Meisters an seinen Schüler, der behauptete, das mache er doch alles schon. «Nein!», sagte der Meister, «Wenn du sitzt, dann stehst du schon. Wenn du stehst, dann gehst du schon. Wenn du gehst, bist du schon am Ziel.» Der Meister deutet darauf hin, dass wir mit unseren Gedanken und unseren Handlungen oft nicht am gleichen Ort – im Volksmund: nicht bei der Sache – sind. Auch die Feststellung "Wenn du an deinem Arbeitsplatz bist und an den Sandstrand denkst, dann bist du weder hier noch dort – wo bist du denn?" drückt aus, was der Zen-Meister seinem Schüler sagt. In einer schnelllebigen Multimediawelt sind wir diesem Risiko zunehmend ausgesetzt. Wenn das zu einervorherrschenden– um nicht zu sagen unsbeherrschenden – Alltagsdynamik wird, in der wir durch das Leben gehen, von der wir geradezugetrieben sind, in der wir auch andere antreiben, um gemeinsam – von äusseren Anreizen und inneren Nöten angeheizt – durch den Tag zu hetzen, dann kann man nur noch beten, dass es gut kommt. Solches Beten hat – das können wir vorwegnehmen – mit Spiritualitätnicht viel zu tun.

Wenn etwas hip klingt und dazu dienen kann, ein positives Selbstbild aufzubauen,neigen wir sehr rasch dazu, für uns zu beanspruchen, dass wir diesbereits tun oder sind – wie der Schüler das von sich vorschnell behauptet, ohne zu begreifen, was der Meister wirklich meint. In dem Masse, wie wirmit unseren Gedanken bei etwas anderem sind als bei dem, was wir gerade tun, wer wir wirklich sind, was um uns herum und in der Welt tatsächlich geschieht, sind wir nicht wirklich präsent. So ist es schwierig, empathisch auf Menschen einzugehen oderangemessen auf Situationen zu reagieren. Echte Präsenz istweit mehr als physische Anwesenheit.

Wie können wir diese hohe Kunst des Präsentseins erfahren? Bei allen äusserlichen Unterschieden in ihrenÜbungen und ihrer Semantik, ist es wohl das, was viele spirituelle Traditionen, die über Jahrhunderte entwickelt und kultiviert wurden, gemeinsam verfolgen: Die ultimative Erfahrung des Hier und Jetzt, eine erweiterte Wahrnehmung der Existenz, ein höheres Bewusstsein, Fähigkeiten, die eine ganzheitlichere, erfüllendere Lebenserfahrung fördern – ein gutes Leben schlechthin.

Dabei geht es nicht um die Frage, ob die eine oder andere Tradition oder Übung die bessere, schlechtere, richtige oder falsche ist. Es geht vor allem darum, eine Lehre und Praxissowie eine:n Lehrer:in zu finden, die einem zusagt, ja mehr noch, in die man zu vertrauen bereit ist, um einzutauchen und regelmässig zu praktizieren. Der Zen, zum Beispiel,lädt dazu ein, die Qualitäten, die man im Zendo (Meditationsraum),übt (Öffnung der Sinne, Klärung der Gedanken, Nicht Anhaften, Integration aller Lebenskräfte, wertschätzende Haltung gegenüber allem Leben u. ä.), im Alltag bei jeder Art von Aktivität zu kultivieren – ob bei der Arbeit oder bei Freizeitaktivitäten, ob beim Essen oder beim Abwaschen, ob vor dem Computer oder an der Werkbank, ob auf dem Spaziergang oder in der zwischenmenschlichen Kommunikation.

Im Gegensatz zu – allzu – menschlichen Sehnsüchtenund entsprechenden Angeboten, die diese gerne bedienen, geht es bei einer spirituellen Praxis nicht darum, dass man sie mal erlebt hat oder sie für eine bestimmte Zeit praktiziert, um ein Ziel zu erreichen, einen Abschluss zu erlangen oder etwas Bestimmtes zu sein – um sich dann wieder anderen Dingen zuzuwenden. Das Sein ist das Ziel schlechthin, um das Leben aus dem Moment heraus gesund, kreativ und würdig zu gestalten. Dass das kultiviert werden muss, scheint auf den ersten Blick fast banal. Aber der Zugang zu unseren inneren Ressourcen, die Schärfung unserer Wahrnehmungsfähigkeit, die Entwicklung unserer Intuition, der Aufbau von Vertrauen in das Leben, in uns selbst und andere, die Überzeugung, jederzeit am richtigen Ort zu sein und genau den Herausforderungen und Menschen zu begegnen, die uns helfen, unsere Einzigartigkeit zu entfalten und gleichzeitig einen Beitrag an die Gesellschaft zu leisten, dieses Potenzial ist zwar in uns angelegt, muss aber erschlossen werden. Achtsamkeitspraktiken können uns dabei helfen.Die Angebote in unserer geschäftigen, sensationslustigen und konsumorientierten Welt sind verführerisch. Sich nicht zu sehr davon ablenken zu lassen, sondern den eigenen Weg zu gehen, mussgeübt werden. Wenn wir etwas erreichen wollen, kann es hilfreich sein, Vorbilder zu haben, an denen man sich orientieren kann.Ein allfälliger Wunsch, Idolen nachzujagen, um irgendwann so zu werden wie sie, birgt das Risiko, am eigenen Leben vorbeizuleben. Den feinen Unterschied erkennen zu können, könnte man durchaus als spirituelle Fähigkeit bezeichnen.

Bei mir Zuhause steht auf dem Kalenderblatt des laufenden Monats: "Liebe dich selbst so sehr, dass du nicht den Wunsch verspürst, ein anderer zu sein". Ich interpretiere das als eine zutiefst spirituelle Empfehlung, die sich auch noch ausweiten liesse: Liebe den Ort, an dem du bist, so sehr, dass du nicht den Wunsch verspürst, woanders zu sein. Liebe das, was dutust (oder tun solltest), so sehr, dass du nicht den Wunsch verspürst, etwas anderes zu tun. Liebe die Menschen, mit denen du es zu tun hast, so sehr, dass du nicht den Wunsch verspürst, sie wären anders. Liebe dein Leben, wie es ist, so sehr, dass du nicht den Wunsch verspürst, ein anderes zu haben.

Das heisst nicht, sich passiv mit allem abzufinden, wie es ist. Es bedeutet vielmehr, die Wirklichkeit so anzunehmen, wie sie ist. Sich weder an die Vergangenheit zu klammern noch Zukunftsträumen nachzuhängen, sondern in jedem Augenblick in jeder Situation das zu tun, was getan werden kann oder muss, um anstehende Aufgaben zu erfüllen, fruchtbareBeziehungen zu pflegen und die Geschicke in gute Bahnen zu lenken. Vielleicht kann Spiritualität auch in ganz einfachen Erkenntnissen zum Ausdruck kommen, wie: Das Leben ist nicht perfekt, dennoch kann es sich perfekt anfühlen. Es gibt viel zu tun, zu erkunden, zu lernen, zu verbessern, zu verschönern. Jeder Sonnenaufgang ein kleines Wunder. Jeder Tag voller Überraschungen. Jede Aufgabe einkreativer Akt. Jede Begegnung eine kosmische Inszenierung. Jeder Herzschlag ein kleines Lebenszeichen. Jeder Atemzug einAustausch mit dem Universum. So könnte es ewig weitergehen!

Hans-Ueli Schlumpf, im Februar 2022

 

Spiritualität Bedeutung: Horizontale und vertikale Verbundenheit                                  einfach ganz leben

Das Erlebnis von Verbundenheit als Kernmerkmal von Spiritualität wurde von Ulrich Ott genauer untersucht. »Horizontale« Verbundenheit bezieht sich auf die soziale Mitwelt, auf die Natur und den Kosmos. »Vertikale« Verbundenheit bezieht sich auf ein höheres Wesen, das häufig als »Gott« bezeichnet wird. Es kann sich aber auch auf das eigene Selbst beziehen. Spirituelle Erfahrungen können auch passieren, während wir Sex haben. Das macht die Liebe auch so liebenswert: Die Verschmelzung mit dem Menschen, dem wir unser Herz geschenkt haben. 

Du siehst, Spiritualität ist also viel menschlicher, als du bislang angenommen hast. Um mehr von diesen Erfahrungen zu erleben, empfiehlt es sich, eine Meditationspraxis anzufangen. Erfahrungen der Verbundenheit im Alltag sind eher Glückssache und vergleichbar mit einem 6er im Lotto. Wer eine regelmäßige Meditationspraxis ausübt, hat hingegen die Chance, Spiritualität im Alltag zu erleben.

Die 5 Dimensionen spiritueller Erfahrungen

Welche Arten von spirituellen Erlebnissen gibt es und was bringt Spiritualität überhaupt? Spirituelle Erfahrungen können sich in ihrer Tiefe und Dauer unterscheiden. So kann ein Moment der innigen Einheit mit einem Menschen, den du liebst, ein wunderbarer Vorgeschmack von dem sein, was Menschen erfahren, die über einen langen Zeitraum meditieren. 

Der Psychotherapeut und Meditationsforscher Harald Piron hat in mehreren Studien untersucht, was Meditierende erleben. Er hat festgestellt, dass sich ihr Bewusstsein von Spiritualität in unterschiedlichen Dimensionen von Tiefe anordnen lässt. Je tiefer die Dimension, desto losgelöster ist das Gefühl von der Identifikation mit dem Ich und von Raum und Zeit. 

  • Hindernisse: innere Unruhe, Schläfrigkeit, Langeweile, Motivations- und Konzentrationsschwierigkeiten
     
  • Entspannung: Wohlbefinden, ruhige Atmung, wachsende Geduld und innere Ruhe
     
  • Konzentration: achtsames Beobachten innerer Vorgänge ohne Anhaften, Erfahrung einer inneren Mitte oder eines Energiefeldes, Einsichten und Erkenntnisse, Gleichmut und innerer Frieden
     
  • Essenzielle Qualitäten: Klarheit, Liebe, Hingabe, Verbundenheit, Demut, Gnade, Dankbarkeit und Freude
     
  • Nicht-Dualität: kognitive Aktivitäten kommen vollständig zur Ruhe, Leerheit und Grenzenlosigkeit, Einssein mit allem, Transzendenz von Subjekt und Objekt

    Diese fünf Dimensionen machen deutlich, dass es sich lohnt, eine spirituelle Praxis zu beginnen. Hast du die Hindernisse einmal überwunden, wird es so richtig schön und interessant. Leider gibt es einen Wermutstropfen. Der heißt: dranbleiben. Es braucht regelmäßige Praxis, bis sich die verschiedenen Dimensionen in der Tiefe erfahren lassen. Aber es lohnt sich. 

 

Spiritualität lernen: Verschiedene Meditationstechniken

Um diese verschiedenen Arten von Spiritualität zu erfahren, braucht es eine Praxis, die zu dir passt. Es verhält sich hier fast so wie mit dem Kauf eines Autos: Auto ist nicht gleich Auto. Und Meditation ist nicht gleich Meditation. Hier findest du verschiedene Techniken, die dir einen Eindruck vermitteln, wie unterschiedlich Meditation sein kann. 

  • Meditationen mit Bewegung: Yoga, meditative Bewegungssequenzen, Gehmeditation
     
  • Körperzentrierte Meditation: BodyScan, Konzentration auf Chakren
     
  • Achtsames Beobachten: Sitzen oder Liegen in Stille, Beobachten der Gefühle und Gedanken
     
  • Kontemplation: Beschäftigung mit einer existenziellen Frage wie: „Wer bin ich?“ oder einem Paradoxon wie: „Wie klingt das Klatschen einer Hand?“
     
  • Visuelle Konzentration: Konzentration auf ein äußeres Objekt, wie zum Beispiel die Flamme einer Kerze oder eine innere Visualisierung
     
  • Affektzentrierte Meditation: Kultivieren von Mitgefühl, liebender Güte und anderen positiven Qualitäten
     
  • Mantra-Meditation: Wiederholen von Mantras

Vielleicht hilft dir auch dieser Selbsttest: Welche Meditationsart passt zu mir?

 

 

 

Donnerstag, 27. Januar 2022

Philrunde 4.2.2022

Reflexion - Achtsamkeit - Ethik:     Zentrale Themen der Philosophie


Achtsam leben im Lockdown                           ethik-heute.org

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Zehn Übungen für den Alltag

Die Corona-Krise nimmt uns viele Möglichkeiten, aber sie kann uns auch neue Chancen eröffnen. Vor allem haben wir jetzt mehr Muße, Achtsamkeit zu praktizieren. Michaela Doepke gibt Tipps für einen achtsamen Alltag – vom Aufstehen am Morgen über achtsame Pausem am Tag bis hin zum Einschlafen mit heilsamen Gedanken.

Die Praxis der Achtsamkeit kann uns in herausfordernden Zeiten unterstützen, unser inneres Wohlbefinden zu stärken und gesund zu bleiben. Achtsamkeit ist die Kunst, im Alltag innezuhalten und sich immer wieder bewusst in der Gegenwart zu verankern. Dies ist besonders wichtig, wenn uns Gefühlsstürme überwältigen oder Grübeleien uns fest im Griff haben und unsere Aufmerksamkeit davontragen. Die Achtsamkeitstrainerin Michaela Doepke möchte Sie mit folgenden Empfehlungen zu vielen achtsamen Momenten im Alltag inspirieren.

Übung 1: Den Tag achtsam beginnen

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Aufwachen: Bevor Sie am Morgen aufstehen, atmen Sie ein paar Mal tief ein und aus. Begrüßen Sie den Tag freundlich und fragen Sie sich: Wie geht es mir, wie fühlt sich mein Körper an?

Starten sie den Tag bewusst. Auf der Bettkante sitzend können Sie sich entscheiden, ob Sie heute „Ja“ zu diesem Tag sagen möchten und zu allen Erlebnissen, die er mit sich bringen wird. Sie können sich auch fragen: Wie kann ich heute selbst dazu beitragen, dass dies ein guter Tag wird?

Übung 2: Atmen

„Einatmend weiß ich, dass ich einatme. Ausatmend weiß ich, dass ich ausatme.“ Das ist die einfachste Atem-Übung. Gewöhnen Sie sich daran, regelmäßig Atempausen und Atemübungen im Alltag einzubauen: innehalten und bewusst einige Mal ein- und ausatmen. Dabei den Atem natürlich fließen lassen. Eine Atempause können wir fast überall einlegen: in der Natur, auf dem Sofa, vor dem PC, in Wartesituationen.

Übung 3: Bewusstes Zuhören

Bewusstes Zuhören verbindet uns auf tiefe Weise mit anderen: Das heißt, Sie entscheiden sich bewusst, Ihrem Gegenüber aufmerksam und schweigend zuzuhören, ihn oder sie ausreden lassen, ohne impulsiv auf das Gesagte zu reagieren.

Wir eröffnen einen Raum, in dem der andere sich entfalten kann. Dies ist eine gute Übung in unserem engeren Umfeld zu Hause. Wir können es aber auch in einem Telefon- oder Videogespräch tun.

Übung 4: Achtsam gehen

Bewusstes Gehen können wir praktizieren, wann immer wir uns in Bewegung setzen: beim kurzen Gang zum Badezimmer oder zur Waschmaschine, ebenso wie auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen. Und natürlich in der freien Natur.

Achtsames Gehen bringt uns wieder ins Hier und Jetzt. Es ist besonders empfehlenswert, wenn wir uns in Gedanken und Sorgen verloren haben. Wenn wir uns auf das Gehen und die Körper-Bewegungen konzentrieren, erfrischt uns das und bringt uns wieder mit dem Leben in Kontakt.

Übung 5: Jede Handlung ist ein Ritual

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“Wenn ihr abwascht, muss der Abwasch das Wichtigste in eurem Leben sein”, sagt der Meditationsmeister Thich Nhat Hanh.

Praktizieren Sie Achtsamkeit bei alltäglichen Routinetätigkeiten wie Geschirrspülen, Duschen etc. Hilfreich ist es auch, Reihenfolgen zu verändern. Je öfter wir aus dem mechanischen Reagieren aussteigen, desto mehr üben wir uns in Präsenz. Wenn Sie präsent bei einer Sache sind, sind Körper und Geist verbunden und Sie fühlen sich auch mit dem Leben verbunden.

Übung 6: Neutraler Beobachter sein

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Nehmen Sie immer wieder bewusst Ihre Absicht wahr, impulsiv auf eine Stresssituation zu reagieren. Wenn es möglich ist, versuchen Sie, einen Abstand zwischen Reiz und Reaktion zu setzen. Wenn Sie z.B. etwas hören, das Sie aufregt, atmen Sie bewusst tief ein und aus, statt unmittelbar zu reagieren.

Auf diese Weise können Sie sich angewöhnen, nicht fremdbestimmt zu sein, und die Situation lässt sich besser regulieren. Langfristig können Sie destruktiven Reaktionen vorbeugen.

Machen Sie sich bewusst, dass Sie bei Entscheidungen Wahlfreiheit und Freiräume besitzen. Sie können Nein sagen, Grenzen setzen oder Bedenkzeit erbitten. Erinnern Sie sich immer wieder in Stresssituationen, dass Sie eine Wahl haben, wie Sie reagieren möchten.

Übung 7: Achtsam essen und trinken

Achtsam essen und trinken kann ein Genuss und eine wunderbare Auszeit sein. Probieren Sie es gleich am Morgen aus: Bereiten Sie Ihren ersten Kaffee oder Tee in Ruhe zu. Nehmen Sie bewusst den ersten Schluck und dann den nächsten. Es gibt in dem Moment nichts anderes zu tun.

Wenn möglich, nehmen Sie sich etwas Zeit für das Mittagessen, ohne nebenbei auf das Handy zu schauen, zu lesen oder zu sprechen, vielleicht auch nur für die ersten Minuten. Riechen, schmecken und kauen Sie bewusst.

karolina-kolodziejczak/ unsplash.com

Machen Sie sich bewusst, wie viel Einsatz von Menschen und Tieren nötig war, um Sie und Ihre Familie zu ernähren. Wenn Sie achtsam sind, werden Sie auch merken, welche Nahrungsmittel Ihrem Körper zuträglich sind und sich gut mit der Umwelt vertragen.

Thich Nhat Hanh beschreibt eine Begebenheit mit einem Freund. Sie saßen unter einem Baum und aßen Mandarinen. Der Freund sprach über seine Zukunftspläne und stopfte sich nebenbei Mandarinen-Stückchen in den Mund.

Thich Nhat Hanh schreibt dazu in seinem Bucch “Wunder der Achtsamkeit”: „Es war, als ob er überhaupt keine Mandarine gegessen hätte. Wenn er irgendetwas gegessen hatte, dann vielleicht seine Zukunftspläne.

Eine Mandarine besteht aus verschiedenen Stückchen. Wenn ihr ein Stück essen könnt, so könnt ihr möglicherweise die ganze Mandarine essen. Wenn ihr aber das eine Stück nicht essen könnt, dann könnt ihr vermutlich auch die ganze Mandarine nicht essen.“

Übung 8: Wake up-Call

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Im Alltag immer wieder innezuhalten ist wichtig, um eine Kontinuität in der Achtsamkeits-Praxis aufzubauen.

Sie können eine Achtsamkeits-App auf das Handy laden, so dass ein Ton Sie regelmäßig einlädt, eine Atempause einzulegen. Oder wenn sich z.B. das Handy meldet, atmen Sie bewusst ein- und aus, bevor Sie es in die Hand nehmen.

Wir brauchen immer mal wieder einen Wake-up Call, der uns aus der gewohnheitsmäßigen Unachtsamkeit heraus- und in den gegenwärtigen Moment zurückholt. Viele achtsame Momente am Tag stärken Ihre Achtsamkeit.

 

Übung 9: Die 3-Minuten-Auszeit

Die 3-Minuten-Auszeit können Sie mehrmals täglich zwischendurch machen und in kurzer Zeit Energie tanken:

Ich spüre meinen Körper, den Kopf, den Rücken, Bauch bis zu den Füßen am Boden. Wenn es Beschwerden gibt, so dürfen diese da sein.

Ich spüre meine Gefühle. Ich lasse alle Gefühle zu, die hochkommen: Freude, Wut, Zufriedenheit, Unzufriedenheit, Angst, Zerstreutheit, Chaos. Die Gefühle haben Raum und dürfen da sein.

Ich nehme meine Gedanken wahr, ohne sie zu beurteilen oder zu kommentieren. Ich muss jetzt keine Probleme lösen. Gedanken kommen und gehen. Ich halte sie in einem weiten Raum des Gewahrseins.

Ich fühle mich mit mir verbunden und bin ganz präsent im jetzigen Moment.

Übung 10: Den Tag achtsam beenden

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Bevor Sie ins Bett gehen oder bevor Sie einschlafen wollen, üben Sie Dankbarkeit. Erinnern Sie sich an drei Dinge, die Ihr Leben heute bereichert haben oder die gut gelaufen sind. Sie können auch ein Dankbarkeitstagebuch anlegen und vor dem Einschlafen drei oder mehr Dinge niederschreiben, für die Sie dankbar sind.

Aus der Hirnforschung wissen wir, dass Menschen ihre Aufmerksamkeit vor allem dem zuzuwenden, was schlecht gelaufen ist. Oft verlieren wir uns in destruktiven Gedankenmustern, die Anspannungen im Körper, Herzrasen oder hohen Blutdruck verursachen können. Die Übung der Dankbarkeit ist das perfekte Gegenmittel und besonders wirksam am Abend, wenn wir ins Bett gehen, und am Morgen nach dem Aufstehen.

Wenn Sie in der Nacht Unruhe quält, dann konzentrieren Sie sich bewusst auf Ihre Atembewegungen. Spüren Sie, wie sich die Bauchdecke hebt und senkt und benutzen Sie den Atem als Anker, um sich zu beruhigen.

Artikel zur Achtsamkeitspraxis

Meditationsanleitung “Atempause”

Hörst du mich? Warum es wichtig ist, Aufmerksamkeit zu schenken

Einfach nur gehen – Anleitung zur Gehmeditation

Foto: Joel Heyd

Michaela Doepke, Achtsamkeitstrainerin in Unternehmen, MBSR- und Meditationslehrerin, Journalistin und Redakteurin im Netzwerk Ethik heute und Buchautorin. Sie bietet während es Lockdowns jeden Samstag von 9-10 Uhr eine kostenfreie Online-Meditation an, um gemeinsam innere Kraftquellen zu stärken. Mehr unter: www.michaela-doepke.de


 

Der Dalai Lama fordert ein neues Denken            ethik-heute.org 

Der Dalai Lama erklärt, warum wir in der globalen Krise Dialoge und Solidarität brauchen. Er appelliert, Trennendes zu überwinden. Konzepte wie „meine Nation, meine Religion, meine Gemeinschaft“ seien überholt. Vielmehr gelte es, sich die Einheit der Menschen ins Bewusstsein zu rufen.

Viele Probleme, denen wir uns heute gegenübersehen, sind von Menschen gemacht. Wir sind sieben Milliarden Menschen, und jeder von uns braucht Freunde. Warum also bekämpfen und töten wir einander?

Es liegt daran, dass wir uns zu sehr auf die sekundären Unterschiede konzentrieren – die Nationalität, Hautfarbe, Religion, soziale Stellung, ob wir gebildet sind oder nicht. Auf Basis dieser Unterschiede teilen wir ein in „wir“ und „die anderen“. Das ist kurzsichtig und daraus entstehen Konflikte.

Das einzige Mittel dagegen ist, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und das Gemeinsame zu betonen: Wenn wir tiefer und grundsätzlicher schauen, können wir erkennen, dass wir Menschen körperlich, emotional und mental gleich sind. Wir wünschen Glück und kein Leiden und sind auf dieser fundamentalen Ebene gleich.

Sobald wir uns als Brüder und Schwestern sehen, gibt es keine Basis mehr, andere zu verletzen oder zu töten. Daher sollten wir ein Gefühl für die Einheit der Menschheit entwickeln und alle Menschen als Brüder und Schwestern ansehen. Auch die großen religiösen Traditionen lehren uns die Einheit aller Menschen – und das trotz der Unterschiede, etwa dass die einen an Gott glauben und andere nicht.

Wohlstand reicht nicht, um inneren Frieden hervorzubringen

Ich möchte Ihnen nun berichten, welche Ziele ich im Leben verfolge. Mein erstes Ziel ist, zu einer glücklicheren Menschheit beizutragen. Viele denken, dass Glück von Geld und Macht kommt. Wenn wir aber tiefer schauen, können wir erkennen, welche Rolle der Geist dabei spielt. Er ist maßgeblich für unser Wohlergehen.

Der Schlüssel zum Glück ist innerer Frieden. Wenn wir Kummer, Sorgen und Stress haben, bringen uns materielle Annehmlichkeiten kaum Erleichterung. Dagegen können wir körperliches Leiden gut ertragen, wenn wir innerlich ausgeglichen sind. Dies zeigt, wie wichtig die geistige Ebene ist. Wenn wir also ein glücklicher Mensch sein wollen, müssen wir mehr auf die inneren Werte achten.

Der moderne Lebensstil ist zu sehr am Materiellen ausgerichtet, das gilt übrigens auch für das Bildungssystem. Wohlstand und Erfolg reichen aber nicht, um inneren Frieden hervorzubringen. Daher möchte ich Menschen davon überzeugen, wie wichtig es ist, Warmherzigkeit zu kultivieren, wenn man glücklich sein möchte, und wie elementar ein gesunder Geist auch für körperliches Wohlbefinden ist.

Das gilt sowohl für religiöse als auch für nicht-religiöse Menschen. Entscheidend ist nicht, ob wir glauben oder nicht, sondern ob wir den Wert des Mitgefühls erkennen. Ich möchte also innere Werte vermitteln durch Bildung, Vernunft und Erkenntnisse aus Erfahrungen, nicht durch religiösen Glauben.

Wir können auch wissenschaftliche Forschung zu Hilfe nehmen. In den letzten Jahren haben Wissenschaftler herausgefunden, dass Menschen durchaus mitfühlend sind und mit anderen kooperieren. Wäre der Mensch von Natur aus aggressiv und voller Hass, dann hätten wir keine Hoffnung, und alle Anstrengungen, Mitgefühl zu entwickeln, wären vergeblich.

Wenn aber die menschliche Natur mitfühlende Anteile hat, dann lohnt es sich, diese zu stärken. Ein wesentliches Ziel von Bildung sollte es sein, den Menschen zu vermitteln, wie man ein glücklicher Mensch, eine glückliche Familie, eine glückliche Gesellschaft wird, ja wie die sieben Milliarden Menschen glücklich sein können. So sehe ich meine erste Lebensaufgabe darin, Menschen die Bedeutung innerer Werte wie Mitgefühl, Vertrauen und Verbundenheit zu vermitteln.

Die Zukunft der Menschheit steht auf dem Spiel

Als zweites kümmere ich mich um die Harmonie unter den Religionen. Das Weltparlament der Religionen zum Beispiel ist eine wundervolle Einrichtung. Ich habe schon mehrmals an Veranstaltungen teilgenommen. Solche Initiativen sind wie Samen für eine gute Zukunft.

Ein weiterer Punkt, der mir am Herzen liegt, ist der Dialog. Wir Menschen sind mit einem wunderbaren Gehirn ausgestattet, das uns diese große Intelligenz ermöglicht. Daraus entstehen verschiedene Ideen, Interessen und Vorstellungen, die aber auch zu einer Quelle von Konflikten werden können. Das ist ganz normal. Solange es Menschen gibt, wird es Konflikte geben. Diese entstehen oftmals, wenn Intelligenz und zerstörerische Emotionen wie Wut und Rachsucht zusammen kommen.

Wenn wir unsere Intelligenz jedoch mit Mitgefühl verbinden und destruktiven Kräften Einhalt gebieten, können wir als Menschen grenzenloses Mitgefühl hervorbringen. Wir haben die Wahl, der Störenfried zu sein oder ein Mensch, der Harmonie und Frieden in die Welt bringt.

Wann immer es Interessenskonflikte gibt – seien es nationale, religiöse oder wie auch immer geartete -, sollten wir mehr global denken. Wir sind voneinander abhängig. Wir brauchen einander. Der Westen braucht den Osten, der Süden braucht den Norden. Und gerade auch die Umweltprobleme wie der Klimawandel überschreiten Grenzen. Daher ist jetzt die Zeit gekommen, zusammenzuarbeiten. Die Zukunft der Menschheit steht auf dem Spiel.

Die Interessen anderer anerkennen

In einer globalisierten Welt ist es nicht zeitgemäß, an Konzepten wie „meine Nation, meine Religion, meine Gemeinschaft“ zu hängen. Wir sollen uns stattdessen viel stärker die Einheit der Menschen ins Bewusstsein rufen. Das ist die Voraussetzung für einen echten Dialog. Dialog bedeutet, dass wir die Rechte und Interessen anderer anerkennen. Die anderen mögen andere Sichtweisen haben, aber sie sind immer noch unsere Brüder und Schwestern.

Das letzte Jahrhundert war eine Ära massiver Gewalt, auch in Europa. Die Gewalt geht auf all die Fehler zurück, die in der Vergangenheit gemacht wurden. Die Menschen setzten auf militärische Macht und nationale Interessen. Das ist altes Denken und total engstirnig und kurzsichtig.

Jetzt ist die Zeit für ein neues Denken. Wir sollten die ganze Menschheit im Blick haben und nach Lösungen suchen, die dem Wohl der vielen dienen. Dialog ist der Weg, das Wohlergehen anderer stärker zu berücksichtigen. Daher plädiere ich dafür, dieses Jahrhundert zu einem Jahrhundert des Dialogs zu machen. Dialog erfordert ein Gefühl der Solidarität mit allen Menschen.

Natürlich ist das nicht einfach, denn normalerweise sind wir kurzsichtig und im alten Denken gefangen. Wir sind ganz fixiert auf unsere eigenen Interessen. Um so verdienstvoller sind Initiativen wie die Europäische Union. Die Motivation hinter dem vereinten Europa ist es, die Interessen einer größeren Gemeinschaft vor die Interessen einzelner Mitglieder zu stellen, um dem großen Ganzen zu dienen.

Wenn Sie etwas von dem, was ich gesagt haben, sinnvoll finden, denken Sie bitte mehr darüber nach. Diskutieren Sie es mit Ihren Freunden. Auf diese Weise verbreiten sich solche Ideen. Das erreichen wir nicht, indem wir zu Jesus, Buddha oder Allah beten und von ihnen verlangen, dass sie unsere Probleme lösen.

Auszug aus dem Vortrag vom 12. Oktober 2016 in Bern, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Office of His Holiness the Dalai Lama in Dharamsala, übersetzt aus dem Englischen von Christof Spitz. Weitere Beiträge des Dalai Lama auf Ethik heute

Seit Frühjahr 2017 ist der Dalai Lama in sozialen Medien (deutschsprachig) zu finden:

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