Dienstag, 24. August 2021

 

Philosophie als Lebensform

Jens Ottoson/ shutterstock.com
Philosophie als Lebensform

Ein Überblick von Krisha Kops   in "ethik-heute.org"

Die Idee, dass Philosophie eine Lebenspraxis ist, gibt es in West und Ost. Insbesondere die „Sorge um sich selbst“ ist zentral, also Übungen zur Persönlichkeitsentwicklung. Der Philosoph Krisha Kops stellt verschiedene Ansätze vor – von Platon über Hadot bis Gandhi.

Man stelle sich vor, Olaf Scholz träfe auf Platon. Scholz würde seinem Lehrer den Wunsch mitteilen, Bundeskanzler zu werden, woraufhin Platon, der geistige Vater der Philosophenkönige, erwiderte, er solle erst einmal Seelenkunde betreiben, sich um sich selbst sorgen. »Und lerne, was du mußt gelernt haben“, würde Platon hinzufügen, „um an die Angelegenheiten der Stadt zu gehn“.

Ein philosophischer Berater wie Platon würde wohl die politische Landschaft nachhaltig zum Positiven verändern. Was Platon eigentlich nicht Scholz rät, sondern Alkibiades, ist die sogenannte Sorge-um-sich, die mit der Philosophie als Lebensform in Verbindung steht.

Es war der französische Philosoph und Historiker Pierre Hadot (1922-2010), der die antike und hellenistische, aber auch teils die christlichen und modernen Philosophien als „manière de vivre“ (Lebensform) bezeichnete. Ergänzend dazu betonte Michel Foucault in seinem Spätwerk die Sorge um sich selbst. Dieses Verständnis der Philosophie unterscheidet sich von anderen, beispielsweise dem heute dominierenden analytischen. 

In Bezug auf die Stoiker machte Hadot etwas geltend, das die Philosophie als Lebensform per se trefflich beschreibt: „In ihren Augen besteht die Philosophie nicht in der Lehre einer abstrakten Theorie […], noch weniger in der Auslegung von Texten […], sondern in einer Lebenskunst […], einer konkreten Haltung, einem festgelegten Lebensstil, der sich auf die ganze Existenz auswirkt. Die philosophische Tätigkeit erstreckt sich nicht nur auf das Wissen, sondern auf die eigene Person und das Dasein: Sie ist ein Fortschreiten, das unser Sein wachsen läßt und uns besser macht […]; sie ist Bekehrung, die das ganze Leben verändert und das Wesen desjenigen verwandelt, der sie vollzieht.“ 

In diesem Zitat werden gewisse Eigenschaften der Philosophie als Lebensform erkennbar: Sie beabsichtigt, die Philosophierenden wenn möglich gänzlich zu transformieren. Diese Transformation wird dadurch erwirkt, dass das Philosophieren sich nicht bloß auf die Theorie fokussiert, sondern einen starken praktischen Charakter bekommt. Das bedeutet, dass sie sich im Alltag bemerkbar macht, etwa durch unsere Lebensvollzüge und Sichtweisen.

Philosophie im Dienst des guten Lebens

Die Philosophie als Lebensform verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz. Das macht sich unter anderem darin bemerkbar, dass sie geistige Exerzitien oder Übungen gebraucht, die moralische, psychische, ethische, seelische und intellektuelle Aspekte miteinbeziehen. Solche Übungen, welche auf die permanente Veränderung des Habitus abzielen, können asketische, meditativ-kontemplative, schreibende, lesende, dialogische und andere Formen annehmen.

Dabei macht es sich dieses therapeutische Philosophieren unter anderem zur Aufgabe, das Urteilen, Streben und die falschen Begehren zu bändigen, um so freier, gelassener, gegenwärtiger, objektiver und wachsamer zu werden. Anders gesagt: um seinen Mitmenschen und sich selbst ein besseres Leben zu ermöglichen. 

Obzwar Hadot erst spät erkannte, dass man die Philosophie als Lebensform auch in nicht-europäischen Philosophietraditionen vorfindet, kann man offensichtlich viele indische (und andere) Denkschulen als philosophische Lebensformen verstehen, welche die Sorge um sich als festen Bestandteil haben.

Diese Philosophien umspannen das ganze Leben, wirken mit Hilfe von spirituellen Übungen therapeutisch und beabsichtigen, die Übenden zu freieren, gegenwärtigeren, weniger leidenden, selbstloseren, gezügelteren wie ethischeren und damit glückseligeren Personen zu transformieren. 

Dementsprechend ist bei den allermeisten indischen Philosophien das Leiden der Ausgangspunkt. Um dieses Leiden zu überwinden, werden verschiedene Methoden vorgeschlagen, sei es Meditation, Kontemplation oder das Handeln an sich. Auch hier ist das Ziel eine ganzheitliche Transformation, ein Zustand der Befreiung, der in einer Glückseligkeit mündet.

Aber auch die anderen von Hadot genannten Aspekte findet man hier wieder. So spielt das Ethische, etwa die Gewaltlosigkeit, eine gewichtige Rolle. Der Selbstbezogenheit, dem Ego soll Einhalt geboten werden, um so die richtige Sicht auf die Welt zu ermöglichen. Unter anderem geschieht dies durch die Zügelung der Sinne. Und der heute so verbreitete Begriff der Achtsamkeit findet insbesondere insbesondere im Buddhismus seinen Ursprung.

Man kann andere nicht führen, wenn man nicht für sich selbst gesorgt hat

Obwohl die philosophische Forschung mittlerweile Hadots blinden Fleck beseitigt hat, wurden interessanterweise bis auf den Nobelpreisträger Rabindranath Tagore keine moderneren indischen Denkerinnnen oder Denker mit der Philosophie als Lebensform in Verbindung gesetzt. Und das, obwohl diese Art des Philosophierens bis weit in die indische Moderne praktiziert wird.

Die Forscher setzen sie zumeist in den religiösen, vielleicht auch in einen politischen Kontext, nicht aber den der philosophischen Lebensform.

Besonders bei Mahatma Gandhi, dem Philosophen Sarvepalli Radhakrishnan sowie anderen Philosophen des 19. und 20. Jahrhunderts ist dies augenfällig. Sie verstehen Philosophie als eine ars vivendi, eine Lebenskunst. Die dadurch verrichtete Arbeit an sich selbst dient als Bedingung, um politisch aktiv zu werden. 

Mithin versteht Radhakrishnan seine Philosophie nicht nur als ein Beitrag zum politischen Geschehen seiner Zeit, sondern übernimmt später selbst als 2. Präsident Indiens politische Verantwortung und wird so zu einer Art Philosophenkönig.

Bei Gandhi wird die Verflechtung von der Sorge um sich selbst und dem politischen Wirken noch ersichtlicher. Gandhi ist der bessere Alkibiades. Denn Gandhi betreibt durch verschiedene Exerzitien, wie Fasten oder philosophische Introspektion, immerfort die Erforschung seiner eigenen Seele mit dem Ziel, die durch seine Selbsttransformation erlangte Erkenntnis des Wahren und Guten in sein politisches Handeln zu integrieren.

Man kann also das – was Foucault in Bezug auf Alkibiades schreibt und auf viele der heutigen Politiker nicht zutrifft – spiegelbildlich auf Gandhi anwenden: „Das »Sich-um-sich-selbst-Sorgen« ist im Willen des Individuums, politische Macht über andere auszuüben, enthalten und leitet sich daraus ab. Man kann die anderen nicht gut führen, man kann seine Privilegien nicht in politisches Handeln, in rationales Handeln verwandeln, wenn man sich zuvor nicht um sich selbst gesorgt hat.“

Mehr zum Thema Lebenskunst auf Ethik heute

Foto: privat

Krisha Kops ist Philosoph und Publizist. Er studierte Philosophie und internationalen Journalismus in London, bevor er in interkultureller Philosophie promovierte. Neben seiner theoretischen Arbeit verantwortet er im Rahmen seiner praktischen philosophischen Tätigkeit die Geschäftsführung von wirhelfen.eu.

Donnerstag, 1. Juli 2021

                  Philrunde Juli 2021

Aus dem Aufruf zum Leben entwickelt sich der Aufruf zum beseelten Leben

www.aufruf-zum-beseelten-leben.de 

Eine einseitige Orientierung auf materielle Werte, auf die Lösung der großen Menschheitsprobleme durch Technologie und Digitalisierung, und die biologische Dimension in Gesundheitswesen und Gesellschaft vernachlässigt die seelische und soziale Ebene unseres Menschseins. Im Jahr 2010 haben mehr als 20 leitende Ärzte psychosomatischer Kliniken in einem Aufruf zur psychosozialen Lage in Deutschland ihre tiefe Erschütterung über das Ausmaß seelischer Erkrankungen und psychosomatischer Probleme zum Ausdruck gebracht. Trotz einer beginnenden öffentlichen Diskussion, insbesondere über die Problematik zunehmender Burnout-Prozesse und seelischer Überforderungen in den gesellschaftlichen Entwicklungen, hat die massive psychosoziale Überlastung großer Teile der Bevölkerung weiterhin zugenommen.
 
Daher haben im Jahr 2016 wiederum mehr als 20 leitende Ärzte psychosomatischer Kliniken in dem Aufruf zum Leben sowohl auf das weiterhin bestehende seelische Leiden, als auch auf die Stärke und Lebendigkeit unserer Seele hingewiesen und zu mehr psychosozialer Kompetenz- und Resilienzentwicklung aufgefordert.

Die gegenwärtige Zeit hat uns erneut die Vernachlässigung des Geistig-seelischen und des Zwischenmenschlich-sozialen vor Augen geführt. Die meisten Bevölkerungsgruppen sind durch Infektionsgefahr begründete Ängste und durch langdauernden Stress, angesichts von Vorschriften und Einschränkungen, psychisch massiv belastet.
 
Die überragende Bedeutung der menschlichen Seele in dieser Zeit erfordert eine erneute Aufmerksamkeit. Um die Bedeutung des Erlebens, des Spürens, des Fühlens unserer Innenwelt und auch seiner Tiefe zu betonen, erscheint das Wort „Seele“ als das beste und geeignetste, denn es besitzt eine lange abendländische Tradition, sowohl in unseren Religionen als auch in unseren Philosophien, in unserer Kunst und in unserer Dichtung. Es ist eine Metapher, die für die meisten Menschen intuitiv eine innerlich berührende Bedeutung hat. Es geht in dem folgenden Aufruf nicht um die Frage von Begrifflichkeiten. Somit könnte auch „Psyche“ oder „psychosoziale Dimension“ oder ähnliches mitgedacht werden. Angesichts der gesellschaftlichen Situation, der Diskreditierung von Personen oder Konzepten wegen einzelner nebensächlicher Aussagen oder Begrifflichkeiten, möchten wir auch zum Ausdruck bringen, dass es uns nicht um jedes Detail, jede Frage oder jede Aussage geht, sondern um ein „beseeltes Leben“.
 
Unser Aufruf ist keine Anklage, sondern ein Ausdruck unserer tiefen Erschütterung über die globalen gesellschaftlichen Entwicklungen und der Hoffnung, dass die Würdigung unserer Seele beitragen kann zu einem menschlicheren und lebendigeren Leben.






Wir sind lebendige Menschen, denen ein Leben aus der Verbindung mit der Tiefe unserer mensch­lichen Seele am Herzen liegt.
Wir erleben eine Welt, in der es vorwiegend um materielle Werte und äußeren Erfolg geht!
Wir erleben tagtäglich, wie wir mit Reizen überflutet und zu Konsumverhalten manipuliert werden!
Wir erleben, wie vorwiegend technische und digitale Lösungen für große Menschheitsprobleme, wie Krankheiten, Klimawandel, Artensterben, Überbevölkerung usw. gesucht werden!
Wir werden konfrontiert mit der Komplexität und Unüberschaubarkeit wirtschaftlicher Entwicklungen und Fehlentwicklungen, medialer Information und Desinformation, politischer Polarisierungen und Einflussnahmen auf unser Leben und dies alles in globalisiertem Ausmaß!

Wollen oder können wir überhaupt so weiterleben?

Wir leben in einer Zeit des Wandels, einer Zeit gravierender persönlicher, gesellschaftlicher und globaler Veränderungen. Wir leben in einer Zwischenzeit, in der wir innehalten können und uns mit unseren tiefergehenden Fragen und unseren wesentlichen Werten beschäftigen können. Dies gibt uns die Gelegenheit, in unser tiefstes Inneres zu schauen, in dem wir unser geistig-seelisches Leben finden, nicht nur mit seinem Leiden an der gegenwärtigen Welt, sondern auch mit der Größe seiner Seele und der Inspiration seines lebendigen Geistes.

Wir wollen fragen:
Wie wollen wir leben?
Wie wollen wir persönlich leben?
Wie wollen wir zusammenleben?
Wie wollen wir gebären oder geboren werden?
Wie wollen wir die Entwicklung unserer Kinder fördern?
Wie wollen wir uns begegnen und austauschen?
Wie wollen wir lernen und uns weiterentwickeln?
Wie wollen wir sterben?
 
In was für einer Welt wollen wir leben?
Wie wollen wir informiert und unterhalten werden?
Wie wollen wir regiert werden?
Wie wollen wir mit Gesundheit und Krankheit umgehen?
Wie wollen wir mit unserer Umwelt umgehen, mit den Tieren und Pflanzen?
Wie wollen wir leben, dass nicht nur wir überleben, sondern auch die anderen Lebewesen dieses Planeten?
Was macht das Leben im Grunde lebenswert?
 

Wir wissen, dass es auf alle diese Fragen keine einfachen Antworten gibt!

Wir wissen, dass wir ehrliche und ernsthafte Gespräche benötigen, die von gegenseitigem Interesse, Toleranz und der Suche nach gemeinsamen Wegen gekennzeichnet sind. Dafür benötigen wir eine tiefe innere Verbundenheit mit dem, was uns bei allen äußeren Unterschieden in unserer Seele als Menschen ausmacht. Wir wollen versuchen, all diese Fragen offen zu halten und vielleicht langsam in die Antworten hineinzuleben.
 
In einer Zeit der Fokussierung auf materielle Errungenschaften, technologische Entwicklungen und die biologische Dimension des Menschseins suchen wir nach einem „beseelten“ Leben.
 
Es geht uns um ein Leben in Würde. Wir wollen die Würde des Menschen in jedem Lebensalter, in seiner Diversität, bei Krankheit, im Alter und im Sterben achten und schützen. Wir erkennen die Würde anderer Lebewesen, von Bäumen, Wald und letztlich der Natur in und außerhalb von uns selbst an.
 
Es geht uns um ein Leben in Freiheit. Die Gnade eines letztlichen Freigegebenseins jedes Lebe­wesens spüren wir in unserer Tiefe als Unzerstörbarkeit unserer inneren Freiheit. Wir betrachten unser Recht auf unser freies Leben und unsere Unversehrtheit verbunden mit unserer Verantwortlichkeit für das Leben anderer Menschen und der Natur.
 
Es geht uns um ein Leben in Bewusstheit. Wir vergegenwärtigen unsere Seele und unseren Geist, wer wir sind als Menschen, wie wir miteinander und der Welt umgehen. Wir übernehmen Verant­wortung für die Entwicklung unseres individuellen Bewusstseins und einer aufklärenden und dialo­gischen Bewusstseinskultur.
 

Es geht uns um ein Leben in Liebe und in Verbundenheit mit der Natur. Wir erkennen, dass wir ein Teil der Natur dieser Erde sind und wissen, dass wir nur im „Gespräch“ mit der uns überschreitenden Natur ein würdiges gemeinsames Leben und Überleben finden können.

 
Das Leben ist ein großes, wundervolles Geschenk.
Es will nicht nur überleben, sondern lebendig leben!
Es will nicht nur funktionieren, sondern sich selbst spüren und erleben!

Deshalb wollen wir das Leben lieben und zu einem beseelten Leben aufrufen!
 
Dies ist:
     Ein Aufruf zum lebendigen Leben.
     Ein Aufruf zum Leben in Freiheit und Würde.
     Ein Aufruf zur Menschlichkeit.
     Ein Aufruf zu einem erwachten und bewussten Leben.
     Ein Aufruf zum naturverbundenen Leben.
     Ein Aufruf zum Wesentlichen.
     Ein Aufruf zur Erinnerung an uns selbst und unsere Seele.
     Ein Aufruf zum beseelten Leben.
 

 

    

 

Philrunde Jul


Samstag, 19. Juni 2021

 

Tierethik -                                                                    Klaus Burghardt

Einige Aspekte der Schopenhauerschen Mitleidsethik 

Als mir vor einiger Zeit der Gedanke kam, dass das Thema Tierethik eine passende Ergänzung zu dem Problembereich „Der Omnivore vs. vegane Ernährung“1 sein könnte, da wusste ich noch nicht, dass Albert Schweitzer Schopenhauer eine Pionierrolle in der Tierethik zugeschrieben hatte2.

 

Aus mehreren Gründen sehe ich angesichts der Vielzahl tierethischer Ansätze die Schopenhauersche Mitleidsethik für unsere Runde als am besten geeignet an. Insbesondere scheinen mir - anders als dies etwa beim durch seine Radikalität für einen spannenden Disput ohne Zweifel bestens geeigneten Egalitarismus3 der Fall ist - zwei grundlegende Annahmen seiner Philosophie ohne komplizierte Argumentationsketten quasi intuitiv einsichtig zu sein:

  1. Wir sind verpflichtet, niemandem Leid zuzufügen oder ihn seinem Leiden zu überlassen, sofern Abhilfe möglich und zumutbar ist.
  2. Leidensfähige Tiere unterscheiden sich in Bezug auf diese ihre Eigenschaft nicht wesentlich vom Menschen.

Schopenhauer scheint davon auszugehen, dass es eine Art Einverständnis darüber gibt, was als moralisch gilt und dass wir so etwas wie einen von allen akzeptierten Kernbereich moralischer Handlungsprinzipien annehmen können. Die Forderungen der Moral seien „jedem wohlbekannte“, meint er. Und über die Prinzipien der Moral seien sich alle Ethiker eigentlich einig. Die Inhalte der Moral erschöpfen sich in zwei von allen Moralsystemen geteilen Grundsätzen:

  • Schädigungen anderer sind zu unterlassen („Prinzip der Gerechtigkeit“)
    und:

  • Man soll anderen nach Kräften beistehen („Prinzip der Menschenliebe“)

Dabei ist Mitleid das einzige Motiv, das Handlungen einen moralischen Wert verleiht - Mitleid nicht nur als Anteilnahme an fremdem Leid, sondern zugleich als Willen zu aktiver (!) Leidenslinderung. Gegenstand des Mitleids sind hierbei alle fühlenden Wesen - auch die leidensfähigen Tiere.

 

Womit wir bei seiner zweiten o.a. Annahme sind: dass das "Wesentliche und Hauptsächliche im Thiere und im Menschen das Selbe ist". Insbesondere stimmen Mensch und Tier darin überein, dass sie Schmerzen empfinden und unter der mangelnden Befriedigung naturgegebener Bedürfnisse leiden können. Solch Anerkennen der tierlichen Leidensfähigkeit ist in der Geschichte der Philosophie - denken wir etwa an Descartes, der Tiere mit Maschinen gleichsetzte - keineswegs selbstverständlich.

 

Für Schopenhauer hingegen zeigt sich die Verwandschaft zwischen Mensch und Tier einschließlich der Leidensfähigkeit zumindest der höheren Tiere schon in der unmittelbaren Erfahrung:

 

„Alle Handlungen und Gebehrden der Thiere, welche Bewegungen des Willens ausdrücken, verstehn wir unmittelbar aus unserm eigenen Wesen; daher wir, so weit, auf mannigfaltige Weise mit ihnen sympathisiren“.

 

Der deutsche Philosoph Birnbacher dazu:

 

„Diese Verwandtschaft wird inzwischen kaum noch geleugnet. Sie wird überdies durch die enge genetische Verwandtschaft zwischen Mensch und Wirbeltieren bestätigt. Darüber hinaus beruft sich Schopenhauer aber auch auf die tierische Anatomie und die Verhaltensbeobachtung in der Zoologie (IV/2, 240), die keine scharfe Grenze, sondern fließende Übergänge zwischen Mensch und Tier erkennen lassen. Auch die anatomischen Übereinstimmungen sind weitgehend bestätigt worden.“ (S. 4)

 

Und wenn es denn in der Moral darum geht, Leiden zu mindern, und wenn höhere Tiere ebenso wie Menschen leidensfähig sind - warum soll dann lediglich das Quälen von Menschen, nicht aber das von Tieren verboten sein?

 

Welche Tiere nun allerdings leidensfähig sind und welche nicht, wo genau diese Grenze zu ziehen wäre, dazu scheint sich Schopenhauer nicht eindeutig geäußert zu haben. Wie auch? Ist diese Grenze doch sogar heute noch strittig.

 

Er setzt allerdings die Leidensfähigkeit von Tier und Mensch ins Verhältnis - mit dem Resultat, dass Tiere weniger leidensfähig seien, weshalb man etwa Zug- und Lasttieren nach dem Grundsatz der globalen Leidensminderung die ihnen aufgetragenen Arbeiten zumuten könne.

 

Warum sind Tiere weniger leidensfähig? Weil „in der Natur die Fähigkeit zum Leiden gleichen Schritt hält mit der Intelligenz“. Da Tiere ihm zufolge zwar über einen Verstand verfügen, nicht aber über Vernunft4 (die ihrerseits u.a. die Vorwegnahme zukünftiger Ereignisse aufgrund vergangener Erfahrung ermöglicht), geht er davon aus, dass Tiere ohne Erinnerung und Voraussicht in einer „ausdehnungslosen Gegenwart“ leben. Zudem bejaht er die These, dass sich die Intensität des Leidens nach der Fähigkeit zu Erinnerung und Voraussicht bemisst.

 

Laut Birnbacher sind aus heutiger Sicht beide Annahmen nur mit Einschränkungen aufrechtzuerhalten. Er weist u.a. auf Berichte aus Tierarztpraxen hin. Diese legen viel eher nahe, dass

„gerade die mangelnde Fähigkeit, das Zugemutete zu verstehen, es als harmloses oder notwendiges Übel zu erkennen und ein Ende des Leidens abzusehen, die Leidensintensität erhöht. Tiere scheinen Schmerzen in ähnlich hilfloser Weise ausgeliefert wie Kleinkinder. Sie reagieren, unabhängig davon, ob man ihnen einen Begriff von Leben und Tod zusprechen kann, mit Todesangst und Verzweiflung. Nicht zufällig muss bei Tieren (wie bei Kindern) oft auch dann Narkose angewendet werden, wenn sie bei einem erwachsenen Menschen überflüssig wäre.“ (S. 7)

 

Schopenhauer sieht sich in Bezug auf seine tierethischen Ausführungen aber noch mit weiterer Kritik konfrontiert. So bekenne er sich etwa nicht zum Vegetarismus. Auch könne er sich trotz seiner dezidierten Hinwendung zum Tier nicht zu einer Postulierung von Tierrechten - wesentlich wäre hier das Recht auf Leben (im Sinne eines Tötungsverbots) - durchringen. Und in der Tat: Solange die Tötung schmerzfrei erfolgt und nicht anzunehmen ist, dass Tiere fähig sind, sich vor einer bevorstehenden Tötung zu ängstigen, scheint Schopenhauer Letztere nicht als Problem zu sehen. Die von ihm genannten Bedingungen - und das ist nun meine persönliche Anmerkung - sind allerdings zumindest in unserer heutigen Zeit fast nirgendwo gegeben. Das Leiden beginnt spätestens mit dem Abtransport, der Ankunft im Schlachthof, der keineswegs immer erfolgreichen Betäubung ...

 

Auch die anderweitige Nutzung von Tieren lehnt Schopenhauer vor dem Hintergrund seiner Prinzipien nicht ab, solange die den Tieren verursachten Leiden durch die den Menschen ersparten mehr als aufgewogen werden. Misshandlungen allerdings verurteilt er. Zu den Zugpferden merkt er an:

"Die größte Wohlthat der Eisenbahnen ist, daß sie Millionen Zug-Pferden ihr jammervolles Daseyn ersparen".

 

Tierversuche hält er prinzipiell für zulässig, kritisiert allerdings heftig Wissenschaftler, die offensichtlich nutzlose Versuche durchführen oder solche, die nur geringen Nutzen bringen.

 

Was aber sagt Schopenhauer zur Verwendung von Tieren im Sport? Insbesondere dort, wo diese mehr den Status von Sportgeräten denn von Mitgeschöpfen haben? Im Zirkus? In Zoos und Aquarien? Wie würde er sich zum Klonen und zur Xenotransplantation positionieren? Dazu, so fürchte ich, müssen wir uns unsere eigenen Gedanken machen. Als Hobbyphilosophen sollte uns das nicht allzu schwer fallen :-).

 

_____

1 Unser Thema im Mai d.J. Siehe http://philosophenrunde-melle.blogspot.com/

 

2 Meine Ausführungen basieren auf einem Vortrag des Philosophen Dieter Birnbacher vom 13.4.2014.

   Das Transkript ist unter diesem Link zugänglich:

   https://docplayer.org/43424685-Cafe-philosophique-duesseldorf-13-april-arthur-schopenhauer-wegbereiter-der-tierethik-dieter-birnbacher.html
   Da es sich bei meinem Text nicht um eine wissenschaftliche Arbeit handelt, erlaube ich mir (auch aus Gründen der besseren

   Lesbarkeit), Textpassagen teilweise eng an das Original angelehnt zu paraphrasieren, teilweise gar wörtlich wiederzugeben,

   ohne sie als Zitat zu kennzeichnen.

 

3 Der tierethische Egalitarismus geht davon aus, dass alle Lebewesen in der moralischen Gemeinschaft gleich behandelt werden müssen.

   Die Leidensfähigkeit menschlicher Tiere* steht nicht über der anderer Tiere. Dies hat eine Reihe kontraintuitiver Konsequenzen.

   Beispiel: Im Rettungsboot ist noch ein Platz frei. Bekommt ihn der Mensch oder der Hund? Wenn ihn der Mensch bekommt - wie

   begründet dies der Egalitarist, ohne sich dem Vorwurf des Speziesismus auszusetzen?

 

* „Der Mensch (...) ist nach der biologischen Systematik eine Art der Gattung Homo aus der Familie der Menschenaffen, die zur Ordnung

   der Primaten und damit zu den höheren Säugetieren gehört.“ (Wikipedia)

 

4 Unser Thema im Juni 2016: Verstand –Vernunft – Glaube;

  Siehe: http://philosophenrunde-melle.blogspot.com/2016/05/

 

05/21


B


Samstag, 29. Mai 2021

  Philrunde 4.6.2021                                              Christian Brehmer

Wir haben uns verirrt – uns fehlt die entscheidende Dimension!

Als Menschen auf dieser Erde wurden wir ins Dasein geworfen, und wir müssen unser Leben irgendwie managen, um „über die Runden zu kommen“. Einigen fällt das leicht, vielen fällt das schwer. Besonders wenn wir an die Zweidrittel der Menschheit in der sogenannten „Dritten Welt“ denken.  Oft ist für sie ist das Leben nur ein einziger Kampf ums Überleben. Eine Schande für die wohlhabenden Länder, deren Wohlstand zum großen Teil auf der Ausbeutung der armen Länder beruht; eine Schande auch für die schreiende Kluft zwischen Arm und Reich, selbst in Deutschland. 

Zu Coronazeiten allerdings müssen auch in den reichen Industrienationen  viele Mittelständler und Kleinbetriebe ums Überleben kämpfen, jedoch meist nur finanziell. Für viele  ist  ein soziales Netz gespannt, das für ein angenehmes Überleben sorgt. Allerdings ist da der Schmerz, das über Jahre Aufgebaute liegenlassen zu müssen. Die Enttäuschung ist groß, und schnell mündet sie in eine Depression. Zwar müssen nur wenige hungern -  das Leiden ist eher psychisch. Die Pandemie hat den ganzen Globus mit einer Malaise überzogen, und wer bemerkt noch das schelmische Kichern des kleinen Mädchens über die Maske ihrer Mutter: „Mama, nimmst du die beim Essen ab?“

Hieß es schon immer: Das Leben ist ein Kampf, so kommt zu Coronazeiten  noch die Angst vor dem Ungewissen hinzu und vielleicht die Angst sich anzustecken, ggf. trotz Impfung. Es lauert hinter aller Aktivität und Zerstreuung eine dem Menschen unbewusste Urangst bedingt durch die Trennung von seinem Ursprung. Hinzukommt das häufig verdrängte Wissen um die eigene Sterblichkeit. Trotz Aufklärung, Wissenschaft, Kranken- und Lebensversicherung verbleibt da etwas Unsichtbares und Unkontrollierbares. Uns wird unsere „conditio humana“ auf der gegenwärtigen Evolutionsstufe – einer Durchgangsstufe – bewusst. Und das ist gut so.

Auch bereits vor der Pandemie war für viele das Leben ein  Kampf: Joberhalt, Gesundheitsprobleme, Umweltverschmutzung, Klimawandel, Digitalisierung, zwischenmenschliche Auseinandersetzungen, und, und, und – die Liste ließe sich für jeden individuell erweitern. Unser Leben und unser Planet sind in einer Schieflage. „Wir haben uns verirrt“, konstatiert der renommierte Hirnforscher Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther. Ob die Naturvölker vor dem Kontakt mit den europäischen Entwicklungsbringern schon soviel Leid kannten? Ist doch das Leben an sich Freude, ein grundlegendes Wohlgefühl, für das man nichts tun muss. Das bestätigen alle, die ihr Bewusstsein erweitern und die sich von ihren inneren Fesseln zum Leben befreien.

Der in Deutschland lebende, spirituelle Lehrer aus England, John David, hat ein Buch verfasst: „Grundlos glücklich. Die Freiheit des Seins“ und  dazu einen gleichnamigen Film gedreht. Auch Barbara Vödisch hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Grundlos glücklich. Die Quelle des wahren Glücks liegt in dir.“ Da heißt es in der Einleitung:

Nichts brauchst du, nichts fehlt Dir, um glücklich zu sein.                    Wahres Glück ist nicht getrennt von Dir,                                                      ist nicht abhängig von glücklichen Ereignissen,                                            von beruflichem Erfolg, Geld oder anderen Menschen.                                   Es ist dein ntürliches Sein.  

Für die meisten Menschen ist „das natürliche Sein“ jedoch alles andere als glücklich. Als Kinder strahlten wir es noch aus und kicherten manchmal über das Verhalten der Erwachsenen: „Was? Opa wünscht sich ein Smartphone? Da lachen ja die Apps!“. Wir haben eine Kultur erschaffen, die uns von uns selbst entfremdet. Wir suchen unser Glück im Äußeren, in Ablenkungen oder im Wohlstand, in Besitz und Anerkennung und müssen dafür kämpfen in einer Welt der Ellbogenmentalität.  So  schaffen wir Verspannungen in unserem Nervensystem und fühlen uns nicht wohl in unserer Haut. Vergeblich suchen wir Ausschau nach etwas Verbindlichem, an dem wir uns  orientieren können.  Ohne inneren Anker sind wir den Wellen der Ereignisse ausgeliefert, versinken wir in der Informationsflut.  Wer bin ich eigentlich und was ist der Sinn meines Daseins?

Spätestens wenn es uns dreckig geht, wenn wir kurz vor dem Burnout stehen und nicht in Aktionismus, in Ablenkungen, Alkohol oder Drogen flüchten, tauchen diese Fragen auf. Sie halten uns in der Schwebe und manchem wird bewusst, dass er nicht lebt, sondern funktioniert. Wir werden gelebt und leben oft am eigentlichen Leben vorbei. Das kann es doch nicht alles sein! Irgendetwas fehlt! Aber wenn wir diesen Schwebezustand, dieses innere Fragen aushalten, unverkrampft für eine Weile aushalten, ohne Ablenkungen, kann eine befreiende Dimension aufschimmern, etwas, nach dem wir schon  immer gesucht haben.

„D a s was sucht, ist das Gesuchte“,

                       sagt Franziskus von Assisi. Was er wohl damit gemeint hat? 

Geht es etwa um die dem Suchen innewohnende Dynamik, und weniger um das, was ich suche? Wenn ich alle Inhalte in meinem Bewusstsein zurücklasse, bleibt nur noch das reine Bewusstsein, und –  das ist die Entdeckung – dann tut sich eine neue Dimension auf. Sie war schon immer da war, nur überlagert von den vielen Gedanken und Emotionen. Ich ent – decke, zunächst schemenhaft, und dann  mit Geduld und Beharrlichkeit immer klarer die Substanz meiner Persönlichkeit, mein eigentliches Selbst, meine Seele. Sie war schon immer da; jetzt habe ich sie kurz erfahren. Sie ist mir entgegengekommen. War der Begriff "Seele" bislang eine in unserer Gesellschaft gängige Begriffshülse -  jetzt ist sie mit Erfahrung gefüllt.

Heureka! Ich hab´s gefunden! Ein freudiger Ausruf, wie er von Archimedes in der Badewanne überliefert ist. In der Entspannung kam die befreiende Intuition. Sagt       man doch, er sei vor Freude aus der Wanne gesprungen und nackend durch Athen gelaufen: „Heureka! Heureka!“ Der antike Mathematiker und Physiker  entdeckte zwar nicht seine Seele, aber ihm ging auf, dass das Volumen seines Körpers genau der Menge des verdrängten Wassers entsprach: das hydrostatische Gesetz.

Fortan gehe ich der Erfahrung meiner Seele nach. Sie führt zu einer regelmäßigen Selbsterfahrungspraxis, die mich  jenseits von Gedanken und Emotion zu meiner Substanz, zu meiner Seele befreit. Sei es nun Yoga, Meditation oder Achtsamkeitstraining, der Wege sind viele. Ich finde meine mir gemäße Methode,  denn ich bin motiviert. Regelmäßig praktiziert, löse ich mich mehr und mehr von allen Gedanken und lasse alles Inhaltliche zurück, bis ich das reine Bewusstsein erfahre, meine Seele. Ich erfahre sie als eine stille innere Freude. Grundlos. Sie war, so sagten wir, schon immer da, mein zu sich selbst befreites inneres Sein, nur überlagert von schwatzhaften Gedanken,  zwanghaften Vorstellungen,  schillernden Emotionen und rotierenden Problemen. 

Freilich geht mir diese innere Freude im Alltag immer wieder verloren. Aber ganz unverhofft, mitten in der Aktivität  taucht sie spontan wieder auf, eine befreiende Bewusstwerdung meiner selbst, eine Orientierung von innen. Ich unterstütze diesen Prozess, und im Laufe der Zeit setzt sich  ein sanftes Hintergrund-Bewusstsein, eine stille Präsens im Alltag immer mehr durch. Ich erkenne es als mein wahres Wesen, als meine Heimat, als meine Seele, nach der ich schon immer gesucht habe.               

                     „Die Seele ist eine wissende Substanz“,

sagte Rumi, der persische Philosoph und Mystiker, einer der großen Weisheitslehrer der Menschheit.

Wir alle wissen, dass wenn wir entspannt sind, uns nicht nur gespeichertes Wissen mühelos zugänglich ist, sondern sich auch Intuitionen einstellen können (Beispiel Archimedes).  Wir haben ein Problem, grübeln, lassen  locker, und die Lösung „fällt uns ein“ Woher kommt sie?  Sie kommt aus der Seele, aus der wissenden Substanz. Und wenn sie uns mehr und mehr  zugänglich ist, durch regelmäßige Ausübung einer Entspannungs- und Selbsterfahrungspraxis, schöpfen wir zunehmend aus der Intuition, der den Verstand ergänzenden Erkenntnisquelle. Sie ist in jedem Menschen angelegt, und wenn Selbsterfahrungstechniken in unserer Gesellschaft angekommen sind, tun wir das bewusst, was die Evolution unbewusst seit Millionen von Jahren in uns entfaltet hat, das Bewusstsein. Wir werden weniger Fehler machen und von unserem selbstzerstörerischen Verhalten absehen. Die fehlende Dimension - sie wird  unser Leben und unseren Planeten wieder ins Lot bringen.

Dabei kann Corona unser Entwicklungshelfer sein: Ein Schuss vor den Bug des vom Menschen fehlgesteuerten Dampfers unserer Gesellschaft. Viele haben das erkannt und wollen nach der Herdenimmunität nicht mehr zurück in das alte Fahrwasser der zwanghaften Steigerung von Produktion, von Konsum und Spaß. Alle machen sich zwar stark für Klimaschutz, aber viele sehen nicht die tiefere Ursache unseres ausbeuterischen Verhaltens der Natur gegenüber. Wir sind schlichtweg  Mangelwesen auf der gegenwärtigen Durchgangsstufe der Evolution. Der Mangel lässt sich nicht allein durch Aktionismus und durch Spaß und Konsum ausgleichen  – uns fehlt die entscheidende Dimension, die Dimension der Seele.

Dagegen kann man etwas tun.

 

Autor: Dr. Christian Brehmer, Evolutionsforscher, Bakumer Str. 31a, 49324 Melle                                    E-mail: brehmer.c@web.de ,  Website: www.bewusstseins-evolution.de

Literatur:  C.  Brehmer: „Vom  Urknall zu Erleuchtung. Die Evolution des Bewusstseins als Ausweg aus der Krise“, Verlag Via Nova                                                                                                                         ibd.: „Woher? Wohin? Orientierung im Leben. Die Evolution des Bewusstseins  als Ausweg aus der Krise, Verlag Via Nova

Weiterleitungen und Kommentare willkommen.

 




 

Dienstag, 27. April 2021

Fleischkonsum-kritisches Gedicht mit anschließendem Kommentar

                                                                                       Klaus  Burghardt

Der Omnivore1

 

Ich seh ein Bild mit einer Kuh

Ihr fehlt ganz vorn das linke Bein!?

Es lässt mir einfach keine Ruh

Dies Bein

Wo könnte es wohl sein?

 

Da fällt mir ein: Ich hab's gegessen!

Und hab die Kuh dabei verdrängt

Hab neulich im Le Blœuf **** gesessen

Wo keiner an den Schlachthof denkt

 

Meist ess ich kaum und wenig Fleisch

(Und wenn, dann BIO - garantiert!)

Was grad mal für das Beinchen reicht

Das man dem Kalb dort amputiert

 

Voilà! Hier ist mein Speiseplan

Fleisch wirst du nur ganz selten finden

Ich bin dabei - schon halb vegan! -

Die Lust auf Fleisch zu überwinden

 

Das ist nicht leicht

Noch spüre ich

Das Erbe von Millionen Jahren

In denen wir ja eigentlich

Schon immer Allesfresser waren

 

Auch heißt es, dass ein echter Mann

Um sich als solcher zu beweisen

Auf Kọteletts2 kaum verzichten kann -

Zumindest in gewissen Kreisen

 

Und hab ich nicht als Mensch das Recht

Die Kreatur zu dominieren?

Nun gilt es plötzlich gar als schlecht!?

Sie massenhaft zu massakrieren ...

 

Lasst uns mal locker spintisieren:

Was wär die Menschheit ohne Grill?

Was wird denn bloß aus all den Tieren

Wenn keiner sie mehr essen will?

 

Und euer Tofu schmeckt abscheulich

Es schmeckt im besten Fall nach nichts

Echt, man servierte es mir neulich

Anstelle eines Fleischgerichts!

 

Ja, Alter, Fleisch ist ein Genuss

Gegrillt, gebraten und gekocht

Ich hab, wie ich gestehen muss

Es schon als Baby gern gemocht

 

Der Preis für derlei Köstlichkeit

Das seh ich mittlerweile ein

Ist Angst, millionenfaches Leid

Ist Blut und Schmerz und Qual und Pein

 

                    [...]

 

OK - wie soll ich mich entscheiden?

Fast neige ich zum Fleischverzicht

Ich leide mit, wenn Tiere leiden

Und doch ... ganz sicher bin ich nicht ...

 

     Ich schränk mich erst mal weiter ein

     Und ess nur noch ein halbes Bein

 

_____

1 Allesfresser

2 [ˈkɔtlɛts] https://www.duden.de/rechtschreibung/Kotelett

 

Der Omnivore - ein Anti-Fleisch-Gedicht?

 

Nein, zumindest nicht nur. Ich würde eher sagen, es handelt sich um ein Anti-BVV-Gedicht. Wofür steht BVV? Für Beschönigen, Verleugnen, Verdrängen.

 

Das ist es, was wir ständig tun. Zum Beispiel, wenn wir empört reagieren, sollte uns jemand einen Tierquäler nennen. Wo wir doch Tiere lieben, Spinnen im Glas nach draußen tragen, nur Biofleisch essen ... und dabei wissen oder wissen könnten, dass spätestens mit dem Transport, der Ankunft im Schlachthof, der hoffentlich erfolgreichen Betäubung ... das Leiden begonnen hat.

 

Das ist es, was wir vermutlich tun müssen, um in unserem persönlichen und sozialen Leben zurechtzukommen. Von daher ist es legitim. Es ist aber auch in Ordnung, ab und zu genau darauf hinzuweisen, dies Verhalten auf seine Angemessenheit hin zu hinterfragen und zu prüfen, ob es an der Zeit für Änderungen sein könnte.

 

Ohne die angeführten „Überlebenstechniken“ würden wir möglicherweise zu dem Schluss kommen, dass die Welt gar nicht so schön ist, wie es oft heißt. Sie scheint ja ohne Fressen nicht zu funktionieren. Nun gibt es die Karnivoren und die Omnivoren. Steht das omni = alles bei Letzteren tatsächlich für ein MUSS? Oder vielleicht doch für ein KANN?

 

***

 

Eine persönliche Anmerkung sei mir noch erlaubt:

 

Wenn ich auch in den vorstehenden Zeilen und deutlicher noch in der Interpretation des Gedichts auf meiner Website [1] im Zusammenhang mit Fleischkonsum sehr deutlich von Tierquälerei rede, so klage ich damit mich selbst an, kritisiere mein eigenes Verhalten. Dies bedeutet gleichzeitig, dass ich niemandem böse bin, der Fleisch isst, dass ich mich in keiner Weise über ihn erhebe, mich weder moralisch noch sonstwie überlegen fühle. Ich denke einfach, man muss einen solchen Sachverhalt - wie auch andere - deutlich benennen dürfen.

 

Ich hoffe sehr, dass sich an dieser Frage keine Konfrontationen aufbauen, sondern dass sich vielleicht gar ein konstruktiver Diskurs entwickelt bzw. dass der kleine Diskurs auf meiner Website [2] sich fortsetzen lässt.

 

Als Beispiel mag der folgende Text von Chris dienen, den er mir per Mail zusandte:

 

Tofu muss nicht langweilig sein. Es kommt auf das Würzen und das angemessene Braten an ebenso wie beim Fleisch. Genauso Seitan. Total lecker! Was ich im Gedicht vermisse, ist der Umwelt Aspekt: Die Produktion von 1 kg Fleisch verbraucht 10-20 Tonnen Wasser. Unmengen von Gülle belasten das Erdreich und das Trinkwasser. 50 Prozent der Weltgetreideernte und 90% der Weltsojaernte werden zum Mästen der Tiere verwendet. Dabei hungern fast 1 Milliarde Menschen.  Hinzu kommt die qualvolle Tierhaltung zur Milch und Fleischproduktion, die Methanemission und die Belastung der Gesundheit des Menschen durch Fleisch-, Milch- und Eierkonsum. Und das ist längst nicht alles ...

_____

[1] https://www.diverseverse.de/alltag-co/der-omnivore-kommentar/
[2] https://www.diverseverse.de/alltag-co/der-omnivore/

 

 

Glücklich und gesund: Vegane Ernährung hat viele Vorteile!

                                                              Portal für Ethik und Achtsamkeit

 Schön, schlank und gesund? Es gibt viele Gründe Veganer zu sein. Nicht nur die Tiere, auch Euer Körper wird Euch danken.

Wir sind nicht als Veganer auf die Welt gekommen. Auch unser Elternhaus war alles andere als vegan. Genau genommen war es unser Englischlehrer, der uns in der Oberstufe für das Thema sensibilisierte. Während sich der Großteil unserer Klassenkameraden einen Spaß daraus machte, Herrn Dr. Dreyer (Vorsicht Pseudonym) – einen überzeugten Vegetarier – durch provozierende Thesen in lang andauernde Diskussionen zu verstricken, um so möglichst schmerzfrei die Englischstunde zu überstehen, begannen wir uns für seine Argumente zunehmend zu erwärmen. Plötzlich stellten auch wir uns die Fragen, wie ist das mit dem Tierwohl eigentlich? Kann Massentierhaltung die richtige Antwort einer zivilisierten Gesellschaft sein? Braucht man überhaupt Tierversuche? Was passiert mit unserer Umwelt? Welche Folgen hat das für die Menschen in der sogenannten Dritten Welt?

Und so begannen auch wir unsere Ernährungsweise umzustellen. Jung und radikal wie wir waren, machten wir uns über Nährwerttabellen, Vitamine oder Mineralien zunächst absolut keine Gedanken. Wir wollten die Welt retten. Fragen über unsere Gesundheit spielten deshalb überhaupt keine Rolle. Unser Bestreben war ausschließlich auf das Vermeiden tierischer Produkte gerichtet. So ähnlich sah denn auch zu Beginn unser Speiseplan aus. Fleisch wurde durch Tofuburger, Wurst durch Sojawürstchen ersetzt; Gemüse war für uns gleichbedeutend mit Pommes frites und Cola oder Limonade waren für uns ohnehin kein Problem. Im Nachhinein wundern wir uns selbst darüber, dass wir auch diese Zeit ziemlich schadlos und ohne übermäßige Gewichtszunahme überstanden haben. Ein junger Körper verkraftet doch wohl mehr als man denkt.

Welche möglichen gesundheitlichen Vorteile hat man als Veganer?

Je mehr und je intensiver wir uns mit dem Thema beschäftigten, umso überzeugter wurden wir von der Richtigkeit des eingeschlagenen Wegs. Aber umso mehr traten auch Fragen der richtigen und gesunden veganen Ernährung in den Mittelpunkt. Wie viele andere Veganer haben wir als Vegetarier begonnen und sind dann in einem längeren Prozess von Teilzeitveganern zur total veganen Lebensweise übergegangen. Denn ein besonderer Aha-Effekt unserer Nahrungsumstellung war nicht nur, dass es uns glücklich und zufrieden machte mit unserer Ernährungsweise ein Zeichen zu setzen und Tieren damit keinen unnötigen Schaden mehr zuzufügen. Ein weiterer positiver Nebeneffekt war, dass wir uns auch plötzlich fitter fühlten, ausdauernder, energiegeladener, kurzum gesünder und ausgeruhter. Woher kam das?

Fleisch macht träge und müde

Alleine der Verzicht auf Fleisch und Wurst hatte bereits diesen positiven Effekt ausgelöst. Der Körper ist einfach nicht mehr so viel mit der Verdauung beschäftigt. Zudem begann für uns mit dem Verzicht auf Milch, Fisch und Eier auch die Suche nach veganen Alternativen. Automatisch sind seither auch mehr Gemüse, mehr Salat, mehr Obst, mehr Vollkornprodukte, mehr Hülsenfrüchte auf dem Teller. Und weil wir nicht mehr jeden Tag das Gleiche essen wollen, interessieren wir uns auch mehr und mehr fürs Selberkochen, Selbstmachen und Ausprobieren exotischer Gerichte.

Das Ergebnis: eine ausgesprochen ausgewogene Ernährung aus frischem, möglichst unbelastetem Gemüse und Obst, meist selbst gemachten Produkten aus dem vollen Korn und sämtlichen weiteren gesunden Nahrungsmitteln, die ohne tierische Zusätze auskommen. Das wirkt sich übrigens nicht nur positiv auf den Körper, sondern auch auf den Geist aus. Seit wir Veganer sind, fühlen wir uns schlichtweg konzentrierter, ausgeglichener und geistig reger als viele unserer Zeitgenossen, die schon morgens in der Bahn oder im Büro alles andere als wach aussehen.

Jetzt werden einige kritische Stimmen behaupten: „Ach was, das weiß doch jeder, dass vegane Ernährung gleichbedeutend mit Mangelernährung ist. Das ist jetzt so Euer Gefühl, aber wo sind die Fakten?“ Ok. Wir haben ein bisschen recherchiert und hier kommen unsere Ergebnisse mit den wichtigsten Vorteilen für eine gesunde vegane Ernährung:

Abnehmen leicht gemacht

Wer sich gesund vegan ernährt, kann, was die Mengen angeht, deutlich mehr essen. Ja, er muss sogar mehr essen und das auch noch häufiger am Tag als der gewöhnliche Fleischesser. Pflanzliche Lebensmittel sind nun mal in der Regel fett- und kalorienarm. Als Veganer muss man schon große Portionen an Obst, Salat oder Vollkornpasta mit Gemüsesoße zu sich nehmen, um den täglichen Kalorienbedarf zu decken. Dafür ist aber auch das Sättigungsgefühl nachhaltiger. Ganz zu schweigen von einem viel besseren Körpergefühl.

Fleisch, Milchprodukte und Eier enthalten dagegen wenige Ballaststoffe, weswegen es bei Fleischessern häufig zu Verstopfung kommt. Wer also schlank sein will, dem fällt dies mit einer veganen Ernährungsweise sicherlich leichter als mit fetten tierischen Produkten. Und das auch ganz ohne Sport.

Weniger Übergewicht, weniger Bluthochdruck

Wer leichter durchs Leben geht, ist auch weniger der Gefahr ausgesetzt, an Bluthochdruck zu sterben. Das belegen inzwischen zahlreiche Studien. Veganer haben demnach im Durchschnitt einen niedrigeren Blutdruck als Nichtveganer. Das liegt zum einen am geringeren Körpergewicht im Vergleich zu unseren Fleisch essenden Zeitgenossen. Zum anderen enthalten Gemüse und Obst viel Kalium. Gut für uns Veganer, denn Kalium hilft das Blut zu verflüssigen, und so muss das Herz weniger stark pumpen.

Kein Problem mit Cholesterin

Eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland sind der Herzinfarkt oder der Schlaganfall. Beides hängt zusammen mit zu hohen Cholesterinwerten. Das führt zu Ablagerungen in den Gefäßen und dadurch häufig zu Herzkreislauferkrankungen. Ursache? Tierische Fette. Viele pflanzliche Lebensmittel, wie zum Beispiel Bohnen, Haferflocken oder Artischocken haben dagegen einen cholesterinsenkenden Effekt. Diese Lebensmittel enthalten lösliche Ballaststoffe, die Cholesterin binden und aus dem Körper transportieren. Perfekt für uns!

Und was ist mit der Volkskrankheit Nummer eins: Diabetes?

Keine Krankheit ist in den letzten Jahren in Deutschland so rasant angestiegen wie Diabetes. Und alles weist darauf hin, dass dies in Zukunft sogar noch schlimmer wird. Der Grund: Überzuckerung. Ein echtes Zivilisationsproblem, da Zucker als Geschmacksverstärker nahezu fast allen Lebensmitteln zugeführt wird. Aber Zucker ist doch vegan, wird nun der eine oder andere einwenden. Stimmt schon. Die Erklärung hat letztendlich wieder mit dem Übergewicht zu tun. Nach einer Studie der Deutschen Diabetes Stiftung liegt bei knapp 80 % aller Diabetiker der Typ-2-Diabetes vor. Als Auslöser für die Krankheit gilt unter anderem eine stark fetthaltige Ernährung. Und die kommt bei Veganern, wie wir bereits mehrfach erwähnt haben, im Durchschnitt eben wesentlich seltener vor.

Vegane Ernährung kann das Krebsrisiko senken

Auch Veganer sterben an Krebs. Das ist leider so. Man geht allerdings davon aus, dass Fleisch- und Milchprodukte das Krebsrisiko erhöhen, während es bestimmte sekundäre Pflanzenstoffe gibt, die nicht nur allgemeine gesundheitsförderliche Effekte haben, sondern auch der Krebsentstehung vorbeugen können. Zu den sekundären Pflanzenstoffen zählen unter anderem gelb-orange-rotes Gemüse und Obst, grünblättriges Gemüse, Weizenkeime, Nüsse, Hülsenfrüchte, Sojabohnen und Zwiebel- und Lauchgewächse.

Vegan leben – gut für die Tiere und für Euch

Fassen wir also zusammen: Vegane Ernährung macht nicht krank. Ganz im Gegenteil. Sie steigert unsere Leistungsfähigkeit und Vitalität, macht uns schlanker, munterer, zufriedener und offensichtlich auch gesünder. Denn es ist kaum von der Hand zu weisen, dass zu viel tierische Eiweiße und Fette zu gesundheitlichen Problemen wie Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck, Herzkreislaufproblemen oder gar Krebs führen. Mit einer rein pflanzlichen, ausgewogenen Kost können wir hingegen die Gesundheit unterstützen, beim gesunden Abnehmen helfen und damit viele Erkrankungen, die auf die Ernährung zurückzuführen sind, verhindern oder zumindest das Risiko für solche Erkrankungen minimieren.

Deshalb unser Rat am Ende für Euch: Lebt vegan. Lebt gesund. Lebt einfach länger!