Donnerstag, 23. Februar 2023

 

Frieden ist eine Qualität

kelvin-han/ unsplash
kelvin-han/ unsplash

Momente der Achtsamkeit

Der Krieg gegen die Ukraine erschüttert die Menschen in Europa. Achtsamkeitslehrerin Julia Grösch ermutigt dazu, sich trotzdem im Alltag dem inneren Frieden zuzuwenden und Momente der Verbundenheit zu stärken. Inneren Frieden zu erfahren heißt nicht, die Augen vor Konflikten zu verschließen, sondern Polarisierung zu überschreiten.

Ist es uns erlaubt, angesichts der schrecklichen Bilder von Krieg und Flucht inneren Frieden zu empfinden? Dürfen wir im Wissen um Hunderttausende Flüchtlinge auf einer Wiese in der Frühlingssonne sitzen, dem Treiben der Hummeln zuschauen und im Frieden sein, obwohl die Welt so ist, wie sie jetzt gerade ist? Oder könnte die innere Bewegung, sich immer wieder dem Frieden zuzuwenden, sogar eine wichtige Arbeit sein, die in dieser Zeit getan werden muss?

Am ersten Sonntag nach dem 24. Februar 2022, dem Beginn des Krieges in der Ukraine waren mein Mann und ich im Odenwald unterwegs. Es war ein traumhaft schöner Frühlingstag, der Himmel über uns wolkenlos blau. Von einer Anhöhe aus schauten wir auf die Dörfer und Höfe, die eingebettet zwischen den sanften Hügeln des vorderen Odenwalds liegen.

Im noch lichten Buchenwald zwitscherten die Vögel, aus der Ferne war das Bellen eines Hundes zu hören. Die Sonne schien warm, der Wind hatte sich auf Sanftheit verlegt. Wir lagen im Gras und schauten auf die Welt, erfüllt und getragen von vollkommenem, umfassendem Frieden.

Innerer Frieden, das ist mir in diesem Moment noch einmal bewusst geworden, kann auch in Zeiten großen Leidens erfahren werden. Es ist unsere Hinwendung zum inneren Frieden als einer Qualität, die Frieden im Außen wachsen lässt – und wir brauchen dringend Menschen, die bereit sind, diese innere Arbeit zu tun.

Konflikte nähren sich von Polarisierung. Es braucht dann Menschen, die darin geübt sind, aus dem gedanklichen Kampf von „falsch“ gegen „richtig“, „gut“ gegen „böse“ auszusteigen. Es braucht Menschen, die mit Interesse zuhören und die es vermögen, alle Kränkungen, Verletzungen, Ängste und Beschämungen aufzunehmen und diese wie in eine große goldene Schale zu legen, damit alles sichtbar und sortiert daliegen kann.

Dann braucht es Menschen, nichts fordern, nichts forcieren, nichts erreichen wollen, die selbst verbunden sind mit tiefem inneren Frieden. Wenn der persische Dichter Rumi von jenem Ort „jenseits von richtig und falsch“ spricht, an dem wir uns treffen, dann brauchen wir Menschen, die diesen Ort und den Weg dorthin kennen und unerschütterlich mit diesem Ort verbunden sind.

Frieden entspringt dem Geist der Verbundenheit

Soweit das Ideal. Ist es Wunschdenken? Ist es Naivität? Immer und überall wurde und wird den Friedliebenden doch Naivität vorgeworfen! Und ja, ich muss nur den Blick auf unser vergleichsweise kleines Familienuniversum werfen, um zu erkennen, wie schnell der Frieden verloren geht.

Gerade in Jahren der Corona-Pandemie, zwischen Homeoffice, online-Schule und online-Studium ging es hier dauernd um Territorien, Grenzen, wer hat welches Recht, wo verläuft die „rote Line“ – und wer eigentlich geht mit dem Hund…? Nie zuvor sind unsere verschiedenen Bedürfnisse zum Beispiel nach „Zeit für sich alleine“ und „Zeit mit anderen“ krasser zutage getreten als in diesen Monaten.

Und an manchen Tagen lagen die Nerven blank und es gab unter uns keinen mehr, der erfüllt war von innerem Frieden. Auch unter Freunden sind Konflikte aufgebrochen und manche Wunde ist noch nicht geheilt.

Was uns aber gerettet hat, ist letztlich der tiefe Wunsch, verbunden zu bleiben. Unterschiede anzuerkennen und zugleich zu wünschen, dass es dem anderen wohl ergeht, waren die Schlüssel zu dem Weg, immer wieder zum Ort des Friedens und der Verbundenheit zurückzukehren.

Frieden, auch das ist mir in diesen Tagen bewusst geworden, heißt eben nicht, dass jeder das kriegt, was er haben will – und dann ist gefälligst mal Friede! Frieden entsteht aus dem Bewusstsein der Verbundenheit aller Menschen, Tiere und Pflanzen als einem lebendigen, höchst beweglichen, aber auch verletzlichen Gewebe.

Frieden entsteht aus dem Wunsch, dieses Gewebe zu schützen und einen Betrag zu seiner Heilung zu leisten. In diesem Sinn sollten wir unseren Beitrag, den wir im Alltag durch friedliches Sein und friedvolles Tun leisten, nicht gering einschätzen – was leicht geschieht angesichts weltbewegender Ereignisse und der Macht, die Bilder vom Kriegsgeschehen über uns haben.

Sich dem Frieden zuwenden, innen und außen

Ich halte es jetzt für eine wichtige Aufgabe, auf einer Wiese zu sitzen und den Hummeln beim ersten Flug in den Frühling zuzuschauen. Frieden in mir wirkt sich auf vielen Ebenen und auf viele andere aus.

Ebenso wichtig ist mir die Zeit auf meinem Meditationskissen, in der ich mich darin übe, die aufsteigenden Gefühle von Verzweiflung, Wut und Hilflosigkeit angesichts der Nachrichten zu halten oder mich an Momente des Friedens in meinem Leben zu erinnern.

Auch ist es gut, wenn wir einander Geschichten und Gedichte vom Frieden zu erzählen. Es dient dem Frieden, in einer stressigen Situation zunächst ein paar Atemzüge zu nehmen, bevor wir einem Kind dabei helfen, die Jacke anzuziehen oder einem alten Menschen dabei helfen, eine Jacke auszuziehen. Es dient dem Frieden, umsichtig mit den eigenen Ressourcen umzugehen und die nächste Aufgabe aus einer friedlichen Haltung heraus zu erledigen – oder erstmal eine Pause zu machen.

Frieden, daran erinnern wir uns jetzt, ist kein statischer Zustand. Frieden ist eine Qualität. Wir sind mit dieser Qualität verbunden, sobald wir uns ihr zuwenden. Wir können sie finden, im Außen und im Inneren.

Unsere Arbeit besteht darin, angesichts der eigenen Unvollkommenheit und der Unvollkommenheit der Welt, innerlich Frieden zu schließen. Das ist das Gegenteil davon, Konflikte zu ignorieren, die Augen vor Problemen zu verschließen oder uns in Sicherheit zu wiegen. Es ist diese innere Arbeit, die getan werden muss und die uns hilft, mit Angst und Trauer umzugehen. In jedem Augenblick liegt die Möglichkeit, neu damit anzufangen.

Foto: privat

Julia Grösch ist Achtsamkeitslehrerin und zertifizierte Trainerin für Mindful2Work (Vorbeugung von Stress und Erschöpfung in Alltag und Beruf). Sie unterrichtet diesen Kurs online für Einzelne und Gruppen. Mehr Artikel und Infos finden Sie auf ihrer Seite Achtsamkeit und Begegnung.

Donnerstag, 26. Januar 2023

 Ethik Heute

Achtsamkeitstraining hat längst den Mainstream erreicht

Interview mit Peter Bostelmann

Peter Bostelmann ist Chief Mindfulness Officer des Software-Konzerns SAP. 2013 führte er nach dem Vorbild von Google erstmals ein zweitägiges Achtsamkeitstraining bei SAP ein. Mittlerweile haben Tausende Mitarbeiter mitgemacht. Michaela Doepke wollte wissen, wie das Programm wirkt und ob es auch zur Leistungssteigerung eingesetzt wird.


SAP ist ein Vorreiter bei der Einführung von Achtsamkeit im Unternehmen. In dem Konzern haben mehr als 14.500 Mitarbeiter das Achtsamkeitsprogramm an über 60 Standorten sowie virtuell durchlaufen, 8000 stehen auf der Warteliste. 70 interne Trainer erhielten bisher eine sechsmonatige Ausbildung mit Zertifizierung. Seit 2017 unterrichten sie auf Anfrage auch externe Kunden wie die Siemens AG oder die Deutsche Telecom. Sie unterstützen diese, eine eigene Achtsamkeitspraxis in ihren Unternehmen zu etablieren. Derzeit arbeiten mehr als 110.000 festangestellte Mitarbeitende aus 160 Nationen weltweit bei SAP.

 

Das Interview führte Michaela Doepke

Herr Bostelmann, Sie arbeiten seit über 20 Jahren als Wirtschaftsingenieur bei SAP und sind ein Mann von harten Daten und Fakten. Wie kam es dazu, dass Sie „weiche Werte“ wie Achtsamkeit und Meditation bei SAP einführen wollten?

Bostelmann: Stimmt, ich bin ein Wirtschaftsingenieur und ein Mensch der harten Daten und Fakten, aber gleichzeitig bin ich auch empathisch und herzlich. Die Achtsamkeit habe ich vor rund 15 Jahren entdeckt, war davor skeptisch, habe dann aber deren große Kraft in meiner persönlichen Praxis entdeckt. Vor rund zehn Jahren habe ich begonnen, Achtsamkeit zu SAP zu bringen. Das ist dann irgendwann sehr erfolgreich geworden.

Was war für Sie der zündende Moment, dass die Achtsamkeit in Ihr Leben gekommen ist?

Bostelmann ist Chief Mindfulness Officer bei SAP, Foto: privat

Bostelmann: Die Achtsamkeit ist über meine damalige Lebensgefährtin in mein Leben gekommen. Damals war ich einem klassisch männlichen Rollenklischee verhaftet. Ich habe Triathlon gemacht und ihr gesagt: „Du kannst deine Achtsamkeit und dein Yoga machen und ich mache mein Triathlon. Das ist gut für mich, Stress abzubauen.“

Ich habe aber eigentlich keine Ahnung gehabt, worum es ging, und habe es durch meine Partnerin damals kennen gelernt. Dann ist meine Neugierde gewachsen, und ich habe irgendwann begonnen, eine eigene Praxis zu etablieren. Erst in kleinen Schritten. Seit 2008 gehe ich einmal im Jahr auf ein 10 Tage-Vipassana-Schweigeretreat und habe eine tägliche Praxis. Und das ist für mich ein ganz kraftvolles Geschenk.

Dass man im Silicon Valley meditiert, überraschte keinen, aber in Deutschland?

Wie haben Sie die Führungskräfte von SAP davon überzeugt, dass Achtsamkeit und Leistung zusammenpassen und ein Programm hilfreich wäre?

Bostelmann: Das war ein langer Weg. Wir haben das sowohl Bottom-up gemacht als auch Top-down. Es hat eine Weile gebraucht, die richtige Menge an interessierten Skeptikern zusammen zu bringen, die es ausprobieren wollten. Vor neun Jahren haben wir begonnen, das SIY-Programm „Search Inside Yourself“ bei SAP zu pilotieren.

SIY war bei Google sehr erfolgreich, diese Popularität hat geholfen. Dann haben wir 2013 das allererste SIY-Training in Palo Alto gemacht, im Silicon Valley, wo wir ohnehin viele Dinge bei SAP pilotieren. Das wurde sehr positiv angenommen. Wir wollten es auch in Deutschland probieren. Zweifler meinten: Dass ihr im Silicon Valley meditiert, das überrascht jetzt noch keinen, auch in Unternehmen. Aber wie ist das denn in Deutschland?

Zu meiner Überraschung war bei SAP in Deutschland die Resonanz sogar positiver als in den USA. Als die Warteliste damals 1500 Mitarbeiter hatte, hat unsere Chief-Learning-Officer um einen Termin mit mir gebeten und gefragt: „Was machst du da, um so eine Warteliste zu bekommen? Das spricht für das Programm. Ich unterstütze dich.“ Das war ein großer Schritt.

SAP sollte mit gesunden, zufriedenen Mitarbeitern arbeiten und nicht zu viel Druck aufbauen

Manchmal wird Achtsamkeit missbraucht und Mitarbeitenden suggeriert, ihr Stress sei selbstverschuldet und sich so aus der Verantwortung gezogen. Was tut SAP bei den Rahmenbedingungen, wenn der Stresspegel zu hoch wird, z.B. weil Personal eingespart wird, und mit Achtsamkeit nicht mehr abgefedert werden kann?

Bostelmann: Ich bin mit meinem Team im „Future of Work“, einer Gruppe bei SAP, die sich mit Unternehmenskultur, Mitarbeiter-Gesundheit und Wellbeing befasst. Es gibt eine Vielzahl von Angeboten, die unseren Mitarbeitern Hilfe im Umgang mit Stress anbieten.

Wir haben Programme für „Health in Leadership“, damit unsere Führungskräfte für gesundheitliche Fragen sensibilisiert werden. Es gibt eine „Mental Health Pledge“, das heißt, Mitarbeitende vom Vorstand und Führungskräfte versichern, wie wichtig dem Unternehmen mentale Gesundheit ist. Und ich stehe dahinter, dass SAP mit gesunden und zufriedenen Mitarbeitern arbeitet und nicht zu viel Druck aufgebaut wird. Ferner haben wir ein Ombudsoffice mit mehreren Mitarbeitern, die helfen, Konflikte zu klären.

Für zwei Tage bezahltes Achtsamkeitstraining erhalten wir, rein monetär betrachtet, doppelt so viel zurück

Welches Feedback zur Achtsamkeit gab es von Ihren Teilnehmenden bisher? Gibt es auch eine Evaluation über die Wirkungen und die Nachhaltigkeit des Programms bei SAP?

Bostelmann: Natürlich, SAP als Business-Software-Unternehmen ist ein Daten-getriebenes Unternehmen. Am Anfang haben wir selbst Evaluierungen gemacht. Dann haben wir über die Jahre bei 14.000 Teilnehmenden viele qualitative Feedbacks eingeholt. Die Mitarbeitenden sagen, da bekomme ich ein Geschenk. Das Unternehmen gibt mir etwas an die Hand, das mir hilft, mehr in meine Kraft zu kommen.

Zwischen 2015 und 2019 hat unser Data-Science Team 7.000 Mitarbeitende mit einer relevanten Kontrollgruppe verglichen und eine Datenanalyse durchgeführt. Was u. a. herauskam, war, dass das Mitarbeiterengagement signifikant höher ist als das Engagement der Menschen, die nicht durch das Programm gegangen sind. Und wir konnten sehen, dass die krankheitsbedingten Fehlzeiten zurückgingen.

Großveranstaltung bei SAP: Peter Bostelmann leitet eine Meditation an, Foto: SAP

Das sind Kennzahlen, die für ein Wissensunternehmen wichtig sind. Wenn wir diese monetär bewerten, dann lässt sich schlussfolgern, dass der Return on Investment des Programms – also das Kapital, das wir aufwenden, um die Mitarbeitenden zwei Tage ein bezahltes Training machen zu lassen − mehr als doppelt so hoch ist.

Damit kann ich sagen, dass wir seit 2016 nicht nur das populärste Programm bei SAP haben, was die Warteliste und die Rückmeldungen und die Feedbacks angeht, sondern auch, dass wir zum finanziellen Erfolg des Unternehmens beitragen.

Ein Kritikpunkt ist immer wieder, dass Achtsamkeitstrainings von Unternehmen zur Leistungssteigerung oder Selbstoptimierung angeboten werden, um noch mehr aus den Mitarbeitenden rauszuholen. Was sagen Sie dazu?

Bostelmann: Eine wichtige Frage. Die ganze Debatte läuft in den USA unter dem Begriff „Mac Mindfulness“, geprägt von Ron Purser, der hier nebenan in San Francisco sitzt, und dies immer wieder kritisch betrachtet. Aber ich glaube, das ist ein Standpunkt, bei dem die Menschen als unmündige Wesen betrachtet werden. Bei SAP wird keiner gezwungen. Wir sehen es als ein Angebot, dass ich meine Stärken, meine Schwächen besser erkenne, Grenzen setze.

Natürlich hat das Unternehmen ein Interesse, dass die Mitarbeitenden kraftvoll sind, dass sie gut in der Lage sind, mit den Herausforderungen umzugehen. Aber SAP hat auch ein Interesse zu sagen: Du musst erkennen, wann du Stopp sagst.

Und wir haben einen großen Teil von Mitarbeitenden, die sagen, Achtsamkeit interessiert mich nicht, und das ist auch in Ordnung. Und damit ist es eine lebendige und ehrliche Kultur. Wobei mein Team und ich uns natürlich wünschen, dass wir viele Menschen erreichen.

Das ganze Interview auf youtube schauen

Samstag, 31. Dezember 2022

Wir haben uns verirrt – uns fehlt die entscheidende Dimension

Als Menschen auf dieser Erde wurden wir ins Dasein geworfen, und wir müssen unser Leben irgendwie managen, um „über die Runden zu kommen“. Einigen fällt das leicht, vielen fällt das schwer. Besonders, wenn wir an die zwei Drittel der Menschheit in der sogenannten Dritten Welt denken. Oft ist für sie  das Leben nur ein einziger Kampf ums Überleben. Eine Schande für die wohlhabenden Länder, deren Wohlstand zum großen Teil auf der Ausbeutung der armen Länder beruht; eine Schande auch für die schreiende Kluft zwischen Arm und Reich, selbst in Deutschland. 

Zu Coronazeiten allerdings müssen auch in den reichen Industrienationen  viele Mittelständler und Kleinbetriebe ums Überleben kämpfen, jedoch meist nur finanziell. Für viele  ist  ein soziales Netz gespannt, das für ein angenehmes Überleben sorgt. Allerdings ist da der Schmerz, das über Jahre Aufgebaute ruhenlassen zu müssen. Die Enttäuschung ist groß, und schnell mündet sie in eine Depression. Jedoch müssen nur wenige hungern - das Leiden ist eher psychisch. Die Pandemie hat den ganzen Globus mit einer Malaise überzogen, und wer bemerkt noch das schelmische Kichern des kleinen Mädchens über die Maske seiner Mutter: „Mama, nimmst du die beim Essen ab“?

Hieß es schon immer: Das Leben ist ein Kampf, so kommt zu Coronazeiten  noch die Angst vor dem Ungewissen hinzu und vielleicht die Angst, sich anzustecken, ggf. trotz Impfung. Es lauert hinter aller Aktivität und Zerstreuung eine dem Menschen unbewusste Urangst, bedingt durch die Trennung von seinem Ursprung. Hinzu kommt das häufig verdrängte Wissen um die eigene Sterblichkeit. Trotz Aufklärung, Wissenschaft, Kranken- und Lebensversicherung verbleibt da etwas Unsichtbares und Unkontrollierbares. Uns wird unsere „conditio humana“ auf der gegenwärtigen Evolutionsstufe – einer Durchgangsstufe – bewusst. Und das ist gut so.

Auch bereits vor der Pandemie war für viele das Leben ein  Kampf: Joberhalt, Gesundheitsprobleme, Umweltverschmutzung, Klimawandel, Digitalisierung, zwischenmenschliche Auseinandersetzungen und, und, und – die Liste ließe sich für jeden individuell erweitern. Unser Leben und unser Planet sind in einer Schieflage. „Wir haben uns verirrt“, konstatiert der renommierte Hirnforscher Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther. Ob die Naturvölker vor dem Kontakt mit den europäischen Entwicklungsbringern schon so viel Leid kannten? Ist doch das Leben an sich Freude, ein grundlegendes Wohlgefühl, für das man nichts tun muss. Das bestätigen alle, die ihr Bewusstsein erweitern und die sich von ihren inneren Fesseln zum Leben befreien.

Der in Deutschland lebende spirituelle Lehrer John David aus England hat ein Buch verfasst „Grundlos glücklich. Die Freiheit des Seins“ und dazu einen gleichnamigen Film gedreht. Auch Barbara Vödisch hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Grundlos glücklich. Die Quelle des wahren Glücks liegt in dir“. Da heißt es in der Einleitung:

„Nichts brauchst du,                                                                                                                     nichts fehlt dir, um glücklich zu sein.                                                           Wahres  Glück ist nicht getrennt von dir,                                                                      ist nicht abhängig von glücklichen Ereignissen,                                                                            von beruflichem Erfolg, Anerkennung,                                                              Geld oder anderen Menschen.                                                                                         Es ist dein natürliches Sein.

Für die meisten Menschen ist „das natürliche Sein“ jedoch alles andere als glücklich. Als Kinder strahlten wir es noch aus und kicherten manchmal über das Verhalten der Erwachsenen: „Was? Opa wünscht sich ein Smartphone? Da lachen ja die Apps!“ Wir haben eine Kultur erschaffen, die uns von uns selbst entfremdet. Wir suchen unser Glück im Äußeren, in Ablenkungen oder in Wohlstand, in Besitz und Anerkennung und müssen dafür kämpfen in einer Welt der Ellbogenmentalität. So schaffen wir Verspannungen in unserem Nervensystem und fühlen uns nicht wohl in unserer Haut. Vergeblich suchen wir Ausschau nach etwas Verbindlichem, an dem wir uns  orientieren können. Ohne inneren Anker sind wir den Wellen der Ereignisse ausgeliefert, versinken wir in der Informationsflut.  Wer bin ich eigentlich, und was ist der Sinn meines Daseins?

Spätestens wenn es uns dreckig geht, wenn wir kurz vor dem Burnout stehen und nicht in Aktionismus, in Ablenkungen, Alkohol oder Drogen flüchten, tauchen diese Fragen auf. Sie halten uns in der Schwebe, und manchem wird bewusst, dass er nicht lebt, sondern funktioniert. Wir werden gelebt und leben oft am eigentlichen Leben vorbei. Das kann doch nicht alles sein! Irgendetwas fehlt! Aber wenn wir diesen Schwebezustand, dieses innere Fragen aushalten, unverkrampft für eine Weile aushalten, ohne Ablenkungen, kann eine befreiende Dimension aufschimmern, etwas, nach dem wir schon immer gesucht haben.

„D a s s  was sucht, ist das Gesuchte“,

                sagt Franziskus von Assisi. Was er wohl damit gemeint hat? 

Geht es etwa um die dem Suchen innewohnende Dynamik und weniger um das, was ich suche? Wenn ich alle Inhalte in meinem Bewusstsein zurücklasse, bleibt nur noch das reine Bewusstsein, und – das ist die Entdeckung – dann tut sich eine neue Dimension auf. Sie war schon immer da, nur überlagert von den vielen Gedanken und Emotionen. Ich ent – decke zunächst schemenhaft und dann mit Geduld und Beharrlichkeit immer klarer die Substanz meiner Persönlichkeit, mein eigentliches Selbst, meine Seele. Sie war schon immer da; jetzt habe ich sie kurz erfahren. Sie ist mir entgegengekommen. War der Begriff „Seele" bislang eine in unserer Gesellschaft gängige Begriffshülse - jetzt ist sie mit Erfahrung gefüllt.

Heureka! Ich hab‘s gefunden! Ein freudiger Ausruf, wie er von Archimedes in der Badewanne überliefert ist. In der Entspannung kam die befreiende Intuition. Sagt       man doch, er sei vor Freude aus der Wanne gesprungen und nackend durch Athen gelaufen: „Heureka! Heureka!“ Der antike Mathematiker und Physiker  entdeckte zwar nicht seine Seele, aber ihm ging auf, dass das Volumen seines Körpers genau der Menge des verdrängten Wassers entsprach: das hydrostatische Gesetz.

Fortan gehe ich der Erfahrung meiner Seele nach. Sie führt zu einer regelmäßigen Selbsterfahrungspraxis, die mich jenseits von Gedanken und Emotionen zu meiner Substanz, zu meiner Seele befreit. Sei es nun Yoga, Meditation oder Achtsamkeitstraining, der Wege sind viele. Ich finde meine mir gemäße Methode,  denn ich bin motiviert. Regelmäßig praktiziert, löse ich mich mehr und mehr von allen Gedanken und lasse alles Inhaltliche zurück, bis ich das reine Bewusstsein erfahre, meine Seele. Ich erfahre sie als eine stille innere Freude. Grundlos. Sie war, so sagten wir, schon immer da, mein zu sich selbst befreites inneres Sein, nur überlagert von schwatzhaften Gedanken, zwanghaften Vorstellungen,  schillernden Emotionen und rotierenden Problemen. 

Freilich geht mir diese innere Freude im Alltag immer wieder verloren. Aber ganz unverhofft, mitten in der Aktivität taucht sie spontan wieder auf, eine befreiende Bewusstwerdung meiner selbst, eine Orientierung von innen. Ich unterstütze diesen Prozess, und im Laufe der Zeit setzt sich  ein sanftes Hintergrund-Bewusstsein, eine stille Präsenz im Alltag immer mehr durch. Ich erkenne es als mein wahres Wesen, als meine Heimat, als meine Seele, nach der ich schon immer gesucht habe.               

                     „Die Seele ist eine wissende Substanz“,

sagte Rumi, der persische Philosoph und Mystiker, einer der großen Weisheitslehrer der Menschheit.

Wir alle wissen, das, wenn wir entspannt sind, uns nicht nur gespeichertes Wissen mühelos zugänglich ist, sondern sich auch Intuitionen einstellen können (Beispiel Archimedes).  Wir haben ein Problem, grübeln, lassen  locker, und die Lösung „fällt uns ein“ Woher kommt sie? Sie kommt aus der Seele, aus der wissenden Substanz. Und wenn sie uns mehr und mehr zugänglich ist durch regelmäßige Ausübung einer Entspannungs- und Selbsterfahrungspraxis, schöpfen wir zunehmend aus der Intuition, der den Verstand ergänzenden Erkenntnisquelle. Sie ist in jedem Menschen angelegt, und wenn Selbsterfahrungstechniken in unserer Gesellschaft angekommen sind, tun wir das bewusst, was seit Millionen von Jahren in Millionen von Organismen unbewusst geschehen ist: die Intensivierung des Bewusstseins. Wir werden weniger Fehler machen und von unserem selbstzerstörerischen Verhalten absehen. Die fehlende Dimension - sie wird unser Leben und unseren Planeten wieder ins Lot bringen.

Dabei kann Corona unser Entwicklungshelfer sein: ein Schuss vor den Bug des vom Menschen fehlgesteuerten Dampfers unserer Gesellschaft. Viele haben das erkannt und wollen nach der Herdenimmunität nicht mehr zurück in das alte Fahrwasser der zwanghaften Steigerung von Produktion, von Konsum und Spaß. Alle machen sich zwar stark für Klimaschutz, aber viele sehen nicht die tiefere Ursache unseres ausbeuterischen Verhaltens der Natur gegenüber. Wir sind schlichtweg  Mangelwesen auf der gegenwärtigen Durchgangsstufe der Evolution. Der Mangel lässt sich nicht allein durch Aktionismus und durch Spaß und Konsum ausgleichen  – uns fehlt die entscheidende Dimension, die Dimension der Seele.

Dagegen kann man etwas tun.

 

Autor: Dr. Christian Brehmer, Evolutionsforscher, Bakumer Str. 31a, 49324 Melle                                       E-mail: brehmer.c@web.de ,  Website: www.bewusstseins-evolution.de

Literatur:  C.  Brehmer: „Vom  Urknall zu Erleuchtung. Die Evolution des Bewusstseins als Ausweg aus der Krise“, Verlag Via Nova                                                                                                                               ibd.: „Woher? Wohin? Orientierung im Leben. Die Evolution des Bewusstseins  als Ausweg aus der Krise“, Verlag Via Nova

Weiterleitungen und Kommentare willkommen.

 

 

Mittwoch, 24. August 2022

 

Protokoll der Anregung zum Gespräch                 Waltram Landman    
anlässlich der Philrunde vom 05.08.22 in Melle-Buer, Huntetalstr.12
 
Thema: "Bereitschaft, sich neuen Erfahrungen und Einsichten zu öffnen
             und bekannte kritisch zu durchleuchten versus Verhangensein
             in Gewohnheitsmustern und Akzeptanz gegebener Vorstellungen.
             Wie lassen sich die sich daraus ergebenden Verhaltensweisen
             neurobiologisch erklären und was kennzeichnet einen Philosophen ?"
 
Ausgehend von den unterschiedlichen Aktivitätsmodalitäten des Hirnstamms
und der Großhirnrinde, dem Neokortex, unseres Gehirns - der Hirnstamm Sitz
der Emotionen und der Neokortex Sitz des analytisch folgerichtigen Denkens -
ist auch seit den letzten Jahrzehnten bekannt, dass und wie sich diese unterschiedlichen
Aktivitätsmodi gegenseitig beeinflussen. Die mit den Sinneseindrücken und den
Prägungsmustern einhergehenden Emotionen von Sympathie bis Antipathie
steuern unseren logisch-analytisch funktionierenden Aparat des Neokortex,
und umgekehrt triggern auch die hier entstehenden Gedanken/ Argumente emotionale
Befindlichkeiten.
Also wie emotional belastet ist das, was wir wahrnehmen, mit dem schon zuvor
Erlebten und wieweit werden unsere Gedanken von emotionalen Ladungen gesteuert ?
Dass dies so ist, ist inzwischen hinreichend bekannt, nur bis zu welchem Grade uns
diese Abhängigkeiten gefangen halten, scheint eine Herausforderung für introspektive
Methoden der Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis zu sein.
Wie den Suggestivkräften von Prägungs- und Gewohnheitsmustern entkommen ?
Wie sich den massenhypnotischen Zwängen einer Wirklichkeitsvorstellung entziehen,
wenn diese über gleichgeschaltete Medienberichterstattung morphogenetisch verstärkt
wird ?
Da ist die Philosophie gefragt, nur sie kann den Bann der Fremdbestimmung brechen !
Die Liebe zur Weisheit verlangt ja gerade die radikale Hinterfragung bzw. Offenlegung
des Bedingungsgefüges für das, was als Realität gilt.
René Descartes mit seinem "dubito ergo sum" (= "Ich zweifle, also bin ich") ist ja
beispielhaft dafür, was letztlich als einzig verlässliche Bezugsbasis bleibt, wenn
vermeintliche Realitäten sich als Trugbilder erweisen.
Welch enormen Beitrag zur Realitätsbestimmung hat so auch vor hundert Jahren die
Atomphysik und Quantenfeldtheorie geliefert, die unser materialistisches Weltbild
komplett revolutionierte !
Ohne hier auch transzendentalphilosophische Ansätze und Positionen vorstellen zu
müssen, möge hier das Augenmerk auf das Grundsätzliche der Transzendenz gerichtet
sein. So erweist sie sich als Befreiung von Identifikationen mit vermeintlich gültigen
Bezugspunkten durch die Erfahrung des Transzendierens als besonders hilfreich !
Transzendenz in seiner konsequentesten Form erlaubt ja in besonderem Maße eine
Befreiung von Anhaftungen jeglicher Art und damit eine Erfahrung reinen Seins !
Mit einer solchen Erfahrung bereichert tauchen wir wieder auf und haben die Chance
neutraler Beobachtungen und Beurteilungen, Unstimmigkeiten aufzuspüren und
Trugbilder zu erkennen, ...welch großartige mentale Immunisierung gegenüber 
Scheinwahrheiten und massenhypnotisch wirkenden Fremdbestimmungen, ...und
damit Erziehung zur autonomen Persönlichkeit !
Neurobiologisch geht das einher mit einer offeneren Verschaltung aller Zentren im
neuronalen Netzwerk unseres Gehirns UND unseres vegetativen Nervensystems.
 

Freitag, 24. Juni 2022

 Philrunde, 1.Juli, 2022

Wie kommen wir der Selbsttäuschung auf die Schliche?  Ethik Heute

Pretty Vectors/ Shutterstock
Pretty Vectors/ Shutterstock

Über unsere blinden Flecken

Wir Menschen sind gut darin, uns selbst zu täuschen und zu belügen, so die Philosophin Ines Eckermann. Selbstüberschätzung, etwa des eigenen Charakters, ist noch harmlos. Schlimmer ist der Selbstbetrug, bei dem unser Verstand eine Wahrnehmung abseits der Realität kreiert. Abhilfe schaffen die Selbstreflexion und ein offenes Ohr für die Meinung anderer.

 

„Man ist nie scharfsinniger, als wenn es darauf ankommt, sich selbst zu täuschen und seine Gewissensbisse zu unterdrücken.“ François Fénelon

 

Die Beine der allermeisten Lügen sind so kurz, dass man mit ihnen nicht weit kommt. Und so geht der Lüge früher oder später die Puste aus. Ganz anders sieht das aus, wenn wir uns selbst belügen und betrügen. Schließlich können wir vor uns selbst nicht davonlaufen – und müssen es auch gar nicht. Denn wer die Kunst des Selbstbetrugs beherrscht, verschleiert die Wahrheit so gut vor sich selbst, dass er sich ohne weiteres nicht beim Lügen ertappen wird.

Die Einsteigervariante der Selbsttäuschung ist die Selbstüberschätzung. Dass wir uns vor allem dann überschätzen, wenn wir keine Ahnung haben, nennt sich in der Psychologie Dunning-Kruger-Effekt. Beispielsweise glaubten 42 Prozent der Software-Ingenieuren in einer Befragung, zu den besten fünf Prozent der Software-Entwickler zu gehören. (1)

Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt also unsere Selbstüberschätzung und zugleich das Unterschätzen unserer Konkurrenz. Dieser Effekt wird seit Ende der 1990er Jahre immer wieder bestätigt. Neuere Studien zeigen, dass unsere Selbstüberschätzung kaum Grenzen zu kennen scheint: in fast allen Bereichen unserer Persönlichkeit und unserer Fähigkeiten. Wir halten uns für überdurchschnittlich gute Arbeitskräfte, für besonders intelligent und großherzig oder zumindest für etwas attraktiver als manche Mitmenschen.

Der Grund dafür ist simpel. Wir wollen nicht nur anderen gefallen, sondern auch uns selbst. Und wenn wir noch nicht so sind, wie wir gerne wären, dann drehen wir an unserer Wahrnehmung. Schließlich geht es viel schneller, unser Spanisch einfach für verhandlungssicher zu halten, als regelmäßig Vokabeln zu pauken.

Warum wir alle die besten sind

Hinzu kommt, dass wir zugleich oft keine gute Meinung von unseren Mitmenschen zu haben scheinen: So halten sich viele Befragte laut einer Studie für nachhaltiger und umweltbewusster als die Menschen in ihrem Umfeld. (2)

Da wir jedoch schon rein rechnerisch nicht alle über den Durchschnitt liegen können, wird klar: Bei uns selbst drücken wir gern mal ein Auge zu, während wir bei anderen ganz genau hinsehen. Damit verstärken wir die blinden Flecken, hinter denen sich unser wahres Ich versteckt.

„Die Lüge ist der eigentliche faule Fleck in der menschlichen Natur“, stellte schon Immanuel Kant fest. Dass wir Meister der Selbsttäuschung zu sein scheinen, widerspricht Kants Wunsch, öfter mal auf die Vernunft zu hören.

Kants aufklärerisches Plädoyer, dass wir uns doch bitte unseres eigenen Verstands bedienen sollen, ruft also nicht nur zum Selbstdenken auf, wenn es um Regeln und Täuschungen geht: Sapere aude – habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen. Und hör endlich auf, dich selbst zu belügen.

Wir müssen uns also eingestehen: Wir täuschen uns. Und wenn wir das nicht tun, dann schauen wir zumindest nur sehr schlampig auf unsere eigenen Unzulänglichkeiten. Auch der Glaube, wir seien rationale und uns unserer Selbst bewusste Wesen, ist in weiten Teilen wohl nicht viel mehr als eine Selbsttäuschung.

Doch wie ein zu gut verstecktes Osterei fängt auch die beste Lüge irgendwann an, sich bemerkbar zu machen. Um der Quelle des faulen Flecks auf die Spur zu kommen, müssen wir uns durch ein Dickicht aus kognitiven Verzerrungen, sogenannten Biases, schlagen.

Damit bezeichnet die Psychologie eine ganze Reihe von Mechanismen, mit denen unsere Wahrnehmung unsere Erlebnisse falsch oder verzerrt auswertet. Richard Rorty hielt solche Fälle von versehentlicher, psychologischer Verzerrung für moralisch unbedenklich und sogar für heilsam für unser Wohlbefinden. Diese innere Verdrehung der Tatsachen kann unser ohnehin geschöntes Selbstbild weiter aufpolieren.

Selbsttäuschung und Selbstbetrug

Dabei gibt es verschiedene Grade der verzerrten Wahrnehmung, die Selbsttäuschung und den Selbstbetrug. Bei einer Selbsttäuschung liegen wir versehentlich falsch und lassen uns mit etwas Nachdruck durch die Außenwelt eines Besseren belehren lassen.

Beim Selbstbetrug tritt der Verstand auf den Plan, und dieser erweist sich als deutlich verschlagener: Selbstbetrug ist der Wille und die Fähigkeit, den Kontakt zur Realität ganz oder in Teilen aufzugeben. Ein schlichtes Beispiel für einen willentlichen Selbstbetrug ist das Mantra, dass alles gut wird. Denn dafür gibt es in der Regel ebenso wenig rationale Belege wie für Verschwörungserzählungen.

Ob wir glauben, dass das Universum uns wohlgesonnen ist und uns irgendwann das Leben schenken wird, das wir uns wünschen, gehört ebenso ins Reich der Selbsttäuschung wie der Glaube an Echsenmenschen oder Microchips im Corona-Impfstoff. Beim Selbstbetrug entscheiden uns wider jede Vernunft und ohne handfeste Beweise dafür, etwas zu glauben, was wir nicht belegen können.

„Belügen Sie sich nicht selbst“

Wir verbeißen uns hartnäckig in unsere falschen Knochen. So hielt sich manch einer in einer Studie sogar nach einer vermasselten Führerscheinprüfung noch für einen exzellenten Autofahrer. (3)

Wir haben ein bestimmtes Idealbild von uns, dem wir gerne immer ähnlicher werden möchten. Und gelegentlich nimmt unsere Selbstwahrnehmung offenbar die Abkürzung über den Selbstbetrug. Dann errichten wir ein Idealbild von uns und verraten uns selbst nicht, dass wir uns gegen eine geschönte Variante unserer selbst ersetzt haben.

Und schon 1699 schrieb François Fénelon: „Man ist nie scharfsinniger, als wenn es darauf ankommt, sich selbst zu täuschen und seine Gewissensbisse zu unterdrücken.“ Während die Lügen unserer Mitmenschen meist eher kurze Beine zu haben scheinen, rennen wir auf unseren eigenen Stummelbeinchen ganze Lügenmarathons. Entsprechend ruft der Selbstbetrug meist auch den Selbstzweifel auf den Plan.

„Belügen Sie sich vor allem nicht selbst. Ein Mensch, der sich selbst belügt und seiner eigenen Lüge zuhört, kommt an einen Punkt, an dem er weder in sich selbst noch in seiner Umgebung eine Wahrheit erkennen kann“, mahnte Fjodor Dostojewski. Wenn wir nicht mal uns selbst trauen können, wem können wir dann überhaupt trauen? Der Selbstbetrug würde René Descartes schnell an den Rand seiner argumentativen Kräfte treiben.

Offen sein für die Fremdwahrnehmung

Judith Buttler fürchtet, dass der Selbstbetrug unser Gewissen korrumpiere. Schließlich müssen wir durchgehend ignorieren, dass wir die Wahrheit in den dunklen Keller unseres Bewusstseins gesperrt haben. Doch wer sich einmal auf den Selbstbetrug eingelassen hat, kommt da nur mit sehr viel Selbstreflexion und Kritikfähigkeit wieder von weg.

Hilfreich ist jedenfalls ein offenes Ohr für die Fremdwahrnehmung und die Meinung von Außenstehenden. Zwar bekommen unsere Mitmenschen nur einen kleinen Ausschnitt unserer Persönlichkeit mit und bewerten dieses auf der Basis ihrer eigenen Paradigmen. Dennoch kann uns der Blick von außen manchmal die Augen öffnen.

Wenn wir uns beispielsweise für sehr ausgeglichen halten, unsere Kollegen allerdings hinter vorgehaltener Hand über unsere cholerischen Anfälle tuscheln, könnte das ein Hinweis auf einen möglichen Selbstbetrug sein. Und einige blinde Flecken wird wohl auch der reflektierteste Menschen nicht loswerden.

Dass wir ab und zu daneben liegen, können wir wohl nicht vermeiden. Dagegen scheint es uns selbst gegenüber nur fair zu sein, dass wir uns gelegentlich selbst ganz genau unter die Lupe nehmen und in Frage stellen. Wie sehr passt unser selbstgebasteltes Bild von uns zur Realität? Wirken wir auf andere so, wie wir gerne wirken möchten? Oder sind wir auf unseren kurzen Beinen längst vor der Realität geflohen?

Quellenhinweise:

(1) Zur Studie Dunning-Kruger-Effekt

(2) Studie Nachhaltigkeit

(3) Studie TÜV Nord

Foto: privat

Ines Maria Eckermann machte einen Bachelor in Spanisch und einen Doktor in Philosophie. Nebenbei heuerte sie als freie Mitarbeiterin bei verschiedenen Medien an. Seither ist sie dem Glück auf der Spur und engagiert

Mittwoch, 25. Mai 2022

 Philrunde Juni 2022

Raum für Stille schaffen im Gespräch     Ethik heute 

W-Weiser/ Photocase
W-Weiser/ Photocase