Freitag, 27. März 2020

Nachschau 6.März 2020           Jörg Höcker

Wir hörten die CD "Multiversum" von Tom Kenyon - Reise in die Welt der "Sophia" durch Musik.

Die Nachschau basiert auf der Beschreibung des Anbieters unseres Musikexperimentes:

Ich war von diesem Musikabend des Hörens der Klänge von Tom Kenyon sehr verzückt, also völlig begeistert. Es war unser zweiter Musikabend, unser zweites Musikexperiment, zu den von Tom Kenyon gesungenen  "Heilliedern". Dieser zweite Abend war noch beeindruckender als der erste Musikabend, dessen Thema "Heilung der Zellen" durch Musik lautete.
Diese Klangreise dauerte ca. 35 Minuten. Die Wirkung der Musik auf Körper, Geist und Seele kann ich nur als "mehrdimensionale Seinserfahrungen" beschreiben. Fazit: Die heilenden Klänge dieser Musikreise müssen sehr tiefe Seinsebenen im Bewußtsein der Anwesenden erreicht und angesprochen haben. Die Resonanzebenen der Musik, besser Wirkungsspektrum der Musik, erzeugte bei allen Hörern nach nur 35 Minuten zuhören insbesondere folgende Seinserfahrungen, 1.) innere Zufriedenheit durch starke Zellentstressung und 2.) die Musik "transportierte" vor allen Dingen "heilende Stille" in den Intellekt der Zuhörer. Der Intellekt der Zuhörer hatte sich also so sehr  mit der Heilmusik "vollgesogen", dass unser eigentlicher Grund für das monatliche Treffen, Gedankenaustausch und geistig-intellektuelle Diskussion, nach dem Musikhören "nur auf Sparflamme lief". Redelust und Diskussionsfreude waren geistige Mangelware, da diese beiden Geistesaspekte an diesem Abend als Seinsausdruck der Menschen einfach nicht erforderlich
waren. Gruppenkommunikation durch Frieden im Geiste - eine solche Gruppendynamik "geistige Zufriedenheit durch Innere Stille" als Ausdruck der Bewußtseinsebene Intellekt bei allen Menschen in dieser Gruppe zu erfahren, einen solchen wunderbaren friedvollen Abend habe ich seit den vielen Jahren, wo ich als Teilnehmer der Philosophenrunde anwesend bin, noch nicht erlebt. Ein Teilnehmer, der auch die erste Klangreise mitmachte, hatte zudem wieder phantastische Synästhesieerfahrungen, heißt die Musik wurde gleichzeitig als Farbenpracht wahrgenommen.
          Aufgrund der Tiefenwirkung der Musik auf die Zuhörer nenne ich diese Klangreise eine Reise in die Welt der "Sophia" - die weibliche Seite der Philosophie - eine Reise, wo Klänge uns mit der Welt der inneren Weisheit im Menschen verbinden. 

Jürgen Staas:
Jörg Höcker präsentierte wieder Klänge von Tom Kenyon.
Es wechselten helle, weibliche Stimmlagen und dunkle, männliche
Tonlagen. Das Klangerlebnis war weich, angenehm, entspannend.  Mein 
persönliches Klangempfinden verband sich wieder, wie beim vorigen Mal, 
mit synästhetischen Eindrücken; d.h. die Klangbilder erzeugten vor 
meinem inneren Auge warme Farbtöne, von braun über hell rot-braun bis 
gelb. Natürlich sind das völlig subjektive Wahrnehmungen, die sich aber 
zwangsläufig einstellen und konstant bleiben.

U m s c h a u       März 2020:      Christian Brehmer

Corona Virus  aus evolutionärer Perspektive

„Nichts in der Biologie macht Sinn außer im Licht der Evolution.“                      Theodosius Dobzhansky
Unser Leben ist nur eine kurze Episode im langen Korridor der der Evolution. Alles begann einmal vor etwa 14 Milliarden Jahren mit dem Urknall und hat sich sukzessiv bis in die Gegenwart hinein entwickelt. Erst kleiner als der Kopf einer glühenden Stecknadel; dann mit der Expansion des Universums eine zunehmende Abkühlung und Entstehung der Materie. Darauf eine phantastische kosmische Evolution – Galaxien, Sterne und Planeten, unsere Erde ward geboren.
     Hier, nicht minder phantastisch, eine chemische Evolution, die in der Entstehung des Lebens einmündet. Zunächst der Einzeller, dann die Vielzeller:    Weichtiere, Fische, Amphibien, Reptilien und Säugetiere – die biologische Evolution erblüht. Mit ihr entfaltet sich das organismische Bewusstsein.  
Nach dem Durchschreiten des Tier-Mensch-Übergangsfeldes erscheint der anatomisch moderne Mensch auf der Bühne der Evolution. Der homo sapiens, der wissende Mensch, der sich als getrennt von der Umwelt erfährt. Die unschuldige Einheit des Tieres mit der Natur ist gebrochen. Dualität ist Bedingung der Möglichkeit von Angst. Anderseits ermöglicht das reflexive Bewusstsein ein Denken in Kausalzusammenhängen – der Beginn der mentalen Evolution.
Dann, ab einem Zeitpunkt vor etwa 50 000 Jahren stoßen die Archäologen auf Artefakte, die darauf schließen lassen, dass der anatomisch moderne Mensch zum geistig modernen Mensch „mutiert“ ist. Der homo sapiens sapiens: der Mensch, der nicht nur weiß, sondern auch weiß, dass er weiß – eine weitere Stufe der Intensivierung des Bewusstseins. Das selbstreflexive Bewusstsein steht am Beginn der kulturellen Evolution, der Stufe auf der wir uns gegenwärtig befinden.
Im dem viele Milliarden Jahre währenden Verlauf der Evolutionsgeschichte gab es immer wieder herbe Zäsuren, sogenannte Faunenschnitte. So zum Beispiel das Sauriersterben vor etwa 66 Millionen Jahren. Damals starben die Großreptilien aus und machten für die Ausbreitung der Säugetiere Platz. Auch wenn einzelne Populationen von Tierarten zu groß wurden, kam es häufig  zu herben Dezimierungen. Ferner zwangen Naturkatastrophen und Klimaschwankungen die Lebewesen immer wieder erneut zu evolutionären Anpassungen. Als ob eine übergeordnete Intelligenz Regie führt, um die Evolution auf Kurs zu halten. Diese verborgene Regie hat über Jahrmilliarden ein Lebewesen hervorgebracht mit dem Bewusstsein seiner selbst und dem Potenzial zur Selbsttranszendenz. Albert Einstein nannte die Evolution „eine Intelligenz von solcher Erhabenheit, das verglichen damit das ganze systematische Denken und Handeln des Menschen ein höchst unbedeutender Abglanz ist.“  
Diese Intelligenz, davon können wir ausgehen, wird auch dafür sorgen, dass die Sackgasse, in die sich der jüngste Spross der Evolution, der homo sapiens sapiens hineinmanövriert hat, durchbrochen wird. Bedient diese Intelligenz sich etwa des Corona-Virus?
Wir haben eine zutiefst gestörte Welt geschaffen: Was machen wir mit unserem Planeten, dem vom  Weltraum aus gesehenen blauen Juwel? Wir zerstören, verschmutzen und plündern ihn. Wird der virale Hammerschlag uns zur Vernunft bringen? Und wie verhalten wir uns untereinander? Die Mehrheit der Weltbevölkerung ist verarmt, fast eine Milliarde hungert. Eine Minderheit lebt im Überfluss. Wird die Pandemie ein neues, gerechtes Wirtschaftssystem erzwingen? Statt zu teilen und zu schützen, beuten wir unsere Mitmenschen aus und liefern Waffen für Stellvertreterkriege. Millionen sind auf der Flucht. Wird die Megakrise unsere Herzen öffnen?
Unser gegenwärtiger, vom Ego geprägter, dualistischer Bewusstseinsmodus hat ausgedient. Wir stagnieren auf einer nicht mehr zeitgemäßen Stufe der Evolution, und das u.a. aufgrund der mangelhaften Nutzung unserer Fähigkeit zur Selbstreflexion. Denn in der Tiefe der Selbstreflexion wartet Erkenntnis und Mitgefühl. Losgelöst von all unseren mentalen und emotionalen Vorgängen, wie z.B. in der Meditation, erfahren wir die reine Reflexion, die Stille des transzendentalen Bewusstseins. (Dieser  höchst angenehme Zustand der Wachentspannung, so hat die neurologische Forschung ergeben, ist durch EEG – Synchronisation im Gamma-Bereich gekennzeichnet.) Es ist eine Befindlichkeit, in der wir unsere Einheit mit der Natur und unseren Mitmenschen wiedergewinnen, diesmal bewusst. Sie zu verletzen, wäre uns selbst verletzen. Und die Dualität als Bedingung der Möglichkeit von Angst ist passé.
Die Auslotung der Selbstreflexion bis hin zur transzendentalen Selbsterfahrung  durch Meditation, Achtsamkeitstraining oder andere spirituelle Techniken, ist eine weitere evolutionäre Intensivierung des Bewusstseins. Sie führen bei regelmäßiger Praxis zu einer verbesserten Lebensbewältigung und geist-körperlichen Fitness – die bislang unbewusste Evolution wird bewusst weitergeführt durch den Menschen.  Wird dieser Ansatz Mainstream, so bahnt sich damit eine neue, supramentale  Ebene der Evolution an. Nach der kosmischen, chemischen, biologischen, mentalen und kulturellen Evolution die supramentale Evolution. Und mit ihr ein neues Denken. „Du kannst das Problem nicht lösen von der gleichen Ebene des Denkens, die das Problem geschaffen hat“, sagte Albert Einstein.  Die Corona-Krise als evolutionäre Chance.

Dr. Christian Brehmer, Bakumer Str. 31a, D 49324 Melle, T. 05422/2635, Email: brehmer.c@web.de,       www.bewusstseins-evolution.de   
Literatur: Christian Brehmer: “Woher? Wohin? Orientierung im Leben. Die Evolution des Bewusstseins als Ausweg aus der Krise“, Verlag ViaNova 2019   
Weiterleitung willkommen !

Montag, 20. Januar 2020

Nachschau 3.1.2020: Der Appell des Dalai Lama an die Welt     Jürgen Staas
(Einleitung, S.11 - 15)

 Thema am 3.1.20 war die Fortsetzung der Lesung des Dalai-Lama-Appels
 "Ethik ist wichtiger als Religion". Zentrales Stichwort war die
 Achtsamkeit. Sie bedeutet gleichzeitig auch Aufmerksamkeit, auf sich
 selbst als Subjekt.   Der Essay ist auch rein stilistisch von
 Interesse. Auffällig ist die Häufung des modalen Hilfsverbs "müssen".
 Der Text beinhaltet eine endlose Reihe von Imperativen dessen, was der Mensch tun müsste, vornehmlich um sich selbst zu ändern. Ja, was er tun müsste, das ist seit Jahrtausenden bekannt: ändere dich, tut Buße! Die Diskrepanz von Wissen und Tun, das ist das wahre
 menschliche Dilemma. Wieweit ist der Mensch tatsächlich in der Lage,
 sich selbst zu verändern? Die Forderung erinnert an Münchhausens
 Versuch, sich selbst an den Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Ein
 neues, vertieftes Bewusstsein soll es richten. Wissenschaftliche
 Erkenntnisse und Aufklärung haben einiges vermocht. Aber das
 erfordert einen endlosen, mühevollen Bildungsprozess. Der Mensch wird
 nicht als Christ, Kommunist oder Demokrat geboren. Erfahrungen
 verblassen. Der Mensch lernt aus der Geschichte, dass der Mensch aus
 der Geschichte nichts lernt. Mit dem Bild vom "animal rationale" ist
 es nicht weit her. "La raison est dupe du coeur" (LaRochefoucauld).
 Die Vernunft ist sehr begrenzt, Interessen, Emotionen, Triebe etc.
 gewinnen immer wieder leicht die Oberhand.
 Ethische Fragen sind nicht das Problem. Das Problem ist der Mensch
 selbst. Gefragt ist zunächst eine realistische Anthropologie. sts

Vorschau 7.2.2020: Ethik im Sinne von "Weltethos" (Hans Küng),
Menschenrechte/Menschenpflichten                   Jürgen Staas

Zurückgegriffen werden kann dabei auf zwei frühere Runden: "Ein Abend mit Prof. Mokrosch" (5.2.16) zum Weltethos und "Menschenrechte/Menschenpflichten" (3.3.18.). Mokrosch beschäftigte zunächst die Frage, wieweit ein globales, interreligiöses Ethos überhaupt möglich wäre. Wäre es westlich, christlich, aufklärerisch geprägt oder auch asiatisch? Der Referent differenzierte dann nach
Normen, Werten und Tugenden. Normen werden durch Gebote und Verbote gesetzt, Werte etwa sind Freiheit, Gerechtigkeit, Autonomie. Tugenden etwa sind Respekt, Anstand, Empathie. Er verwies dann auf  Hans Küngs "Weltethos". Ein Minimalkonsens könnte die Goldene Regel (Bergpredigt) oder Kants "kathegorischer Imperativ" sein. Wichtig wären dabei Prinzipien wie das der Gegenseitigkeit, der Gewaltlosigkeit, der "Achtung vor dem Leben" (A. Schweitzer). Diese würden die Todesstrafe kategorisch ausschließen. Toleranz und Wahrhaftigkeit wurden angesprochen, ebenso der Zusammenhang von Gerechtigkeit und Frieden. - Schließlich kritische Einwände: Welche Fehlfunktionen biologisch-anthropologischer, ethologischer oder auch soziologischer Art stehen dem Ethos entgegen? Ist die Menschheit als einheitliches Subjekt oder Weltgewisssen überhaupt vorstellbar und realistisch? Die Diskrepanz von Wissen und Tun wird durch keine Kultur oder Religion aufgehoben.
Ethische Frgen stehen in engem Zusammenhang mit den Menschenrechten, wie sie in der amerikanischen Unabhängigkeitserkärung und durch die frz. Revolution begründet und formuliert werden. Sind sie religiös bezw. biblisch-christlich begründet oder doch eher säkulär der Aufklärung zu verdanken? Beide Aspekte lassen sich rechtfertigen. Die christlichen Kirchen allerdings haben lange gebraucht, sie anzuerkennen und sich zu eigen zu machen. - Lang ist die Liste der geschichtlichen Schritte hin zur modernen Demokratie: von der Magna Charta (1215) über Pufendorfs "Naturrecht" (1672), Habeas corpus (1679), bis zur Allgemeinen Erklärung der MR durch die UN 1948.-  Als Ergänzung und Gegengewicht wurden 1997 die "Menschenpflichten" konzipiert. Sie decken sich weitgehend mit dem "Weltethos". -
    Literatur: Martin Klingst: "Menschenrechte" (Reclam Reihe "100 Seiten")

ErgänzendeVorschau 7.2. 2020:  Fragen zu einem "Weltethos" Jürgen Staas   
(Vergl. Referat zum gleichen Thema von Prof. Dr. R. Mokrosch vom 5.2.2016) 
                                      
Kann es eine globale, internationale, überregionale,  interreligiöse Ethik überhaupt geben?  Wäre sie vorwiegend westlich,  durch Vernunft und Aufklärung bestimmt?   Welche Rolle würden östliche Traditionen spielen?  Müssten Religionen  Verluste ihrer typischen Ausprägungen hinnehmen, d.h.  würde ein solches übergeordnetes Ethos ihnen die Spitze abbrechen, sie entkernen?    Wie steht es um die  Verbindung oder Trennung von Religion und Staat?  Welche Rolle spielen  Prinzipien wie das der Gleichheit oder der Würde der  individuellen Person?  Oder das  der allgemeinen  Bildung ?.  Schon dieser Fragenkatalog zeigt die ganze Komplexität der Thematik auf.  - Der Referent  nahm dann eine Differenzierung der  Orientierungsbereiche vor, d.h. er unterschied  Normen, Werte und Tugenden.  Normen etwa werden durch Gebote und Verbote gesetzt. Werte sind  z.B.  Freiheit, Meinungsfreiheit, Autonomie,  Gerechtigkeit, Gleichberechtigung,  Recht auf Bildung.  Und Tugenden sind Dinge wie  Anstand, Respekt,  Disziplin,  Sensibilität,  Empathie,  Mitleid.  Was sollte maßgebend sein?  Die Diskussion ergab, dass die drei  Orientierungsbereiche keine Alternativen sein können, sondern alle  Bestandteile einer universellen Ethik sein müssten.  Es wurde auf  Hans Küngs „Weltethos“ verwiesen und auf das Weltparlament der Religionen von 1993.   Ein Minimalkonsens könnte die sog.  „Goldene Regel“ sein, wie sie im  Matthäusevangelium  formuliert ist,  oder Kants  „kategorischer Imperativ“?   Der  Volksmund drückt die Idee negativ aus:  „Was du nicht willst, dass man dir tue...“   -   Das Humanum, die Menschlichkeit,  sollte allgemeine Richtschnur sein, Gewaltlosigkeit, Achtung vor dem Leben, wie sie Albert Schweitzer vertrat.  Im Prinzip schließt diese Richtschnur die Todesstrafe aus. Die Realität zeigt sofort, wie schwierig sich die Akzeptanz darstellt.   Gilt die Achtung vor dem Leben auch gegenüber Pflanzen und Tieren?  Wie weit kann oder sollte Achtsamkeit gehen?   Wie steht es um  Prinzipien wie Solidarität  und  faires Wirtschaften?   Eigentum verpflichtet.  Was ist ein gerechtes Steuersystem?  Kein Friede ohne Gerechtigkeit!   Gerade  betont eine Stimme, das Problem  Israel/Palästina sei unlösbar.   -  Toleranz und Wahrhaftigkeit  wurden angesprochen.  Der aktuelle Streit um  objektive Berichterstattung und „Lügenpresse“  macht die Problematik  der Medien in  Kunst,  Literatur und Politik  deutlich. - Die Kultur der  gleichberechtigten Partnerschaft von Mann und Frau  sollte im Idealfall „schöpferisch“ sein.   -
Kritische  Diskussionspunkte:  Im Prinzip sind alle  dargestellten  Idealvorstellungen ja unstrittig.  Im  immer noch christlich  geprägten, aber aufgeklärten,  mehr oder weniger säkularisierten und demokratisch und rechtsstaatlich  verfassten „Westen“  sind sie ja auch  weitgehend verwirklicht.  In archaischen,  nationalistischen  und religiös fanatisierten  Gesellschaften ist das Gegenteil zu beobachten.  Welche Fehlfunktionen sind hier am Werk? Welchen Anteil hat daran die  „menschliche Natur“?   Gibt es sie überhaupt noch? Hier streiten sich  soziologische und biologische  Denkrichtungen.   Eine fundierte, realistische Anthropologie,  Ergebnisse von  Genetik, Hirn- und Verhaltensforschung  könnten bei der  Ursachenforschung  hilfreich sein.  Ebenso  bis zu einem gewissen Grade fernöstliche  Praktiken wie  Meditation und Yoga, die in die Stille führen.  Aber wie könnten sie weitere Verbreitung finden? 
Abschließend  summierte der Referent  selbst noch in aller Kürze die  Einwände gegen das dargestellte „Weltethos“:   das Humane generell gibt es nicht,  ebenso wenig  die Menschheit als ein Subjekt  oder als ein Weltgewissen.  Es gibt nur einzelne Menschen,  die nicht nur vernunftgesteuert sind.  Die Diskrepanz von Wissen und Tun wird durch keine  Kultur oder Religion aufgehoben.  Das religiöse Verständnis ist  extrem unterschiedlich,  so entstehen ebenso extreme Grenzsituationen.  Eine einheitliche Weltgesellschaft ist nicht vorstellbar, ebenso wenig der Gedanke, dass sich alle Kulturen auf eine Abstraktum  verpflichten ließen. -  Die Problematik der Wahrheitsfrage  blieb offen und bildet das nächste Thema.                     sts

Dienstag, 17. Dezember 2019

Nachschau 6.12.2019: Ethik ist wichtiger als Religion    Klaus Burghardt

Zu den Quellenangaben siehe die Nachschau vom 4.10.19. Grundlage des aktuellen Gesprächs war der siebt- oder achtletzte Abschnitt des Appells:   
     „Durch Meditation und Nachdenken können wir zum Beispiel lernen, dass Geduld das wichtigste Gegenmittel gegen die Wut ist, Zufriedenheit gegen Gier wirkt, Mut gegen Angst, Verständnis gegen Zweifel. Zorn über andere hilft wenig, stattdessen sollten wir dafür sorgen, dass wir uns selbst ändern.“
     Geht es, so wurde gefragt, hierbei in erster Linie um Gefühle? Ziel sei eine neue „Ethik des 21. Jahrhunderts“. Der Dalai Lama schlage hier Methoden vor, um diese Ethik zu entwickeln. Es gehe nicht darum, recht zu haben, sondern darum, die Position des Anderen zu verstehen. Dann könne man eine gegensätzliche Meinung eher stehen lassen, was das Zusammenleben erleichtere.
     Aber - hieß es auch - die Superethik laute: Sex und Geld!
Weiter ohne Konjunktiv:
     Religion hat viel mit formalen Vorschriften zu tun. Der Dalai Lama legt mehr Wert auf die Inhalte. Kann man Wut durch Geduld auflösen? Man muss sich zurücknehmen, sich fragen: Was passiert mit mir? Vielleicht hat der Andere doch recht?
     Funktioniert der Mensch so? Wenn ich wütend bin, braucht es dann nur etwas guten Willen, damit ich sanftmütig werde? Wenn ich Angst habe, wie kann ich mutig werden? Das Hirn ist ein autonomer Organismus. Eine übergeordnete Stelle gibt es nicht. Willensanstrengung hilft da nicht weiter. 2000 Jahre Christentum haben den Menschen nicht verändert. „Tut Buße“ (Johannes) - d.h.: Ändert euch! Wer oder was bewirkt denn die Veränderung? „Fürchtet euch nicht!“ Habt keine Angst. Wo kommt der Mut her? Wenn das so einfach wäre, sähe die Welt besser aus.
     Um eine Ethik ausüben zu könne, braucht es eine humane Erziehung. Die 10 Gebote bieten sich als Inhalt an. Wer die Gebote als moralisches  Recht ansieht und sich daran hält, wird von Gott geliebt. Voraussetzung hierfür ist allerdings eine Ausbildung. Diese gab es bisher nur in Klöstern oder ähnlichen Einrichtungen. Die 10 Gebote sind „das Ausgießen der Religion über den Menschen.“ Ethik und Religion sind vereint.
     Entscheidend beim Überwinden negativer Emotionen ist die Bewusstwerdung. Im Zustand der Wut bin ich außerstande, den erforderlichen Abstand einzunehmen und die Geduld als Gegenpol wachzurufen. Das Bewusstwerden, die Achtsamkeit müssen eingeübt werden. „Ich bin achtsam bei mir selbst.“ Das ist eine übergeordnete Instanz. Sie ist transzendental, nicht anatomisch, nicht an Gehirnfunktionen festzumachen. „Die Korrelate allerdings sind messbar!“
     Sich die Geduld als Gegenmittel vorstellen zu können, das ist nicht leicht. Erfahrung ist wichtig. Früher haben die Menschen geglaubt, die Erde sei eine Scheibe. Kolumbus hat die Erfahrung gemacht, das dem nicht so ist. Man muss etwas tun, die Erfahrung machen. Angst oder Skepsis können solche Erfahrungen verhindern.
     Erziehung, Bildung, Aufklärung, ... Der Fortschritt der Menschheit ist ein langer, mühsamer Prozess. Wir wissen, dass die Erde um die Sonne kreist, aber in der Sprache geht die Sonne auf oder unter. Der Mensch galt als Krone der Schöpfung, als Gottes Ebenbild. Dann hieß es, er stamme vom Affen ab, er gehört also ins Tierreich. „Und dann erwarten wir, dass er vernünftig ist. Das ist er aber nicht.“ Die Vernünft lässt sich vom Herzen immer wieder düpieren. „Blind vor Wut“ heißt es. Dann kommt niemand auf die Idee, geduldig zu sein.
     Wut verdrängt die Vernunft. Man kann aber die Fähigkeit einüben, sich zurückzunehmen, damit diese Fähigkeit im Moment des Affekts auftaucht. Ein solches Achtsamkeitstraining sollte in den Schulunterricht integriert werden.
     Wir kommen aus dem Tierreich, aber wir haben das Potential, uns weiter zu entwickeln. Jeder entscheidet, welchen Weg er geht. Viel Anstrengung und Zeit sind nötig.
     Eine Teilnehmerin beobachtet, dass ihr kleiner Sohn wütend wird, wenn er sich nicht verstanden fühlt. Demnach wäre auch Verständnis ein Mittel gegen die Wut.
     Welche Folgen könnte es haben, wenn sich die Bedingungen auf der Erde ändern, wenn z.B. Hungersnöte als Folge der Klimaänderungen auftreten? Wenn Zorn, Hass, Wut überhand nehmen - wie soll da eine Ethik funktionieren?
     Rücken die Menschen in Notzeiten enger zusammen, entwickeln Mitgefühl? Oder geht es dann zurück ins Tierreich?
     Eine säkulare Ethik ist weltlich, nicht geistlich. Sie muss weltumspannend sein. Voraussetzung ist Verständnis. Blicken wir nach Gaza: Wo kann da das Verständnis anfangen?
     Die Probleme entzerren sich, wenn wir geduldiger werden und verständnisvoller miteinander umgehen, die Position des anderen verstehen, ohne die eigene aufzugeben. Das ist der erste Schritt zu einer säkulären Ethik.

Politischer Exkurs:
Die Rationalität der französischen Streikbewegung gegen die Renten“reform“ wurde in Zweifel gezogen. Die Reform sei nötig, es handele sich um eine Frage der Arithmetik. Wenn dem so sei, hieß es: Reiche es dann, alleine den demografischen Faktor einzubeziehen, oder spielten auch Aspekte wie Produktivität und Zinsen eine Rolle?
     Weitere Fragen:
Geht es um die Verteidigung von Privilegien (Rente ab 52 für Lokführer), deren Abschaffung mehr Gerechtigkeit schaffen würde, oder ist die Reform Bestandteil einer bereits seit Jahren praktizierten Strategie der Umverteilung von unten nach oben? Leben wir angesichts einer Staatsquote von 50% bereits im Kommunismus, oder ist in Anbetracht weitgehender und fortschreitender Privatisierungen eher das Gegenteil der Fall?
     Da diese Thematik nur sehr vermittelt mit dem Text des Dalai Lama zusammenhängt und für ein ergiebiges Gespräch detaillierte Kenntnisse des g e s a m t e n Reformvorhabens wie auch der politischen und sozialen Verhältnisse in Frankreich erforderlich scheinen, gehe ich auf diesen Teil des Treffens nicht weiter ein.

Kommentar zum „politischen Exkurs“ (Klaus Burghardt)
Produktivität schlägt Demografie
Um 1900 kamen auf eine Person über 65 Jahren rund 12 Erwerbsfähige, in 2000 waren es gerade noch 4 (Quelle:ver.di). Ein dramatischer Rückgang, einschneidender als der, der für die nächsten 50 Jahre prognostiziert wird.
Der Lebensstandard aber ist in dieser Zeit deutlich gestiegen. Es gibt keinen Automatismus, dem zufolge steigende Lebenserwartung weniger Wohlstand bedeutet. Entscheidend ist die Verteilung des
Produktivitätsfortschritts. Findet diese „gerecht“ statt, kann auch der Sozialstaat finanziert werden.
(Einflussfaktoren wie Beschäftigungsgrad, Bildung, Lohnhöhe etc. lasse ich hier beiseite.)
Derlei Zusammenhänge werden von interessierter Seite gerne ignoriert. Gerd Bosbach, Professor für Statistik und Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Hochschule Koblenz, weist darauf hin, dass Institutionen extra dafür geschaffen wurden, um „den demografischen Wandel in der Öffentlichkeit verständlich [sic!] zu machen1.“
Dahinter stehende Interessen? Bosbach nennt als größte Interessengruppe die
Versicherungswirtschaft. Diese wolle an den gesetzlichen Rentenanteil, der 10% des Bruttoinlandsprodukts ausmache - ein Batzen von über 300 Md. €2. Dafür lohnt es sich ohne Frage, das eine oder andere Institut zu gründen, um mit wissenschaftlichem Renommee im Rücken die Privatisierung der Rente bewerben zu können. Und: Alle Arbeitgeber profitieren von
einer Senkung der Lohnnebenkosten, deren größten Teil eben die Rentenbeiträge ausmachen.
In Frankreich sieht es ähnlich aus. Ex-Investmentbanker Macron und andere Regierungsvertreter treffen sich mehrmals mit dem Boss der weltweit größten Fondsgesellschaft Blackrock (Verwaltetes Vermögen: Fast 7 Bio. $).
Thema u.a.: Privatisierung der Staatsunternehmen. Der Präsident von Blackrock France, Cirelli, dient Macron in der Kommission für den Rückbau des französischen Staates. „Wichtiger Punkt auf der Agenda: die Neuorganisation der privaten Altersvorsorge“ (Tagesspiegel). Der Hochkommissar für Pensionen, Delevoye, ist seit 2016 Direktor des Ausbildungsinstituts der Versicherungswirtschaft (Libération), ...  

1 Keine Ahnung, welche Insitutionen Prof. Bosbach konkret im Auge hat. Einrichtungen, die sich für eine Privatisierung der Altersvorsorge einsetzen, sind z.B.: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Forschungszentrum Generationenverträge-Institut, Deutsches Institut für Altersvorsorge, ... Weitere Infos:https://www.diverseverse.de/politisches/rentenprivatisierung/
Achtung: Der Link wurde geändert!

2 Das deutsche BIP betrug 2018 = 3.344,37 Md. €. Davon 10% machen ca. 334 Md. aus. Quelle: statista.com

Vorschau 3.1.2020                                         Christian Brehmer

Der "Appell des Dalai Lama an die Welt" bewegt uns immer noch. Gemäß einer Emnid- Umfrage wird der tibetische Mönch als der weiseste Mensch der Welt eingestuft . Selten hat sich ein Text als so fruchtbar für einen Gedankenaustausch erwiesen. Handelt es sich doch um den Ausweg aus der  Gegenwartskrise der Menschheit. Jeder bewusste Staatsbürger, gleich welcher Nation, jede/r Oberstufenschüler/in sollte sich damit auseinandersetzen. Am 3.1. geht es um die letzten Abschnitte des Appells.
       "Ich schlage vor: Mehr zuhören, mehr nachdenken, mehr meditieren. Mit Mahatma Gandhi meine ich: > Wir müssen selbst die Veränderung sein, die wir in der Welt zu sehen wünschen.< ". (S.11) Sich selbst verändern kann unangenehm sein. Wer will schon geduldig an sich selbst arbeiten und seinem inneren Chaos ins Auge sehen?  Längst ist die ganzheitlich-heilsame Wirkung von Meditation wissenschaftlich nachgewiesen. Und dennoch scheuen sich noch viele davor, wie  Kleinkinder, die sich vor der Medizin scheuen.
Dalai Lama (um es zu wiederholen): "Wenn alle 8-Klässler die Meditation erlernen würden, hätten wir Weltfrieden in einer Generation".

 

Mittwoch, 27. November 2019

Nachschau 8.11.2019: Ethik ist wichtiger als Religion Klaus Burghardt

Wir lasen den Appell des Dalai Lama (Quelle siehe vorige Nachschau) erneut abschnittsweise, dieses Mal vom 4. Abschnitt an: „Wir müssen jetzt lernen, ...“ bis „ ...und unserem Mitgefühl zu wenig.“

Die Hauptgesprächspunkte:

1. Religion vs. Ethik
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Ein Teilnehmer (die weibliche Form ist immer mit gemeint) sprach sich unter Bezugnahme auf die Aussagen des Dalai Lama* dafür aus, den schulischen Religionsunterricht durch einen Ethikunterricht zu ersetzen. „Was ist den Menschen gemeinsam?“ fragte er. Ihre Vernunftfähigkeit. Philosophie / Ethik befasst sich mit rationalen Begründungen und mit kritischem Hinterfragen. Beides Dinge, die der Religion gerade nicht wesenseigen sind, mit denen sich aber Kinder und Jugendliche gleich welcher Religionszugehörigkeit in einem gemeinsamen Diskurs beschäftigen und dabei das Gemeinsame herausarbeiten können - auf der Grundlage dessen was sie verbindet, nämlich ihre Vernunftfähigkeit, und nicht auf der Grundlage dessen was sie trennt, nämlich ihre
unterschiedlichen religiösen Bekenntnisse. Das wäre auch gut für die Integration ausländischer Schüler.
     Die meisten „Diskutanten“ sprachen sich gegen diesen Vorschlag aus.
„Wer ist kompetent, Ethik zu lehren?“ wurde gefragt. Und: „Wer arbeitet die Richtlinien aus?“
Ethik könne Religion nicht ersetzen. Es gehe um die Verbindung mit dem Gottesbewusstsein. Im
Religionsunterricht bekomme das Bewusstsein die Möglichkeit, in die göttlichen Sphären zurückzukehren. Für Kinder sei ein solcher Unterricht unerlässlich. Einige Zitate:
  • „Kinder brauchen Anleitung und Vorbilder.“
  • „Die Kinder brauchen Geschichten und praktische Beispiele. Jesus hat Krankheiten geheilt, er hat die Liebe gelehrt.“
  • „Kinder müssen Geschichten lesen und hören. Das ist konkreter.“
  • „Kinder fagen sich: Warum ist die Welt so, wie sie ist? Dann braucht es Geschichten.“
  • „Das können biblische oder weltliche Geschichten sein.“
  • „Jeder Mensch hat eine andere Vorstellung von Gott. Das soll unterrichtet und besprochen werden.“
  • „Jedes Kind sucht sich gute Vorbilder. Unsere Welt hat nicht viel zu bieten. Kraft, Macht, Intelligenz, ... In der religionsangelehnten Welt gibt es noch gute Vorbilder: Engel z.B.“ Von nur e i n e m Vorbild müsse man wegkommen. Gut wäre es, positive Göttervorbilder zu schaffen.
„Religion besteht aus Narrativen, aus Mythen. Das soll man nicht ändern. Man kann das deuten und auf den Sinngehalt abklopfen. Man kann auch ethische Prinzipien daraus ableiten. Egal, ob es biblische oder literarische Geschichten sind.“
     „Der Religionsunterricht kann doktrinär sein oder offen.“ Es gehe darum, die Kinder zum Nachdenken zu bringen. Wobei religiöse Texte, vermittelt von religiös geschulten und mehr oder weniger überzeugten / fanatisierten Lehrern, die Gefahr der Überbetonung des die jeweilige Religion spezifisch Ausmachenden, eben des Trennenden bieten.
     Das Fach Ethik müsste fachübergreifend gelehrt werden. Früher gab es Sozialethik in allen Fächern. „Herr der Fliegen“ z.B. wurde im Deutschunterricht behandelt. Macht so etwas einen speziellen Ethikunterricht überflüssig?
     Der Film „Cahier Africain“ wurde angesprochen. „Christen gegen Muslime. Da geht es nur um Flucht. ... Wo fängt man da an?“ Hier stellen sich, so ein Teilnehmer, Fragen nach der Ethik von Gruppen und Fragen von übergeordneter Religion oder Ethik.
     Ein anderer: Der Dalai Lama gehe von der Grundannahme aus: Alle Menschen wollen glücklich sein. Es biete sich ein Bottom-Up-Verfahren an. „Jeder schaue bei sich. Jeder will das. Deshalb sitzen wir in einem Boot. Wer das verstanden hat, hat mehr Verständnis für den Anderen.“
     „Wer bin ich? Wer sind wir?“ fragte jemand. „Gott ist das Allbewusstsein. Jeder von uns ist ein Teil davon. Je mehr wir uns entwickeln, um so mehr werden wir uns dessen gewahr. Man fühlt Einheit. Alles, was ich sehe, gehört zu uns allen. Durch Meditation werden wir uns dessen gewahr. Die Kinder haben nur verschiedene Zugangswege.“
„Die Liebe, die in unseren Herzen blüht, hoffen wir, dass sie auch in der ganzen Welt blühe.“

2. Der Mensch
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Man sollte sich mehr mit der Frage beschäftigen, wie der Mensch gestrickt sei, riet ein Teilnehmer. Da gebe es verschiedene Fachgebiete: Geschichte, Hirnforschung ... Aber: Man wolle manches gar nicht wissen. „Man hat Vorstellungen, man glaubt etwas. Der Mensch hat Gefühle, Interessen, Machtgelüste ... Es braucht nicht nur etwas guten Willen, damit das funktioniert. So einfach ist das nicht.“
     „Es gibt keine großen Politiker, die denken wie der Dalai Lama. Menschen wählen die falschen Politiker. Auch Dummheit spielt eine Rolle. Auch in der Schule gelingt nicht alles. Es reicht nicht, Idealvorstellungen zu präsentieren. Es gibt nicht nur ideale Schüler.“
     „Mensch, erkenne dich selbst, dann wirst du die Welt erkennen“ betonte ein Teilnehmer unter ausdrücklicher Bezugnahme auf den Tempel von Delphi. Wenn es die Selbsterkenntnis gäbe, würde ein Konsens schnell gefunden werden, meinte er. Selbsterkenntnis wäre eine gemeinsame Grundlage für Menschen verschiedener Religionen. Man müsse Prinzipien und Dynamiken entdecken, die wir alle gemeinsam haben. Wer meditiert, werde im Laufe der Zeit auch die Liebe entdecken. Dies gelte auch für „Böse“, auch für Konzernbosse. „Die werden dann ausgetauscht :-)“ warf jemand ein.
„Mensch, erkenne dich selbst, dann wirst du deine Mitmenschen und die Welt erkennen.“
     Jeder Mensch bestehe aus Körper, Geist und Seele. „Diese kommen bei der Entspannung in Übereinstimmung. Dann bin ich bei der Liebe. Dann kann ich die Probleme lösen, die aus einem Mangel an Liebe resultieren.“

3. Diverses
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Die Aussage des Dalai Lama „Die Hauptursachen für Kriege und Gewalt sind unsere negativen Emotionen.“ wurde in Zweifel gezogen. Die Gründe seien vielmehr in letzter Instanz ökonomischer Art, wobei politische, strategische, oder Erwägungen hinsichtlich der Sicherheit von Transportwegen oder der Energiesicherheit sich allesamt auf ökonomische Grundlagen zurückführen ließen. Die Gegenposition: „Was steckt hinter den Interessen der Großkonzerne? Macht und Gier - das aber sind negative Emotionen.“
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* „(...) Wir alle sind physisch, mental und emotional Brüder und Schwestern. Aber wir legen den Fokus noch viel zu sehr auf unsere Differenzen anstatt auf das, was uns verbindet. (...) Kinder sollten Moral und Ethik lernen. Das ist hilfreicher als alle Religion.“ (4. und 5. Abschnitt)


Kommentar                        Klaus Burghardt
Negative Emotionen - Ursachen für Kriege?
Gegenthese: Die Gründe sind letztlich ökonomischer Art.

Im Kapitalismus müssen Unternehmen möglichst kostengünstig produzieren, um gegenüber der Konkurrenz bestehen zu können. Niedrige Löhne, Rohstoff- und Energiepreise, insbesondere aber Rationalisierung erweisen sich hier als hilfreich. Letztere erfordert allerdings Investitionen, welche wiederum Gewinne voraussetzen. Je größer der Gewinn, umso mehr kann investiert, rationalisiert, desto kostengünstiger kann produziert, desto eher die Konkurrenz unterboten oder gar aufgekauft (ggf. auch eine Übernahme des eigenen Unternehmens verhindert) werden.
     Hierzu braucht es allein eines rational handelnden Subjekts, das die Funktionsweise der freien Wirtschaft durchschaut und sich an die betriebswirtschaftlichen Regeln hält. Emotionen wie Gier sind nicht erforderlich, können evtl. sogar schaden.
     Die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechende Ideologie fördern allerdings Egoismus und Gier. Von daher sollten Menschen, die auf Kooperation und Liebe setzen, dieses System kritisch beäugen.
     Der Konzernchef, der sich meditierend in Widerspruch zum Prinzip der Gewinnmaximierung setzt, wird gefeuert, oder das Unternehmen verschwindet vom Markt (Nischen ausgenommen).
     Zum Krieg: Kein Öl, keine seltenen Erden, ein Umweg über Kap Hoorn erforderlich? Das reibungslose Funktionieren der freien Wirtschaft, ihre Profite (s.o.) sind in Gefahr? Konzerne, Banken und Staat werden alles - notfalls auch „legitime“ Gewalt - daransetzen, derlei Widrigkeiten abzuhelfen.

PS:
„Profitmaximierendes Verhalten folgt dem Diktat der Zweckmäßigkeit und ignoriert die Forderungen der Moral. Finanzmärkte sind nicht unmoralisch, sondern amoralisch“ so der US-amerikanische Investor George Soros. Menschen mit Skrupeln hätten in diesem knallharten Umfeld keine Chance, meint er.

Kommentar                                        Christian Brehmer 
Negative Emotionen - Ursachen für Kriege?
Unterstützende These

Unser oben geschildertes neoliberales Wirtschaftssystem bewikt Stress und Frust für die Mehrheit der  Bevölkerung.  Unsere Gesellschaft ist voller Spannungen. Letztere verursachen häufig negative Emotionen. Sie begünstign nicht nur psychosomatische Krankheiten, sondern auch eine Aggressionspotenzial, das sich abreagieren will bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen.
Kollektive negative Emotionen kumulieren zu einem morphogentischen Feld, das negatives Verhalten begünstigt. (Vergl.  Sheldrake Hypothese)
Ergo: Das Praktizieren einer Entspannungstechnik ist von hoher gesellschaftspolitischer Bedeutung.
Dalai Lama: "Wenn alle 8-Klässler die Meditation erlernen würden, hätten wir Weltfrieden in einer Generation."

Vorschau 6.12.2019
Wir haben uns geeinigt, den Dialog über den hochaktuellen Text des Dalai Lama "Ethik ist wichtiger als Religion" fortzusetzen. Wir werden weiterlesen zur Grundlage unseres Gespräches ab S. 11 "Ich schlage vor...."   Einen Link zum Text finden wir in der Nachschau vom 4.10.                                         





Samstag, 26. Oktober 2019


Nachschau 4.10.2019: Ethik ist wichtiger als Religion
 Klaus Burghardt

Grundlage für unser Gespräch war der „Appell des Dalai Lama für eine säkulare Ethik und Frieden“. Man findet den Text im Internet unter dem Link
  
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Der zweiseitige Appell-Text befindet sich hinter dem Vorwort von Franz Alt.

Wer mit seinem PC keine PDF-Dokumente lesen kann: Eine abweichende (besser strukturierte, besser lesbare) Version / Übersetzung des Appells findet sich hier:


Wir haben im Rahmen unseres Treffens die ersten drei Abschnitte des Appells gemeinsam gelesen und beprochen.

Es ging dabei um zwei große Themenbereiche:

1. Religion und Ethik

2. Der freie Wille.

„Seit Jahrtausenden wird Gewalt im Namen von Religionen eingesetzt und gerechtfertigt.“ lautet der erste Satz des Appells.

Mehrere Redner (die weibliche Form ist immer mit gemeint) betonten, dass „nicht die Religionen per se“ gewalttätig seien, sondern dass es auf „die Menschen“, auf „das Umfeld“ ankomme. „Die Religionsstifter haben das Einssein der Menschen erfahren und daraus gelernt.“ „Nicht die Religionen machen den Menschen aggressiv oder liebevoll. Es gibt liebevolle Kinder - einfach so, ohne Religion.“

„Das Christentum ist gegen Gewalt.“ „Jesus: 'Liebe deinen Nächsten'“. Es gebe aber Religionen, wo das nicht so eindeutig sei. Wem im Paradies 100 Jungfrauen versprochen werden, der habe möglicherweise ein anderes Verhältnis zu der Frage.

„Religion hat schon was mit der Gewalt zu tun.“ meinte auch ein anderer Teilnehmer. Wer aus religiösen Gründen tötet, mit dem muss doch die Religion etwas gemacht haben. „Wenn man glaubt, dass die eigene Religion das einzig Wahre ist“ dann falle es leichter, andere umzubringen.

Gegenthese: Ursache für Attentate ist eine „schräge Psyche, aber nicht die Religion“.

Damit waren wir bei dem vom Dalai Lama angesprochenen Missbrauch der Religion. Solch Missbrauch habe immer auch mit Gefühlen zu tun. Die Emotionen können einen übermannen. Dann muss die Vernunft korrigierend zum Einsatz kommen. Und so, wie die Religion „oft missbraucht oder instrumentalisiert“ wird (Dalai Lama), „um politische oder wirtschaftliche Interessen durchzusetzen“, geschieht Ähnliches mit politischen Idealen: „Demokratie wird anderen beigebracht mit Bomben im Namen der Demokratie“.

Hätten wir uns, wie ein Teilnehmer meinte, ohne Religion schon alle gegenseitig umgebracht? „Auch früher hat nicht jeder jeden totgeschlagen.“ hielt ein anderer dagegen.

Und damit haben wir auch den Übergang zur Ethik. Dabei handle es sich um einen jahrhunderte-, gar um einen jahrtausendelangen ethischen Reifungsprozess. Der aber auch Schübe erfahren kann - so z.B. das Erleuchtungserlebnis Thomas von Aquins. Das sei ein ethischer Quantensprung gewesen gewesen, geboren aus der tranzendentalen Stille [als Ergebnis der Meditiation (Klaus)].

Die vom Dalai Lama geforderte „säkulare Ethik“ - wo soll sie herkommen? Wie soll man sich darauf einigen, wie die Menschen überzeugen? „Toleranz und Nächstenliebe sind dem Menschen nicht angeboren, die Empathie ist auf wenige Personen beschränkt“ hieß es. Der Verweis auf Hans Küngs „Projekt Weltethos“ wurde verbunden mit der Information, dass man sich schon einmal mit dieser Problematik befasst habe.*

„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“ wurden Plautus und Hobbes zitiert. „Ein gewisses Maß an Aggression steckt drin - und Empathie auch.“

Ist der Mensch von Natur aus gut oder schlecht? Vermutlich sowohl als auch. Es komme darauf an, gesellschaftliche Verhältnisse zu schaffen, in denen die positiven Anlagen gefördert und die negativen möglichst unterbunden oder abgebaut würden.

Hier kommt nun der freie Wille ins Spiel.

Einige Aussagen:

„Wenn im Gehirn materielle Prozesse ablaufen - woher soll dann der freie Wille kommen?“
„Über das Unterbewusstsein hat man keine Kontrolle.“
„Wir haben keine Kontrolle, was bei den Arbeiten des Gehirns rauskommt.“
„Zu einem gewissen Punkt kann ich frei entscheiden, welche Musik ich höre.“
„Man kann den Körper zwingen, auch wenn er keine Lust hat. Der Körper ist nicht vollends bestimmt.“  „
„Systemzwänge und Körpervorgänge bedeuten Unfreiheit. Aber: Reflexion ist ein Element der Freiheit. Wir durchschauen die Zwänge.“
„Wir sind konditioniert durch Genetik und Sozialisiation und die jeweilige Situation („le moment“).
„Die Gefühle sind ausschlaggebend.“
„Freier Wille wäre Wirkung ohne Ursache.“
„In freier Meditation bin ich die Ursache. Das ist ein freier Wille.“
„Was ist daran frei? Kann das Einbildung sein?“
„Kreativität: Man kann ohne Ursache etwas aus sich selbst heraus schaffen, ohne Ursache.“
„Gibt es Kreativität überhaupt? Existiert nicht schon etwas, bevor wir es entdecken oder benennen?„Wenn wir alle so frei wären, das Gute zu tun, warum tun wir es nicht?“
„Spielen hier wieder gesellschaftliche Strukturen und Interessen eine Rolle?“ (...)

Da das Hauptthema „Religion und Ethik“ lautete, wollen wir an diesem Punkt auf den freien Willen nicht ausführlicher eingehen.

Bei unserem nächsten Treffen wollen wir uns weiter mit dem Appell des Dalai Lama auseinandersetzen.
_____
* Siehe Vorschau und Nachschau zum 5.2. 2016: Ein Abend mit Professor  R. Mokrosch  über Fragen zum „Weltethos“   
      

Ethik ist wichtiger als Religion.     Kommentar                 Christian Brehmer

Gemäß der Tiefenphilosophie, wie sie zum Beispiel von Platon und Aristoteles vertreten wird,  gibt zwei Realitäten: eine relative Realität – das Universum mit unserer Welt und eine absolute Realität, den Urgrund, den Logos – quantenphysikalisch: das Vereinheitlichte Feld, aus dem alles hervorgegangen ist. (Vergl. www.bewusstseins-evolution.de)
Und das was hervorgegangen ist, die Schöpfung, ist schön, ist geordnet und ist gut  (solange sich nicht der Mensch einmischt).  Mithin müssen u.a. Schönheit, Ordnung = Wahrheit und das Gute  dem Vereinheitlichten Feld innewohnen.  
Der Mensch hat nun die Fähigkeit, sich von allem Relativen zu lösen, z.B. in der Meditation  und vermag in der transzendentalen Stille das  Absolute oder das Vereinheitlichte Feld, den Logos zu berühren  –   einen Urgrund, der zugleich die Quelle aller Ethik und Religionen ist.
Erhebungen belegen, dass Menschen, die regelmäßig meditieren und transzendieren,  z.B. in Kohlbergs Stufenmodell moralischer Entwicklung, überdurchschnittlich gut abschneiden.  Der Kontakt mit dem Vereinheitlichten Feld ist zugleich  der Kontakt mit einer naturgegebenen Ethik. „Wir leben in einem liebenden Universum“, resümiert Albert Einstein.  Menschen  in unterschiedlichen Regionen der Erde machen zwar die gleiche Erfahrung,  aber interpretieren  und formulieren sie unterschiedlich. So entstehen die Religionen.