Unsere
Normalität ist jahrelang überdehnt worden. Wie ein Seil, das fester und
immer fester angezogen wird, bis es, zum Zerreißen gespannt, nur darauf
wartet, dass der schwarze Schwan
[1]
kommt und es mit seinem Schnabel durchknipst. Jetzt, wo das Seil
entzwei ist, werden wir es einfach wieder zusammenknoten, oder sollen
wir seine baumelnden Enden noch weiter aufdröseln und sehen, ob wir mit
ihnen nicht etwas neues weben können?
COVID-19 zeigt uns, dass ein unglaublich schneller Wandel möglich
ist, wenn die Menschheit in einer gemeinsamen Sache vereint ist. Keines
der Probleme unserer Welt ist technisch schwer zu lösen; sie rühren von
der Uneinigkeit der Menschen her. Wenn die Menschheit kohärent handelt,
sind ihre kreativen Kräfte grenzenlos. Vor wenigen Monaten wäre eine
weltweite Unterbrechung der kommerziellen Luftfahrt undenkbar gewesen,
ebenso die radikalen Veränderungen in unserem gesellschaftlichen
Verhalten, in der Wirtschaft und in der Rolle, die die Regierung in
unserem Leben spielt. COVID-19 demonstriert die Macht unseres
kollektiven Willens, wenn wir uns darauf einigen können, was wichtig
ist. Was könnten wir mit einer solchen Kohärenz noch alles erreichen?
Was möchten wir erreichen, und welche Welt wollen wir erschaffen? Das
ist immer die erste Frage, die auftaucht, nachdem man sich der eigenen
Macht bewusst geworden ist.
COVID-19 ist wie der Aufenthalt in einer Entzugsklinik, durch den ein
suchtkranker Mensch aus seiner Alltagsnormalität gerissen wird. Indem
eine Gewohnheit unterbrochen wird, wird sie sichtbar gemacht. Damit wird
sie von einem Zwang zu einer Entscheidung. Wenn die Krise abflaut,
haben wir vielleicht die Gelegenheit uns zu fragen, ob wir in die alte
Normalität zurück wollen, oder ob wir während dieser Unterbrechung
unserer Routinen Dinge erlebt haben, die wir in die Zukunft mitnehmen
wollen. Wir werden uns vielleicht fragen, nachdem so viele ihre Jobs
verloren haben, ob wirklich alle davon das waren, was die Welt am
meisten braucht oder ob unsere Arbeitskraft und Kreativität nicht
anderswo besser angebracht wäre? Wir werden uns vielleicht fragen,
nachdem wir eine Weile ohne sie ausgekommen sein werden, ob wir wirklich
so viel Luftverkehr, Disneyland-Urlaube oder Handelsausstellungen
brauchen. Welche Bereiche der Wirtschaft möchten wir wiederherstellen,
und von welchen wollen wir uns bewusst verabschieden? Und auf einer
finstereren Ebene, für welche der Dinge, die uns jetzt gerade
weggenommen werden – bürgerliche Freiheiten, Versammlungsfreiheit, die
Souveränität über unseren eigenen Körper, persönliche Treffen,
Umarmungen, Handschläge und öffentliches Leben – kann es notwendig
werden, dass wir mit unserem bewussten politischen oder persönlichen
Willen dafür werden einstehen müssen, wenn wir sie zurückhaben wollen?
Die meiste Zeit meines Lebens hatte ich den Eindruck, dass sich die
Menschheit einem Scheideweg nähert. Immer hat die Krise, der Kollaps,
die Unterbrechung unmittelbar hinter der nächsten Wegbiegung gelauert,
aber sie kam und kam nicht. Stell dir vor, du gehst einen Weg entlang
und siehst sie vor dir, du siehst die große Kreuzung. Gleich hinter dem
Hügel, hinter der nächsten Kurve, hinter dem Wald. Du erreichst die
Hügelkuppe und siehst, dass du dich geirrt hast, es war ein Trugbild,
sie ist doch weiter entfernt als du dachtest. Du gehst weiter. Manchmal
siehst du sie, manchmal verschwindet sie aus deinem Blickfeld, und es
scheint, also zöge sich der Weg ewig hin. Vielleicht gibt es gar keine
Kreuzung? Nein, da ist sie wieder! Immer ist sie
fast da. Nie
ist sie da.
Jetzt biegen wir um die Kurve, und - da ist sie! Wir bleiben
verdattert stehen, ungläubig, dass es jetzt passiert, ungläubig, dass
wir nach so vielen Jahren, die wir auf den Weg unserer Vorfahren
beschränkt waren, endlich eine Wahl haben. Wir stehen wie angewurzelt
und staunen über diese nie dagewesene Situation. Hunderte Pfade tun sich
vor uns auf, streben in alle Himmelsrichtungen. Manche führen in die
gleiche Richtung, in die wir schon unterwegs waren. Manche führen in die
Hölle auf Erden. Und manche führen in eine Welt, die heiler und schöner
ist, als wir uns in unseren kühnsten Träumen ausmalen konnten.
Ich schreibe diese Worte, weil ich hier mit Dir stehe – verdutzt, ein
bisschen ängstlich vielleicht, aber auch mit dem Gefühl einer neuen
Möglichkeit – an diesem Punkt, wo sich die Wege scheiden. Lass uns
gemeinsam schauen, wohin einige von ihnen führen.
* * *
Folgende Geschichte hat mir eine Freundin letzte Woche erzählt. Sie
war in einem Lebensmittelladen und sah eine Frau schluchzend in einem
Gang stehen. Alle Abstandsregeln missachtend, ging sie zu der Frau und
umarmte sie. „Danke,“ sagte die Frau, „das ist das erste Mal in zehn
Tagen, dass mich jemand umarmt hat.“
Ein paar Wochen ohne Umarmungen zu leben mag ein kleiner Preis dafür
sein, dass eine Epidemie eingedämmt wird, die Millionen das Leben kosten
könnte. Es gibt ein gutes Argument für das Einhalten des
Sicherheitsabstands in der nächsten Zeit: um einen plötzlichen Anstieg
von COVID-19 Fällen zu verhindern, der das Gesundheitssystem überlastet.
Ich würde dieses Argument aber gern in einen größeren Zusammenhang
stellen, vor allem, wenn es um einen längeren Zeitraum geht. Bevor wir
das Abstandhalten zu einer neuen Norm machen, nach der sich die
Gesellschaft orientiert, lasst uns bedenken, was für eine Entscheidung
wir hier treffen und warum.
Das Gleiche gilt auch für andere Veränderungen, die rund um die
Coronavirus-Epidemie stattfinden. Manche Stimmen weisen darauf hin, wie
gelegen diese Maßnahmen einer Agenda der totalitären Kontrolle kommen.
Eine verängstigte Öffentlichkeit akzeptiert Einschränkungen der
bürgerlichen Freiheiten, die andernfalls schwer zu rechtfertigen wären,
etwa das Verfolgen individueller Bewegungsmuster rund um die Uhr,
medizinische Zwangsbehandlung, unfreiwillige Quarantäne,
Reisebeschränkungen und Einschränkungen der Versammlungsfreiheit, Zensur
dessen, was die Autoritäten als Desinformation einstufen, Aussetzen der
juristischen Möglichkeit zur Freilassung von Personen aus
rechtswidriger Haft (habeas corpus) und Militärkontrollen der
Zivilbevölkerung. Viele davon standen schon vor COVID-19 im Raum, jetzt
wurden sie geradezu unwiderstehlich. Das Gleiche gilt für die
Automatisierung im Handel, den Trend zum Fernsehen statt der
persönlichen Teilnahme an Sport- und Unterhaltungsveranstaltungen, die
Verlagerung des öffentlichen Lebens in private Räume, die Zunahme von
Online-Bildungsangeboten und Online-Handel, und die zunehmende
Verschiebung von Arbeit und Freizeitaktivitäten auf Bildschirme.
COVID-19 beschleunigt bestehende politische, wirtschaftliche und
gesellschaftliche Trends.
Während man all diese Maßnahmen kurzfristig damit rechtfertigen kann,
dass sie zur Abflachung der Kurve (der epidemiologischen
Wachstumskurve) beitragen, ist allenthalben die Rede von einer „neuen
Normalität“, was bedeuten könnte, dass die Veränderungen keineswegs nur
vorübergehend gedacht sind. Weil die Bedrohung durch eine ansteckende
Krankheit – genau wie die Bedrohung durch den Terror – nie aufhört,
können sich Kontrollmaßnahmen leicht zu Dauermaßnahmen auswachsen. Wenn
wir also sowieso schon in diese Richtung gehen, muss die jetzige
Rechtfertigung der Maßnahmen Teil einer tieferen Strömung sein. Ich
werde zwei Triebkräfte dieser Strömung analysieren: den Kontrollreflex
und den Krieg gegen den Tod. Vor diesem Hintergrund lässt sich eine
initiatorische Gelegenheit erkennen, die sich schon jetzt angesichts der
Solidarität, des Mitgefühls und der gegenseitigen Fürsorge abzeichnet,
die das Coronavirus in uns geweckt hat.
Der Kontrollreflex
In dem Moment, da ich dies schreibe, sagen die offiziellen
Statistiken, dass etwa 25.000 Menschen an COVID-19 gestorben sind.
(Nachtrag: Das war am 25. März. Jetzt am 2. April sind es 50.000. Ich
werde die Zahl nicht weiter nachkorrigieren. Sie wird sowieso wieder
veraltet sein, wenn die meisten Menschen das hier lesen.) Und wenn dann
alles vorüber ist, könnte die Zahl der Toten zehnmal oder hundertmal
oder, wenn die alarmierendsten Schätzungen richtig liegen, sogar
tausendmal höher liegen. Jeder einzelne Mensch hat seine Lieben, Familie
und Freunde. Unser Mitgefühl und Gewissen rufen uns, alles in unserer
Macht stehende zu tun, um eine unnötige Tragödie zu vermeiden. Für mich
ist das sehr persönlich: meine eigene, unendlich geliebte aber
gebrechliche Mutter ist besonders gefährdet durch eine Krankheit, die
hauptsächlich Alte und Schwache tötet.
Wie werden die endgültigen Zahlen aussehen? Diese Frage ist zum
jetzigen Zeitpunkt unmöglich zu beantworten. Frühe Berichte waren
alarmierend; für Wochen war die offizielle Zahl aus Wuhan, die endlos
durch die Medien zirkulierte, schockierende 3,4 Prozent. Dies, gepaart
mit seiner hoch ansteckenden Natur, deutete auf einige zehn Millionen
oder gar bis zu hundert Millionen Tote weltweit hin. In letzter Zeit
sind diese Schätzungen stark zurückgegangen, als sich abzeichnete, dass
die meisten Fälle mild oder asymptomatisch verlaufen. Da Testungen
hauptsächlich an ernstlich Kranken durchgeführt worden sind, ergab sich
eine künstlich erhöhte Sterberate. In Südkorea, wo hunderttausende
Menschen mit milden Symptomen getestet wurden, beträgt die Mortalität
etwa 1 Prozent. In
Deutschland, wo ebenfalls viele milde Verläufe getestet wurden, lag die Mortalität bei 0,4 Prozent. Ein
aktueller Aufsatz
in der Zeitschrift Science behauptet, dass 86 Prozent aller Infektionen
nicht dokumentiert seien, was auf eine viel geringere Mortalität
hindeuten würde, als die gegenwärtige Sterblichkeitsrate vermuten ließe.
Die Geschichte des Kreuzfahrtschiffs
Diamond Princess
stützt diese Sicht. Von den 3711 Menschen an Bord wurden etwa 20
Prozent positiv auf das Virus getestet; weniger als die Hälfte von ihnen
hatten Symptome, und 8 sind gestorben. Ein Kreuzfahrtschiff ist das
perfekte Milieu für Ansteckung, und es gab reichlich Zeit für die
Ausbreitung des Virus an Bord, bevor irgendwer etwas dagegen unternommen
hatte und doch wurde nur ein Fünftel infiziert. Darüber hinaus war die
Altersverteilung (wie sehr oft auf Kreuzfahrtschiffen) stark in Richtung
höheren Alters verzerrt: Fast ein Drittel der Passagiere war über 70 und mehr als die Hälfte über 60. Eine Forschergruppe
schloss
aus der großen Zahl asymptomatischer Fälle, dass die tatsächliche
Sterblichkeitsrate in China um die 0,5 Prozent liegen müsse. Das wäre
noch immer etwa fünfmal höher als bei der Grippe. Aufgrund dieser
Informationen (und da Afrika, Süd- und Südostasien eine deutlich jüngere
Demographie aufweist), vermute ich, dass es in den USA etwa 200.000-
300.000 Tote geben wird - vielleicht mehr, wenn das Gesundheitssystem
überlastet wird und weniger, wenn sich die Infektionen über einen
längeren Zeitraum verteilen - und drei Millionen weltweit. Das sind
ernste Zahlen. Seit der
Hong-Kong-Grippe 1968/69 hat die Welt so etwas nicht mehr erlebt.
Meine Schätzung könnte leicht um eine ganze Größenordnung daneben
liegen. Jeden Tag berichten die Medien die Gesamtzahl der
COVID-19-Fälle, aber niemand kennt die tatsächliche Zahl, weil nur ein
geringer Anteil der Menschen getestet worden ist. Wenn schon zehn
Millionen Menschen das Virus asymptomatisch hätten, würden wir es nicht
einmal wissen. Komplizierter wird die Sache dadurch, dass bei den
existierenden Tests hohe Raten an
falsch positiven
Ergebnissen auftreten, vielleicht sogar bis zu 80 Prozent. (Weitere
alarmierende Unsicherheiten hinsichtlich der Testgenauigkeit
findet man hier.)
Lasst es mich wiederholen: Niemand weiß, was wirklich vor sich geht,
und da schließe ich mich ein. Rufen wir uns ins Bewusstsein, dass es
zwei widersprüchliche Tendenzen menschlicher Krisenreaktion gibt. Die
erste ist die Tendenz zur sich selbst verstärkenden Hysterie. Daten, die
der Furcht nicht in die Hände spielen, werden ignoriert, und so
erschafft die Hysterie die Welt nach ihrem eigenen Abbild. Die zweite
Tendenz ist die zur Leugnung, zur irrationalen Ablehnung von
Informationen, welche die Normalität und Behaglichkeit verstören
könnten. So fragt auch
Daniel Schmachtenberger: Woher weißt du, dass das, was du glaubst, wahr ist?
Trotz dieser Unsicherheit wage ich eine Vorhersage: Die Krise wird so
ausgehen, dass wir das niemals erfahren werden. Wenn die endgültige
Todesrate, welche selbst strittig sein wird, niedriger ausfällt als
befürchtet, werden manche sagen, dass die Kontrollmaßnahmen gewirkt
haben. Andere werden sagen, dass die Krankheit nicht so gefährlich war,
wie man uns weismachen wollte.
Für mich ist das erstaunlichste Rätsel, warum derzeit in China keine
neuen Fälle hinzuzukommen scheinen. Die Regierung hatte ihre
Ausgangssperren erst deutlich nach dem Zeitpunkt angeordnet, als sich
das Virus schon etabliert hatte. Während des chinesischen
Neujahrsfestes, als alle Flugzeuge, Busse und Bahnen gerammelt voll
waren mit Menschen, die quer durch das Land fahren, hätte es sich doch
extrem ausbreiten müssen. Was geht hier vor? Und noch einmal, ich weiß
es nicht, genauso wenig wie du.
Ob nun die abschließende Zahl der Toten 50.000, 500.000 oder 5
Millionen sein wird, lasst uns nun auf ein paar andere Zahlen schauen,
um sie in einem anderen Lichte zu sehen. Ich will damit NICHT sagen,
dass COVID schon nicht so schlimm ist, und dass wir nichts unternehmen
sollten. Hab ein wenig Geduld. Letztes Jahr starben
laut Welternährungsorganisation
5 Millionen Kinder weltweit an Unterernährung (von den 162 Millionen
durch Hunger entwicklungsgehemmten und 51 Millionen durch Hunger
dahinsiechenden Kindern). Das sind zweihundertmal mehr Menschen, als
bisher an COVID-19 gestorben sind, und doch hat bisher keine Regierung
den Notstand erklärt oder uns aufgefordert, unsere Lebensgewohnheiten
radikal zu verändern, um diese Kinder zu retten. Auch sehen wir kein
vergleichbares Ausmaß an Besorgnis und Maßnahmen im Zusammenhang mit
Selbstmord - die bloße Spitze des Eisbergs der Verzweiflung und
Depression - durch den jährlich über eine Million Menschen weltweit
sterben und 50.000 in den USA. Oder die jährlich 70.000 Drogentoten in
den USA, die Epidemie der Autoimmunkrankheiten, die in den USA 23,5
Millionen (Zahlen der amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstitute,
NIH) bis 50 Millionen (amerikanische Gesellschaft für
Autoimmunerkrankungen, AARDA) Menschen betrifft, oder Adipositas, die
über 100 Millionen Menschen betrifft. Oder warum, wo wir schon einmal
dabei sind, verfallen wir nicht alle in helle Aufregung, wenn es um die
Vermeidung der atomaren Vernichtung oder des ökologischen Kollaps geht,
sondern treffen ganz im Gegenteil Entscheidungen, die genau diese
Gefahren nur noch vergrößern?
Und, bitte, der Punkt hier ist nicht, zu sagen, wir haben unser
Verhalten nicht geändert, um Kinder vor dem Hungertod zu bewahren, also
sollen wir es auch nicht für COVID ändern. Ganz im Gegenteil: Wenn wir
unser Verhalten wegen COVID-19 so radikal verändern können, dann können
wir es für diese anderen Zustände genauso tun. Wir sollten uns fragen,
warum wir in der Lage sind, unseren kollektiven Willen zu bündeln, um
dieses Virus einzudämmen, nicht aber für die anderen gravierenden
Bedrohungen der Menschheit. Warum war die Gesellschaft, zumindest bis
jetzt, so verfangen in ihrer vorgegebenen Marschrichtung?
Die Antwort ist aufschlussreich. Angesichts von Welthunger,
Suchtproblematik, Autoimmunkrankheiten, Selbstmord und dem ökologischen
Kollaps wissen wir als Gesellschaft einfach nicht, was zu tun ist.
Unsere Patentrezepte zur Krisenbewältigung, allesamt Versionen von
Kontrollmaßnahmen, sind nicht sehr effektiv darin, mit diesen Zuständen
umzugehen. Jetzt kommt eine ansteckende Epidemie daher, und endlich
können wir in Aktion treten. Es ist eine Krise, in der Kontrolle
funktioniert: Quarantäne, Ausgangssperren, Isolierung, Händewaschen;
Personen-Tracking, Informationskontrolle , Kontrolle unseres Körpers.
Das macht COVID zu einem geeigneten Gefäß für unsere unterschwelligen
Ängste, zu einem Blitzableiter für unser wachsendes Gefühl von
Hilflosigkeit angesichts der Veränderungen, die die Welt überrennen.
COVID-19 ist eine Bedrohung, von der wir wissen, wie ihr zu begegnen
ist. Anders als so viele unserer anderen Ängste, bietet COVID-19 einen
Plan.
Die etablierten Institutionen unserer Gesellschaft werden immer
hilfloser, den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen. Wie sehr sie
da eine Herausforderung willkommen heißen, welcher sie endlich
entgegentreten können. Wie eifrig sie diese als die allergrößte Krise
behandeln. Mit welcher Selbstverständlichkeit ihr
Informations-Management die alarmierendsten Darstellungen auswählt. Wie
leicht sich die Öffentlichkeit an der Panik beteiligt und die Bedrohung
begrüßt, der die Autoritäten begegnen können, stellvertretend für die
vielen anderen unaussprechlichen Bedrohungen, bei denen sie es nicht
können.
Heutzutage lassen sich aber die meisten unserer Herausforderungen
nicht mehr durch die Anwendung mechanistischer Machtinstrumente
bewältigen.
Unsere Antibiotika wie auch die Chirurgie scheitern an einer
wachsenden Gesundheitskrise von Autoimmunität, Sucht und Adipositas.
Unsere Gewehre und Bomben, gebaut für den Sieg über Armeen, sind
ungeeignet, Hass und Feindschaft in anderen Ländern zu beseitigen oder
häusliche Gewalt zu verhindern. Unsere Polizei und unsere Gefängnisse
können die Entstehungsbedingungen für Verbrechen nicht heilen. Unsere
Pestizide können abgewirtschaftete Böden nicht wiederherstellen.
COVID-19 weckt Erinnerungen an die guten alten Zeiten, als die
Herausforderungen durch ansteckende Krankheiten mit moderner Medizin und
Hygiene gemeistert wurden, als der Nationalsozialismus der
Kriegsmaschinerie der Alliierten unterlag und als die Natur selbst, so
schien es zumindest, dem Siegeszug moderner Technologien unterlag. Es
weckt Erinnerungen an die Zeit, als unsere Waffen noch funktionierten
und die Welt sich tatsächlich mit jedem neuen technologischen
Fortschritt zu verbessern schien.
Welche Art von Problemen ist überhaupt durch Unterwerfung und
Kontrolle zu lösen? Doch nur diejenige, die durch etwas von außen
erzeugt wird, durch das Andere. Wenn die Ursache des Problems jedoch
etwas uns Wohlvertrautes ist, wie etwa bei Obdachlosigkeit oder
sozialer Ungleichheit, Sucht oder Adipositas, dann gibt es nichts, gegen
das man Krieg führen könnte. Wir können versuchen, einen Feind
auszumachen, wir könnten zum Beispiel die Milliardäre, Vladimir Putin
oder den Teufel beschuldigen, aber dann lassen wir Schlüsselinformation
außer Acht, wie etwa die Grundbedingungen, die überhaupt erst erlauben,
dass es mehr und mehr Milliardäre (und pathogene Viren) gibt.
Wenn es eine Sache gibt, die unsere Zivilisation gut kann, dann ist
es, einen Feind zu bekämpfen. Wir lieben es, das zu tun, was wir gut
können, was wiederum die Gültigkeit unserer Technologien, Systeme und
unserer Weltanschauung bestätigt. Und so erschaffen wir uns selbst
unsere Feinde, ordnen Probleme wie Verbrechen, Terrorismus und Krankheit
in Kategorien des „Wir-gegen-Die" ein und mobilisieren unsere
kollektiven Energien für alle Maßnahmen, die in dieses Schema passen.
Deshalb fassen wir COVID-19 als einen Ruf zu den Waffen auf und
reorganisieren die Gesellschaft wie für einen Krieg, während wir die
Möglichkeit der nuklearen Vernichtung, des ökologischen Kollaps und 5
Millionen verhungernder Kinder als Normalität behandeln.
Das Verschwörungs-Narrativ
Da COVID-19 so viele Dinge auf der totalitären Wunschliste als
gerechtfertigt erscheinen lässt, gibt es Menschen, die davon überzeugt
sind, dass es sich um ein
beabsichtigtes Machtspiel handelt.
Es ist weder meine Absicht, diese Theorie zu befördern noch sie zu
widerlegen, auch wenn ich einige Anmerkungen auf der Metaebene anbieten
werde. Zuerst aber eine kurze Übersicht.
Diese Theorien (es gibt viele Varianten) sprechen vom Event 201
(gesponsert von der Gates-Stiftung, der CIA etc. im letzten Oktober) und
einem Weißbuch der Rockefeller Foundation aus dem Jahr 2010, in dem ein
Szenario namens „Lock Step“ beschrieben wird, beides Entwürfe einer
autoritären Reaktion auf eine hypothetische Pandemie. In den Theorien
wird festgestellt, dass die Infrastruktur, die Technologie und der
gesetzliche Rahmen in Bezug auf das Kriegsrecht seit vielen Jahren
vorbereitet werden. Dafür musste, so sagen sie, ein Weg gefunden werden,
um die Öffentlichkeit dazu zu bringen, das zu akzeptieren, und jetzt
ist es soweit. Unabhängig davon, ob die aktuellen Einschränkungen
dauerhaft sind oder nicht, wird ein Präzedenzfall geschaffen um:
- die Bewegungen aller Menschen jederzeit zu verfolgen (wegen des Coronavirus)
- die Versammlungsfreiheit aufzuheben (wegen des Coronavirus)
- die Zivilbevölkerung militärisch zu überwachen (wegen des Coronavirus)
- außergerichtlichen, unbefristeten Arrest durchzusetzen (Quarantäne, wegen des Coronavirus)
- das Bargeld zu verbieten (wegen des Coronavirus)
- das Internet zu zensieren (um die Desinformation zu bekämpfen, wegen des Coronavirus)
- Zwangsimpfungen und andere medizinische Behandlungen einzuführen, um
die staatliche Herrschaft über unseren Körper durchzusetzen (wegen des
Coronavirus)
- die Einstufung aller Aktivitäten und Reiseziele in ausdrücklich
erlaubte und ausdrücklich verbotene vorzunehmen (man darf das Haus aus
dem einen Grund verlassen, aus dem anderen aber nicht) unter Beseitigung
der nicht-kontrollierten, nicht-juristischen Grauzone. All das
zusammengenommen ist der Inbegriff von Totalitarismus. Jetzt ist es aber
notwendig, wegen, naja, dem Coronavirus.
Das ist pikanter Stoff für Verschwörungstheorien. Soweit ich weiß,
könnte eine dieser Theorien zutreffen; allerdings könnte sich der
gleiche Verlauf der Ereignisse aufgrund einer unbewussten systemischen
Neigung zu ständig zunehmender Kontrolle entwickeln. Woher kommt diese
Ausrichtung? Sie ist in die DNA der Zivilisation mit eingewoben. Seit
Jahrtausenden hat die Menschheit (im Gegensatz zu kleinen,
traditionellen Kulturen) Fortschritt als eine Sache der zunehmenden
Kontrolle über die Welt verstanden: die Domestizierung der Wildnis, die
Eroberung der Barbaren, das Beherrschen der Naturkräfte, die Gliederung
der Gesellschaft nach Gesetz und Vernunft.
Im Aufwind der wissenschaftlichen Revolution setzte das Programm der
Kontrolle mit dem „Fortschritt“ zu einem neuen Höhenflug an: Die
Realität wurde in objektive Kategorien und Mengen sortiert und die
Materie durch Technologie beherrscht. Zudem versprachen die
Sozialwissenschaften die gleichen Mittel und Methoden anzuwenden, um dem
Ehrgeiz (der auf Platon und Konfuzius zurückgeht) eine perfekte
Gesellschaft aufzubauen, gerecht zu werden.
Diejenigen, die die Zivilisation verwalten, werden daher jede
Gelegenheit begrüßen, um ihre Kontrolle zu verstärken, denn schließlich
dient sie einer hochfliegenden Vision von der Bestimmung der
Menschheit: eine perfekt geordnete Welt, in der Krankheit, Kriminalität,
Armut und vielleicht sogar das Leid an sich einfach „wegtechnisiert“
werden können. Es sind keine niederträchtigen Beweggründe nötig.
Natürlich möchten sie alle Menschen im Auge behalten – zumal dadurch ja
das Allgemeinwohl gewährleistet werden soll. Für sie beweist COVID-19,
wie notwendig das ist. „Können wir uns demokratische Freiheiten
angesichts des Coronavirus erlauben?“, fragen sie. „Müssen wir diese
jetzt, aus der Notwendigkeit heraus, für unsere eigene Sicherheit
opfern?“ Das ist ein bekanntes Lied, denn es hat in der Vergangenheit
andere Krisen, wie den 11. September, begleitet.
Um eine gebräuchliche Metapher umzudichten stelle man sich einen Mann
mit einem Hammer vor, der herumgeht und nach einem Grund sucht, ihn zu
benutzen. Plötzlich sieht er einen hervorstehenden Nagel. Er hat schon
lange nach einem Nagel gesucht, hat stattdessen auf Schrauben und Bolzen
eingehauen, ohne viel zu erreichen. Er folgt einem Weltbild, in dem
Hämmer die besten Werkzeuge sind und die Welt eine bessere wird, wenn
man Nägel damit einschlägt. Und hier ist ein Nagel! Wir könnten
vermuten, dass er, aufgrund seines Eifers, den Nagel dort selbst
platziert hat, aber es spielt eigentlich keine Rolle. Vielleicht ist es
auch gar kein Nagel, der da herausragt, ist einem solchen aber ähnlich
genug, um auf ihn einzuhämmern. Wenn das Werkzeug zur Verfügung steht,
wird sich eine Gelegenheit ergeben, um es zu benutzen.
Und, so möchte ich hier für diejenigen anfügen, die dazu neigen, den
Machthabern zu misstrauen, dass es sich diesmal vielleicht tatsächlich
um einen Nagel handelt. In diesem Fall ist der Hammer das richtige
Werkzeug – und das Prinzip Hammer wird gestärkt aus der Krise
hervorgehen, bereit auf die Schraube, den Knopf, die Klammer und den
Riss einzudreschen.
Wie dem auch sei, bei dem Problem mit dem wir es hier zu tun haben,
geht es um viel mehr als darum einer üblen Seilschaft von Illuminaten
das Handwerk zu legen. Selbst wenn sie wirklich existieren, würde der
gleiche Trend auch ohne sie fortbestehen, weil unsere Zivilisation
darauf ausgerichtet ist, oder es würden neue Illuminaten auftauchen, um
die Funktionen der alten zu übernehmen.
Richtig oder falsch, die Vorstellung, dass die Epidemie eine
monströse Verschwörung ist, die von Verbrechern an der Öffentlichkeit
verübt wurde, ist nicht so weit von der „Finde-den- Erreger“- Mentalität
entfernt. Es ist eine Kreuzzugs-Mentalität, eine Kriegsmentalität. Sie
findet die Ursache einer soziopolitischen Krankheit in einem Pathogen,
gegen das wir dann kämpfen können, in einem Täter, der abgespalten von
uns ist. Dabei besteht die Gefahr, dass die Bedingungen ignoriert
werden, welche die Gesellschaft zu einem fruchtbaren Boden für die
Verschwörung machen. Ob dieser Boden nun absichtlich oder durch den Wind
gesät wurde, ist für mich zweitrangig.
Was ich als nächstes sagen werde, ist relevant, egal ob SARS-CoV2,
nun eine gentechnisch hergestellte Biowaffe ist, in Zusammenhang mit der
Einführung von 5G steht, dazu benutzt wird, um „Disclosure“
[2]
zu verhindern, ein Trojanisches Pferd für die totalitäre Weltregierung
ist, tödlicher ist, als uns gesagt wird, weniger tödlich, als uns gesagt
wird, in einem Biolabor in Wuhan erzeugt wurde, in
Fort Detrick
entstanden ist oder genau das ist, was uns von der CDC [amerikanische
Gesundheitsbehörde] und der WHO gesagt wurde. Es gilt auch dann, wenn
alle völlig falsch liegen
in Bezug auf die Rolle des SARS-CoV-2-Virus in der aktuellen Epidemie.
Ich habe meine Meinung, aber wenn ich im Verlauf dieser Notsituation
eines gelernt habe, dann ist es, dass ich nicht wirklich weiß, was
passiert. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das überhaupt jemand kann,
inmitten dieses brodelnden Gemischs aus Nachrichten, Fake-News,
Gerüchten, zurückgehaltenen Informationen, Verschwörungstheorien,
Propaganda und politisierten Narrativen, von denen das Internet voll
ist. Ich wünschte mir, dass viel mehr Menschen dieses Nichtwissen
begrüßten könnten. Ich sage das sowohl denen, die das vorherrschende
Narrativ annehmen, als auch denen, die an einer abweichenden Meinung
festhalten. Welche Informationen blenden wir möglicherweise aus, um
unsere Sichtweise aufrechtzuerhalten? Lasst uns in unseren Überzeugungen
bescheiden sein: Es geht um Leben und Tod.
Der Krieg gegen den Tod
Mein 7-jähriger Sohn hat seit zwei Wochen weder mit einem anderen
Kind gespielt noch eines gesehen. Millionen anderen geht es genauso. Die
meisten von uns stimmen wohl zu, dass ein Monat ohne soziale
Interaktion für all diese Kinder ein vertretbares Opfer ist, um
Millionen Menschenleben zu retten. Aber wenn es um 100.000 Leben ginge?
Und was, wenn das Opfer nicht für einen Monat, sondern für ein Jahr
gilt? Für fünf Jahre? Je nach den zugrundeliegenden Wertvorstellungen
gibt es hierzu sicherlich eine Menge unterschiedlicher Meinungen.
Versuchen wir, die vorhergegangenen Fragen einmal durch persönlichere
zu ersetzen, um über das unmenschliche zweckrationale Denken
hinwegzukommen, durch das Menschen zu Statistiken gemacht und manche von
ihnen für etwas anderes geopfert werden. Die für mich entscheidende
Frage ist: Würde ich alle Kinder des Landes bitten, für eine ganze
Saison auf das Spielen mit anderen zu verzichten um das Sterberisiko
meiner Mutter zu verringern oder wenn wir schon dabei sind, mein eigenes
Risiko? Oder ich könnte fragen: Würde ich ein Verbot von Umarmungen und
Händeschütteln verhängen, wenn dadurch mein eigenes Leben gerettet
würde? Dies soll nicht das Leben meiner Mutter oder mein eigenes
entwerten. Beide sind wertvoll. Ich bin dankbar für jeden Tag, an dem
sie noch mit uns ist. Aber diese Fragen fördern tiefere Aspekte zu Tage.
Was ist die richtige Art zu leben? Was ist die richtige Art zu sterben?
Die Antwort auf solche Fragen, gestellt im eigenen Interesse oder in
dem der Gesellschaft, hängt davon ab, wie wir es mit dem Tod halten, und
wie hoch wir Spiel, Berührung und Gemeinschaft schätzen, genau wie die
bürgerliche und persönliche Freiheit. Es gibt keine einfache Formel um
diese Werte abzuwägen.
In meinem bisherigen Leben habe ich beobachtet, dass die Gesellschaft
mehr und mehr Wert auf Sicherheit, Gefahrenabwehr und Risikoreduktion
legt. Dies hat insbesondere die Kindheit beeinflusst: Als Kinder war es
für uns normal, draußen im Umkreis von einer Meile um unser Haus ohne
Aufsicht zu spielen, ein Verhalten, das heute einen Besuch der
Kinderschutzbeauftragten bei den Eltern zur Folge haben kann
[3].
Dies manifestiert sich auch im zunehmenden Einsatz von Latexhandschuhen
bei immer mehr Berufen, allgegenwärtigen Händedesinfektionsmitteln,
abgeschlossenen, bewachten und videoüberwachten Schulgebäuden,
intensivierten Flughafen- und Grenzkontrollen, der erhöhten
Aufmerksamkeit auf gesetzliche Haftung und Haftpflichtversicherungen,
Metalldetektoren und Durchsuchungen vor dem Betreten vieler
Sporteinrichtungen und öffentlicher Gebäude und so weiter. Kurz, es
nimmt die Form eines Sicherheitsstaates an.
Das Mantra „Sicherheit geht vor“ kommt aus einem Wertesystem, das dem
Überleben die oberste Priorität einräumt und andere Werte wie Freude,
Abenteuer, Spiel und die Herausforderung und Erweiterung von Grenzen
hintanstellt. Andere Kulturen hatten unterschiedliche Prioritäten. Zum
Beispiel gehen viele traditionelle oder indigene Gesellschaften viel
weniger protektiv mit ihren Kindern um, wie von Jean Liedloff in ihrem
Klassiker „
Auf der Suche nach dem verlorenen Glück.“ (engl.: „
The Continuum Concept“)
dokumentiert. Diese Kulturen erlauben den Kindern Risiken und muten
ihnen Verantwortung zu, die für die meisten modernen Menschen verrückt
erscheinen würden, in der Überzeugung, dass dies notwendig ist für die
Kinder, um Selbständigkeit und einen gesunden Menschenverstand zu
entwickeln. Ich denke, dass die meisten modernen Menschen, insbesondere
die jüngeren, sich etwas von dieser ureigenen Bereitschaft bewahrt
haben, Sicherheit zu opfern für ein Leben, das dafür in vollen Zügen
gelebt wird. Die Kultur rundum jedoch predigt ununterbrochen ein Leben
in Angst und hat Systeme entwickelt, die diese Angst verkörpern. Bei
ihnen gilt Sicherheit als höchste Priorität. Auf diese Weise haben wir
ein Medizinsystem, in dem die meisten Entscheidungen auf
Risikoabwägungen basieren. Der schlimmste anzunehmende Ausgang, der das
totale Versagen des Arztes markiert, ist der Tod. Und dennoch wissen
wir, dass uns der Tod in jedem Fall erwartet. Ein gerettetes Leben
bedeutet nur einen vertagten Tod.
Die ultimative Erfüllung des zivilisatorischen Kontrollprogramms
wäre, über den Tod selbst zu triumphieren. Weil sie das nicht schafft,
hat sich die moderne Gesellschaft diesen Triumph vorgetäuscht und
leugnet den Tod, den sie nicht bezwingen kann: Das reicht vom Verbergen
der Leichname vor dem Blick der Öffentlichkeit über den Fetisch der
Jugendhaftigkeit bis zur Abschiebung von alten Menschen in Pflegeheime.
Sogar ihre Besessenheit mit Geld und Besitz – beides Erweiterungen des
Selbst, wie das Wort "mein" indiziert - drückt diese Wahnvorstellung
aus, dass das unbeständige und vergängliche Selbst durch seine Anhängsel
permanent gemacht werden kann. All das ist unausweichlich, wenn wir
dieses Narrativ des Selbst betrachten, das die Moderne anbietet: das
separate Individuum in einer Welt des Anderen. Umgeben von genetischen,
sozialen und ökonomischen Konkurrenten, muss sich das Selbst schützen
und andere unterwerfen, wenn es Erfolg haben will. Es muss alles tun, um
den Tod aufzuhalten, der (in der
Geschichte von der Getrenntheit[4])
die totale Vernichtung ist. Die biologische Wissenschaft hat sogar
gelehrt, dass es unsere innerste Natur ist, unsere Überlebens- und
Fortpflanzungschancen zu maximieren.
Ich fragte eine Freundin, eine Ärztin, die eine Zeit mit den Q'ero in
Peru verbrachte, ob die Q'ero (wenn sie könnten) jemanden intubieren
würden, um sein Leben zu verlängern. „Natürlich nicht", sagte sie. „Sie
würden den Schamanen rufen, um der Person zu helfen gut zu sterben." Gut
sterben (was nicht unbedingt bedeutet schmerzfrei zu sterben) existiert
nicht wirklich im heutigen medizinischen Vokabular. Es werden keine
Aufzeichnungen im Krankenhaus darüber gemacht, ob Menschen gut starben.
Das würde nicht als ein positiver Ausgang gewertet werden. In der Welt
des getrennten Selbst ist der Tod die ultimative Katastrophe.
Aber ist das so? Hier die Perspektive von
Dr. Lissa Rankin:
„Nicht alle von uns wären lieber auf einer Intensivstation, getrennt
von unseren Liebsten, mit einer Maschine, die für uns atmet, in Gefahr
alleine zu sterben - auch wenn sich dadurch unsere Überlebenschancen
erhöhen würden. Manche von uns wollen lieber in den Armen ihrer Lieben
sein, zuhause, auch wenn das bedeutet, dass unsere Zeit gekommen ist ...
Bedenke, der Tod ist kein Ende. Der Tod bedeutet zurückzukehren nach
Hause."
Wenn das Selbst als ein auf das Andere bezogenes, vom Anderen
abhängiges, ja sogar durch das Andere erst existierendes betrachtet
wird, vermischt es sich mit dem Anderen und das Andere vermischt sich
mit dem Selbst. Versteht man das Selbst als einen
Bewusstseinsknotenpunkt in einer Beziehungsmatrix, wird man nicht länger
nach einem Feind suchen, um jedes Problem zu verstehen, sondern
stattdessen nach Ungleichgewichten in den Beziehungen. Der Krieg gegen
den Tod macht Platz für das Bestreben gut und voll zu leben, und wir
sehen, dass Angst vor dem Tod in Wirklichkeit Angst vor dem Leben ist.
Auf wieviel Leben verzichten wir, um sicher zu bleiben?
Totalitarismus - die Perfektion von Kontrolle - ist das
unausweichliche Endprodukt der Mythologie vom getrennten Selbst. Was
verdient die totale Kontrolle, wenn nicht eine Lebensbedrohung, wie ein
Krieg zum Beispiel? Deshalb hat Orwell den ewigen Krieg als eine
zwingende Komponente der Herrschaft der Partei identifiziert.
Die angestrebte perfekte Kontrolle über alles, die Leugnung des Todes
und die Geschichte vom getrennten Selbst – vor diesem Hintergrund steht
die Annahme, dass staatliche Maßnahmen zuvorderst die Sterberate
minimieren sollten, nahezu außer Frage. Ein Ziel, dem andere Werte wie
Spiel, Freiheit usw. untergeordnet sind. COVID-19 bietet Anlass, diesen
Blickpunkt zu erweitern. Ja, lasst uns das Leben heilig halten, noch
heiliger als jemals zuvor. Der Tod lehrt uns das. Lasst uns jede Person,
jung oder alt, krank oder gesund als das heilige, wertvolle, geliebte
Wesen ansehen, das er oder sie ist. Und lasst uns in unseren Herzen auch
für andere heilige Werte Platz machen. Das Leben heilig zu halten
bedeutet nicht nur, einfach lang zu leben, sondern gut und richtig und
voll zu leben.
Wie jede Angst deutet die Angst rund um das Coronavirus auf das, was
dahinter liegen mag. Jeder, der das Sterben eines nahen Menschen erlebt
hat, weiß, dass der Tod ein Portal zur Liebe ist. COVID-19 hat dem Tod
zur Prominenz im Bewusstsein einer Gesellschaft verholfen, die ihn
verleugnet. Jenseits der Angst können wir die Liebe sehen, die der Tod
befreit. Lasst sie strömen. Lasst sie den Boden unserer Kultur
durchtränken und seine wasserführenden Schichten füllen, so dass sie
durch die Risse unserer verkrusteten Institutionen, unserer Systeme und
unserer Gewohnheiten nach oben sickert. Manche davon mögen auch sterben.
In was für einer Welt wollen wir leben?
Wieviel vom Leben wollen wir auf dem Altar der Sicherheit opfern?
Wollen wir zu unserer Sicherheit in einer Welt leben, wo sich Menschen
nicht mehr versammeln? Wollen wir zu jeder Zeit Masken in der
Öffentlichkeit tragen? Wollen wir uns bei jeder Reise medizinisch
untersuchen lassen, wenn das eine bestimmte Zahl von Menschenleben pro
Jahr rettet? Sind wir bereit, die allgemeine Medikalisierung
[5]
des Lebens zu akzeptieren und die Bestimmungshoheit über unsere Körper
medizinischen Autoritäten (die von politischen ernannt werden) zu
überantworten? Wollen wir, dass jede Veranstaltung eine virtuelle
Veranstaltung wird? Wie sehr sind wir bereit in Angst zu leben?
COVID-19 wird irgendwann abebben, aber die Bedrohung durch
ansteckende Krankheiten wird bleiben. Unsere Antwort wird den Kurs für
die Zukunft bestimmen. Das öffentliche Leben, das gemeinschaftliche
Leben und das Leben gemeinsamer Körperlichkeit ist schon seit einigen
Generationen im Schwinden begriffen. Statt in Geschäften einzukaufen,
lassen wir uns Sachen nach Hause liefern. Statt Rudeln von Kindern, die
draußen spielen, haben wir Play Dates und digitale Abenteuer. Statt des
öffentlichen Platzes haben wir ein Online-Forum. Wollen wir fortfahren
uns noch weiter voneinander und von der Welt zu isolieren?
Es ist nicht schwer sich vorzustellen, vor allem, wenn die
Abstandsmaßnahmen erfolgreich sein sollten, dass COVID-19 auch über die
18 Monate hinaus fortwirken wird, die es, wie man uns erzählt, dauern
wird, bis es vorbei ist. Es ist leicht vorstellbar, dass in dieser Zeit
neue Viren auftauchen werden. Es ist leicht vorstellbar, dass
Notmaßnahmen normal werden (um die Möglichkeit weiterer Ausbrüche
einzudämmen), genau wie beim Ausnahmezustand nach 9/11, der heute noch
in Kraft ist. Es ist leicht vorstellbar, dass (wie man uns erzählt)
eine Wiederansteckung möglich ist, und dass diese Krankheit niemals
enden wird. Das bedeutet, die vorübergehenden Veränderungen unser
Lebensführung könnten dauerhaft werden.
Wollen wir uns, um das Risiko einer weiteren Pandemie zu senken,
dafür entscheiden, für immer in einer Gesellschaft ohne Umarmung und
Händeschütteln zu leben? Wollen wir uns dafür entscheiden, in einer
Gesellschaft zu leben, in der wir uns nicht mehr in größerer Zahl
versammeln? Soll das Konzert, das Sportereignis und das Festival der
Vergangenheit angehören? Sollen Kinder nicht mehr mit anderen Kindern
spielen? Soll aller menschlicher Kontakt durch Computer und
Gesichtsmasken vermittelt werden? Kein Tanzunterricht, kein
Fußballtraining, keine Konferenzen und keine Kirchenbesuche mehr? Soll
die Reduzierung der Todesfälle der Maßstab sein, an dem der Fortschritt
gemessen wird? Heißt menschliche Fortentwicklung
Getrenntheit? Ist das die Zukunft?
Dieselbe Frage trifft auch auf die administrativen Werkzeuge zu, die
es braucht, um die Bewegungen der Menschen und den Informationsfluss zu
kontrollieren. Zum Zeitpunkt, wo ich dies schreibe, geht das ganze Land
in Richtung Ausgangssperre. In manchen Ländern muss man sich von einer
Regierungs-Webseite ein Formular ausdrucken, um das Haus verlassen zu
dürfen. Das erinnert mich an die Schule, wo dein Aufenthaltsort zu jeder
Zeit autorisiert sein musste. Oder an ein Gefängnis. Stellen wir uns
eine Zukunft elektronischer Passierscheine vor, ein System, in dem
Bewegungsfreiheit von Staatsbeamten und ihrer Software zu jeder Zeit
verwaltet wird, für immer? Wo jede Bewegung verfolgt wird, ob sie
erlaubt ist oder verboten? Und wo, nur zu unserem Schutz natürlich,
gesundheitsgefährdende Informationen (welche das sind, wird wieder von
verschiedenen Autoritäten entschieden) zu unserem eigenen Besten
zensiert werden? Fast wie im Kriegszustand akzeptieren wir angesichts
einer Notsituation solche Einschränkungen und geben vorübergehend unsere
Freiheiten auf. Ähnlich wie 9/11 übertrumpft COVID-19 alle Vorbehalte.
Zum ersten Mal in der Geschichte gibt es die technologischen
Möglichkeiten, eine solche Vision tatsächlich zu realisieren, zumindest
in der industrialisierten Welt (zum Beispiel durch die
Verwendung von Ortungsdaten des Mobilfunks um räumliche Distanzierung durchzusetzen; siehe
auch hier).
Nach einem holprigen Übergang könnten wir in einer Gesellschaft leben,
wo fast alles Leben online geschieht: Einkauf, Meetings, Unterhaltung,
Kontakte, Arbeit, selbst die Rendezvous. Ist es das, was wir wollen?
Wieviele gerettete Leben ist das wert?
Ich bin sicher, dass viele der Kontrollmaßnahmen, die heute in Kraft
sind, in ein paar Monaten teilweise wieder gelockert werden. Teilweise
gelockert, aber jederzeit griffbereit. Solange ansteckende Krankheiten
kursieren, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie in Zukunft immer
wieder in Kraft gesetzt werden, oder wir erlegen sie uns als neue
Gewohnheiten selbst auf. Wie Deborah Tannen in einem
Politico-Artikel
über die anhaltenden Veränderungen, die das Coronavirus der Welt
bringen wird, schreibt: "Wir wissen nun, dass Dinge anzufassen, in der
Nähe anderer Menschen zu sein und Luft in geschlossenen Räumen zu atmen,
riskant sein kann... Es könnte zu unserer zweiten Natur werden, vor
einem Händedruck oder Berührungen des Gesichts zurückzuschrecken, und so
wie wir uns pausenlos die Hände waschen, könnte man fürchten, dass wir
alle einer kollektiven Zwangsstörung zum Opfer fallen." Gipfelt der
Fortschritt der Menschheit nach Tausenden, ja Millionen von Jahren der
Berührung, des Kontakts und des Zusammenseins darin, solche Aktivitäten
einzustellen, weil sie zu riskant sind?
Leben ist Gemeinschaft
Das Paradox am Programm der Kontrolle ist, dass es uns unseren Zielen
nur selten näher bringt. Trotz all der Sicherheitssysteme in fast jedem
Eigenheim der oberen Mittelklasse sind die Menschen nicht weniger
ängstlich und unsicher als noch vor einer Generation. Trotz
ausgeklügelter Sicherheitsmaßnahmen gibt es in Schulen nicht weniger
Amokläufe. Trotz phänomenaler Fortschritte in der Medizintechnik sind
die Menschen in den letzten 30 Jahren nicht gesünder geworden, eher im
Gegenteil. Chronische Krankheiten haben sich ausgebreitet und die
Lebenserwartung stagniert. In den USA und Großbritannien ist sie sogar
rückläufig.
Die getroffenen Maßnahmen zur Kontrolle von COVID-19 könnten am Ende
ebenfalls mehr Leid und Tod zu Folge haben, als sie verhindern. Die
Zahl der Toten zu minimieren heißt jene Todesfälle zu verringern, die
wir vorhersagen und erfassen können. Es ist unmöglich zu erfassen, wie
viele Menschen möglicherweise zusätzlich sterben, z.B. aufgrund von
Depressionen durch die Isolation oder Verzweiflung, weil sie ihre Arbeit
verloren haben. Oder durch verringerte Immunkompetenz und zerrüttete
Gesundheit wegen
chronischer Angst. Es wurde gezeigt, dass Einsamkeit und fehlender sozialer Kontakt
entzündliche Prozesse,
Depressionen und
Demenz begünstigen. Laut
Dr. Lissa Rankin
erhöht sich das Sterberisiko durch Luftverschmutzung um 6%, durch
Adipositas um 23%, durch Alkoholmissbrauch um 37% und durch Einsamkeit
um 45%.
Eine weitere Gefahr, die wir noch nicht auf dem Radar haben, entsteht
durch die Minderung der Immunkompetenz aufgrund von übermäßiger Hygiene
und Distanzierung. Nicht nur der soziale Kontakt ist für die Gesundheit
notwendig, sondern auch der Kontakt mit der mikrobiellen Welt. Im
Allgemeinen sind Mikroben nicht die Feinde unserer Gesundheit, sondern
unsere Verbündeten. Eine artenreiche Darmflora, welche Bakterien, Viren,
Hefen und andere Organismen umfasst, ist entscheidend für ein gut
funktionierendes Immunsystem, und ihr Artenreichtum wird durch den
Kontakt mit anderen Menschen und mit der Welt des Lebendigen aufrecht
erhalten. Exzessives Händewaschen, übermäßiger Gebrauch von Antibiotika,
aseptische Reinlichkeit und fehlender menschlicher Kontakt kann
mehr schaden als nützen.
Die dadurch verursachten Allergien und Autoimmun-Erkrankungen könnten
schlimmer sein als die Infektionskrankheit, welche sie verhindern
sollen. Gesundheit entsteht sowohl gesellschaftlich als auch biologisch
durch Gemeinschaft. Das Leben gedeiht nicht in der Isolation.
Die Welt im Sinne eines „Wir-Gegen-Die“ zu sehen, macht uns blind
gegenüber der Tatsache, dass Leben und Gesundheit in der Gemeinschaft
geschehen. Wenn wir die Infektionskrankheiten als Beispiel nehmen,
scheitern wir daran, über den bösen Erreger hinaus schauen und zu
fragen: Was ist die
Rolle von Viren im Mikrobiom?
Was sind die körperlichen Vorbedingungen, unter denen sich schädliche
Viren ausbreiten? Warum haben manche Menschen milde Symptome und andere
einen schweren Verlauf (lassen wir das Totschlagargument der „erhöhten
Infektanfälligkeit”, das gar nichts erklärt, mal beiseite)? Welche
positive Rolle könnten Grippe, Erkältungen und andere nicht tödliche
Krankheiten für den Erhalt unserer Gesundheit spielen?
Ein „Krieg-gegen-den-Keim“- Denken führt zu Resultaten, wie sie der
Krieg gegen den Terror, der Krieg gegen das Verbrechen, der Krieg gegen
das Unkraut und all die anderen endlosen politischen und
zwischenmenschlichen Kriege liefern. Erstens führt es zu Krieg ohne
Ende, zweitens lenkt es die Aufmerksamkeit von den Grundbedingungen ab,
die dazu führen, dass es Krankheit, Terrorismus, Verbrechen, Unkräuter
und den ganzen Rest überhaupt gibt.
Trotz der beständigen Behauptung der Politiker, sie führten Krieg für
die Sache des Friedens, gebiert Krieg unweigerlich mehr Krieg. Länder
zu bombardieren, um Terroristen zu töten, lässt nicht nur die
Grundbedingungen für die Entstehung von Terrorismus außer Acht, es
verschlimmert diese Bedingungen sogar. Kriminelle wegzusperren lässt
nicht nur die Entstehungsbedingungen von Kriminalität außer Acht, es
erschafft genau diese Bedingungen, indem es Familien und Gemeinschaften
trennt, und indem es die Eingesperrten in ein kriminelles Milieu
zwingt. Und die Anwendung von Antibiotika, Impfungen, antiviralen und
anderen Medikamenten richten in der Körper-Ökologie, dem Fundament einer
starken Immunkompetenz, großes Unheil an. Außerhalb des Körpers werden
die massiven Sprühkampagnen, die durch das
Zika-Virus,
Dengue Fieber und nun COVID-19 ausgelöst wurden, ungeahnte Schäden auf
die Ökologie der Natur zur Folge haben. Hat irgendwer sich überlegt,
welche Auswirkungen es auf ein Ökosystem hat, wenn wir es mit
antiviralen Substanzen tränken? Solche Methoden (wie sie an
verschiedenen Orten in China und Indien tatsächlich umgesetzt wurden)
sind nur denkbar aus der Geisteshaltung der
Getrenntheit, die nicht versteht, dass Viren unverzichtbar zum Netzwerks des Lebens gehören.
Um die Grundbedingungen zu verstehen, hier ein paar
Mortalitätsstatistiken aus Italien
(vom Nationalen Gesundheitsinstitut) basierend auf einer Analyse
hunderter COVID-Todesfälle: Von den erfassten Fällen hatten weniger als
ein Prozent keine ernsten chronischen Nebenerkrankungen. Etwa 75% litten
an Bluthochdruck, 35% an Diabetes, 33% an Erkrankungen der
Herzkranzgefäße, 24% an Herzvorhofflimmern, 18% an Niereninsuffizienz,
neben anderen Bedingungen, die ich aus dem
italienischen Bericht
nicht entziffern konnte. Fast die Hälfte der Verstorbenen hatte drei
oder mehr dieser ernsten Pathologien. Amerikaner, stark betroffen von
Adipositas, Diabetes und anderen chronischen Krankheiten, sind
mindestens ebenso anfällig wie die Menschen in Italien. Sollen wir also
dem Virus, (das wenige, ansonsten gesunde, Menschen das Leben kostete)
die Schuld geben oder der schlechten Grundgesundheit? Hier trifft wieder
die Analogie mit dem überdehnten Seil zu. Millionen von Menschen in der
modernen Welt befinden sich in einem bedenklichen Gesundheitszustand,
und es ist nur eine Frage der Zeit, dass etwas eigentlich Triviales
auftaucht und ihnen den Rest gibt. Natürlich wollen wir ihnen
kurzfristig erst einmal das Leben retten; wir laufen dabei aber Gefahr,
uns in einer endlosen Abfolge von kurzfristigen Lösungen zu verlieren.
Wir bekämpfen eine Infektionskrankheit nach der anderen und kümmern uns
nie um die Grundbedingungen, die die Menschen so anfällig machen. Das
ist ein viel schwierigeres Problem, denn diese Grundbedingungen werden
sich nicht durch einen Kampf verändern lassen. Es gibt kein Pathogen
hinter Diabetes oder Adipositas, Sucht, Depression oder PTBS
[Posttraumatischer Belastungsstörung]. Ihre Ursachen sind nicht das
Andere, nicht irgendein von uns separates Virus, und wir die Opfer.
Selbst bei Krankheiten wie COVID-19, wo wir ein krankmachendes Virus
benennen können, sind die Verhältnisse nicht so einfach wie ein Krieg
zwischen Virus und Opfer. Zur Keimtheorie von Krankheit gibt es eine
Alternative, nach der Keime als Teil eines weiter gefassten Prozesses
erachtet werden. Wenn die Bedingungen stimmen, vermehren sie sich im
Körper und töten dabei manchmal den Wirt. Es besteht aber auch die
Möglichkeit, dass sich die Bedingungen, die überhaupt erst zur Infektion
geführt haben, verbessern, beispielsweise indem sie den Körper anregt,
angereicherte giftige Abfälle mittels Schleimabsonderung auszuscheiden
oder sie (metaphorisch gesprochen) durch ein Fieber verbrennt. Diese
Alternative wird manchmal Terrain-Theorie genannt und besagt, dass Keime
eher als Symptom, denn als Ursache einer Krankheit zu sehen sind. Das
drückt sich in folgendem Mem aus: "Dein Fisch ist krank. Keimtheorie:
isoliere den Fisch! Terrain-Theorie: reinige das Aquarium!"
Eine Art Schizophrenie hat die moderne Gesundheitskultur befallen.
Einerseits gibt es eine wachsende Wellness-Bewegung, in der alternative
und holistische Medizin begrüßt wird. Es werden Kräuter, Meditation und
Yoga empfohlen, um das Immunsystem zu stärken. Die emotionale und
spirituelle Dimensionen von Gesundheit, etwa die Kraft der eigenen
Einstellung und des Glaubens daran, zu erkranken oder zu gesunden, wird
anerkannt. All dies scheint unter dem Tsunami von COVID begraben worden
zu sein, und die Gesellschaft fällt auf ihre alte Orthodoxie zurück.
Ein typisches Beispiel: Akupunkteure in Kalifornien wurden gezwungen,
die Arbeit einzustellen, weil man sie für "nicht systemrelevant" hält.
Das ist aus Sicht der konventionellen Virologie komplett einleuchtend.
Aber wie eine Akupunkteurin auf Facebook beobachtete: "Was ist mit
meinem Patienten, mit dem ich arbeite, um von den Opiaten gegen seine
Rückenschmerzen loszukommen? Er wird sie nun wieder nehmen müssen." Aus
Sicht der medizinischen Autoritäten sind alternative Herangehensweisen,
soziale Interaktion, Yoga-Gruppen, Nahrungsergänzungsmittel und so
weiter belanglos wenn es um eine echte Krankheit geht, die von einem
echten Virus ausgelöst wird. Im Angesicht einer Krise werden sie in das
ätherische Reich der "Wellness" verbannt. Das Wiedererstarken der
Orthodoxie unter COVID-19 ist so heftig, dass alles, was auch nur
entfernt unkonventionell erscheint, wie etwa intravenöse
Injektionen mit Vitamin C
bis vor zwei Tagen komplett vom Tisch war (es gibt nach wie vor
Artikel, die den "Mythos", dass Vitamin C gegen COVID-19 helfen könnte,
"entlarven"). Auch habe ich nicht gehört, dass die amerikanische
Gesundheitsbehörde den Nutzen von Holunder-Extrakt, medizinischen
Pilzen, Zuckerverzicht, ACC (Acetylcystein), Tragant (Astragalus) oder
Vitamin C gepredigt hätte. All dies sind aber keine schwammigen
Spekulationen über "Wellness", sondern sie werden gestützt durch
umfangreiche Forschung und physiologische Erklärungen. Zum Beispiel
konnte für ACC (
generelle Info und eine
Placebo-kontrollierte Doppelblindstudie) eine sehr deutliche Reduktion des Auftretens und der Schwere von Symptomen grippeartiger Krankheiten gezeigt werden.
Wie die obigen Statistiken über Autoimmunität, Adipositas etc.
nahelegen, stehen Amerika und die gesamte moderne Welt ganz allgemein
einer Gesundheitskrise gegenüber. Sollten wir als Reaktion nun das, was
wir die ganze Zeit getan haben, noch gründlicher treiben? Die bisherige
Reaktion auf COVID war, die Orthodoxie zu stärken und unkonventionelle
Praktiken und andere Sichtweisen beiseite zu fegen. Eine andere Antwort
wäre, den Blick zu weiten und das Gesamtsystem zu untersuchen,
einschließlich der Frage, wer dafür bezahlt, wie Zugriff gewährt wird
und wie Forschung finanziert wird. Aber auch die einschließende
Ausweitung auf randständige Felder, wie Heilkräuter-Medizin, funktionale
Medizin und Energiemedizin gehören dazu. Vielleicht können wir diese
Gelegenheit nutzen, um die vorherrschenden Theorien zu Krankheit,
Gesundheit und Körper neu zu bewerten. Ja, lasst uns die erkrankten
Fische schützen so gut wir können, und zwar jetzt. Aber vielleicht
müssen wir nächstes Mal nicht so viele Fische isolieren und mit
Medikamenten voll pumpen, wenn wir das Aquarium reinigen.
Ich sage nicht, rennt jetzt los und kauft ACC oder irgendein anderes
Supplement, und ich sage auch nicht, dass die Gesellschaft abrupt ihre
Reaktion ändern sollte, die physische Distanzierung abbrechen und
stattdessen Supplemente einnehmen sollte. Aber wir können den Bruch der
Normalität nutzen - dieses Innehalten an der Wegkreuzung - um bewusst zu
entscheiden, welchen Weg wir in Zukunft nehmen wollen: welche Art von
Gesundheitssystem, welches Paradigma über Gesundheit und was für eine
Art von Gesellschaft. Diese Neubewertung geschieht bereits, nun da Ideen
wie eine universelle und freie Gesundheitsversorgung in den USA
zunehmend an Fahrt aufnehmen. Und dieser Weg führt wiederum zu
Verzweigungen. Welche Art von Gesundheitssystem soll universell werden?
Wird es nur für alle verfügbar sein, oder für alle verpflichtend - jede
Bürgerin eine Patientin, vielleicht mit einem unsichtbaren
Barcode-Tattoo, um sicherzustellen, dass ein jeder auch alle Impfungen
erhalten und Vorsorgeuntersuchungen absolviert hat. Dann darfst du zur
Schule gehen, ein Flugzeug besteigen oder ein Restaurant betreten. Das
wäre ein Weg in die Zukunft, der uns offen steht.
Es bietet sich aber auch eine andere Möglichkeit. Statt die Kontrolle
noch zu verstärken, könnten wir endlich die holistischen Modelle und
Praktiken, die am Rand darauf gewartet haben, dass sich das Zentrum
auflöst, damit wir sie jetzt in unserem gedemütigten Zustand ins Zentrum
rücken und ein neues System um sie herum errichten.
Die Krönung
Es gibt eine Alternative zur perfekten Kontrolle, die unsere
Zivilisation so lange angestrebt hat, und die sich mit jedem Fortschritt
wieder ein Stück weit entzieht, wie eine Fata Morgana am Horizont. Ja,
wir können den bisherigen Weg in Richtung zunehmender Vereinsamung,
stärkerer Abschottung, mehr Herrschaft und größerer
Getrenntheit fortsetzen. Wir können zulassen, dass mehr
Getrenntheit
und Kontrolle normal werden, im Glauben sie seien nötig um uns
Sicherheit zu gewähren, und eine Welt akzeptieren, in der wir uns davor
fürchten, einander nah zu kommen. Oder wir können diese Pause, diese
Unterbrechung der Normalität zum Anlass nehmen, einen Weg in Richtung
Wiedervereinigung, Ganzheitlichkeit, Wiederherstellung von verlorenen
Beziehungen und Gemeinschaft und unserer Wiedereingliederung in das Netz
des Lebens einzuschlagen.
Verdoppeln wir unsere Anstrengungen, das vereinzelte Selbst zu
beschützen? Oder nehmen wir die Einladung in eine Welt an, auf der wir
alle gemeinsam sind? Nicht nur in der Medizin begegnen wir dieser Frage:
sie taucht auch in der Politik, in der Wirtschaft und im persönlichen
Leben auf. Nimm zum Beispiel das Hamstern, das die Vorstellung zum
Ausdruck bringt: „Es wird nicht für alle reichen, also werde ich dafür
sorgen, dass für mich genug da ist.“ Man könnte auch so darauf
reagieren: „Manche haben nicht das, was sie brauchen, also werde ich mit
ihnen teilen.“ Preppen
[6] oder helfen? Worum geht es im Leben?
Und allgemeiner stellen Menschen jetzt Fragen, die bis dato eher nur
Aktivistenkreise beschäftigt haben. Was können wir für die wohnungslosen
Menschen machen? Was für die, die im Gefängnis sitzen? Die, die in den
Slums leben? Was sollen wir mit den Arbeitslosen machen? Was ist mit den
Zimmermädchen, den Uber-Fahrern, den Installateurinnen und den
Hauswarten und Busfahrerinnen und Kassierern, die nicht von zu Hause aus
arbeiten können? Und so blühen endlich Ideen wie der Schuldenerlass für
Ausbildungskredite und das Bedingungslose Grundeinkommen auf. Die Frage
„Wie schützen wir die von COVID Bedrohten?“ lädt uns ein, weiter zu
fragen: „Wie kümmern wir uns um die verletzlichen Menschen in unserer
Gesellschaft?“
Das nämlich ist der Impuls, der sich in uns rührt, einmal abgesehen
von Oberflächlichkeiten wie unseren persönlichen Meinungen über den
Schweregrad von COVID, die Herkunft des Coronavirus oder welche
politischen Maßnahmen angebracht sind. Der Impuls ist: „Lasst uns jetzt
wirklich aufeinander achtgeben. Erinnern wir uns daran, wie wertvoll
jeder und jede von uns ist und wie kostbar das Leben. Machen wir eine
Bestandsaufnahme unserer Zivilisation, zerlegen wir sie in ihre
Einzelteile, und schauen wir, ob wir daraus nicht eine viel schönere
bauen können.“
Durch die Erfahrungen des Mitgefühls, das COVID jetzt in uns weckt,
stimmen immer mehr von uns in die Erkenntnis ein, dass wir nicht mehr in
die alte Normalität, die das Mitgefühl so schmerzlich vermissen ließ,
zurück wollen. Jetzt haben wir die Gelegenheit, eine neue,
mitgefühlsreichere Normalität zu schmieden.
Überall finden sich Anzeichen, dass das gerade passiert. Die
Regierung der Vereinigten Staaten, die lange eine Geißel herzloser
Kapitalinteressen zu sein schien, hat hunderte Milliarden Dollar für
Direktzahlungen an Familien freigegeben. Donald Trump, nicht gerade als
ein Paradebeispiel des Mitgefühls berühmt, hat ein Moratorium für
Zwangsvollstreckungen und Zwangsräumungen verhängt. Gewiss, man kann
diese Entwicklungen auch zynisch sehen; aber nichtsdestotrotz verkörpern
sie das Prinzip der Sorge um die Verwundbaren.
Aus allen Winkeln der Welt hören wir Geschichten von Solidarität und
Heilung. Eine Freundin schickte je $100 an zehn Unbekannte in schlimmer
Notlage. Mein Sohn, der bis vor wenigen Tagen bei Dunkin‘ Donuts
gearbeitet hat, sagte, dass die Leute fünfmal mehr Trinkgeld gegeben
haben – und das sind Leute aus der Arbeiterklasse, viele von ihnen
lateinamerikanische LKW-Fahrer, die selbst wirtschaftlich prekär leben.
Ärztinnen, Krankenpfleger und sogenannte „unentbehrliche Arbeitskräfte“
riskieren ihr Leben im Dienst an der Öffentlichkeit. Hier ein paar
Beispiele solcher Entladungen von Liebe und Güte, mit freundlicher
Genehmigung von
ServiceSpace:
Vielleicht sind wir schon mittendrin, uns in diese neue Geschichte einzuleben. Stelle Dir vor: die Italienische
Luftwaffe verwendet Pavarotti, das Spanische
Militär hilft Zivilisten, und die Straßenpolizei spielt
Gitarre – um zu
inspirieren. Firmen
erhöhen unerwartet die Gehälter. Die Kanadier haben eine
Initiative gestartet, bei der sie aktiv Güte und Freundlichkeit statt Angst und Panik verbreiten. Ein sechsjähriges Mädchen in Australien
spendet entzückend ihr Zahnfee-Geld, eine dreizehnjährige Japanerin näht 612
Masken und Studenten auf der ganzen Welt gehen für ältere Menschen einkaufen. Kuba schickt eine Armee in „
weißen Mänteln“ (Ärzt*innen) um Italien zu helfen. Ein Vermieter
stundet seinen Mietern die Aprilmiete, das
Gedicht eines irischen Priesters verbreitet sich viral, körperbehinderte Aktivist*innen
erzeugen
Desinfektionsmittel. Stellen Sie sich das vor. Manchmal fördert eine
Krise unseren innersten Impuls zutage: dass wir immer mit Mitgefühl
reagieren können.
Wie Rebecca Solnit in ihrem wunderbaren Buch „
A Paradise Built in Hell“
schreibt, bringen Katastrophen häufig Solidarität zum Aufblühen. Eine
schönere Welt schimmert ganz nah unter der Oberfläche und poppt auf,
sobald die Systeme, die sie unter Wasser halten, ihren Griff lockern.
So lange sind wir als Kollektiv angesichts einer immer
krankmachenderen Gesellschaft hilflos dagestanden. Sei es die
Verschlechterung der Gesundheit, der Verfall von Infrastruktur,
Depression, Selbsttötung, Sucht, Umweltzerstörung, ungleiche
Reichtumsverteilung – die Symptome der misslichen Lage, in der sich die
Zivilisation in der entwickelten Welt befindet, sind unübersehbar, aber
wir haben uns in den Systemen und Mustern, die sie verursachen,
verstrickt. Jetzt hat uns das Coronavirus einen Neuanfang geschenkt.
Eine Million Wege gabeln sich vor uns auf. Das Bedingungslose
Grundeinkommen könnte der wirtschaftlichen Unsicherheit ein Ende
bereiten und die Kreativität aufblühen lassen, indem Millionen von jener
Arbeit befreit werden, die, wie uns das Coronavirus zeigt, weniger
notwendig ist als bisher angenommen. Es könnte aber auch angesichts der
Schließung kleiner Betriebe dazu kommen, dass die Abhängigkeit von
staatlichen Geldern, die an strikte Bedingungen geknüpft sind, zunimmt.
Die Krise könnte in den Totalitarismus oder in die Solidarität führen,
zu medizinischem Kriegsrecht oder einem Wiedererwachen eines
ganzheitlichen Ansatzes, zu einer größeren Furcht vor der Welt der Keime
oder größerer Kompetenz im Umgang mit den Mikroorganismen, zu einer
neuen, dauerhaften Norm des Abstandhaltens oder zu einem erneuten
Wunsch, einander näher zu kommen.
Was kann uns als Einzelne und als Gesellschaft leiten, die wir durch
diesen Garten sich verzweigender Wege gehen? An jeder Wegkreuzung können
wir uns bewusst machen, wovon wir uns leiten lassen: Angst oder Liebe?
Selbstschutz oder Großherzigkeit? Sollen wir in Angst leben und eine
darauf basierende Gesellschaft errichten? Sollen wir leben, um unsere
abgetrennten Egos zu wahren? Sollen wir die Krise als Waffe gegen unsere
politischen Feinde nutzen? Dies sind keine alles-oder-nichts-Fragen,
nur Angst oder nur Liebe. Sondern ein nächster Schritt in Richtung Liebe
liegt vor uns. Er fühlt sich wagemutig an, aber nicht leichtsinnig. Er
umspannt die Wertschätzung des Lebens und zugleich die Anerkennung des
Todes. Er kommt aus dem Vertrauen darauf, dass mit jedem neuen Schritt
der nächste sichtbar wird.
Bitte glaub nicht, es sei eine reine Willensfrage, sich zwischen
Angst und Liebe zu entscheiden, oder dass die Angst wie ein Virus
besiegt werden kann. Das Virus, mit dem wir es hier zu tun haben, ist
Angst, sei es die Angst vor COVID-19 oder die Angst vor einer
totalitären Reaktion darauf, und dieses Virus hat auch seinen Nährboden.
Angst gemeinsam mit Sucht, Depression und einer ganzen Reihe
körperlicher Leiden gedeiht auf diesem Boden von
Getrenntheit
und Trauma: dem vererbten Trauma, dem Kindheitstrauma, der Gewalt, dem
Krieg, dem Missbrauch, der Missachtung, der Scham, der Bestrafung, der
Armut und dem stillschweigend zur Normalität gehörenden Trauma, das fast
jede und jeden betrifft, der in einer monetarisierten Gesellschaft
lebt, moderne Beschulung absolviert oder ohne Gemeinschaft oder
Ortsverbundenheit lebt. Dieser Boden kann
verändert werden durch
Traumaheilung
auf einer persönlichen Ebene, durch systemischen Wandel hin zu einer
Gesellschaft mit mehr Mitgefühl, und durch eine Neuerzählung der
Geschichte, die unsere Welt erklärt, und die momentan von der
Getrenntheit
handelt: Vom getrennten Selbst in einer Welt des Anderen - ich getrennt
von dir, die Menschheit getrennt von der Natur. Allein zu sein ist eine
Urangst, und die moderne Gesellschaft hat mehr und mehr dazu geführt,
dass wir allein sind. Aber die Zeit der Wiedervereinigung ist da. Jede
Geste des Mitgefühls, der Güte und Freundlichkeit, des Mutes und der
Großherzigkeit heilt uns von der
Geschichte der Getrenntheit, denn sie versichert beiden, Handelnden und Zeugen der Handlung, dass wir im selben Boot sitzen.
Ich werde zum Abschluss noch eine weitere Dimension der Beziehung
zwischen Mensch und Virus ins Feld führen. Viren sind wesentlich für die
Evolution, nicht nur die der Menschen, sondern aller Eukaryonten. Viren
können DNA von einem Organismus zum anderen
transportieren,
manchmal auch in die Keimbahn (wodurch die Änderung erblich wird).
Bekannt unter der Bezeichnung „Horizontaler Gentransfer“ ist das ein
Grundmechanismus der Evolution, der es dem Leben ermöglicht, gemeinsam
viel schneller zu evolvieren, als es durch rein zufällige Mutation
möglich wäre. Lynn Margulis hat es einmal so ausgedrückt: „Wir sind
unsere Viren.“
Und jetzt betrete ich spekulatives Terrain: Vielleicht haben die
großen Krankheiten unserer Zivilisation unsere biologische und
kulturelle Evolution beschleunigt, vielleicht verleihen sie uns
genetische Schlüsselinformation und ermöglichen uns beides, eine
individuelle und eine kollektive Initiation. Könnte die herrschende
Pandemie genau das sein? Neue RNA-Codes breiten sich von Mensch zu
Mensch aus und versorgen uns mit neuer genetischer Information.
Gleichzeitig empfangen wir, gemeinsam mit den biologischen, andere,
esoterische „Codes“, die unsere Narrative und Systeme unterbrechen - so
wie die Krankheit die Physiologie des Körpers unterbricht. Das Phänomen
folgt dem Muster einer Initiation: Eine Unterbrechung der Normalität
gefolgt von einer Zwangslage, einem Zusammenbruch oder einer Feuerprobe,
gefolgt von (wenn sie komplett sein soll) der Reintegration und einem
Fest.
Jetzt stellt sich die Frage: eine Initiation in was? Was ist die
genaue Natur und der Zweck dieser Initiation? Der Name des Virus gibt
einen Hinweis: Coronavirus. Eine Corona ist eine Krone. „Neue
Coronavirus Pandemie“ bedeutet: „eine neue Krönung für alle“.
Es ist schon zu spüren, welche Macht uns verliehen werden könnte. Ein
wahrer Souverän läuft nicht weg aus Angst vor dem Leben oder Angst vor
dem Tod. Ein wahrer Souverän beherrscht nicht und unterwirft nicht (das
macht sein Schatten-Archetyp, der Tyrann). Ein wahrer Souverän dient den
Menschen, dient dem Leben und respektiert die Souveränität aller
Menschen. Die Krönung markiert das Hervortreten des Unbewussten in das
Bewusste, die Kristallisation von Chaos in Ordnung, die Überwindung von
Zwang und dessen Umwandlung in eine bewusste Entscheidung. Wir werden
die Regenten dessen, was uns regiert hat. Die neue Weltordnung, die die
Verschwörungstheoretiker fürchten, ist ein Schattenbild der grandiosen
Möglichkeit, die souveränen Wesen offen steht. Nicht länger Vasallen der
Angst, können wir Ordnung im Königreich machen und eine Gesellschaft
aufbauen, die sich auf die Liebe einigt, die schon durch die Ritzen in
der Welt der
Getrenntheit schimmert.
[1] d.Ü.: Metapher für ein Ereignis, das selten und höchst unwahrscheinlich ist.
[2] d.Ü.: Enthüllung von UFO-Phänomenen.
[3]
d.Ü.: In Deutschland 2019 kam die Polizei zu meiner Haustür, weil zwei
meiner Kinder tagsüber etwa 80m von der Haustüre entfernt in einem
verkehrsberuhigten Wohngebiet auf dem Bürgersteig spielend gesehen
wurden, ohne die Mutter.
[4] d. Ü.: „Story of Separation“
ist ein Leitbegriff in Eisensteins Werk. „Separation“ wurde teils auch
in deutschen Übersetzungen beibehalten. Wegen seiner Vieldeutigkeit sind
Autor und Übersetzer-Team mit diesem Terminus nicht ganz zufrieden. Wir
haben uns hier für „Getrenntheit" entschieden. Möglich wäre auch
„Abspaltung“ oder „Abgespaltenheit“.
[5] d.Ü.: Medikalisierung
ist die Bezeichnung für einen gesellschaftlichen Veränderungsprozess,
bei dem menschliche Lebenserfahrungen und Lebensbereiche in den Fokus
systematischer medizinischer Erforschung und Verantwortung rücken, die
vorher außerhalb der Medizin standen. (Quelle: Wikipedia)
[6] d.Ü.: siehe Prepper auf Wikipedia