Philrunde 1.10.2021
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Gedanken von Margrit Irgang
Die Corona-Pandemie
hat uns aus dem normalen Leben gerissen. Wir sehnen uns nach
„Normalität“ und Sicherheit. Doch unsere Welt ist eine andere geworden,
ist die Schriftstellerin Margrit Irgang überzeugt. Sie rät, die
Unsicherheit willkommen zu heißen, denn nur so können wir neue
Möglichkeiten für uns und die Gesellschaft entdecken.
Als wir in den ersten Lockdown geschickt wurden,
sprach die Bundeskanzlerin von einer „neuen Normalität“, die uns in der
Zukunft erwarten würde. Aber die Zukunft trödelt herum und will sich
nicht einstellen.
Jens Spahn hält sich deshalb lieber an die
Vergangenheit und hofft auf eine „Rückkehr zur Normalität“ im Sommer
dieses Jahres. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller glaubt
dagegen „vorerst nicht“ an eine Rückkehr zur Normalität, während der
Chef der Stiko, der Ständigen Impfkommission, mit einer Rückkehr zur
Normalität Ende des Jahres 2021 rechnet, wenn die Herdenimmunität
erreicht sein soll.
Normal nennen wir das, was wir gewohnt sind, was uns
vertraut ist. Die derzeitige Beschwörung der Normalität soll die
Illusion von Sicherheit erzeugen in einer Zeit, in der nichts mehr
sicher ist. Ich finde es aufschlussreich, dass in der Sprache der Justiz
früher das Wort „sicher“ im Sinn von „frei von Schuld, Pflichten,
Strafe“ gebraucht wurde. Ganz tief unter unserem Wunsch nach Sicherheit
liegt die Angst vor dem Unbekannten, dessen Gesetze und Verhaltensregeln
wir nicht kennen.
Niemand sagt deutlich, was im Grunde alle wissen,
aber keiner zugeben will: dass es eine Rückkehr zur Normalität nicht
geben wird, weil unsere Welt nicht mehr die ist, die sie vor der
Pandemie war. Man will ja im Herbst wiedergewählt werden, und eine
verunsicherte Bevölkerung ist unberechenbar.
Und so entgeht den Volksvertretern, dass ihr Volk in
weiten Teilen die veränderte Lage längst begriffen hat. In welche
„Normalität“ sollen die Besitzer kleiner Läden, die Konkurs anmelden
müssen, zurückkehren? Oder die Menschen, denen ein naher Angehöriger an
Covid-19 verstorben ist? Oder die Jugendlichen, die keinen
Ausbildungsplatz finden?
Alle, die eine Zukunft beschwören, die nichts anderes
sein soll als eine Rückkehr ins Gewohnte, betrügen die Menschen um die
große Chance, die Corona uns bietet: die Unsicherheit willkommen zu
heißen mit all ihren Möglichkeiten.
Corona schickt uns auf eine Reise in ein fremdes Land
Der Quantenphysiker Hans-Peter Dürr wies darauf hin,
dass Unsicherheit geradezu eine Vorbedingung für Kreativität sei, weil
sie uns Handlungsfreiheit eröffne: „Unsicherheit bewirkt
Sensibilisierung. Und ein lebendiges Wesen ist ein hochsensibilisiertes
System. Wenn wir im stabilen Grundzustand sind, passiert uns nichts,
hier sind wir sicher, aber das Geistige könnte sich in uns kein Gehör
mehr verschaffen, die Welt der Ahnungen und Gedanken wäre verschüttet.“
Corona schickt uns auf eine Reise in ein fremdes
Land, und eine solche Reise erfordert von uns das Erlernen ganz neuer
Fähigkeiten. Ich bin einmal alleine durch Harlem und die Bowery in New
York gestreift, weil sich meine amerikanischen Freunde weigerten, mich
in diese gefährlichen Viertel zu begleiten.
Ich ging mit weit offenen Sinnen, hellwach und jede
Einzelheit registrierend. In Hauseingängen lagen Kleiderbündel, die ich
für Abfall hielt, bis sie sich zu bewegen begannen und aufrichteten:
Waren es Obdachlose, Junkies?
Drei junge Männer folgten mir im immer gleichen
Abstand, ohne näher zu kommen. War es Neugier oder Überwachung? Ich
konnte das alles nicht auf Grund vergangener Erfahrungen beurteilen. Ich
brauchte eine andere Instanz, um die möglichen Gefahren zu orten: meine
Intuition und den Instinkt, der seit den Urzeiten der Menschheit in
meinen Genen schlummert und jetzt geweckt wurde.
Was wir zu wissen glauben, nehmen wir kaum mehr wahr
Wir wissen nicht, wo wir uns – jede und jeder für
sich und wir als Gesellschaft – in einem Jahr befinden werden. Ist das
wirklich so furchterregend? Wenn wir etwas zu wissen glauben, nehmen wir
es nicht mehr wahr. Uns entgehen die feinen Nuancen unseres Partners,
den wir seit Jahrzehnten „kennen“, weil wir von ihm keine Überraschungen
mehr erwarten. Wir sehen an unserem langjährigen Wohnort die
Veränderungen der Natur nicht mehr.
Wir wissen noch nicht viel über das Virus. Die
Virologen sind dabei, mehr darüber herauszufinden, und das ist gut und
wichtig. Aber wir könnten unser Nicht-Wissen jetzt, in diesem Moment,
für größere Lebendigkeit nutzen. Anstatt auf die Rückkehr des Gewohnten
zu warten, könnten wir uns den Energien des Lebens anvertrauen.
Eine der grundlegenden Lehren des Buddha ist die von
der unaufhörlichen Veränderung alles Seienden. Und auch die Bibel weiß,
dass es für alles eine Zeit gibt, für das Säen und Ernten, für das Leben
und Sterben.
Irgendwann wird es eine Zeit des Wissens geben, in
der wir das Virus verstehen und vielleicht sogar eindämmen können. Jetzt
jedoch ist die Zeit des Nicht-Wissens und der Entdeckung der
Möglichkeiten. Die größte dieser Möglichkeiten sind wir selbst: unsere
Ideen, unsere Kreativität, unsere Herzenswärme.
Wir haben das „hochsensibilisierte System“, das jeder
von uns ist, vielleicht noch gar nicht wirklich kennengelernt. Ein
Leben im Gewohnten und Altvertrauten schläfert subtile Kräfte nämlich
ein. Aber jetzt könnten sie aufwachen und in uns die hellwache,
kritische Aufmerksamkeit wecken, die wir mehr denn je brauchen.
Noch hat sich das Lebendige nicht zu einer „neuen
Normalität“ verfestigt, und wir haben uns noch nicht in einer neuen
scheinbaren Sicherheit eingerichtet. Noch ist alles im Fluss. Es wäre zu
schade, wenn wir diese Zeit versäumen würden.
Lesen Sie einen weiteren Artikel der Autorin: Wir alle sind Teil des kollektiven Immunsystems

Foto: privat
Margrit Irgang ist Schriftstellerin und Dichterin. Sie erhielt
für ihre Erzählungen und Gedichte etliche Literaturpreise. Seit 1984
praktiziert sie Zen, seit 1992 bei Thich Nhât Hanh. Seit über 20 Jahren
gibt sie Meditations-Retreats. Auf ihrem Blog www.margrit-irgang.blogspot.de erkundet sie „die Poesie des Augenblicks“.
Gedanken zu den Corona-Regeln
Margrit Irgang,
Schriftstellerin und Meditationslehrerin, ist besorgt, dass Menschen in
ihrem Umfeld die Corona-Regeln ablehnen. Sie kritisiert ein falsches
Verständnis von Freiheit. Da wir alle miteinander verbunden sind, spiele
es eine große Rolle, wie ein einzelner Mensch sich verhält.
Ich bin ratlos und traurig. In meinem Umkreis gibt es
zunehmend mehr Menschen, die sich weigern, Masken zu tragen. Sie sagen,
sie fühlten sich durch die Maßnahmen der Politik zur Eindämmung der
Pandemie in ihrer Freiheit eingeschränkt. Sie sähen, sagen sie, unsere
Grundrechte in Gefahr. Auf Demonstrationen werden Schilder hochgehalten,
auf denen zum Beispiel steht “Für unsere Freiheit gegen Merkels DDR”.
Nun haben wir es beim Corona-Virus mit einer
abstrakten und unsichtbaren Gefahr zu tun, von der wir alle nicht mit
Sicherheit sagen können, wie groß sie ist oder werden wird. Und einige
der Regierungsbeschlüsse sind durchaus fragwürdig – aus meiner Sicht vor
allem die Milliarden, die jetzt zur Ankurbelung eines schon vorher
unsinnigen Konsums ausgegeben werden, während die Künstler und die
Kultur schlichtweg vergessen werden.
Aber die Argumentation der Maskenverweigerer
funktioniert nur, weil sie gleichzeitig die Gefährlichkeit des Virus und
die Kompetenz der Fachleute anzweifeln. So bleibt ihr Freiheitsbegriff
unangetastet und sie müssen sich nicht der Frage stellen, ob hier
vielleicht Freiheit mit Egozentrik verwechselt wird.
„Dein Körper gehört nicht dir“
Meine Mutter und mein Stiefvater waren starke
Raucher. Nach dem Krieg lebten wir in einem Zimmer. Nein, das war keine
Einzimmer-Wohnung, nur ein Zimmer für absolut alles, was man so tut,
wenn man zu Hause ist. Ich wuchs auf inmitten blauer Rauchschwaden; kein
Mensch kam damals auf die Idee, dass hier die Gesundheit eines Kindes
geschädigt wurde.
Die später allgegenwärtige Marlboro-Werbung mit dem
Cowboy machte mir klar, worum es dabei ging: “Der Geschmack der
Freiheit” war nach den Entbehrungen des Krieges einfach zu verlockend.
In meinem ersten Studienjahr beim vietnamesischen
Meditationslehrer und Friedensaktivisten Thich Nhât Hanh sagte er einen
Satz, der bei vielen Zuhörern großen Widerstand auslöste: “Dein Körper
gehört nicht dir.”
Da alles mit allem verbunden ist und Grenzen zwischen
uns und der Natur nicht existieren, ist es nicht egal, wie ich mit
meinem Körper umgehe. Wie ich ihn ernähre, pflege, welchen Risiken ich
ihn aussetze. Es geht nicht nur um mich, es geht immer um das Ganze.
„Wir alle sind Teil der zweiten Welle“
Wenn man einen Gewährsmann zum Thema Freiheit
befragen möchte, sollte man vielleicht Nelson Mandela wählen. Dieser
große Friedens- und Freiheitspolitiker hat immer betont, dass er sich im
Gefängnis die innere Freiheit bewahrt hat. Und auch dies hat er gesagt:
“Sich ernsthaft um andere zu sorgen, sowohl im privaten wie im
öffentlichen Leben, würde uns der Welt, nach der wir uns sehnen, sehr
viel näher bringen.”
Thich Nhât Hanh wiederum hat einst im
Hochsicherheitstrakt eines Gefängnisses in Maryland ein Retreat gegeben
mit dem Titel “Frei sein, wo immer du bist”. Und er wurde nie müde, uns
daran zu erinnern: “Freisein ist unsere Praxis”. Denn Freiheit ist nicht
“dort draußen”, sie ist kein Zustand, der uns gewährt und wieder
genommen werden kann. Sie ist ein Geisteszustand.
Isabella Eckerle, die Leiterin des Zentrums für
Virenerkrankungen an der Universität Genf, sagt, warum wir es jetzt nur
gemeinsam schaffen können: “Wir alle sind ein Teil dieser zweiten Welle.
Denn das Virus braucht immer einen Wirt, um zu überleben und sich zu
vermehren. Es ist auf eine kontinuierliche Weiterübertragung angewiesen.
Nur wenn es immer wieder von einem Menschen zum anderen überspringt,
bleiben Infektionsketten aufrechterhalten. Sobald ein Infizierter in der
hochinfektiösen Phase niemand anderem nahekommt, bricht die
Infektionskette ab und das Virus verschwindet in dieser Sackgasse.”
Und immer noch reiten die Cowboys ohne Masken über die Plätze der Stadt auf der Suche nach dem Geschmack der Freiheit.
„Wir sind wichtig“
Noch etwas ist hier wichtig. In Neuseeland ordnete
Premierministerin Jacinda Ardern im Frühjahr einen nahezu kompletten
Lockdown an; die Bürgerinnen und Bürger sahen die Notwendigkeit ein und
setzten alle Anordnungen ohne Widerspruch um. In Frankreich gab es weit
drastischere Einschränkungen als in Deutschland, jetzt folgen Wales und
Belgien, um nur einige zu nennen. Ich höre wenig von Demonstrationen
dort gegen die von der Politik verhängten Maßnahmen.
Aber in Deutschland ist die Vergangenheit noch längst
nicht vergangen. Da gibt es einerseits die Rechtspopulisten, die das
Virus für ihre Zwecke missbrauchen. Da ist bei anderen, sehr viel
klügeren Menschen das Misstrauen gegen Anordnungen “von oben” und die
Sorge darum, die mühsam errungene Demokratie dauerhaft zu verspielen.
Die Sorge ist gut. Sie ist wichtig. Aber wir müssen
lernen, jeden Einzelfall genau zu betrachten und zu differenzieren. Wenn
wir einfach nur “dagegen” sind, reagieren wir aus dem Urgrund des
kollektiven Traumas heraus, das in Deutschland lebendiger ist, als die
meisten es wahrhaben wollen. Und blinde Reaktion ist nicht dasselbe wie
kreative Antwort.
Wir sind Teil des kollektiven Traumas und Teil des
kollektiven Immunsystems. Ich weiß, dass es nicht leicht ist, beides
gleichzeitig zu balancieren. Aber nur Mut, es wird gehen. Wie wir in den
nächsten Monaten unser persönliches Leben leben, ist entscheidend.
Sorgen wir uns ernsthaft um andere? Das würde viel ausmachen.
Wir sind wichtig, jede und jeder von uns. Das ist doch mal eine gute Botschaft.