Samstag, 21. Januar 2017



Nachschau  6.1. 2017: Dialogführung nach David Bohm                                                            Christian Brehmer
Diesmal ging es, wie angekündigt, um den Dialog nach David Bohm; es ging um den Versuch einer Optimierung des Gruppengesprächs. Denn in der Gruppe kann es zu kreativen Erkenntnissen kommen, die ein Einzelner nicht leisten kann. Das Ganze ist mehr als die Summe der Einzelteile: eine Systemgesetz-mäßigkeit der Natur und das Bauprinzip der Evolution (s. Abbildung).  Dazu bedarf in unserem Falle eines entspannten Gruppenfeldes, das die Kreativität fördert. Deswegen noch einmal die Spielregeln, wie sie unser Referent, Klemens Speer, in Anlehnung an David Bohm erarbeitet hat:
- Keine Ping-Pong-Diskussionen zwischen wenigen Teilnehmern. Jeder soll einen Beitrag leisten.
- Aus der eigenen Mitte, aus dem Herzen in den Raum, zur Gruppe sprechen – in Ich-Form.
- Kurze Stille nach jedem Beitrag: nachspüren.
- Es ist nicht erforderlich, Beiträgen, denen ich nicht zustimmen kann, zu widersprechen.
-  Keine Bewertung von Beiträgen.
- Kurze Beiträgen – auf den Punkt kommen.
- Keine Wiederholung von Beiträgen – sondern nur sehr kurze Zustimmung.
- Nicht entweder/oder, sondern sowohl/ als auch.
- Nicht ja oder nein, sondern „in der Schwebe halten.“
- Gute Impulse für Veränderungen, kreative Lösungen kommen oft „von den Rändern“.                             © - Klemens J.P. Speer
Unser Thema „Was ist  Spiritualität?“ wurde in drei Gesprächsrunden unter Berücksichtigung der Spielregeln eingekreist. Jeder konnte mit dem weitergereichten Redestein zu Wort kommen. Es gab profunde Beiträge, deren Wiedergabe eine kurze Nachschau überfordern würde. Hier ein paar repräsentative  Beispiele:
- Sich der Gegenwart öffnen, wach und präsent.
- Der rote Faden im Leben.
- Alles Handeln als Gottesdienst betrachten.
- Die Ebene, die alles durchzieht und vereint.
- Das Leben als Spiel betrachten und mitspielen.
- Alles was den Sinn des Lebens, die Rückkehr zum Ursprung, fördert.
- Das Nachdenken über säkulare Dinge bewirkt Spiritualität.
       Der letzte Punkt war immer zentral in unseren Philrunden:  die Reflektion > dann die Abstraktion in der Meditation > und vielleicht  die reine Reflektion, die STILLE = die Quelle der Spiritualität.                                                                                                                                        In einer letzten Runde lag der Redestein in der Mitte. Jeder konnte ihn sich nehmen und den Abend reflektieren und ggf. kritisch kommentieren.

Vorschau  3.2.2017: Erkenntnis durch 
 Co-Kreativität                 Christian Brehmer
„Unsere größten, aktuellen  Probleme fußen auf einer Beziehungskultur, in der wir uns gegenseitig zum Objekt unserer Bewertungen und Absichten machen. Wir könnten die überall anzutreffenden hierarchischen Strukturen aber auch auflösen und uns, statt einander dominieren zu wollen, gegenseitig unterstützen. Ganz automatisch entsteht in einer derartigen neuen Beziehungskultur ein Ausmaß an Co-Kreativität, das es uns leicht macht, gemeinsam Lösungen für die dramatischen Situationen auf der Welt zu finden."      Prof. Dr. Gerald Hüther, Neurobiologe
Wir hatten schon wiederholt unsere Quellen der Erkenntnis thematisiert: Die Sinne, der Verstand, das Bauchgefühl, die Intuition. (Vergl. untenstehendes Gedicht von Klaus Burghardt) Nun hat uns unsere letzte Philrunde die Möglichkeit eine weiteren Quelle der Erkenntnis eröffnet: die Co-Kreativität. Durch Beachtung gewisser Spielregeln im Gruppen-Dialog kann es zu spontanen Erkenntnissen kommen.  Die wenigen angeführten Beiträge zu der Frage „Was ist Spiritualität?“ in der Nachschau vom letzten Mal zeugen von  Tiefe. Vielleicht war hier schon Co-Kreativität im Spiel. Wir wollen das beim nächsten Mal am 3.2. noch einmal austesten mit der Frage „Was kann ich beitragen zu einer besseren Welt?“  Klemens Speer wird uns noch einmal begleiten. Die meisten von uns sind mit den Spielregeln bereits vertraut, so dass wir etwas lockerer einsteigen können.  
„Die höchste Form dieser Art von Austauschprozessen entsteht immer dann, wenn gemeinsam nach Lösungen gesucht wird. Diese gemeinsame Suche nach Lösungen heißt Co-Kreativität, an dem jeder als Individuum beteiligt ist, aber das Ganze sich in einer Gemeinschaft abspielt. Es kommt auf jeden an. Was gefunden wird, ist mehr als das, was sich ein Einzelner ausdenken könnte. Wir scheitern gegenwärtig in so vielen Bereichen unserer gesellschaftlichen Entwicklung, weil wir die Probleme, die wir erzeugt haben und die uns jetzt zu schaffen machen, auf die bisherige Weise nicht lösen können. Wir haben keine Erfahrung, wie wir Gemeinschaften bilden, deren Mitglieder wirklich Interesse haben, die Problem gemeinsam zu lösen und nicht gegeneinander….“  
 Gerald  
Hüter                                                                                                       

Die Intuition                                       Klaus Burghardt      
Jeder möchte wohl gerne Erkenntnis gewinnen
Was ist Wahrheit? so fragt sich die Philosophie
Alles Wissen, so heißt es, hebt an von den Sinnen1
Nur - die geben Dir keine Erfolgsgarantie

Also bleibt der Verstand, wird so mancher sich sagen
[Die Vernunft muß ihn lotsen und leiten und lenken]
Der beschäftigt sich gerne mit kniffligen Fragen
Doch manch' Lösung verschließt sich dem logischen Denken

Nimm nur einmal als Beispiel die Welt der Gefühle
Mit Affekten und Ahnungen, Zweifeln und Angst
Völlig klar, daß Du etwa bei Haß oder Liebe
Mit der Logik wohl kaum zu Erkenntnis gelangst   

Auch auf and'ren Gebieten ergeben sich Schranken
Ob Natur, ob Gesellschaft, ob Recht, ob Moral
Die genialsten, gescheitesten, kühnsten Gedanken
Die verrennen sich völlig und scheitern total

Doch zum Glück gibt's noch and're Erkenntnismethoden
Eine kennen wir alle als „Intuition“
Nach dem Forschen: entspannen, verschnaufen, erholen ...
Und Heureka! - die phänomenale Vision

Archimedes lag chillend verträumt in der Wanne
Als ihn plötzlich abrupt der Erkenntnisblitz traf
Als er unverhofft glasklar die Lösung erkannte ...
Kekulé ging es ähnlich - im halbwachen Schlaf

Unser inneres Auge hat etwas gesehen
Nein, genauer vielleicht: Es hat etwas „geschaut“
Dies will allerdings nun der Verstand auch verstehen
Der hat immer schon sehr auf Kontrolle gebaut

Er will prüfen, bewerten und elaborieren
Als Pragmatiker wie auch als Rationalist
Dann noch implementieren und  verifizieren -
[Und auch dokumentieren! verlangt der Chronist :-)]

Jeder sollte sich also demnächst mal entspannen
Manchem hilft hier ein Bier, and'ren Meditation
Wenn wir nun auch noch jegliches Denken verbannen
Sind wir endlich bereit für die INTUITION



Donnerstag, 8. Dezember 2016

Dialog nach David Bohm



Nachschau  2.12.2016 : Was macht Menschen empfänglich für Ideologien?                                             Klaus Burghardt,  Christian Brehmer       

 Einleitend wurde das Positionspapier (s. Vorschau) mit Anmerkungen vom Verfasser/ Referenten vorgetragen.
Es gab reichlich, z.T. kontroversen Gesprächsstoff. Ist es doch die Frage "warum?", die nicht nur Kinder, sondern insbesondere Philosophen herumtreibt. Die Reflexion steht am Anfang aller Philosophie. Sie kommt zu kurz in unserer schnelllebigen Zeit, oftmals mit fatalen Folgen. Das sehen wir am aufflammenden Nationalismus in der Weltpolitik: Trump, Front National, Polens Regierung, Brexit, Erdogan, AfD -  um nur einige Reizworte zu nennen. Sie zehren von unreflektierten Ideologien. Und gleichfalls unreflektierte Emotionen sind es, welche die Menschen dafür empfänglich machen.  Die Realität wird verzerrt, die Menschen leiden.
Als eine mögliche Ursache für den Erfolg rechter Bewegungen wurde die Angst vor der Globalisierung genannt. Ob die Globalisierung  nicht selbst eine Ideologie sei, fragte ein Teilnehmer kritisch. Zu bedenken sei auch, so eine weitere Position, dass die Hinwendung zu rechten Parteien eine Reaktion der Menschen darauf sein könne, dass sie sich von der offiziellen Politik im Stich gelassen und nicht ernst genommen fühlten. Die gute wirtschaftliche Entwicklung komme bei vielen Menschen nicht an. Eine unsichere soziale Lage, prekäre Arbeitsverhältnisse*, Abstiegsängste, ungerecht erscheinende Einkommens- und Vermögensverteilung**, ... dazu politische Entscheidungen, die den Einstellungen vieler Bürger entgegenliefen führten zu einer „Jetzt-sind-wir es-leid“-Haltung.
Sind unpopuläre Maßnahmen von (oftmals der neoliberalen Ideologie anhängenden?!) Politikern notwendige Folge der Globalisierung oder wird Letztere als Vorwand für eben jenes politische Handeln genutzt? Die Frage bleibt (natürlich) offen.
Auch das folgende Problem wurde nur kurz angerissen:
Wir können uns bestimmten Ideologien gegenüber (Freie Marktwirtschaft, Jeder ist seines Glückes Schmied, ...) kaum behaupten, so eine These. Von klein an beeinflußt (Eltern, Schule, Ausbildung, ..., später kommen Werbung und Medien hinzu) ist es sehr mühsam, sich z.B. durch Nutzung alternativer Informationsquellen eigenständige Positionen zu erarbeiten.
Die Anfälligkeit für Ideologien, so die wiederholte Meinung, sei Folge von Mangel an Reflexion.  Zur Behebung der Schwierigkeiten müsse man beim Individuum ansetzen. „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ (Albert Einstein) Es gehe also darum, zu einer neuen Denkweise, einem neuen Erkenntnismodus, einem neuen Bewußtseinsmodus zu gelangen. 
Hierbei könne die Meditation helfen: Das logisch-diskursive Denken werde durch rekursives Denken, durch Lenkung der Aufmerksamkeit nach innen, ergänzt. „Das Denken des Nichtdenkens“ (Aristoteles), die Stille, führe den Menschen zur Sophia, zur Weisheit.
Gegen Ende des Treffs wurde das Thema „Kollektivbewußtsein“ angesprochen und zu einem der möglichen Themen im nächsten Jahr gekürt.
_______________________________
Folgende Zahlen wurden u.a. genannt:
*
- Rund 39 Prozent aller abhängig Beschäftigten in Deutschland waren 2015 in Teilzeit, Leiharbeit oder Minijobs tätig.
- 7,02 Millionen Menschen leben von Arbeitslosengeld oder Hartz-IV-Leistungen
- Diejenigen, deren Löhne kein Tarifvertrag mehr regelt - das ist inzwischen jeder zweite -, verdienen heute 18 Prozent weniger als im Jahr 2000.
**
- Noch 1970 gehörten dem reichsten Zehntel der deutschen Gesellschaft 44 Prozent des gesamten Volksvermögens. 2012 gehören ihm über                 66%.
- Die Einkommensungleichheit ist heute deutlich höher als noch vor gut 20 Jahren.
- Innerhalb der Eurozone ist Deutschland das Land mit der zweithöchsten Vermögensungleichheit. 



 Vorschau 6.1.2017: Dialogführung nach David Bohm mit dem Thema "Was ist Spiritualität"?         Klemens Speer
  
Das Buch "Der Dialog" des Physikers und Philosophen David Bohm (1917 -
1992) ist 1998 aus seinem Nachlass erschienen. (Bohm wurde insbesondere
bekannt durch sein Buch "Die implizite Ordnung") "Der Dialog" war sein
Versuch eine Antwort auf die damalige gesellschaftliche Situation in den
70er und 80er Jahren zu finden. Sie war geprägt von der zum Teil
fundamentalistischen Position der Grünen im Verlauf der Gründung der
Grünen Partei und der Auseinandersetzung mit dem Terrorismus der Roten
Armee-Fraktion. Zu der Zeit schlugen in der politischen
Auseinandersetzungen über die Presse in der Gesellschaft hohe Wellen.
Diese Zeit ist im gewissen Sinne vergleichbar mit der heutigen
Diskussion um das Thema Flüchtlinge und die Terroraktionen im Namen der IS.

Der Beitrag Davis Bohms durch sein Buch zielte auf eine Versachlichung
der politischen Auseinandersetzung. Ein zentraler Aspekt seines
Vorschlags war, alle gesellschaftlichen Gruppen an einen Tisch zu
bringen. Er schlug Gruppenbildungen von 30 bis 40 Personen vor, die
mindesten über einen Jahr hinweg sich regelmäßig zu einem Dialog
zusammensetzen. In seinem Buch hat er die Bedingungen diskutiert und
vorgestellt, auf die sich alle Gruppenmitglieder vorher einigen müssen,
damit ein solcher Dialog gelingen kann. Der Untertitel seines Buches
lautet daher: "Ein offenes Gespräch am Ende der Diskussionen". Es geht
ihm also um eine Diskussion, die in die Tiefe geht und weit über eine
Ping-Pong-Diskussion hinaus weist, (die oft eher die Positionen
verschärft, statt Lösungen zu finden), um zu einem wirklichen Kern für
eine Verständigung vorstoßen zu können.

Auf der Grundlage dieses Buches sind von mir Spielregeln für einen
"meditativen, achtsamen Dialog" herausgearbeitet worden, der
insbesondere für Übungsgruppen (aus dem Bereichen Yoga, Taiji, Qigong,
Zen, Kontemplation, Achtsamkeit und Meditation) gedacht ist, aber auch
für philosophische Gesprächskreise geeignet ist. Bohms Spielregeln sind
beibehalten worden, jedoch noch um ein paar spezielle meditative Aspekte
ergänzt worden.

An diesem Abend sollen diese Spielregeln vorgestellt werden und an Hand
der Spielregeln, am Beispiel des Themas "Was ist Spiritualität?", ein
Dialog in der teilnehmenden Gruppe geführt werden. Nur so kann erfahren
werden welche Ergebnisse erzielt werden können, wenn man nach diesen
Spielregeln in einer Gruppe zu einem Thema in Kontakt tritt und sich
auseinander setzt. Ein spannender Prozess, in dem das Ergebnis immer
offen ist.

Mittwoch, 23. November 2016


Nachschau  11. Nov. 2016                                         Christian Brehmer   

Der Appell des Dalai Lama an die Welt: Ethik ist wichtiger als Religion

Der Appell wurde als Vorbereitung zu unserer Philrunde am 7.10. bereits im vollen Wortlaut in unseren Blog gesetzt. Unsere Referentin hatte die Kernaussagen in einem Thesenpapier einleitend vorgetragen. Sie hob einen entscheidenden Satz des Dalai Lama hervor: „Ich kenne keine Feinde. Es gibt nur Menschen, die ich noch nicht kennengelernt habe.“ Das gab Anlass zur Besinnung. An anderer Stelle sagt der Tibeter: „Durch intensives Meditieren werden wir feststellen, dass Feinde unsere besten Freunde werden können“. Tatsächlich berühren wir in der Tiefe der Meditation einen Grund, der uns alle miteinander verbindet und aus dem Verständnis und Mitgefühl erwächst.

    Es wurde der Einwand eingebracht, dass der Feindesliebe die biologisch gegebene Natur des Menschen entgegensteht. Apostel Paulus: „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Römer 7,19) An anderer Stelle sagt er wiederum: „…ist jemand in Christo ist er eine neue Kreatur.“ (2. Kor. 5,17) Der neue Mensch erwächst aus der Christusstille, die wir in der Meditation erfahren können.

    Ein weiterer Beitrag betonte die Menschenbildung, die Entwicklung des Ideals des Menschlichen. Hier sind Familie, Schule und Kirche gefordert. Alsdann: Religionen sollte man nicht aufgeben.  Sie sollten  sich aber einem Update unterziehen und sich mit der universellen Ethik  abgleichen. Kriege werden mehr aus wirtschaftlichen Überlegungen geführt als aus religiösen Gründen.

   Die Diskussion war lebhaft, aber die Reflexionsrunde nach der Entspannungsmusik  war besinnlich. „Eigentlich ist die Musik ein Medium, das alle Menschen eint und gleichermaßen anspricht“, so ein Kommentar.       
 
Vorschau 2. Dez. 2016                          Jürgen Staas                      
  
Was macht den Menschen empfänglich für Ideologien?

Der Begriff der Ideologie, zu Napoleons Zeit geprägt,  ist heute etwa Synonym für Weltanschauung.  Ideologien bieten retrospektiv  Erklärungsmuster für die Zustände der bestehenden Welt, ähnlich den Religionen. Der Mensch denkt kausal. Von früh auf will er wissen  „warum?“  Kinder nerven mit dieser Frage, und sie steht auf manchem Grabstein. Ideologien haben aber auch eine utopische Dimension. Sie wollen Orientierung geben hinsichtlich künftiger Entwicklungen bzw. notwendiger sozialer Veränderungen. Karl Marx: „Die Philosophen haben die Welt erklärt. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“  So münden Ideologien  in evolutionäre oder revolutionäre Bewegungen. Ihre Ideen bieten wie der religiöse Glaube Identifikationsmöglichkeiten. Sie provozieren dann aber auch Kritik wie die großen Dystopien des 20. Jahrhunderts.  - Die Liste der Ideologien ist lang:  Liberalismus,  Kapitalismus, Kolonialismus  (Kipling: Take up the white man's burden),  Sozialismus u. Kommunismus (Soziale Gerechtigkeit),  Nationalismus, Faschismus, Nationalsozialismus („Volk ohne Raum“), Rassismus,  Antisemitismus, etc.  Sie tendieren zum Totalitarismus,  die Wirklichkeit wird verzerrt, die Wahrheitsfrage stellt sich gar nicht.  „Ideologen sind scharfe Denker, die sich auch durch Tatsachen nicht beirren lassen.“  Wort des Tages im MK in den 60er Jahren.  Ideologien dienen oft partikularen Interessen u. schaffen verdeckte Herrschaftssysteme. Sie kultivieren Feindbilder.  Schuld sind immer die anderen. Sie entlasten von eigenen Defiziten. - Nach den verheerenden Erfahrungen des 20. Jahrhunderts wurde schon das Ende der Ideologien verkündet. Es bilden sich aber neue. Religionen können zu Ideologien entarten: Islamismus, Fundamentalismus, evangelikale Mega-Churches, wie auch Konfessionen mit ihren absoluten Wahrheitsansprüchen. Sozialistische Ideen wirken fort, weil  „soziale Gerechtigkeit“ anscheinend ein permanent kontroverses Thema ist und bleiben wird.

Fazit:  Das Bedürfnis nach Erkenntnis und Identifikation,  die Suche nach Werten und Orientierungen,  Verführbarkeit und Herdentrieb sowie  Mangel an Kritikfähigkeit sind offenbar die Gründe und Ursachen für die menschliche Anfälligkeit gegenüber Ideologien.  Gegenmittel sind Bildung,  Vermittlung von Kriterien,  Relativierung, Ironie,  Geschichte und Literatur, z.B. Voltaire, Ionesco,  Huxley, Orwell.  Zu Empfehlen: Martin Urban: Warum der Mensch glaubt.  K. Lorenz: Das sogenannte Böse. A. Koestler:  Der Mensch, Irrläufer der Evolution.

Dienstag, 18. Oktober 2016

 Nachschau 7.Okt. 2016                     Klaus Burghardt

 Dalai Lama: Ethik ist wichtiger als Religion
„Will der Dalai Lama alle Religionen abschaffen?“ lautete eine Frage in der Anfangsphase der Diskussion. Es gehe nicht darum, Religionen abzuschaffen - vielmehr sei eine „religionsübergreifende Ethik“ nötig, so eine andere Teilnehmerin.
       Warum brauchen wir Religionen? Was kann Religion, was Ethik nicht kann? Wurde Ethik in der Diskussion doch als „das Verbindende“ bezeichnet. Ethikunterricht z.B. würde den Kindern dieses Verbindende, das, was eine religionsübergreifende Ethik beinhalten sollte, nahebringen - statt das Trennende in den Vordergrund zu stellen, wie es im Religionsunterricht geschieht. Ethik, hieß es z.B., gibt einen Rahmen vor, bietet Begriffe, unter denen allerdings jeder etwas anderes verstehen kann. Ethik sei „verhandelbar“. Eine einheitliche Ethik zu formulieren sei schwierig.
    Religionen bieten demgegenüber Sicherheit, konkrete Vorschriften, Rituale. Angesichts der sehr unterschiedlich verteilten „Herzensbildung“ sei dies für viele Menschen hilfreich. Allerdings: „Wenn man in ein enges Denken eine Erweiterung einbringen will“, könne dies schwierig sein.
    Ethik mangele es an der Fähigkeit, „mein Leben zu tragen“. Religion gebe Antworten auf Fragen wie „Wo komme ich her?“ Der Ethik fehle das Übersinnliche. Die „weisheitliche Richtung“ greife zu kurz. Ob die „Gelassenheit“ der Stoa oder die „Mäßigung“ der antiken griechischen Philosophie - „Warum zeigen sich die [menschlichen] Unzulänglichkeiten im Widerspruch zu den Postulaten?“ Woher stammt „das Dunkle“? Drückt sich in ihm die „Unvollkommenheit der menschlichen Gattung“ aus? „Oder steht etwas Übersinnliches dahinter?“ „Gibt es gute und dunkle Mächte? Rein ethische Blickwinkel verkürzen das.“
     Andere Aussagen: „Gott ist nicht faßbar. Dennoch: Auch die dunkelste Seele sehnt sich danach.“ „Wenn man an nichts mehr glauben kann, ist die Welt auch nicht toll.“
     Nur kurz angesprochen wurde die „Spiritualität als verbindendes Element“.
„Toleranz wäre gut. Es gibt Menschen, die sind [hinsichtlich ihrer religiösen Überzeugung] aus Beton.“ Hier kommen die - von den Religionen separat zu betrachtenden - Institutionen ins Spiel. Deren Ablehnung sei verständlich. Es handle sich um Organisationen, „mit allen menschlichen Fehlern behaftet“. Vieles sei im Laufe der Zeit verfälscht und verwässert worden*. Hier müsse man „ausmisten“.
   In den immer sachlichen und z.T. erfreulich persönlich gehaltenen Beiträgen kamen beeindruckende Erfahrungen mit der Institution Kirche auf den Tisch. Die Kindheit wurde ihr - so eine Teilnehmerin - gestohlen. Sie führte ein Leben voller Angst vor Strafe. Auch ein anderer Teilnehmer hatte unter religiösen Ritualen („Ich bin nicht würdig!“) zu leiden. So etwas beeinflußt das Leben bis hin zu Eheschließung und Kindererziehung. „Man braucht sehr lange, da rauszukommen.“ „Jahre und Jahrzehnte!“ „Das ist eine Lebensaufgabe.“
    WAS TUN? Bildung ist wichtig. Was aber ist Bildung? „Herzensbildung, von der niemand mehr spricht?“
     „Bewußtseinsveränderung ist das Wichtigste: Umwelt, Frieden, Menschenliebe, ...“. „Ein Kind kann es haben, der Professor nicht.“ Bewußtseinsveränderung durch Impulse: in der Familie, der Clique, ... Aber man muß auch innerlich aufnahmefähig sein. „Jugendliche nehmen vielleicht von den Eltern nichts an, sehen es erst später ein.“Dennoch müssen die E l t e r n den Kindern die Werte nahebringen. Schulen reichen nicht, „Schulen sind auch Institutionen“.
     Was ist Bildung? Ästhetische Bildung, Gefühlsbildung zählen ebenfalls dazu.
Aus meiner Sicht blieben - natürlich - Fragen offen. Die Eingangsfrage z.B. wurde nicht abschließend geklärt. Wenn die Vorschriften und Rituale von Religionen für viele Menschen eine verläßliche Orientierung darstellen, oft genug aber negative Auswirkungen auf die persönliche Entwicklung haben, von denen man sich in einem lebenslangen Prozeß „befreien“ muß - spricht das nicht wieder für die vom Dalai Lama geforderte säkulare Ethik?
     Oder wie könnte man Religionen von den erwähnten „Verfälschungen“ reinigen? Kann man die Institutionen reformieren, die Rituale entschärfen? Was schlägt der Dalai Lama vor, was man tun solle?
     Wir einigten uns - völlig unabhängig von diesen meinen Fragestellungen - auf eine Fortsetzung des Themas beim nächsten Treffen.



 Vorschau 11.Nov. 2016                   Jessica Schwark                             

 „ Gewalt war gestern“- auf der Suche nach einer globalen Ethik im 21. Jahrhundert
 
Ausgehend von der Schrift „ Ethik ist wichtiger als Religion“, die anlässlich des 80. Geburtstages
des Dalai Lamas am 06.07.2015 veröffentlicht wurde, widmen wir uns der Frage: Wie kann die
Menschheit die großen Aufgaben des 21. Jahrhunderts bewältigen?
Klimawandel, Flucht und Vertreibung, Kriege, auch im Namen der Religionen, sowie die gerechte
Verteilung von Wasser und Nahrung stellen die globalisierte Welt vor große Herausforderungen.
Politische, soziale und religiöse Differenzen, wohin das Auge schaut.
Welche Regeln, Sicht- und Verhaltensweisen können der „ Familie der Menschheit“ helfen?
Was verbindet die Menschheit?
Welche Inhalte könnte eine globale Ethik haben?