Mittwoch, 16. März 2016



Nachlese 4.3.2016   „Was ist Wahrheit?“        Christian Brehmer

Jeder von uns  bekam ein Arbeitspapier mit Anregungen von Jürgen Staas, unserem vorgesehenen aber leider erkrankten Referenten.
  Unser  Gespräch verlagerte sich schnell auf die verbreitete Definition der Wahrheit als die Übereinstimmung, als „Korrespondenz“ von Aussage und Sachverhalt. Diese Korrespondenz ist abhängig von unserer gegebenen Struktur des Bewusstseins und von unserer momentanen psychischen Verfassung. Bei einer Depression z.B. ist unsere Wahrnehmung verzerrt.
Daraufhin kam der Einwand, dass ich auch in einer kritischen Situation ruhig bleiben kann, in dem ich meine eigene Reaktion  beobachte. Durch Selbstbeobachtung gewinne ich Abstand zu mir selbst und kehre dadurch zurück zur Sachlichkeit. Yoga z.B. schult diese Fähigkeit der übergeordneten Beobachtung. In ihr schwingt auch  Liebe. Und Liebe ist Wahrheit.
   Ein weiterer Beitrag machte auf Fixierungen aufmerksam. Sie entstellen langfristig die Wahrheit. Oft sind wir uns dessen nicht bewusst. Dazu gehören beispielsweise Konditionierungen, Traumata oder psychische Blockaden. Auch hier befreit Bewusstmachung, die von mir selbst ausgehen kann oder von der Umwelt. Bewusstmachung will eingeübt sein durch kleine Schritte und einer  nachhaltigen Arbeit am Selbst.
   Die Reflexion hat einen hohen Stellenwert, um sich der Wahrheit anzunähern. Nach einer emotional aufgeladen Erfahrung z.B., kann ich danach über die Situation reflektieren = sie mir wiederspiegeln. Und wenn der Geist als Spiegel ruhig ist, „korrespondieren“ Sachverhalt und Erkenntnis. Hier sei an die Analogie der ruhigen Wasseroberfläche erinnert, die ein klares Spiegelbild ermöglicht (vgl. Vorschau zum 4.3.)
Letztlich kann ich mich auch durch einen weiteren Rückstieg von der Reflexion lösen, um in der reinen Reflexion, dem Bewusstsein an sich, der absoluten Wahrheit näher zu kommen. Da wären wir bei der Meditation, wie wir sie zu Beginn jeder Philrunde machen. Durch ihre regelmäßige Ausübung stellt sich Weisheit im Leben ein.  



Vorschau 1.4.2016 : "Das Fremde in mir"
In Versform von Klaus Burghardt

Der Fremde (Teil I)
Da steht ein Mensch vor meiner Tür  
Bedürftig, arm, exotisch, fremd
Ich staune, daß ich Angst verspür'
Als ging' es um mein letztes Hemd
Die Frage ist: Was soll ich tun?
Was raten Ethik und Moral?
Ich muß ihm helfen - hier und nun
Im Grunde bleibt mir keine Wahl
Ich schau' ihn an - er tut mir leid
Verlor, was immer er besaß
Zum Helfen bin ich wohl bereit -
Nur such' ich noch das rechte Maß
Der Philosoph hebt an und spricht:
„Es liegt im steten Teilen Sinn
Solange nämlich Dein Verzicht
Geringer ist als sein Gewinn“
Doch hab' ich noch manch and're Pflicht
Als Vater, Sohn und Ehemann
Die ich - moralisch oder nicht -
Gewiß nicht ignorieren kann
Wobei ja wohl manch Denker meint
Die Stärke des Familienbands
Das uns besonders wichtig scheint
Sei ethisch ohne Relevanz ...!?
(...)
Ich bin verwirrt
Und irritiert
Weil vieles seinen Wert verliert ...
Nichts wird so bleiben, wie es ist
Gesellschaft, Recht, Familie, Staat
Ich tipp' auf einen Kompromiß:
Halb Republik, halb Kalifat [;-)]

Der Fremde (Teil II)
Gar viele gibt es so wie ihn
Die hier zu uns nach Deutschland streben
Die dort vor Krieg und Terror flieh'n
Voll Hoffnung auf ein bess'res Leben
Die meisten finden keinen Job
Das kostet eine Menge Geld
Doch paßt der Ruf "Migranten stop!"
In unsere globale Welt?
Die Grenzen - längst schon obsolet
Für Waren und für Kapital
Sind - wenn's um Flucht von Menschen geht -
Barrieren wider die Moral
Nur: Ist die Menschheit schon bereit
Die Grenzen gänzlich abzuschaffen?
Noch gibt es Hader, Zwietracht, Streit
Da braucht man Staaten, Grenzen, Waffen
Was sagst Du nun zu solchen Thesen?
Zu rechts, zu platt, zu antiquiert?
Sie inhaltlich zu widerlegen
Ist das, was hier gefordert wird
So viele Fragen sind noch offen
Tabus auch hier nicht angebracht
Es wird, so möcht' ich vielmehr hoffen
Das Unbequeme mitgedacht

Donnerstag, 18. Februar 2016



Nachlese  5.2. 2016                                                           

Ein Abend mit Professor  R. Mokrosch  über Fragen zum „Weltethos“  Jürgen Staas

Kann es eine globale, internationale, überregionale,  interreligiöse Ethik überhaupt geben?  Wäre sie vorwiegend westlich,  durch Vernunft und Aufklärung bestimmt?   Welche Rolle würden östliche Traditionen spielen?  Müssten Religionen  Verluste ihrer typischen Ausprägungen hinnehmen, d.h.  würde ein solches übergeordnetes Ethos ihnen die Spitze abbrechen, sie entkernen?    Wie steht es um die  Verbindung oder Trennung von Religion und Staat?  Welche Rolle spielen  Prinzipien wie das der Gleichheit oder der Würde der  individuellen Person?  Oder das  der allgemeinen  Bildung ?.  Schon dieser Fragenkatalog zeigt die ganze Komplexität der Thematik auf.  - Der Referent  nahm dann eine Differenzierung der  Orientierungsbereiche vor, d.h. er unterschied  Normen, Werte und Tugenden.  Normen etwa werden durch Gebote und Verbote gesetzt. Werte sind  z.B.  Freiheit, Meinungsfreiheit, Autonomie,  Gerechtigkeit, Gleichberechtigung,  Recht auf Bildung.  Und Tugenden sind Dinge wie  Anstand, Respekt,  Disziplin,  Sensibilität,  Empathie,  Mitleid.  Was sollte maßgebend sein?  Die Diskussion ergab, dass die drei  Orientierungsbereiche keine Alternativen sein können, sondern alle  Bestandteile einer universellen Ethik sein müssten.  Es wurde auf  Hans Küngs „Weltethos“ verwiesen und auf das Weltparlament der Religionen von 1993.   Ein Minimalkonsens könnte die sog.  „Goldene Regel“ sein, wie sie im  Matthäusevangelium  formuliert ist,  oder Kants  „kategorischer Imperativ“?   Der  Volksmund drückt die Idee negativ aus:  „Was du nicht willst, dass man dir tue...“   -   Das Humanum, die Menschlichkeit,  sollte allgemeine Richtschnur sein, Gewaltlosigkeit, Achtung vor dem Leben, wie sie Albert Schweitzer vertrat.  Im Prinzip schließt diese Richtschnur die Todesstrafe aus. Die Realität zeigt sofort, wie schwierig sich die Akzeptanz darstellt.   Gilt die Achtung vor dem Leben auch gegenüber Pflanzen und Tieren?  Wie weit kann oder sollte Achtsamkeit gehen?   Wie steht es um  Prinzipien wie Solidarität  und  faires Wirtschaften?   Eigentum verpflichtet.  Was ist ein gerechtes Steuersystem?  Kein Friede ohne Gerechtigkeit!   Gerade  betont eine Stimme, das Problem  Israel/Palästina sei unlösbar.   -  Toleranz und Wahrhaftigkeit  wurden angesprochen.  Der aktuelle Streit um  objektive Berichterstattung und „Lügenpresse“  macht die Problematik  der Medien in  Kunst,  Literatur und Politik  deutlich. - Die Kultur der  gleichberechtigten Partnerschaft von Mann und Frau  sollte im Idealfall „schöpferisch“ sein.   -

Kritische  Diskussionspunkte:  Im Prinzip sind alle  dargestellten  Idealvorstellungen ja unstrittig.  Im  immer noch christlich  geprägten, aber aufgeklärten,  mehr oder weniger säkularisierten und demokratisch und rechtsstaatlich  verfassten „Westen“  sind sie ja auch  weitgehend verwirklicht.  In archaischen,  nationalistischen  und religiös fanatisierten  Gesellschaften ist das Gegenteil zu beobachten.  Welche Fehlfunktionen sind hier am Werk? Welchen Anteil hat daran die  „menschliche Natur“?   Gibt es sie überhaupt noch? Hier streiten sich  soziologische und biologische  Denkrichtungen.   Eine fundierte, realistische Anthropologie,  Ergebnisse von  Genetik, Hirn- und Verhaltensforschung  könnten bei der  Ursachenforschung  hilfreich sein.  Ebenso  bis zu einem gewissen Grade fernöstliche  Praktiken wie  Meditation und Yoga, die in die Stille führen.  Aber wie könnten sie weitere Verbreitung finden? 

Abschließend  summierte der Referent  selbst noch in aller Kürze die  Einwände gegen das dargestellte „Weltethos“:   das Humane generell gibt es nicht,  ebenso wenig  die Menschheit als ein Subjekt  oder als ein Weltgewissen.  Es gibt nur einzelne Menschen,  die nicht nur vernunftgesteuert sind.  Die Diskrepanz von Wissen und Tun wird durch keine  Kultur oder Religion aufgehoben.  Das religiöse Verständnis ist  extrem unterschiedlich,  so entstehen ebenso extreme Grenzsituationen.  Eine einheitliche Weltgesellschaft ist nicht vorstellbar, ebenso wenig der Gedanke, dass sich alle Kulturen auf eine Abstraktum  verpflichten ließen. -  Die Problematik der Wahrheitsfrage  blieb offen und bildet das nächste Thema.                     sts

Vorschau 4.3.2016
         "Was ist Wahrheit?" (Pilatusfrage Joh. 18,38)             Jürgen Staas

Bibelzitate: Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. (Joh. 4,24) - Die Wahrheit wird euch frei machen. (Joh. 8,32) - Die Liebe freut sich aber der Wahrheit. (1. Kor. 13,6) - Wir vermögen nichts wider die Wahrheit. (2. Kor. 13,8)

Philosophie: Ihre Gegenstände sind das Wahre, Gute und Schöne. Mit dem Guten befasst sich die Ethik, mit dem Schönen die Ästhetik und mit dem Wahren die Erkenntnislehre oder Epistomologie.
(gr. Episteme = Kenntnis/Erkenntnis. Engl. Theory of knowledge, frz. Théorie de la connaissance).

Verbreiteste Definition der Wahrheit liefert die Theorie der Übereinstimmung oder "Korrespondenz", nämlich der Aussage mit dem Sachverhalt. Es gibt
-  axiomatische, also unmittelbar evidente Wahrheiten, mathematische
-  naturwissenschaftliche Wahrheiten, induktiv, durch Experimente nachweisbar
- Erkenntnisse aus menschlichen Erfahrungen, biographische, historische
-  religiöse Wahrheiten, aus Offenbarungen, heiligen Schriften
- Wahrheiten aus Kunst, Literatur, Mythos, oft auf latenter Ebene.

Probleme der Wahrheitsfindung bzw. der Authentizität:
Subjektivität/ Objektivität; Überzeugungen; Interessengeleitete Erkenntnisse; Urteile/ Vorurteile;
Beweisbarkeit; Verifizierung/Falsifizierung bzw. Vorläufigkeit (cf. K. Popper).  

Haltungen zum Wahrheitsproblem:
Kritizismus / Skeptizismus / Empirismus / Dogmatismus / Induktion - Deduktion; Interpretation, Hermeneutik, Exegese etc.
 
Was ist Wahrheit?                                  Christian Brehmer
Der unkontrollierte Geist kann den wahren Sachverhalt der Dinge nicht erkennen.“   Dalai Lama          
In der Nachlese zur letzten Philrunde  finden wir viele offene Fragen, und in der Vorschau auf die kommende  Runde viele unterschiedliche  Aspekte der Wahrheit. Die Wahrheit  an sich ist dem Menschen offensichtlich nicht zugänglich.  Es gibt nur Annäherungen an die Wahrheit. Und eine Annäherung  ist – so der Dalai Lama – den Geist zu „kontrollieren“, d.h.  sich seiner Gedanken bewusst  werden.  Bewusstsein fördert  zum einen eine Versachlichung der Subjektivität und zum anderen eine klare Gedankenführung,  dient  also der der Erkenntnis des  Sachverhaltes. Und Bewusstsein an sich – die gedankliche Stille – ist intuitive Wahrheit.
Die Analogie des Spiegelbildes auf einer Wasseroberfläche mag hier dem Verständnis dienen. Ist die Wasseroberfläche unruhig mit vielen Wellen, ist das Bild verzerrt. Ist die Wasseroberfläche hingegen ruhig kann sie als reiner Spiegel dienen. –  Ähnlich verhält es sich mit der Erkenntnis: Sind die Gedanken unruhig und unkontrolliert, ist die Erkenntnis verzerrt.  Sind die Gedanken ruhig und das Bewusstsein klar,  entspricht  die Erkenntnis dem Sachverhalt.   


Dienstag, 26. Januar 2016



Nachlese 8.1.2016:        

 Gewalt und Religion kein Zwillingspaar!/? (Ausrufungs- oder Fragezeichen)                          Angela Muselmann-Bruhn                     

 Das Jahr 2016 begannen wir leider ohne die Leitung durch Christian, dem wir auf diesem Wege gute Gesundheit wünschen.

Nach dem Horchen in die Stille und uns inzwischen zur Gewohnheit gewordenen Befindlichkeitsrunde, eröffnete Jürgen Staas, gut vorbereitet aus verschiedensten Quellen, den Abend zum Thema Religion und Gewalt.
Zu diesem Thema war es, durch einen Zeitungsausschnitt im Dezember in der NOZ, gekommen. Mit zahlreichen Aspekten und Zitaten machte uns Jürgen klar, wie nah doch die Verstrickung von Religion und Gewalt liegen, wenn auch die Vertreter der unterschiedlichsten Religionen das gerne anders betrachten wollen. Wir finden sie im Christentum mit den Kreuzzügen, im Islam werden wir durch augenblickliche Ereignisse darauf aufmerksam, jüdische Vertreter möchten gern defensive und aggressive Gewalt unterschiedlich betrachtet wissen. Die Philosophie möchte mehr den Blick auf Werte jenseits der Religionen richten. Und Dalai Lama wurde zitiert: „Ethik ist wichtiger als Religion.“
Aus dem heftig diskutierten Werk“ Mohamed- Eine Abrechnung“ des Autors Hamed Abdel-Samad entnahm Jürgen , dass der junge Mohamed Offenbarungen der Barmherzigkeit hatte, jedoch später auch Soldat und Heerführer war.
Unterschiedlichste Punkte wurden unter reger Beteiligung aller Anwesenden betrachtet.
- Der Grad der Identifikation mit dem eigenen Glauben hat Auswirkung auf die Gewaltbereitschaft.
- Ist der Buddhismus überhaupt eine Religion ?
- Was heißt es eigentlich, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen?
- Woran liegt es, dass Religionen immer mehr verschwinden?
- Ist der Kapitalismus ein Gottesersatz ?
- Was verstehen wir unter dem Begriff Offenbahrungsglaube?
- Herrscht Klarheit darüber, dass es in einer Demokratie nicht um Wahrheiten, sondern um Mehrheitsentscheidungen geht und welche Bedeutung diese haben?

Wie jedes Mal, gehen nach einer lebhaften Austauschrunde, die Teilnehmer mit offenen Fragen nach Hause und fragen sich selbst „ Worauf kommt es an?“

Vorschau


Auf der Suche nach einer religionsübergreifenden Ethik
Prof. Dr. Mokrosch, Osnabrück, zu Gast in der Philosophenrunde-Melle (Meller Kreisblatt zum Abdruck)  


Die Philosophenrunde-Melle ist eine lockerer Freundeskreis von Menschen, die etwas gemeinsam haben: Sie versuchen über den Tellerrand ihrer eigenen Probleme hinweg zu schauen, machen sich Gedanken über religiöse, gesellschaftliche oder politische Themen und tauschen sie miteinander aus. Bei der letzten  Diskussion vom 8.1. ging es die Kontroverse „Gewalt und Religion kein Zwillingspaar?! (Ausrufungs- und Fragezeichen)“.
Eine wesentliche Aufgabe der Religionen ist die Förderung des Friedens unter den Menschen. Gemessen daran schneiden sie schlecht ab, besonders wenn eine Religion darauf besteht, im Besitz von Recht und Wahrheit zu sein. Daher die Forderung des Dalai Lamas nach eine „religionsübergreifenden Ethik“.
Dieser Forderung wird am 5. 2.  von Professor Dr. Reinhold Mokrosch, emeritierter Lehrstuhlinhaber für evang. Theologie in Osnabrück nachgegangen. Der Referent ist gleichzeitig Leiter der „Forschungsstelle Wertebildung“ im Fachbereich evang. Theologie., Osnabrück. Denn jede religionsübergreifende Ethik müsste auf universellen Werten gründen.
Hier würde eine Anregung des Sprechers der Philosophenrunde, Dr. Christian Brehmer, weiterführen: Jeder Mensch, egal welcher oder keiner Religionszugehörigkeit, hat die Fähigkeit sich von seinen Gedanken und Emotionen zu lösen und sie gewissermaßen von außen zu betrachten. Dadurch entsteht eine kritische Distanz, entsteht Einsicht und ggf. eine Korrektur des Verhaltens. Reflexion macht weise. Bis in der Tiefe hinein ausgelotet, enthält die reine Reflexion, als reine Vernunft naturgegebene Werte. Sie sind universal und liegen allen Religionen zugrunde.
Alle Interessierte sind am Freitag, 5.2., 19.30 Uhr, zu einem Abend der Begegnung, der Reflexion  und des gemeinsamen Gespräches eingeladen: Naturheilpraxis M.Arlt / R.Krüger, Regenwalderstr. 6, 49324 Melle. (Freiwilliger Unkostenbeitrag)